Neoschamanismus


Neoschamanismus bezeichnet eine moderne, westliche Form der Esoterik, die sich auf den Schamanismus bezieht.

Geschichte

Die Entwicklung des Neoschamanismus bzw. des „modernen westlichen Schamanismus“ setzte in den 1960er Jahren ein und ist verbunden mit einem wachsenden Interesse für nicht-westliche Spiritualität, dem Aufkommen des Umweltschutz-Gedankens, der Abwendung von der Kirche und der Suche nach existenziellen Alternativen.[1] „Traditionelle“ schamanische Praktiken wurden in der Folge in einem westlichen, urbanen Kontext neu interpretiert. Beeinflusst wurde diese Entwicklung durch Mircea Eliades romantisch gefärbte Interpretation des Schamanismus als globales Phänomen und seine Annahme, dass die Menschheit durch den Kontakt mit ursprünglichen Mythen zurück zur Harmonie mit dem Heiligen finde, was unter den spirituellen Suchern der New Age-Bewegung auf großes Interesse stieß.[2]

Zentral für die Entwicklung des Neoschamanismus waren die Publikationen des Anthropologen Carlos Castaneda, der im Rahmen der Beschreibung seines schamanischen Lehrers Don Juan Matus die Beschäftigung mit „außereuropäischen Deutungen der Wirklichkeit und der Suche nach vertieftem Wissen von den Zusammenhängen des Kosmos“ schildert.[3] Castanedas Werk zog tausende von Menschen auf der Suche nach Spiritualität an und löste dadurch eine neue religiöse Bewegung aus. In der akademischen Diskussion wurde jedoch die Authentizität von Castanedas Berichten und die Existenz von Don Juan angezweifelt. Irritiert grenzte sich ein Teil der akademischen Welt von Castanedas populärwissenschaftlicher Literatur ab, während ihn andere vor dem Hintergrund der aufkommenden „Writing Culture“-Debatte als Beispiel einer „neuen Ethnographie“, welche bewusst Fiktion und subjektive Färbung in wissenschaftliche Repräsentation aufnahm, willkommen hießen.[4]

Ein zweites wichtiges Werk für den Neoschamanismus war Michael Harners „The Way of the Shaman: A Guide of Power and Healing“ (1980). Der Anthropologe wurde bei verschiedenen Indianergruppen in die schamanische Welt eingeführt und konnte im Gegensatz zu Castaneda beweisen, dass er tatsächlich dort war. Harner machte es sich in der Folgezeit zur Aufgabe, seine schamanischen Kenntnisse einem westlichen Publikum weiterzugeben. Basierend auf eigenen Erfahrungen sowie vergleichenden Studien versuchte er, den gemeinsamen Nenner der verschiedenen schamanischen Traditionen zu finden, welchen er als Core Shamanism bezeichnet. Institutionalisiert wurde die „Harner-Methode“ durch die Gründung der Foundation for Shamanic Studies (FSS) 1979, welche zum wichtigsten Zentrum des Neo-Schamanismus wurde.

Zwar wurde die Unabhängigkeit von kulturellen Hintergründen in der Folgezeit zu einem Grundgedanken des Neoschamanismus, doch konnte unter anderem die schwedische Anthropologin Galina Lindquist nachweisen, dass dieser nicht nur für ein westliches Publikum geschaffen wurde, sondern auch tief in der westlichen Tradition verwurzelt ist.[5] Passend zum knappen Zeitbudget des westlich sozialisierten Menschen kann man sich neo-schamanistische Praktiken relativ rasch und unproblematisch aneignen. Bei traditionellen Schamanen ist die Ausbildung dagegen mit einer langen und möglicherweise gefahrvollen Lehrzeit verbunden. Die Ausübung der schamanischen Tätigkeiten soll in der Regel dem Wohl der ganzen Gesellschaft dienen, wogegen die neoschamanistischen Techniken hauptsächlich zur individuellen Selbstverwirklichung und Selbsthilfe eingesetzt werden.[6]

Hauptkonzepte des Neoschamanismus

Die neoschamanistische Szene ist kein homogenes Feld mit einheitlichen Konzepten und Methoden. Der Amerikaner Harner und sein Zentrum wurden jedoch v. a. in Europa zu einer Art Zentralinstanz des modernen Schamanismus, in Amerika selbst gibt es ein etwas breiteres Spektrum.[7] Abgrenzungen sind häufig nicht nur auf inhaltliche Aspekte, sondern auch auf die zunehmende Konkurrenz der verschiedenen Gruppierungen auf einem umkämpften Markt zurückzuführen.

