Ausgrabung


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Ausgrabungsstätte in der Fundregion Kalkriese, dem vermuteten Ort der Varusschlacht

Unter einer Ausgrabung beziehungsweise Grabung wird im deutschen Sprachraum die archäologische oder paläontologische Freilegung eines von Erdboden oder von Erd- beziehungsweise Steinauftragung verdeckten Befundes verstanden, bei dem dieser Vorgang mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit dokumentiert wird. Es handelt sich letztlich um eine kontrollierte Zerstörung des Befundes. Die Größe der Grabungsfläche richtet sich nach dem Befund an sich, den zur Verfügung stehenden Mitteln und der akuten Notwendigkeit.

Grundlagen

Fund und Befund

In der Grabungstechnik wird zwischen Funden (bewegliche Gegenstände, in der Regel Artefakte) und Befunden (unbewegliche Strukturen, in der Regel Bodenkonsistenzen, in der Regel ein abgegrenzter Kontext) unterschieden.

Als Befunde werden dabei alle sichtbaren Strukturen (Mauern, Abfallgruben, Gräben, Pfostenlöcher, Schichten) beschrieben, wobei prinzipiell auch auf der Grabung nicht sofort sichtbare Strukturen als Befund zu bezeichnen sind (beispielsweise Fundkonzentrationen, Muster der Fundverteilung, Schwermetallbelastung des Bodens, Phosphatgehalt des Bodens). Nichts archäologisch relevantes zu finden zählt als negativer Befund.

Grabungstypen

Es gibt folgende Typen von Ausgrabungen:

  • Forschungsgrabung:
    Der Befund hat höchste Priorität. Es stehen genügend Zeit und Mittel für eine umfassende wissenschaftliche Ausgrabung zur Verfügung.
Notgrabung respektive Forschungsgrabung seit Mai 2010: Feuchtbodensiedlung im Umfeld des Kleinen Hafners auf der Baustelle für das Parkhaus Opéra in Zürich
Notgrabung: Fund einer römischen Kelteranlage bei Straßenbauarbeiten
  • Rettungsgrabung beziehungsweise Notgrabung:
    Der Befund ist durch unmittelbar bevorstehende Baumaßnahmen akut gefährdet oder bereits beschädigt oder durch Erosion freigelegt worden und wird nun unter großem Zeitdruck bestmöglich dokumentiert. Die Übergänge zwischen Not- und Rettungsgrabung und Trassenarchäologie sind oft fließend.
  • Lehrgrabung:
    Der Befund wird im Rahmen einer Lehrveranstaltung, in den meisten Fällen eines archäologischen Universitätsinstitutes, mit Studentinnen und Studenten ergraben, damit diese einen Einblick in die praktische Grabungstechnik erhalten. Anschließend erfolgt eine Grabungsaufarbeitung (Material- und Befundauswertungen) in einer oder mehreren weiteren Lehrveranstaltungen. In der Regel ist die Teilnahme an einer Lehrgrabung im Laufe eines Studiums archäologischer Fächer Pflicht.

Die Grabungstechnik kennt drei prinzipielle Verfahren:

  • die Sondierungsgrabung: Hierbei wird kleinräumig gegraben, um erste Erkenntnisse über die Boden- und Befundsituation zu gewinnen: Sie wird ausgeführt als:
    • Punktgrabung, eine Untersuchung an einer Stelle, etwa um einen Einzelfund zu bergen oder ein aus einer Messung gewonnen Besonderheit zu sichten
    • Sondierschnitt beziehungsweise Suchschnitt: Ein Schnitt legt ein lokales Profil durch eine Befundlage frei. An ihm lassen sich allgemeines Ausmaß der Grabungsstätte und zu erwartende Fundschichten ablesen.
      Bekanntester Sondierschnitt ist wohl der Schliemanngraben, der sich durch den Hügel von Hisarlık (Troja) zieht, damals ein revolutionäres und richtungsweisendes Vorgehen, heute wird die Methode kritisch gesehen
  • die eigentliche Ausgrabung, die als Freilegung den gesamten Befund aufdeckt und alle Funde birgt. Heute ziehen sich Freilegungen aufgrund der sorgfältigen Arbeit, und um nicht übermäßig viel Fundmaterial, das dann nicht ausgewertet werden kann, zu bergen, über etliche Jahre hin, beziehungsweise werden überhaupt nurmehr im begrenztem Rahmen angelegt.
  • die Sichtungsgrabung: Ist schon im Voraus abzusehen, dass ein Fund nicht zu bergen ist (etwa aus finanziellen Gründen) und auch nicht bedroht ist, führt man heute Grabungen aus, die die eigentlichen Fundschichten unbehelligt lassen, dokumentiert diese, birgt einzelne repräsentative Objekte und deckt die Fundstelle wieder ein.

