Azoreg / CC BY-SA 3.0

Muttermilch


Zwei 25-ml-Proben einer Frau. Links Vormilch, die bei voller Brust fließt, rechts Nachmilch die bei sich leerender Brust fließt.

Muttermilch ist die von Frauen als Säuglingsnahrung gebildete Milch. Das von der Milchdrüse produzierte Sekret wird etwa 24 bis 48 Stunden nach der Geburt von der weiblichen Brust vermehrt gebildet (Laktation). Die Fütterung des menschlichen Babys über die Brust wird als Stillen oder Brusternährung bezeichnet, die Beendigung als Abstillen. Bei Tieren heißen dieselben Vorgänge Säugen und Absetzen.

Der Begriff

Das Wort „Muttermilch“ (lac maternum) ist recht neu und kam erst im Zusammenhang mit Stillkampagnen des 18. Jahrhunderts allgemein in Gebrauch, um die Mütter anzuregen, ihre Kinder selbst zu stillen, statt sie einer Amme zu übergeben. Muttermilch ist dem Begriff „Frauenmilch“ untergeordnet, der auch für die Milch fremder Mütter steht. Früher wurde das Wort „Weibermilch“ (lac muliebre) verwendet.[1] „Liebfrauenmilch“ hingegen ist ein Name eines deutschen Qualitätsweines.

Physiologische Aspekte

Der Milcheinschuss kann etwas schmerzhaft sein. Ein mögliches Problem stellt Milchstau dar, der durch Entspannung und Ruhe, häufiges Stillen und auch Ausstreichen, Abpumpen oder Quark-Kühlung gemindert werden kann. In den ersten Wochen nach der Geburt reagiert die Gebärmutter (Uterus) mit Nachwehen auf den Stillvorgang. Diese sind anfangs schmerzhaft, jedoch weit weniger als Geburtswehen. Sie unterstützen die Gebärmutter dabei, sich zusammenzuziehen und damit zurückzubilden.

Inhaltsstoffe

Muttermilch enthält im Vergleich zu Kuhmilch

  • weniger Eiweiß (ein zu hoher Eiweißgehalt in der Säuglings- und Kleinkindnahrung kann die Nieren schädigen)
  • mehr Kohlenhydrate (Laktose)
  • Antikörper (Immunglobuline, speziell Immunglobulin A = IgA), die dem Kind zusammen mit Immunglobulinen, die vor der Geburt über den Mutterkuchen übertragen wurden (IgG), bei der spezifischen Abwehr von Krankheitserregern helfen (Nestschutz)
  • abwehrfördernde Enzyme wie Lysozym, welches von in der Muttermilch enthaltenen Makrophagen (Zellen der Immunabwehr) gebildet wird
  • fettspaltende Enzyme (Gallensalz-aktivierte Lipase), die dem Kind bei der Fettverdauung helfen
  • mehr Kupfer, weniger Phosphor
  • mehr Vitamine A/C/E
  • weniger B-Vitamine, Vitamin K
  • viel weniger bis etwas mehr (Prohormon) Vitamin D
Inhaltsstoffe/100 ml[2] Mensch Kuh Schaf Ziege Pferd
Wasser 87,2 % 87,5 % 82,7 % 86,6 % 90,1 %
Kohlenhydrate 7,0 % 4,8 % 6,3 % 3,9 % 5,9 %
Fett 4,0 % 3,5–4,0 % 5,3 % 3,7 % 1,5 %
Eiweiß 1,5 % 3,5 % 4,6 % 4,2 % 2,1 %
Spurenelemente 0,3 % 0,7 % 0,9 % 0,8 % 0,4 %
kcal 70 64–68 86 65 43
kJ 294 268–285 361 273 180
Kalium [mg] 47 141
Natrium [mg] 14 45
Kalium:Natrium 3,4 3,0
Calcium [mg] 33 116
Magnesium [mg] 3 12
Calcium:Magnesium 11 10
Eisen [µg] 58 59
Phosphor [mg] 15 92

Mit gezielter Ernährung lassen sich viele potenziell wertvolle Inhaltsstoffe (z. B. Omega-Fettsäuren, CLA, Mineralstoffe (Selen), Vitamine (Folsäure)), die Milchmenge und Milcheigenschaften (z. B. Färbung) beeinflussen.

Regulierung der Milchproduktion

Die Milchbildung reguliert sich ausschließlich über die Nachfrage, welche der Körper über die Reizung der Brustwarzen wahrnimmt. Angebliche Mittel zur Steigerung bzw. Senkung haben höchstens einen Effekt auf den Milchflussreflex, nicht aber auf die Menge der produzierten Milch.