Eng verbunden mit der Harner’schen Methode ist auch das Scandinavian Centre for Shamanic Studies. Lindquist, welche mit ethnologischer teilnehmender Beobachtung die schamanischen Kurse des Zentrums analysierte, beschrieb folgende Konzepte als zentral für den neoschamanischen Diskurs:[8]

  • „Demokratische Natur“ des Schamanismus: Jeder Mensch hat grundsätzlich die Fähigkeit zur schamanischen Reise. Diese kann jedoch aufgrund von kulturellen Mustern verborgen sein und muss somit wiederentdeckt werden.
  • „Nichtalltägliche Realität”, Geist-Helfer und Krafttiere: Ziel ist eine authentische Erfahrung des Kontakts mit dem Selbst. Es gilt, eine spirituelle Welt zu entdecken, die der physischen Welt parallel ist und eine eigene Existenz hat. Diese Welt ist mit persönlichen, energiegeladenen Geistern gefüllt, die sich z. B. in Form von Krafttieren zeigen und um Hilfe gebeten werden können. Krafttiere sind Tiere, die mit besonderen Qualitäten verbunden werden und so „natürliche“ Symbole der eigenen Kultur darstellen. Im Gegensatz zu Beschreibungen in vielen traditionellen Kulturen, in denen Geister der ganzen Gemeinschaft bekannt sind, bestehen sie im Neoschamanismus aus persönlichen Bildern, die zum Individuum gehören.
  • Imagination und schamanistische Reise: In westlichen Diskursen wird der Begriff der Imagination zwar oft benutzt, um außergewöhnliche Geschehnisse zu negieren. Gerade die Einbildungskraft wird jedoch benötigt, um die spirituelle Welt sichtbar zu machen. Im Neoschamanismus wird die Imagination, die nicht nur das Sehen, sondern alle Sinne miteinbezieht, als Informationsquelle genutzt, um die nichtalltägliche Realität zu einem Teil des Lebens zu machen. Die schamanische Reise beginnt – begleitet von Trommeln und Rasseln – durch die Visualisierung von Orten, die dadurch zu einem konkreten Reich werden, in das der Neoschamane eintreten kann. In vielen Kursen werden diese Imaginationen später in einer Erzählung wiedergegeben, durch welche sie zu tatsächlich Erlebtem werden, in den persönlichen Erfahrungsschatz eingehen und transformative Kraft erhalten.
  • Heilen: Aufgabe des Schamanen ist nicht nur die Erfahrung des Selbst, sondern vor allem das Heilen von Kranken. Voraussetzung dafür ist, verloren gegangene Krafttiere wiederzufinden und zurückzubringen, um das Energiegleichgewicht wiederherzustellen.

Dieses Heilen wird unter anderem durch den Placebo-Effekt erklärt, der darauf gründet, dass Gedanken den Körper beeinflussen und der Patient durch die Veränderung seines Denkens geheilt werden kann (Intellektueller Ansatz).[9] Der symbolische Ansatz von Lévi-Strauss (1958) betont dagegen, dass der Schamane dem Patienten eine neue Sprache zur Verfügung stellt, die es ihm ermöglicht, die der Krankheit zugrunde liegenden Konflikte zu verstehen, auszudrücken und zu transformieren.[10] Dieser Ansatz wird in der psychoanalytischen Betrachtungsweise des Schamanismus verdeutlicht.

