Nydam-Moor


Nydam Mose

Nydam-Moor oder Nydamer Moor (dänisch: Nydam Mose) ist ein etwa zwölf Hektar großes Moorgebiet beim Ort Øster Sottrup, etwa acht Kilometer vor der Stadt Sønderborg auf der Halbinsel Sundeved in Südjütland. Das Moor wurde in der römischen Eisenzeit als Opfermoor für zahlreiche Ausrüstungsgegenstände und Schiffe genutzt und zählt zu den fundreichsten untersuchten Opferplätzen der Eisenzeit.

Geologische Entwicklung

An der Stelle des heutigen Moores verlandete im 6. Jahrtausend v. Chr. ein See. In der Zeit um Christi Geburt bildete sich der See erneut. Bereits vor dieser Neubildung wurde in dem damaligen Moor Torf gestochen. Bis etwa 400 n. Chr. lagerte sich in dem Gewässer immer mehr Sediment an und der See verlandete erneut. Heute ist die Stelle mit Wiesen überwachsen.

Forschungsgeschichte

Erste archäologische Zufallsfunde wurden bereits seit dem 18. Jahrhundert beim Torfstechen gemacht, darauf folgten immer wieder unplanmäßige Not- und Rettungsgrabungen. Im Jahre 1859 führte der dänische Lehrer Helvig Conrad Engelhardt dort in mehreren Etappen planmäßig umfassende Ausgrabungen und Dokumentationen durch. Diese Ausgrabungen brachten ein breites Spektrum an archäologischen Funden zu Tage, so wurden neben vier Schiffen zahlreiche Waffen, persönliche Ausrüstung und Alltagsgegenstände gefunden, deren Hauptmasse jedoch die zahlreichen Waffen ausmachen. 1863 wurden diese Arbeiten durch den Ausbruch des Deutsch-dänischen Kriegs unterbrochen. Seit 1989 wird der Fundplatz erneut von Wissenschaftlern des Dänischen Nationalmuseums systematisch ergraben und dabei wurden eine archäologische sowie geologische Übersicht erstellt. Diese Grabungen brachten eine große Anzahl weiterer Waffen und Schmuckgegenstände zu Tage, beispielsweise Gürtelschnallen aus der späten Eisenzeit. Bei einer Grabungskampagne im Sommer 2011 wurde mit Nydam III ein weiteres Boot entdeckt, welches wesentlich größer und ca. 100 Jahre älter ist als die bisher bekannten Bootsfunde.[1]

Ergebnisse

Bei den geopferten Gegenständen handelt es sich überwiegend um Kriegsbeutestücke, die in der Zeit zwischen 240 bis 450 n. Chr. in vier Phasen in dem See niedergelegt wurden. Alle Niederlegungsphasen stehen in einem engen Zusammenhang mit den Ereignissen, die zu den Opferungen in den benachbarten Opferplätzen wie dem Thorsberger Moor, Illerup Ådal oder Vimose geführt haben. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die turbulente Situation der damaligen Zeiträume schließen. Teile der Opfergaben wurden vor dem Ablegen intentionell durch Zerbrechen, Verbiegen oder Verbrennen zerstört oder unbrauchbar gemacht. Geopfert wurden Waffen, Schilde, Zaumzeug, Kleidung, Holzgegenstände und Werkzeuge. Die besonderen Fundstücke dieses Fundplatzes sind die vier großen Wasserfahrzeuge, die im Moor nahezu vollständig erhalten waren: Diese Schiffe spielten offenbar in den religiösen Vorstellungen eine große Rolle und stellen vermutlich ein Siegesopfer für die erfolgreiche Abwehr einer Invasion über See dar.

Bei den Waffen handelte es sich überwiegend um Schwerter, Schilde, Speere und Lanzen, Beile, Bögen und Pfeile. Die Pfeilspitzen aus dem Nydam-Fund bestehen überwiegend aus Eisen, es gibt aber auch Exemplare aus Knochen und Geweih.

Der Großteil der Waffenfunde stammt aus dem oberen Teil der Seeablagerungen und den überlagernden Torfschichten.

