Stefan Kühn (Stefan Kühn at de.wikipedia) / CC-BY-SA-3.0

Palatiolum


Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Palatiolum ist auch eine historische Bezeichnung von Palézieux, einer schweizerischen Gemeinde im Kanton Waadt.

Das Palatiolum (lateinische Verkleinerungsform von Palast) ist ein monumentales spätantikes Gebäude in Trier-Pfalzel in Rheinland-Pfalz. Wesentliche Teile der Anlage, die vermutlich aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammt, wurden in spätere Gebäude integriert, so dass die Reste des Palatiolums teilweise als ältestes Steingebäude Deutschlands angesprochen wurden.

Stiftskirche
Römische Bogenfenster im Querschiff der Stiftskirche.
Römisches Mauerwerk auf der Südseite der Stiftskirche.
Römisches Mauerwerk an der Fassade der Küsterei.
Ansicht von Merian 1646

Lage

Die Reste des Palatiolum befinden sich im Ortskern von Trier-Pfalzel, das oberhalb eines längeren Bogen der Mosel auf einem hochwasserfreien Rücken liegt. Das antike Augusta Treverorum lag etwa 5 km Luftlinie entfernt. Mehrere Bögen der einstigen repräsentativen Palastfront sind dort, besonders in der Fassade des sogenannten Küsterhauses und der Kirche St. Maria und St. Martin erkennbar.

Geschichte

Details der Bausubstanz und wenige archäologische Funde lassen eine Erbauungszeit um 350 n. Chr. vermuten. Ein nachträglich verändertes Mosaik in einem Raum aus der Erbauungszeit könnte deshalb bald wieder verändert worden sein, weil es Szenen der paganischen Mythologie darstellte. Die Anlage könnte damit unter Kaiser Julian nach den Frankeneinfällen von 353 n. Chr. entstanden sein, doch bleibt dies weitgehend hypothetisch.[1] Als Bauherr der reich ausgestatteten Anlage kommt nur ein hochgestellter Beamter oder ein Angehöriger des Kaiserhauses in Frage. An der Zufahrt befand sich als Zugangssperre eine kleine Kaserne für eine Leibgarde, was auf den hohen Rang des Besitzers hinweist.

Als der kaiserliche Hof um 400 aus Trier abgezogen wurde, verfiel die Anlage. Um 588 erwähnt sie Venantius Fortunatus in einem Reisegedicht als prisca senatus („alter Adelssitz“).[2] Der Palast kam mit seinen Ländereien als geschlossenes Fiskalgut in den Besitz der fränkischen Könige. Um 700 erwarb ihn Adela von Pfalzel im Rahmen eines Gütertauschs. Es entstand ein Benediktinerkloster in den Ruinen der römischen Anlage. Im Jahr 721 ist die Anwesenheit von Bonifatius und Gregor von Utrecht hier bezeugt.

Im 11. Jahrhundert nutzte der Trierer Erzbischof Poppo seine Schutzherrschaft und die gesunkene Bedeutung des Klosters. Er löste den Konvent auf und bestimmte Stiftsherren zur Übernahme. Im westlichen Teil der antiken Anlage ließen die Erzbischöfe eine Burg erbauen, die von ihnen in den folgenden Jahrhunderten häufiger als Zuflucht in Auseinandersetzungen mit der Trierer Bürgerschaft genutzt wurde. Im 16. Jahrhundert entstand eine mit Bastionen und Wällen verstärkte Festung, die 1685 von französischen Truppen geschleift wurde. Die 1802 säkularisierte Stiftskirche wurde 1945 durch Bomben schwer beschädigt und 1962 wiederaufgebaut. Die mittelalterliche Weiternutzung hat im Pfalzeler Ortskern zahlreiche weitere sehenswerte Gebäude entstehen lassen, darunter ein Amtshaus, Palastmühle, Zehntscheune, Kanonikerhäuser und verschiedene Höfe.

Anlage

Bei dem Palatiolum handelt es sich um eine vierflügelige Anlage in massiver Steinbauweise mit rechteckigem Grundriss. Die Flügel gruppierten sich um einen Innenhof (26,53 × 18,3 m) und besaßen an den Ecken sowie mittig in allen vier Gebäudefronten hervorspringende Risaliten. Das Erdgeschoss besaß mindestens in den Türmen eine doppelte Raumhöhe, darüber befanden sich mindestens zwei weitere Stockwerke mit einfacher Höhe. Die symmetrische Anlage besaß damit an allen Außenseiten eine repräsentative Fassade, die aber auch eine gewisse Fähigkeit zur Verteidigung bot. Ausgrabungen in Oedenburg am Oberrhein haben gezeigt, dass der Grundriss einem geläufigen spätantiken Kastelltypus entspricht.[3]

Von den durch Grabungen nachgewiesenen 28 Räumen besaßen zwei eine Mosaikausstattung, sechs geometrische Marmorplatten, in zwei Räumen sind Wandmosaiken aus Glassteinen mit Schuppendekor nachgewiesen. Während an den Risaliten entsprechend ihres turmartigen Aussehens kleinere Fenster angebracht waren, dürften die Zwischenflügel loggienartig zu rekonstruieren sein, worauf Funde von Seitenpfeilern und Säulen hinweisen. Auch die heute noch erhaltenen Fenster weisen mit ihren weiten, ziegelgemauerten Bögen und Arkaden auf eine repräsentative Gestaltung.

Literatur

  • Heinz Cüppers: Trier-Pfalzel TR, Palatiolum, In: H. Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Lizenzausgabe, Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-60-0 S. 649–653.
  • Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Trier - Kaiserresidenz und Bischofsstadt. 2. Auflage, Mainz 1984, Kat-Nr. 163.
  • Thomas H.M. Fontaine: Das Trierer Umland im 4. Jahrhundert. In: Alexander Demandt, Josef Engemann (Hrsg.): Konstantin der Große. Imperator Caesar Flavius Constantinus. Philipp von Zabern, Mainz 2007, S. 340f.
  • Karl-Josef Gilles: Trier-Pfalzel: Spätrömischer Palast Palatiolum. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Das römische Trier. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1517-0, S. 240–242 (Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland 40).
  • Karl-Josef Gilles: Pfalzel: Befestigter spätrömischer Palast. In: Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg.): Führer zu archäologischen Denkmälern des Trierer Landes. Trier 2008, ISBN 978-3-923319-73-2 (Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 35) S. 54f.

Einzelnachweise

  1. Heinz Cüppers in: H. Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz S. 650f.
  2. Venantius Fortunatus: De navigio suo.
  3. Thomas H.M. Fontaine: Das Trierer Umland im 4. Jahrhundert. In: A. Demandt, J. Engemann (Hrsg.): Konstantin der Große. Imperator Caesar Flavius Constantinus. Philipp von Zabern, Mainz 2007, S. 341.

49.7805716.694783Koordinaten: 49° 46′ 50″ N, 6° 41′ 41″ O


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...
04.08.2020
Jonah’s Mausmaki: Internationales Forscherteam entdeckt in Madagaskar neue Primatenart
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern hat in Madagaskar eine neue Mausmaki-Art entdeckt. Das Forscherte...