Max von Oppenheim


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Max von Oppenheim (1896)

Max Freiherr von Oppenheim (* 15. Juli 1860 in Köln; † 15. November 1946 in Landshut) war ein deutscher Diplomat, Orientalist und Archäologe in Vorderasien.

Leben

Oppenheim war der Sohn von Albert von Oppenheim, einem persönlich haftenden Gesellschafter der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim. Früh erkannte er, dass ihn Kulturen mehr begeistern als Finanzierungsbilanzen und sonstige bankbezogenen Aktivitäten. Auf Wunsch des Vaters studierte er ab 1879 Rechtswissenschaften an der Universität Straßburg, wo er 1880 dem Corps Palatia Straßburg beitrat.[1] Nach dem Referendarexamen in Köln wurde er 1883 in Göttingen zum Dr. jur. promoviert. Zwischenzeitlich bewarb er sich als Diplomat beim Auswärtigen Amt, wurde jedoch aufgrund von zahlreichen Bewerbungsanfragen und seiner jüdischen Abstammung vom Reichskanzler Bismarck abgelehnt, was der patriotischen Gesinnung Oppenheims widersprach. 1891 folgte das Assessorexamen in Köln. Im folgenden Jahr zog er mittels Finanzierung des Vaters nach Kairo, um die arabische Sprache zu lernen.

Forschungsreisen

Er unternahm diverse Forschungsreisen nach Ostafrika und in den Nahen Osten, wo er auch zeitweise diplomatische Funktionen wahrnahm. Sein Leben in Kairo war geprägt von Assimilation an sämtliche Sitten und Gebräuche der arabischen Kultur, daran zu erkennen, dass er sich eine unterdrückte arabische Geliebte nahm bzw. an der Tatsache, dass er seine Privaträume nach arabisch-morgendländischem Stil herrichten ließ. Hierbei entstanden für damalige Zeit einmalige Beziehungen zwischen einem Europäer und mehreren arabischen Stammesführern, vor allem den sonst als kriegerisch-argwöhnisch bezeichneten Beduinen. So wurde er nach seinem früheren Wunsch 1896 zum Attaché am Kaiserlichen Generalkonsulat in Kairo berufen und 1900 zum Legationsrat ernannt. Motiviert wurde diese Ernennung durch das Weltmachtstreben Kaiser Wilhelm II., der später auf Anregung von Oppenheims eine Reise in den Orient durchführte.

Zwischenzeitlich machte sich von Oppenheim mit dem Streben des Panislamismus vertraut, welches besagt, dass sämtliche auch in Europa oder den USA ansässigen Muslime nach wie vor Untertanen des osmanischen Sultans sein sollten. Später traf er sich mit Sultan Abdul Hamid, wo dies unter anderem thematisiert wurde. Daraus folgerte von Oppenheim einen enormen Nutzen für Deutschland, wenn sämtliche europäische Muslime einem eng mit Deutschland befreundetem Staate unterstehen, besonders hinsichtlich der anwachsenden muslimischen Bevölkerungszahl der deutschen Gegner um die europäische Vorherrschaft Frankreich und England. Bis 1910 war er Ministerresident in Kairo.

Tell Halaf

Im November 1899 entdeckte Oppenheim den Siedlungshügel Tell Halaf, der wegen der nach ihm benannten prähistorischen Halaf-Kultur sowie der hier entdeckten aramäisch-neuassyrischen Stadt Guzana Bedeutung erhalten sollte. Oppenheim wurde hiermit zu einer Berühmtheit unter den deutschen Amateurarchäologen. 1910 bis 1913 leitete er die dortigen Ausgrabungen und setzte diese nach dem Krieg 1927 und 1929 fort.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges war er im Auswärtigen Amt in Berlin, wo er die sogenannte „Nachrichtenstelle für den Orient“ gründete, sowie in der deutschen Botschaft in Istanbul tätig. Er suchte während des Kriegs die islamische Bevölkerung des Nahen Ostens gegen England zu mobilisieren und kann somit beinahe als deutsches Gegenstück zu Lawrence von Arabien gesehen werden. Das AA verfolgte eine Strategie der islamischen Revolten im kolonialen Hinterland der deutschen Gegner. Der geistige Vater dieses doppelten Konzepts, des Krieges erstens durch Truppen an der Front und zweitens durch völkisches Aufbegehren „in der Tiefe“ war von Oppenheim.[2]

Letzte Jahre

1939 unternahm er eine letzte Reise nach Syrien. Am 25. Juli 1940 verfasste er eine Denkschrift an Theodor Habicht zur Unterstützung des NS-Vormarsches in Nordafrika. Er hatte im Ersten Weltkrieg große Hoffnungen auf eine prodeutsche Revolutionierung von gläubigen Muslimen mittels der Religion durch einen Dschihad gesetzt. Jetzt erwähnte er in der Denkschrift mit keinem Wort mehr den Islam als Hebel für eine abermalige deutsche Einflussnahme.[3]

Den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg überlebte er in Berlin, obwohl er – wenn auch katholisch getauft – als sogenannter „Halbjude“ galt. Im Herbst 1943 übersiedelte er nach Dresden. Er verstarb 1946 an einer Lungenentzündung.