Chronologie

Die Opferungen erfolgten nach neueren Untersuchungen in sechs bis acht Phasen. Die vier Hauptniederlegungsphasen lassen sich chronologisch wie folgt aufteilen:

1. Niederlegungsphase Nydam A etwa um 240 n. Chr.

Waffen und persönliche Ausrüstung

2. Niederlegungsphase Nydam B etwa um 300 n. Chr.

Waffen und persönliche Ausrüstung

3. Niederlegungsphase Nydam C etwa um 350 n. Chr.

In diese Phase fällt die Opferung des großen Nydam Schiffes, dessen Eichenplanken dendrochronologisch auf ein Fälldatum von 310 bis 320 n. Chr. datiert sind.

4. Niederlegungsphase Nydam D etwa um 400 n. Chr.

Die letzte Phase besteht vermutlich aus mehreren Niederlegungen, was sich aber aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Auswertung der Funde noch nicht genau sagen lässt.

Geschichte der Funde

Eiserne Äxte und Schildbuckel aus dem Moorfund von Nydam, Schloss Gottorf

Was die archäologischen Funde aus dem Nydam-Moor im Verhältnis zu anderen Opfermooren besonders interessant erscheinen lässt, ist unter anderen auch ihre bedeutende Rolle, die sie in den nationalen Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Dänemark wie dem Deutsch-dänischen Krieg sowie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gespielt haben. Nach dem Deutsch-dänischen Krieg 1864 gingen die Teile der Funde, die in der Flensburgsammlung lagen, in preußischen Besitz über. 1877 wurde die Flensburgsammlung an das Museum vaterländischer Alterthümer nach Kiel überführt und dort ausgestellt. Nach der Volksabstimmung zur Neuordnung der Deutsch-dänischen Grenze 1920 gehörte der Fundort nach Dänemark, die Exponate in Kiel jedoch nach Deutschland. Jeweils nach den Kriegen beanspruchte Dänemark jedoch vergeblich die Herausgabe dieser Funde. Sie sind somit nicht nur Gegenstand und Zeugnis für die dramatische Lage zu Zeiten ihrer Opferung, sondern auch der Auseinandersetzungen bis in die jüngere Geschichte.

Das Nydam-Moor heute

Der Fundplatz besteht heute nur noch aus einer landwirtschaftlich genutzten Wiese. Am Nydamvej in Øster Sottrup befindet sich ein Parkplatz, von dem ein Fußweg, der Nydamsti, zu dem unmittelbar an der Fundstelle gelegenen Nydamhaus führt. In dem Haus informiert eine kleine Ausstellung über das Moor, die Ausgrabungen und Funde.

Der zu Dänemark gehörende Teil der Funde wird im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen gezeigt. Der zu Deutschland gehörende Teil wird neben den Funden aus dem Thorsberger Moor zurzeit in Schloss Gottorf gezeigt. Gegenwärtig werden die eisenzeitlichen Fundplätze wie auch die Funde aus dem Nydam-Moor in einem multilateralen Projekt wissenschaftlich neu bearbeitet.[2]

Literatur

  • Güde Bemmann, Jan Bemmann (Hrsg.): Der Opferplatz von Nydam - die Funde aus den älteren Grabungen Nydam-I und Nydam-II. Wachholtz, Neumünster 1998, ISBN 3-529-01827-9.
  • Michael Gebühr, Claus von Carnap-Bornheim: Nydam und Thorsberg. Opferplätze der Eisenzeit; Begleitheft zur Ausstellung. Archäologisches Landesmuseum, Verein zur Förderung des Archäologischen Landesmuseums e. V., Schloss Gottorf, Schleswig 2000, DNB 962151653.
  • Herbert Jankuhn: Nydam und Thorsberg. Moorfunde der Eisenzeit. Wegweiser durch die Sammlung. Bd 3. Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte. Wachholtz, Neumünster 1983, ISBN 3-529-01603-9.

Weblinks

 <Lang> Commons: Nydam Mose – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Bericht Schleswig-holsteinischer Zeitungsverlag (Flensburger Tageblatt)
  2. Webarchiv vom 10. Dezember 2007 der eingelagerten Webseite: Zwischen Thorsberg und Bornstein auf www.kaiserzeitimnorden.de

54.9527789.723056Koordinaten: 54° 57′ 10″ N, 9° 43′ 23″ O


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