Siehe auch

Literatur

  • Jane Monnig Atkinson: Shamanisms today. In: Annual Review of Anthropology 21, 1992, ISSN 0084-6570, S. 307–330.
  • Wladimir N. Basilow: Sibirische Schamanen. Auserwählte der Geister. Schletzer, Berlin 2004, ISBN 3-921539-38-2 (Studia Eurasia 9).
  • Vilmos Diószegi (Hrsg.): Glaubenswelt und Folklore der sibirischen Völker. Akadémiai Kiadó, Budapest, 1963.
  • Vilmos Diószegi: Tracing Shamans in Siberia. Anthropological Publications, Oosterhout, 1968.
  • Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. 11. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-27726-X.
  • Hans Findeisen: Schamanentum. Dargestellt am Beispiel der Besessenheitspriester nordeurasiatischer Völker. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1957 (Urban-Bücher 28).
  • Adolf Friedrich, Georg Buddruss: Schamanengeschichten aus Sibirien. Otto-Wilhelm-Barth-Verlag, München-Planegg 1955.
  • Roberte Hamayon: La chasse à l'âme. Esquisse d'une théorie du chamanisme sibérien. Société d’ethnologie, Nanterre 1990, ISBN 2-901161-35-9 (Mémoires de la Société d'Ethnologie 1).
  • Michael Harner: Der Weg des Schamanen. Ariston/Hugendubel, München 2007, ISBN 978-3-7205-4024-7.
  • Michael Harner: Hallucinogens and Shamanism. Oxford University Press, New York. NY u. a. 1973.
  • Michael Harner: The Jivaro. People of the Sacred Waterfalls. Anchor Press u. a., Garden City NY 1973, ISBN 0-385-07119-1 (A Doubleday Anchor book 78).
  • Mihály Hoppál (Hrsg.): Das Buch der Schamanen. Europa und Asien. 2 Bände. Ullstein, München 2002, ISBN 3-550-07557-X.
  • Mihály Hoppál, Keith D. Howard (Hrsg.): Shamans and Cultures. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6590-0 (International Society for Trans-Oceanic Research - ISTOR books 5).
  • Ake Hultkrantz: Schamanische Heilkunst. Eugen-Diederichs-Verlag, München 1994, ISBN 3-424-01166-5.
  • Erich Kasten (Hrsg.): Schamanen Sibiriens. Magier – Mittler – Heiler. Zur Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart, 13. Dezember 2008 bis 28. Juni 2009. Reimer Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-496-02812-3.
  • Mongusch B. Kenin-Lopsan: Schamanengesänge aus Tuwa. Lamuv, Göttingen 2013, ISBN 978-3-88977-693-8.
  • Mongusch B. Kenin-Lopsan: Schamanengeschichten aus Tuwa. Lamuv, Göttingen 2011, ISBN 978-3-88977-694-5.
  • Mongush B. Kenin-Lopsan: Shamanic Songs and Myths of Tuva. Akadémiai Kiadó, Budapest 1997, ISBN 963-05-7401-2 (International Society for Trans-Oceanic Research - ISTOR books 7).
  • Horst Kirchner: Ein archäologischer Beitrag zur Urgeschichte des Schamanismus. In: Anthropos 47, 1952, ISSN 0003-5572, S. 244–286.
  • Berthold Laufer: Origin of the Word Shaman. In: American Anthropologist. 19, 3, 1917, ISSN 0002-7294, S. 361–371.
  • Galina Lindquist: Shamanic Performances on the Urban Scene. Neo-Shamanism in Contemporary Sweden. Stockholm University - Department of Social Anthropology, Stockholm 1997, ISBN 91-7153-691-4 (Stockholm Studies in Social Anthropology 39), (Zugleich: Stockholm, Univ., Diss., 1998).
  • Andreas Lommel: Schamanen und Medizinmänner. Magie und Mystik früher Kulturen. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0507-5.
  • Gerhard Mayer: Schamanismus in Deutschland. Ergon, Würzburg 2003, ISBN 3-89913-306-4.
  • Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 3. Auflage. Beck, München 2006, ISBN 3-406-41872-4 (Beck'sche Reihe 2072 Wissen).
  • Åke Ohlmarks: Studien zum Problem des Schamanismus. Gleerup u. a., Lund u. a. 1939.