Fast alle Ausgrabungen richten sich nach der Stratigraphie des Befundes. Es handelt sich dabei um die in einem vertikalen Schichtprofil feststellbare Abfolge von mehr oder weniger horizontal verlaufenden Straten. Als untere Grenze einer Ausgrabung wird im Idealfall bei Forschungsgrabungen versucht die natürlichen, ohne Menscheneinwirkung entstandenen Erdschichten beziehungsweise das gewachsene Gestein zu erreichen. Bei Notgrabungen soll zumindest die Tiefe ergraben werden, die auch von der Baumaßnahme selbst erreicht wird.

Von den wissenschaftlichen Grabungen zu unterscheiden sind die Raubgrabungen, die in ihrem Fokus auf Sonderfunde in der Befundlage verheerende Schäden hinterlassen – von rechtlichen und moralischen Aspekten abgesehen.

Grabungstechnik

Schichtprofil (Augsburg, Inneres Pfaffengässchen)

Prinzipiell werden in der Archäologie zwei verschiedene Grabungstechniken unterschieden (bei vielen Varianten in der Anlage der Schnitte und der Dokumentation):

  • Grabung nach künstlichen Schichten (besser: nach willkürlichen Schichten), Planagrabung.
  • Grabung nach natürlichen Schichten (besser: nach evidenten Schichten), Schichtengrabung oder Stratagrabung.

Nach der horizontalen Ausprägung wird unterschieden:

  • Deutsche Grabung (besser: Flächengrabung)
  • Englische Grabung (Wheeler-Kenyon-Methode)

Grabungen, die an einer Stelle besonders viele Schichtungen umfassen, werden als Tiefschnitte bezeichnet. Für sie gelten besondere Sicherheitsbestimmungen infolge der Gefährdung durch Abrutschen.

Planagrabung

Es handelt sich um eine Grabung nach künstlichen (von Ausgräber willkürlich gewählten) Schichten.

Bei der Planagrabung werden Plana (latein planum „Ebene“) oder Abstiche von regelmäßiger Stärke unabhängig vom Verlauf der einzelnen Kulturschichten abgetragen und auf diesen ebenen Flächen die Befunde eingemessen. Die Grabung erfolgt in horizontalen Abträgen willkürlich festgelegter Stärke (z. B. 5 cm). Die Zuweisung der Funde erfolgt über Einzeleinmessung oder zu den Abträgen. Die Anlage von Profilen ist von zentraler Bedeutung.

Stratigraphische Grabung

Es handelt sich um eine Grabung nach evidenten (natürlich vorgegebenen) Schichten

Bei der stratigraphischen Grabung oder Schichtengrabung wird jede einzelne authentische Kulturschicht minutiös freigelegt. Die Stärke der Schicht spielt dabei keine Rolle, sie ist allenfalls ein arbeitstechnisches Problem. Hierbei wird mit dem jüngsten Befund beginnend Befund für Befund abgetragen. Dabei entstehen keine ebenen Grabungsflächen, doch ist die Zuweisung der Funde zum Befund eindeutig.

Auf dieser Grabungstechnik beruht auch die Harris-Matrix.