Verbleib der Funde

Die Skulpturen des Tell Halaf galten nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit als zerstört oder verschollen, da britische Bomber das Tell-Halaf-Museum von Oppenheims in Berlin 1943 in Brand gesetzt hatten. Durch Zufall wurden sie in den 1990er Jahren in einem Depotraum des Pergamon-Museums wiederentdeckt und anschließend restauriert. Es wurde geplant, die Restaurierung so zu gestalten, dass der Eingang des Pergamon Museums mit den Originaleingangsskulpturen des aramäischen Tempels bestückt werden sollte.

Seit 2001 wurden die Trümmer restauriert. 30 Bildwerke sind wieder erstanden. Dazu weitere Architektur und Werksteine. Dabei waren 27.000 Fragmente zu sortieren und zu identifizieren. Im Jahr 2011 wurden die „Geretteten Götter“ im Rahmen einer Sonderausstellung im Berliner Pergamon-Museum präsentiert.

Siehe auch

Ausstellung

  • 2011: Von Kairo zum Tel Halaf. Die Fotosammlung Max von Oppenheim, Museum für Fotografie (Berlin)
  • 2011: Die geretteten Götter, Pergamon-Museum, Berlin

Film

  • In geheimer Mission. Der Fund von Tell Halaf. Dokumentarfilm und Doku-Drama, Deutschland, 2011, 44 Min., Buch und Regie: Regie: Saskia Weisheit, Kay Siering, Produktion: ZDF, Erstsendung: 9. Januar 2011, Inhaltsangabe mit Online-Video und Bilderserien.
  • Max von Oppenheim. 1) Der Diplomat des Kaisers. 2) Der Schatz von Tell Halaf. Dokumentarfilm und Doku-Drama, Deutschland, 2009, 2 Teile je 43 Min., Buch und Regie: Maurice Philip Remy, Redaktion: Silvia Gutmann, Sprecher: Rolf Schult, Musik: Klaus Doldinger, MPR Film- und Fernseh Produktion und NDR, 1.Teil2.Teil