  • Winfried Picard: Schamanismus und Psychotherapie. Param-Verlag, Ahlerstedt 2006, ISBN 3-88755-245-8.
  • Wilhelm Radloff: Aus Sibirien. Lose Blätter aus meinem Tagebuche. 2. Auflage. Weigel, Leipzig 1893.
  • Bruno J. Richtsfeld: Der Schamanismus der Tungusen und Daghuren in China unter Ausschluß der Mandschu. Holos-Verlag, Bonn 1996, ISBN 3-926216-64-6 (Völkerkundliche Arbeiten 5).
  • Sergei Mikhailovich Shirokogoroff: Psychomental Complex of the Tungus. Paul u. a., London 1935 (auch: Schletzer, Berlin 1999, ISBN 3-921539-34-X (Studia Eurasia 5)).
  • Anna-Leena Siikala: The rite technique of the Siberian shaman. Helsingin Liikekirjapaino Oy, Helsinki 1978, ISBN 951-41-0321-1 (Zugleich: Helsinki, Univ., Diss., 1978).
  • Anna W. Smoljak: Der Schamane. Persönlichkeit – Funktionen – Weltanschauung. (Die Völker am Unterlauf des Amur). Schletzer, Berlin 1998, ISBN 3-921539-63-3 (Ethnologische Beiträge zur Circumpolarforschung 4).
  • Alfred Stolz: Schamanen. Ekstase und Jenseitssymbolik. dumont, Köln 1988, ISBN 3-7701-1894-4 (DuMont-Taschenbücher 210).
  • Kocku von Stuckrad: Schamanismus und Esoterik. Kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen. Peeters, Leuven 2003, ISBN 90-429-1253-7 (Gnostica 4).
  • Michael T. Taussig: Shamanism, colonialism, and the wild man. A study in terror and healing. University of Chicago Press, Chicago IL u. a. 1991, ISBN 0-226-79013-4 (Anthropology / Latin America studies).
  • Barbara Tedlock: Die Kunst der Schamanin. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2007, ISBN 978-3-7795-0156-5.
  • Nicolas Thomas, Caroline Humphrey (Hrsg.): Shamanism. History and the State. University of Michigan Press, Ann Arbor MI 1999, ISBN 0-472-08401-1.
  • Laszlo Vajda: Zur phaseologischen Stellung des Schamanismus. In: Carl August Schmitz (Hrsg.): Religionsethnologie. Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 1964, S. 265–295 (Reprint aus: Ural-Altaische Jahrbücher 31, 1959, S. 456–485).
  • Roger Walsh: The World of Shamanism. Llewellyn, Woodbury MI 2007, ISBN 978-0-7387-0575-0.
  • Andrei A. Znamenski (Hrsg.) Shamanism. 3 Bände. Routledge, London u. a. 2004, ISBN 0-415-31192-6 (Critical Concepts in Sociology).
  • Andrei A. Znamenski: The Beauty of the Primitive. Shamanism and The Western Imagination. Oxford University Press, New York NY u. a. 2007, ISBN 978-0-19-517231-7.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Internalization: Core Shamanism. In: Galina Lindquist: Shamanic Performance on the Urban Scene: Neo-Shamanism in Contemporary Sweden. Studies in Social Anthropology, Stockholm 1997, ISBN 91-7153-691-4, S. 53.
  2. General Introduction – Adventures of the metaphor: shamanism and shamanism studies. In: Andrei A. Znamenski: Shamanism: Critical Concepts in Sociology. RoutlegdeCurzon, London/ New York 2004, ISBN 0-415-31192-6, vol. 1, S. xix-1xxxvi, xlvi-xlix.
  3. Der moderne westliche Schamanismus. In: Kocku von Stuckrad: Schamanismus und Esoterik: Kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen. Peeters, Leuven 2003, ISBN 90-429-1253-7, S. 153.
  4. Znamenski 2004, S. lix.
  5. Lindquist 1997, S. 58 ff.
  6. Znamenski 2004, S. Ixiii.
  7. Stuckrad 2003, S. 171.
  8. Lindquist 1997, S. 53–121.
  9. Lindquist 1997, S. 114.
  10. Die Wirksamkeit der Symbole. In: Claude Lévi-Strauss: Strukturale Anthropologie I. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-27826-6, S. 204–225.


 <Lang> Commons: Shamanism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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