Deutsche und Englische Grabung

Bei der deutschen Grabungsmethode oder Flächengrabung werden die einzelnen Befunde auf dem Planum markiert und danach ausgehoben. Die Englische Grabung oder Wheeler-Kenyon-Methode teilt dagegen das Planum in regelmäßige Quadrate auf und wird daher auch Quadrantenmethode genannt. Diese Quadrate werden dann ausgehoben, wobei lediglich schmale Stege, so genannte Kontrollstege, stehenbleiben, weil in ihnen der Verlauf der Straten überprüfbar bleibt. Der Vorteil der englischen Grabungsart ist die Exaktheit, nachteilig ist der immense Arbeitsaufwand. Die Bezeichnung „Englische Grabung“ ist missverständlich, da in der britischen Archäologie heute überwiegend Flächengrabungen durchgeführt werden.

Verlauf einer Ausgrabung

Vorbereitung der Fläche

Nachdem die Grabungsfläche festgelegt ist, wird als Erstes mit Hilfe eines Baggers die Pflugschicht abgehoben. Von „Pflugschicht“ (in eigentlichen Sinne des Abtragens des Oberbodens) kann man bestenfalls in unüberbauten Gebieten sprechen. Im Rahmen der mittelalterlichen Stadtkernarchäologie kann die Pflugschicht durchaus aus meterdicken Packungen von Weltkriegsschutt bestehen.

Die hierdurch entstandene rechteckige Grube, deren Anfangstiefe vom Zerstörungsgrad der Oberflächendeckschicht abhängt, nennt man Grabungsschnitt. Jeder Schnitt bekommt nun eine fortlaufende Nummer und wird einem Schnittleiter, normalerweise ein erfahrener Grabungsarbeiter oder ein angehender Grabungstechniker, unterstellt, der eine eigene Dokumentationsmappe führt. Zunächst werden dann die Schnittkanten per Spaten gerade abgestochen, um Profile zu gewinnen und die Fläche selbst per Schaufel grob glatt geschoben, um ein erstes Planum zu erhalten. Im Feinputz wird danach die gesamte Fläche des Schnitts mit Archäologenkellen von letzten Resten der Pflugschicht befreit.

Auf dem so freigelegten Boden können dann erste Befunde bereits erkennbar sein, da sie sich farblich vom umgebenden Boden abheben. Bevor diese markiert werden, wird jedoch zuerst mit Hilfe eines Tachymeters oder Theodoliten ein Netz von Koordinaten über die Fläche gelegt, das sich an der geografischen Länge und Breite orientiert. Anschließend können die Befunde markiert und die Fläche fotografiert werden. Danach werden die Umrisse des Schnitts im Maßstab 1:100 gezeichnet. In diese Zeichnung wird ein Teilblattsystem eingetragen. Die Teilblätter selbst stellen die Fläche im Maßstab 1:20, bei besonderen Befunden auch schon mal im Maßstab 1:10 dar. Um später die Höhenunterschiede nachvollziehen zu können, wird die Fläche nivelliert und die Niv-Punkte auf den Teilblättern eingetragen.

Befundbearbeitung und Dokumentation

Grabungen bei einem Lager der Homo heidelbergensis in Atapuerca
Ausgrabung des Isistempels in Pompeji in einer Darstellung aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert

Schon während der Grabung beginnt die archäologische Dokumentation, die gleichzeitig auch schon eine erste Form der Interpretation ist und die letztlich oft erst mehrere Jahre nach der Grabung publiziert wird. Heute wird die Dokumentation meist weitgehend durch EDV gestützt.

Beispielhafter Ablauf einer Befundbearbeitung: Die auf dem ersten freigelegten Planum markierten Befunde bekommen zunächst fortlaufende Nummern und werden meist im Maßstab 1:20 in die Teilblätter eingezeichnet. Anschließend wird jeder einzelne Befund nivelliert und folgendermaßen beschrieben: Form, Ausrichtung, Größe, Lage, Zusammensetzung und vermutliche Funktion. Dies ist die Erstansprache. Wird innerhalb eines Befundes ein weiterer Befund entdeckt oder grenzen mehrere Befunde aneinander, so handelt es sich um einen Befundkomplex, der eine eigene Nummer und Erstansprache erhält.

