Orientalismus


Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für den Orientalismus in Kunst und Literatur, die Vorliebe für orientalische Motive, Figuren und Schauplätze, die vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Frankreich als Form des Exotismus auftritt, siehe Orientalismus (Kunst)

Mit dem Begriff Orientalismus bezeichnet Edward Said in seinem 1978 erschienenen Werk den eurozentrischen, westlichen Blick auf die Gesellschaften des Nahen Ostens bzw. die arabische Welt als einen „Stil der Herrschaft, Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes über den Orient“.[1] Dieses Denken drücke ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Orient aus und sei ein Teil der modernen politischen und intellektuellen Kultur unserer Gegenwart. Es stelle sich als Diskurs dar, in dem der „aufgeklärte Westen“ den „mysteriösen Orient“ gleichermaßen verhandele wie beherrsche und zeichne sich durch die ungebrochene Tradition einer tief sitzenden Feindseligkeit gegenüber dem Islam aus. In seiner Studie beschränkt Said seine Kritik des „akademischen Orientalismus“, d. h. des akademischen Fachs Orientalistik bzw. Islamwissenschaft, auf das ausgehende 19. und frühe 20. Jahrhundert. Seine Thesen, in denen er sich auf das Diskurskonzept von Michel Foucault stützt, haben seither für heftige Kontroversen gesorgt.

Saids Kritik am Orientalismus

Romantisierende Darstellung eines Schwarzen als Beispiel für den Orientalismus. Jean-Léon Gérôme: Der Neger (Meister der Hunde)
Populäre Phantasie über Harem und Hamam. Jean-Léon Gérôme: Bad im Harem (1889)

Mit Hilfe der Ansätze von Michel Foucault analysiert Said Werke britischer und französischer[2] Wissenschaftler und Schriftsteller und arbeitet dabei heraus, dass es hierbei nicht um eine objektive Betrachtung der Situation gehe. Vielmehr drücke sich in den Arbeiten ein kolonialistischer Ansatz aus, der dem Machtverhältnis zwischen Kolonialisten und Kolonialisierten entspräche.

Westliches Denken sei geprägt davon, Definitionen über Gegensätze herzustellen. Während der „Westen“ als die Zivilisation an sich angesehen werde, erscheine der Orient mysteriös und bedrohlich. Durch Herrschaftswissen sähen sich westliche Autoren in der Lage, die Situation und die Menschen des Orients zu definieren und nähmen ihnen damit ihr Selbstbestimmungsrecht. Aus dieser Definitionsmacht resultierten exotistische, kulturalistische und auch offen rassistische Bilder, welche der Legitimierung der Kolonialisierung des Orients dienten.

Diese Arbeit ist eine wichtige Grundlage für die postkoloniale Wissenschaft, die mit Saids Ansatz bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft und an verschiedenen Beispielen aufzeigen kann, wie sehr das Verhältnis zwischen Europa und anderen Regionen, wie dem Balkan, Indien oder China von kolonialistischen Annahmen geprägt wird. Kritiken und Erweiterungen der Said'schen Analysen aus feministischer Sicht finden sich insbesondere bei Reina Lewis, Anne McClintock und Meyda Yegenoglu.

Kritik an orientalistischen Positionen hat es schon lange vor Saids Veröffentlichungen gegeben. So hat Nâzım Hikmet 1925 gegen die romantisierenden und exotistischen Positionen des französischen „Türkeiliebhabers“ Pierre Loti gedichtet:

„Das ist der Orient, wie ihn der französische Dichter sah! Das ist der Orient der Bücher, von denen pro Minute eine Million gedruckt werden! Doch es gab weder gestern, noch gibt es heute so einen Orient und es wird ihn auch morgen nicht geben!“

Nâzım Hikmet: aus: Piyer Loti, 1925 [3]

Die Saidsche Analyse birgt trotz ihrer Brillanz sowohl in methodologischer als auch in inhaltlicher Hinsicht einige Schwachstellen, etwa hinsichtlich der mangelnden geographischen Spezifizierung oder auch hinsichtlich der fehlenden zeitlichen Eingrenzung. Inhaltlich ist u.a. die homogene Darstellung des orientalistischen Diskurses problematisch, da dadurch die Unterscheidung zwischen Orient und Okzident, die es aufzuheben gilt, zementiert wird und beständig ein realer Orient impliziert wird.

Neuere Fallstudien wie diejenigen von Urs App zeigen, dass religiöse und weltanschauliche Ideologien von Orientalisten oft eine viel wichtigere Rolle spielten als Kolonialismus und Imperialismus und dass der "Orient" viel weiter gefasst werden muss als dies bei Said und seinen Epigonen der Fall war.[4] Dies ist mit ein Grund, warum Staaten wie Deutschland, die von Said fast gänzlich übersehen wurden, eine äußerst wichtige Rolle im Orientalismus spielen konnten.[5]

Inzwischen wurde das Konzept über den von Said untersuchten Nahen Osten hinaus auch auf andere außereuropäische Kulturen angewandt So haben Donald Sewell Lopez Jr.[6] und Volker Zotz[7] die Beschäftigung mit dem Buddhismus im Hinblick auf westliche Projektionen untersucht.

Übersetzungen

Saids Werk wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, darunter neben zahlreichen europäischen Sprachen auch Japanisch, Koreanisch und Hebräisch. Die arabische Übersetzung stammt von Kamal Abu Deeb, einem syrischen Dichter.[8] Die deutsche Fassung von 1979 ist derzeit vergriffen. 2009 erschien bei S. Fischer eine von Hans Günter Holl besorgte Neuübersetzung.

