La-tête-ailleurs / CC BY-SA 3.0

Podiumstempel


Maison Carrée, Nîmes
Etruskischer Tempel in Orvieto

Als Podiumstempel bezeichnet man eine bestimmte Form des antiken Tempelbaus, bei der der Baukörper sich auf einem ausgeprägten Podium als Unterbau erhob.

In der Antike waren freistehende Tempelbauten immer durch einen Unterbau vom umgebenden Geländeniveau erhoben. Während im griechischen Tempelbau hierfür üblicherweise die einen Tempel allseits umgebende mehrstufige Krepis gewählt wurde, standen etruskische und italische Tempel fast ausnahmslos auf einem Podium. Folge war eine starke und griechischen Tempeln in der Form fremde frontale Ausrichtung italischer Tempel, die nur über dezidierte Treppenanlagen an der Front oder zu Seiten der Front erreicht werden konnten. Demgegenüber war der Baukörper griechischer Tempel in der Regel von allen Seiten zugänglich. Der Bautyp, also die Frage, ob es sich etwa um einen Peripteros, einen Prostylos, einen Rundtempel oder eine andere Grundrissform handelte, war dem untergeordnet: viele Grundrisstypen lassen sich als Podiumstempel nachweisen. Trotzdem sind in Rom mit dem Tempel der Venus und der Roma und dem Rundtempel am Tiber auch Tempel mit mehrstufigem „griechischem“ Unterbau anzutreffen.

Podiumstempel als Ausdruck insbesondere der etruskisch-italischen Architektur sind im ganzen italischen Kulturgebiet, etwa in Latium mit Rom, in den samnitischen und sabinischen Siedlungsgebieten zu finden.[1] Durch die Aufnahme in den Kanon römischer Architektur fand mit der Expansion des Römischen Reiches eine Ausbreitung dieser Bauform in alle westlichen und nordwestlichen Provinzen Roms statt, so dass Podiumstempel etwa im spanischen Mérida (Emerita Augusta), mit der Maison Carrée und dem Tempel für Augustus und Livia in Vienne in Frankreich, häufig auch in Deutschland – etwa mit dem Tempel am Herrenbrünnchen in Trier – zu finden sind.

Anlage und Gestaltung

Podium des Divus-Iulius-Tempels auf dem Forum Romanum
Podium des Mars-Ultor-Tempels mit integriertem Altar in der Freitreppe.
Sogenannter Dianatempel im portugiesischen Évora

Größe und Höhe der Podien variierten stark. Waren manche Podien kaum mannshoch wie beim Tempel der Fortuna Virilis in Rom, erreichte das Podium des Castortempels auf dem Forum Romanum eine Höhe von knapp 6 Metern, der Luna-Tempel in Luna gar von 7,50 Metern. Das Podium des Mars-Ultor-Tempels in Rom war etwa 3,50 Meter hoch. Waren die Podien ursprünglich mit Schutt und Erde verfüllt, so wurden sie ab spätrepublikanischer Zeit oft aus opus caementitium gebaut und nur die tragenden Fundamente der Wände und Säulenstellungen waren aus Steinen in opus quadratum errichtet. Nutzte man opus caementitium für das Erreichen der bisweilen beträchtlichen Podiumshöhen, goss man es in der Regel als Tonnengewölbe, so dass unter den Fußbodenbereichen der Cella, der Säulenvorhalle und der Fläche vor dem Tempel nicht massiv verfüllt werden musste. Zugleich erlaubte es diese Technik, das Podium auch anderweitig zu nutzen. So sind im Podium des Castortempels in Rom Kammern eingelassen, die vermutlich als kleine Ladenlokale und Geschäfte genutzt wurden. Kammern im Podium besaßen auch der mittlere und der nördliche Tempel auf dem Forum holitorium in Rom.[2]

In der Regel sind die Podien freistehend, besitzen ein Basisprofil und werden von einem Kranzgesims bekrönt. Die Podiumswandung ist zumeist glatt gebildet. Je nach baulichem Zusammenhang konnten Bauwerke die Podiumslangseiten begleiten. So schloss südlich des Tempels für Caesar auf dem Forum Romanum direkt der Partherbogen für Augustus an, die Nordseite wurde vermutlich von einer kleinen Portikus eingenommen. Das Verhältnis zwischen Podiumsfläche und Größe des Tempels konnte sehr unterschiedlich ausfallen. Die Podien vor der Tempelfront waren bisweilen deutlich verlängert, so dass sie auch den Altar aufnehmen konnten. Dem Podium vorgelagerte Plattformen konnten als Rostra genutzt werden, wie das beim Caesartempel und beim Castortempel auf dem Forum Romanum der Fall war. Anderseits konnte die Notwendigkeit, das Podium über eine vorgelagerte Freitreppe zugänglich zu machen, dazu führen, dass die Frontsäulen des Tempels in die Treppenanlage einschnitten, wenn der Platz vor dem Podium keine andere Lösung zuließ. Die Säulen standen dann, wie etwa beim Minervatempel von Assisi, auf Postamenten im oberen Bereich der Stufen.[3] Andere Lösungen integrierten den Altar in die vorgelagerte Freitreppe, wie dies beim Mars-Ultor-Tempel der Fall war.

