Pfostenloch


Als Pfostenloch, auch Pfostengrube oder Pfostensetzung genannt, bezeichnet man in der Archäologie die Überreste der Eingrabung, in die ehemals ein senkrecht stehender Holzpfosten gestellt worden war, um ihm Halt zu geben.

Entstehung

Schematisches Profil eines Pfostenlochs
1. anstehende (geologische) Schicht, 2. Verfüllung der Pfostengrube, 3. Pfostenstandspur

Vor- und frühgeschichtliche Häuser sind zumindest in den gemäßigten Breiten meist in Pfostenbauweise errichtet worden. Dabei gaben eingegrabene Wandpfosten der Konstruktion Halt und trugen den Dachstuhl. Schon bei mittleren Pfostenstärken konnte aber ein wandhoher Pfosten nicht mehr in den Boden gerammt werden. Wesentlich einfacher und effektiver war daher das Eingraben. Dazu wurde eine möglichst schmale, meist rundliche Grube ausgehoben, in die der Pfosten hineingestellt werden konnte. Der verbliebene Raum um den Pfosten herum wurde dann wieder mit Erde aufgefüllt. Dabei wurden manchmal auch Steine in die Grube gedrückt, um den Pfosten besser zu fixieren (Keilsteine), bis die Grube vollständig verfüllt war. Außer für Gebäude wurden Pfostenlöcher auch für Zaunpfosten, einzelne Pfähle usw. angelegt.

Der ungestörte ursprüngliche Boden unterscheidet sich gewöhnlich in Farbe und Konsistenz deutlich von der an der Oberfläche liegenden Humusschicht. Gräbt man nun ein Loch, so entspricht die später wieder eingefüllte Erde selten genau wieder dem ungestörten Boden. Es gerät z. B. Humus mit in die Verfüllung. Zumindest wird die entnommene Erde durch die Zwischenlagerung an der Oberfläche mehr oder weniger mit anderer Erde vermischt. Dadurch ist das wieder verfüllte Pfostenloch bei genauer Beobachtung anhand der Farbe und der Konsistenz auch nach Jahrtausenden zu erkennen. In extremer Form trifft dies auf Pfostenlöcher zu, die in Gesteinsschichten eingehauen werden mussten. Meist zeichnen sich Pfostenlöcher als runde dunkle Flecken im helleren Boden ab, etwa im Löss oder Sandboden.

Der Pfosten selbst bleibt nur in Ausnahmefällen erhalten – bei Feuchtbodenbedingungen oder wenn der Pfosten durch einen Brand bis in den Boden hinein verkohlt ist. Gewöhnlich vergeht das Holz im Boden, hinterlässt aber dadurch eine dunklere, humose Färbung. Unter günstigen Bedingungen kann man anhand dieser Verfärbung noch den Umriss des Pfostens als so genannte Pfostenstandspur erkennen.

Untersuchungsmethoden

Um die Bodenverfärbung eines Pfostenlochs zu erkennen, muss bei der archäologischen Ausgrabung der Boden möglichst eben und mit scharfen Werkzeugen abgezogen werden. Der Pflughorizont kann dagegen auch mit einem Bagger abgetragen werden, da in diesem durchmischten Boden keine archäologischen Befunde mehr in situ erhalten sind. Die festgestellten Befunde in der Fläche müssen dokumentiert werden, u.a. in einem genau eingemessenen Plan, im Foto und in einer genauen Beschreibung. Traditionellerweise werden dann die Pfostenlöcher in der Mitte geschnitten, d.h. zur Hälfte abgegraben, so dass ein Profil durch die Mitte des Befundes entsteht. Dieses wird ebenfalls dokumentiert und beschrieben.

Anhand der Verteilung in der Fläche und der Ähnlichkeit verschiedener Pfostenlöcher im Profil können aus den zunächst oft scheinbar wirr verteilten Pfostenlöchern Grundrisse von Gebäuden rekonstruiert werden. Anhand unterschiedlicher Pfostenstärken und Eingrabungstiefen können etwa dicke dachtragende Hauspfosten von dünneren flach eingegrabenen Pfosten etwa von Innenwänden, Stallboxen usw. unterschieden werden.