Danach wird der Befund geschnitten, um ein Profil zu erhalten. Zunächst wird eine Profilschnur über den Befund gespannt, die ihn in zwei Hälften teilt. Die eine Hälfte wird nun mit der Kelle bis auf eine neue Schicht abgetragen. Handelt es sich bei der neuen Schicht um eine eingelassene Schicht, wird ein Zwischenplanum gezeichnet, die Schicht erneut nivelliert und dann bis auf die darunterliegende abgetragen. Entlang der Profilschnur wird das Profil lotrecht abgestochen und fotografiert. Bevor nun das Profil im Maßstab 1:10 gezeichnet wird, muss die Profilschnur mit Hilfe des Nivelliergeräts waagerecht gespannt werden. So kann später auf der Zeichnung der Verlauf des Profils genau dargestellt werden.

Nachdem dies erledigt ist, wird die zweite Hälfte des Befundes ausgehoben und der gesamte Befund, das so genannte Negativplanum, fotografiert. Dieses Negativplanum wird nun wiederum nivelliert, in die Teilblätter eingetragen und seine Zusammensetzung farbig dargestellt. Zum Schluss wird wie bei der Erstansprache noch mal der gesamte Befund nach denselben Kriterien beschrieben und die tatsächliche Funktion festgestellt (Endansprache). Auch das jeweilige Planum erhält eine fortlaufende Nummer, und wird schriftlich, fotografisch sowie zeichnerisch dokumentiert.

Normale Fundstücke (Keramikscherben, gebrannter Lehm, Knochen, Kohle) werden unter Angabe der Befundnummer eingetütet. Sonderfunde hingegen, wie Münzen, Waffen, etc. werden einzeln eingemessen und nivelliert. Größere Befunde, wie Mauern, Öfen und dergleichen, werden fotografiert, nivelliert und im Maßstab 1:10 in einer separaten Zeichnung dokumentiert.

Danach wird die gesamte Fläche bis auf das darunter neu anzulegende, zweite Planum abgetragen und der Arbeitsablauf beginnt von vorn. Die so ermittelten Daten werden als Grabungsbericht aufbereitet und veröffentlicht.

Siehe auch

Literatur

  • Jörg Biel, Dieter Klonk (Hrsg.): Handbuch der Grabungstechnik. Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte, Stuttgart 1994.
  • Rolf d’Aujourd’hui (Hrsg.): Archäologie in Basel. Organisation und Arbeitsmethoden. Verlag Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, Basel 1989, ISBN 3-905098-06-7.
  • Egon Gersbach: Ausgrabung heute. 3. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-13879-1.
  • Grabung e. V. (Hrsg.): Grabungs-Wörterbuch. Schloemer, Düren 1998.
  • Rolf Hachmann, Arnulf Kuschke: Vademecum der Grabung Tell Kamid el-Loz. Habelt, Bonn 1969.
  • Matthias Knaut, Martin Körber, Ruth Keller-Kempas: Freigelegt. Zehn Jahre Studium Restaurierung/Grabungstechnik in Berlin. Siegl, München 2003, ISBN 3-935643-11-X (Berliner Beiträge zur Konservierung von Kulturgut und Grabungstechnik. Band 1).
  • Andreas Kinne: Tabellen und Tafeln zur Grabungstechnik. 5. Auflage. Selbstverlag, Dresden 2009. Inhaltsverzeichnis und Leseprobe
  • Susi Ulrich-Bochsler: Grabungstechnik. Einführung in die Archäoanthropologie für das archäologisch-technische Grabungspersonal Basel 1993.

Periodika

  • Verband der Restauratoren (Hrsg.): Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut. VDR, Bonn seit 2003, ISSN 0943-5638.
  • Arbeitsgemeinschaft der Restauratoren (Hrsg.): AdR-Schriftenreihe zur Restaurierung und Grabungstechnik. Theiss, Stuttgart seit 1994 (ab 2003 siehe VDR-Beiträge).
  • Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (Hrsg.): Berliner Beiträge zur Konservierung von Kulturgut und Grabungstechnik. Siegl, München seit 2003.
  • Vereinigung des Archäologisch-Technischen Grabungspersonals (Hrsg.): Grabungstechnik – Technique des fouilles. VATG, Wettingen seit 1983.

Weblinks

 <Lang> Commons: Ausgrabungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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