Podiumstempel im griechischen Osten

War der Podiumstempel in erster Linie eine Erscheinung der etruskisch-italischen, später der westlichen römischen Architektur allgemein, so gab es doch einige wenige Podiumstempel auch im griechischen Kulturgebiet, ohne dass sie auf römischen Einfluss zurückzuführen sind. Sie sind hier im Zusammenhang mit der einsetzenden ästhetischen Wertschätzung von Sockelzonen in der hellenistischen Architektur des griechischen Ostens zu sehen.[4] Zu nennen sind beispielsweise der Tempel in Mylasa,[5] der Podiumstempel auf der mittleren Gymnasiumsterrasse in Pergamon,[6] Markttempel auf der oberen Agora in Pergamon[7] der zentrale Tempel im Heiligtum der ägyptischen Götter in Priene[8], der dorische Tempel in Sagalassos,[9] und der Tempel in Mamurt Kale.[10]

Literatur

  • Ferdinando Castagnoli in: Archeologia Classica. Band 15, 1963, S. 123.
  • Ferdinando Castagnoli in: Papers of the British School at Rome. Band 52, 1984, S. 11.
  • Heinrich Drerup in: Gymnasium. Band 73, 1966, S. 188 Anm 15.
  • Heinz Kähler: Der römische Tempel. Mann, Berlin 1970.
  • John W. Stamper: The Architecture of Roman Temples. The Republic to the Middle Empire. Cambridge University Press, New York 2004, ISBN 0-521-81068-X.

Anmerkungen

  1. Zu Samnium vgl. neben den Tempeln Pompejis etwa den Tempel in Pietrabbondante: Maria José Strazzulla, Benito Di Marco: Il santuario sannitico di Pietrabbondante. Rom 1972.
  2. Livia Crozzoli Aite: I tre templi del Foro Olitorio. "L'Erma" di Bretschneider, Rom 1981, S. 71 ff. bes. 78 und 89 ff. bes. 93.
  3. Maria José Strazzulla: Assisi Romana. Accademia properziana del Subasio, Assisi 1985, S. 60 ff.
  4. Hans Lauter: Die Architektur des Hellenismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-09401-8, S. 299.
  5. Walter Voigtländer in: Adolf Hoffmann - Ernst-Ludwig Schwandner - Wolfram Höpfner - Gunnar Brands (Hrsg.): Bautechnik der Antike. Kolloquium Berlin 1990. Diskussionen zur Archäologischen Bauforschung. Bd. 5. 1991, S. 247–248; Ralf Schenk: Der korinthische Tempel bis zum Ende des Prinzipats des Augustus. Internationale Archäologie Bd. 45, 1997, S. 37–39.
  6. Paul Schazmann: Das Gymnasium. In: Altertümer von Pergamon. Band 6. 1923, S. 40 ff.; Frank Rumscheid: Untersuchungen zur kleinasiatischen Bauornamentik des Hellenismus Bauornamentik. Band 2. Zabern, Mainz 1994, S. 58 Nr. 218.
  7. Jakob Schrammen: Der obere Markt. In: Altertümer von Pergamon. Band 3,1. 1906, S. 108 ff.
  8. Frank Rumscheid: Priene. Führer durch das "Pompeji Kleinasiens" 1998, S. 192 - 194, Arnd Hennemeyer: Das Heiligtum der Ägyptischen Götter in Priene in: Adolf Hoffmann (Hrsg.): Ägyptische Kulte und ihre Heiligtümer im Osten des römischen Reiches. Internationales Kolloquium 5./6. September 2003 in Bergama (Türkei), 2005, S. 139-153
  9. Marc Waelkens: Sagalassos I : first general report on the survey (1986-1989) and excavations (1990-1991). Leuven University press, Löwen 1993, S. 45
  10. Alexander Conze, Paul Schazmann: Mamurt Kale. Ein Tempel der Göttermutter unweit Pergamon. 9. Ergänzungsheft zum Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts. Berlin 1911, S. 14 ff.; Wilhelm Alzinger in: Camillo Praschniker, Max Theuer (Hrsg.): Das Mausoleum von Belevi. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 1979, S. 181 (Forschungen in Ephesos. Band 6).

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

18.02.2021
Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
29.01.2021
Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen
Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün.
29.01.2021
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur
Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren verschaffte ihre bessere Feinmotorik den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil
23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, untersuchten über 60 verschiedene säbelzahntragende Tierarten.