Die Datierung erfolgt über die versehentlich in die Gruben geratenen Artefakte (zumeist Scherben) und eventuelle Überschneidungen mit jüngeren oder älteren Befunden, nur selten aber über naturwissenschaftliche Datierungen des Pfostens selbst. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit von datierbaren Funden in den vergleichsweise kleinen Pfostenlöchern wesentlich geringer als etwa in den wesentlich größeren Vorrats- oder Abfallgruben.

Bedeutung

Römisches Badegebäude von Wurmlingen mit deutlich erkennbaren Pfostenlöchern einer nachfolgenden alemannischen Innenbebauung während der archäologischen Grabung 1995.

Da die Häuser aus Holzbalken und lehmverputztem Flechtwerk über die Jahrhunderte, normalerweise aber schon nach wenigen Jahrzehnten, vollständig vergangen sind, sind die Pfostenlöcher meist der einzige Überrest des Hauses, aus dem auf Grundriss und Bauweise geschlossen werden kann. Sie bilden damit für weite Gebiete der Ur- und Frühgeschichte die einzige Möglichkeit, Siedlungen, deren Aufbau, Größe und Entwicklung zu rekonstruieren. Das Erkennen von Pfostenlöchern ist auf diese Weise die Grundlage für die Siedlungsarchäologie.

Pfostenlöcher wurden erstmals in den 1890er Jahren bei der Erforschung des römischen Limes im Rheinland nachgewiesen, und zwar in Form von Eckpfosten römischer Wachtürme. Erstmals in größerem Umfang wurde bei den Grabungen im Römerlager Haltern unter der Leitung von Carl Schuchhardt auf Spuren von Holzbauten geachtet. Als er 1904 Kaiser Wilhelm II. die Grabungen im Römerlager Haltern und das dabei entdeckte Phänomen der Pfostenlöcher erklärte, prägte er den berühmten Satz:

„Majestät, nichts ist dauerhafter als ein ordentliches Loch.“[1][2]

Große Erfolge konnte er dann bei der Ausgrabung der so genannten Römerschanze bei Potsdam vorweisen. Carl Schuchhardt und Albert Kiekebusch waren maßgeblich für die Verbreitung der Methode, auch gegen anfängliche Widerstände, und verfassten in ihren Grabungspublikationen ausführliche Beschreibungen zu Entstehung und Aussehen von Pfostenlöchern im archäologischen Befund.

An den Grabungen in der Römerschanze nahm auch Gerhard Bersu teil, der spätere Vorsitzende der Römisch-Germanischen Kommission. Er ging wegen Diskriminierungen während des Nationalsozialismus 1938 nach England und leitete dort auch während seiner Internierung als feindlicher Ausländer während des Krieges archäologische Ausgrabungen. Dadurch fand das Erkennen von Pfostenlöchern und damit der Nachweis oberirdischer Holzgebäude Eingang in die britische Archäologie.[3]

Das Rekonstruieren von ehemaligen Holzbauten anhand von Pfostenlöchern ist heute eine Standardmethode in der Grabungstechnik und Archäologie.

Weblinks

Literatur

  • Hans Jürgen Eggers: Einführung in die Vorgeschichte. 3. Auflage. München/Zürich 1986, S. 220–226.
  • Carl Schuchhardt: Die Römerschanze bei Potsdam nach den Ausgrabungen von 1908 und 1909. In: Prähistorische Zeitschrift 1, 1909, S. 209–238, v. a. S. 215 f.
  • Albert Kiekebusch: Die Ausgrabung eines bronzezeitlichen Dorfes bei Buch in der Nähe von Berlin. In: Prähistorische Zeitschrift 2, 1910, S. 371 ff., v. a. S. 375–380.
  • Philip Barker: Techniques of Archaeological Excavation. 3. Auflage. London 1993, S. 22–27.

Einzelnachweise

  1. Schaufenster der Archäologie
  2. Georg Kleemann Schwert und Urne. Ausgraben in Deutschland. Methoden und Funde. Stuttgart 1962.
  3. Ch. Evans: Archaeology and modern times: Bersu's Woodbury 1938 & 1939. In: Antiquity 63 (1989) 436 ff.

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