Kolostrum

Die Zusammensetzung der Muttermilch ist in den ersten Tagen und Wochen anders als später, entsprechend den altersabhängigen Bedürfnissen des Säuglings. Auf die Verzögerung von 1 bis 2 Tagen nach der Geburt ist der Organismus eines Neugeborenen eingerichtet. Das häufige Anlegen ist in den ersten Tagen sehr wichtig, da es die Milchbildung anregt. Das Neugeborene trinkt in dieser Zeit die erste Milch, das Kolostrum, das noch wenig nach Milch aussieht, sondern gelb und dickflüssiger ist. Diese Milch ist besonders reich an Stoffen, die die Immunabwehr fördern, und schützt das Neugeborene somit vor Krankheiten. Die gelbe Farbe kommt durch den hohen Anteil an Carotinen zustande.

Gesundheit

Frische Muttermilch ist insbesondere für die Ernährung von Frühgeborenen wichtig, da deren Organismus selbst häufig nicht genügend Antioxidantien für das Abfangen von freien Radikalen bereitstellen kann. Erhöhtes Aufkommen von freien Radikalen rührt von der bei Frühgeborenen notwendigen intravenösen Ernährung und den Bluttransfusionen her und macht sie anfälliger für Infektionen.[3][4]

Das in der Muttermilch enthaltene Calcium ist für die Bildung von Knochen und des Zahnmaterials wichtig.

Haltbarkeit

Abgepumpte Muttermilch sollte wie jegliche nicht-pasteurisierte Frischmilch nicht länger als 48 Stunden im Kühlschrank (bei 4 °C) gelagert werden, da die Keimbelastung bei steigender Lagerdauer zunimmt. Sie kann bei −20 °C eingefroren werden, verliert dabei jedoch einen Großteil ihrer Antioxidantien.[5] In der Regel hat frische Muttermilch nur einen sehr schwachen Geruch. Nach zweimonatiger Gefrierlagerung ist jedoch ein metallisch-fischiger Geruch festzustellen mit schweißigen und ranzigen Noten. Die Geruchsnoten fettig, nach Butter und nach Heu intensivieren sich etwas. Diese Veränderungen sind primär in Lipolyse- und Oxidationsprozessen begründet. Dabei spielt die Oxidation mehrfach ungesättigter Fettsäuren (Linolsäure) eine entscheidende Rolle. Als Gegenmaßnahme wurde vorgeschlagen, die Muttermilch sauerstofffrei oder bei noch niedrigeren Temperaturen als −20 °C zu lagern.[6] Derartige Maßnahmen sind jedoch im Privathaushalt kaum realisierbar.[6] Eine kurze Erhitzung der Milch sofort nach dem Abpumpen auf über 82 °C mit nachfolgendem Einfrieren deaktiviert die Lipase. Dabei geht zwar ein Großteil der Immunstoffe verloren, aber die so behandelte Milch gilt trotzdem als besser als künstliche Säuglingsnahrung.[7]

Siehe auch

  • Muttermilchpumpe
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Einzelnachweise

  1. Barbara Duden: Geschichte in Geschichten: Ein historisches Lesebuch.
  2. http://www.zalp.ch/aktuell/suppen/suppe_2004_03_01/su_mi.html.
  3. Georgeson, G. D. et al. (2002): Antioxidant enzyme activities are decreased in preterm infants and in neonates born via caesarean section. In: Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol, Nr. 103, S. 136–139, PMID 12069735.
  4. Baydas, G. et al. (2002): Antioxidant vitamin levels in term and preterm infants and their relation to maternal vitamin status. In: Arch Med Res, Nr. 33, S. 276–280, PMID 12031634.
  5. Hanna, N. et al. (2004): Effect of storage on breast milk antioxidant activity. In: Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed, Nr. 89, S. 518–520, PMID 15499145.
  6. 6,0 6,1 Johanna Spitzer, Andrea Büttner: Lagerung von Muttermilch – Verändertes Aroma. In: HighChem hautnah – Aktuelles aus der Lebensmittelchemie, Band V, hrsg. von der Gesellschaft Deutscher Chemiker, 2010, ISBN 978-3-936028-64-5, S. 38–39.
  7. Ruth Lawrence: Breastfeeding: A Guide for the Medical Profession, 6. Auflage 2005.

Weblinks


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