Siehe auch

  • Exotismus
  • Kulturimperialismus
  • Okzidentalismus

Literatur

Der Arabische Markt (Giulio Rosati)
  • Urs App: William Jones's Ancient Theology. Sino-Platonic Papers Nr. 191 (September 2009) (PDF 3.7 Mb PDF, 125 S.; Fallstudie eines von Edward Said kritisierten Orientalisten, welche von Said übersehene Dimensionen des frühen modernen Orientalismus ins Licht rückt)
  • Urs App: The Birth of Orientalism. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2010 (ISBN 978-0-8122-4261-4).
  • Iman Attia (Hrsg.): Orient- und IslamBilder - Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Münster, 2007, ISBN 978-3-89771-466-3
  • Uta Bellmann: '"Orientierungen" - Über die Entstehung europäischer Bilder vom Orient und von Arabien in der Antike.' Klaus Schwarz Verlag Berlin, 2009, ISBN 978-3-87997-370-5.
  • Michael Bernsen (Hrsg.): Orientalismus in der französischen Literatur des XIX. Jahrhunderts. Tübingen (Niemeyer) 2006.
  • Klaus-Michael Bogdal (Hrsg.): Orientdiskurse in der deutschen Literatur. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2007, ISBN 978-3-89528-555-4
  • Ian Buruma, Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde Hanser-Verlag 2005, ISBN 3-446-20614-0
  • Andre Gingrich: Frontier Myths of Orientalism. The Muslim World in Public and Popular Cultures of Central Europe. In: MESS. Piran 1996. Hrsg. Bojan Baskar & Borut Brumen, Ljubljana, 1998
  • Charis Goer, Michael Hofmann (Hrsg.): Der Deutschen Morgenland. Bilder des Orients in der deutschen Literatur und Kultur von 1770 bis 1850. Wilhelm Fink, München 2008, ISBN 978-3-7705-4428-8.
  • Stefan R. Hauser: Orientalismus. In: Der Neue Pauly. 15/1/2001, S. 1233–1243 (Ausgezeichnete, knappe Zusammenfassung der Kernthesen sowie der damit verbundenen Probleme.)
  • Todd Kontje: German Orientalisms University of Michigan Press, Ann Arbor 2004.
  • Kuan-wu Lin: Westlicher Geist im östlichen Körper?: "Medea" im interkulturellen Theater Chinas und Taiwans. Zur Universalisierung der griechischen Antike Transcript, Bielefeld 2010, ISBN 3-837-61350-X.
  • Sabine Mangold: Eine „weltbürgerliche Wissenschaft“. Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert. Stuttgart, 2004, ISBN 3-515-08515-7 (Rezension)
  • Jessica Breidbach; Neubner, Thomas; Tateo, Ivo (2009): Orientalismus als Element des medialen Diskurses über Parallelgesellschaften. Kollektivsymbolvermittelte Feindbildkonstruktionen in Karikaturen. In: Köster, Werner (Hrsg.): Parallelgesellschaften. Diskursanalysen zur medialen Dramatisierung von Migration.
  • Suzanne L. Marchand: German Orientalism in the Age of Empire - Religion, Race, and Scholaraship, Cambridge University Press, German Historical Institute Series, New York 2009, ISBN 978-0-521-51849-9
  • Andrea Polaschegg: Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert. Berlin, 2004, ISBN 3-11-018495-8
  • Edward Said: Orientalismus. Fischer-Taschenbuchverlag 1979, ISBN 3-596-12240-6, Ullstein Verlag 1981 (vergriffen); Engl, lieferbar: Orientalism. 1st Vintage Books Ed 1979, ISBN 039474067X
  • Markus Schmitz: Kulturkritik ohne Zentrum. Edward W. Said und die Kontrapunkte kritischer Dekolonisation. Bielefeld: transcript-Verlag 2008, ISBN 978-3-89942-975-6.
  • Burkhard Schnepel, Gunnar Brands, Hanne Schönig (Hrsg.): Orient – Orientalistik – Orientalismus. Geschichte und Aktualität einer Debatte, Postcolonial Studies, transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1293-6.

Einzelnachweise

  1. Edward Said: Orientalismus. Ullstein 1981. S. 10.
  2. Die russische Orientwissenschaft wird nicht betrachtet und der deutschen/ungarischen bescheinigt Said, sie sei „clean“ (sauber) Said: Orientalism, 1978. Ch.1 S. 2&4
  3. Nâzım Hikmet: Die Luft ist schwer wie Blei. 3. Aufl. Berlin: Dagyeli Verlag, 2000, S. 8
  4. APP, Urs: The Birth of Orientalism. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2010 (hardcover, ISBN 978-0-8122-4261-4). Siehe auch App, Urs: William Jones's Ancient Theology. Sino-Platonic Papers Nr. 191 (September 2009) (PDF 3.7 Mb PDF, 125 p.)
  5. Gensler: Paul: "Deutscher Orientalismus im Orientzyklus von Karl May" [1]
  6. Donald Lopez: Prisoners of Shangri-La: Tibetan Buddhism and the West, The University of Chicago Press, 1998
  7. Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur. Berlin: Theseus 2000 (ISBN 3-89620-151-4)
  8. Edward Said: Orientalism. Penguin Books, London 2003, Nachwort von 1995

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