Werke

  • Projekt eines Plantagen-Unternehmens in Handei (Usambara) in Deutsch-Ostafrika. 1894 (als Manuskript gedruckt). Siehe auch Rheinische Handeï-Plantagen-Gesellschaft
  • Vom Mittelmeer zum Persischen Golf, durch den Hauran, die syrische Wüste und Mesopotamien, Bd. 1–2. Berlin 1899, 1900. Französisch als: Voyage en Syrie et en Mesopotamie, de Damas a Bagdad. Trad. et resume par Jacottet. Paris 1900.
  • Rabeh und das Tschadseegebiet. Berlin 1902.
  • Zur Entwicklung des Bagdadbahngebietes und insbesondere Syriens und Mesopotamiens unter Nutzanwendung amerikanischer Erfahrungen. Berlin 1904 (als Manuskript gedruckt).
  • Der Tell Halaf und die verschleierte Göttin. In: Der alte Orient, 10/1 (1908)
  • Inschriften aus Syrien, Mesopotamien und Kleinasien. Gesammelt im Jahre 1899, 3 Bde. (Beiträge zur Assyriologischen und Semitischen Sprachwissenschaft, Bd. 7), Bd. I: Arabische Inschriften bearbeitet von Dr. Max van Berchem. Leipzig 1909, Bd. II: Syrische Inschriften bearbeitet von Bernhard Moritz. Leipzig 1913, Bd. III: Hebräische Inschriften bearbeitet von Julius Euting. Leipzig 1913.
  • Die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde. 1914.
  • Die türkische Nachrichtensaal-Organisation der Nachrichtenstelle der Kaiserlichen Botschaft in Istanbul im Dienste deutscher Werbearbeit im Orient. Berlin 1914.
  • Die Nachrichtensaal-Organisation und die wirtschaftliche Propaganda in der Türkei, ihre Übernahme durch den deutschen Überseedienst. Berlin 1917.
  • Die Entwicklung der Machtverhältnisse in Inner- und Nordarabien. Berlin 1919.
  • Beduinen- und andere Stämme in Syrien, Mesopotamien, Nord- und Mittelarabien. Berlin 1919.
  • Glories of Tell Halaf – a Great Discovery. In: The Illustrated London News No. 4775 und 4776 Okt.–Nov. 1930.
  • The Oldest Monumental Statues in the World. A Great Discovery in Mesopotamia. In: The Illustrated London News No. 4804, 1931.
  • Der Tell Halaf, eine neue Kultur im ältesten Mesopotamien. Leipzig 1931. Englisch als: Tell Halaf. A New Culture in Oldest Mesopotamia. Transl. by Gerald Wheeler. London 1932; London / New York 1933. – Französisch als: Tell Halaf, la plus ancienne capitale subaréenne de Mésopotamie. Paris 1933.
  • Führer durch das Tell Halaf Museum. Berlin 1934.
  • Tell Halaf, une civilisation retrouvée en Mésopotamie. Edition francaise complétée par l’auteur, trad. de J. Marty. Paris 1939.
  • Die Beduinen. Unter Mitbearbeitung von Erich Bräunlich und Werner Caskel. Bd. I: Die Beduinenstämme in Mesopotamien und Syrien. Leipzig 1939. Bd. II: Die Beduinenstämme in Palästina, Transjordanien, Sinai, Hedjaz. Leipzig 1944. Bd. III: Die Beduinenstämme in Nord- und Mittelarabien und im Iraq. Bearb. und hrsg. von Werner Caskel. Wiesbaden 1952. Bd. IV: Register und Literaturverzeichnis. Bearb. und hrsg. von Werner Caskel. Wiesbaden 1968.
  • Die Inschriften vom Tell Halaf. Keilschrifttexte und aramäische Urkunden aus einer assyrischen Provinzhauptstadt. Hrsg. und bearb. von Johannes Friedrich, G. Rudolf Meyer, Arthur Ungnad, Ernst F. Weidner, Archiv für Orientforschung Beiheft 6 (1940).
  • Geschichte der Familie Engels in Köln und Hartung in Mayen. Dresden 1943 (als Manuskript gedruckt).
  • Meine Forschungsreisen in Obermesopotamien, Karte 1:500 000 mit Begleitworten und Ortsnamenverzeichnis. Berlin 1943 (Sonderheft 21/22 zu den Nachrichten aus dem Reichsvermessungsdienst).
  • Tell Halaf. Band I: Die prähistorischen Funde. Bearbeitet von Hubert Schmidt. Mit einer Einleitung zum Gesamtwerk von Max Frh. von Oppenheim. Berlin 1943. Bd. II: Die Bauwerke, von Felix Langenegger, Karl Müller, Rudolf Naumann. Bearbeitet und ergänzt von Rudolf Naumann. Berlin 1950. Band III: Die Bildwerke, bearbeitet und herausgegeben von Anton Moortgat. Berlin 1955. Band IV: Die Kleinfunde aus historischer Zeit, bearbeitet und herausgegeben von Barthel Hrouda. Berlin 1962.

Literatur

  • Nadja Cholidis, Lutz Martin: Der Tell Halaf und sein Ausgräber Max Freiherr von Oppenheim: Kopf hoch! Mut hoch! und Humor Hoch! Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2853-2 und ISBN 3-8053-2978-4.
  • Nadja Cholidis, Lutz Martin: Im Krieg zerstörte Denkmäler und ihre Restaurierung (= Tell Halaf / Max von Oppenheim. Bd. 5). De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022935-6.
  •  Simone Hamm: West-östlicher Divan Utopie und Wirklichkeit: Entdecker und Spion für Kaiser und Reich. In: Das Feature. Deutschlandfunk, 4. Mai 2012 (dradio.de).
  • Stefan M. Kreutzer: Dschihad für den deutschen Kaiser. Max von Oppenheim und die Neuordnung des Orients (1914–1918). Ares, Graz 2012, ISBN 978-3-902732-03-3.
  • Ursula Moortgat-Correns: Max von Oppenheim. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 562 f. (Digitalisat).
  • Michael Stürmer, Gabriele Teichmann, Wilhelm Treue: Wägen und Wagen. Sal. Oppenheim jr. & Cie. Geschichte einer Bank und einer Familie. Piper, München 1989 (und weitere überarb. Auflagen), ISBN 3-492-03282-6.
  • Gabriele Teichmann, Gisela Völger: Faszination Orient: Max von Oppenheim, Forscher, Sammler, Diplomat. DuMont, Köln 2001, ISBN 3-7701-5849-0.
  • Ernst F. Weidner (Hrsg.): Aus fünf Jahrtausenden morgenländischer Kultur. Festschrift Max Freiherrn von Oppenheim zum 70. Geburtstage gewidmet von Freunden und Mitarbeitern (= Archiv für Orientforschung. Beiband 1). Weidner, Berlin 1933. Nachdruck: Biblio, Osnabrück 1967.
  • Martina Doering: Das 27 000-Steine-Puzzle. In: Berliner Zeitung, 13. Dezember 2008, über die Tell-Halaf-Sammlung von Max von Oppenheim

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Kösener Corpslisten 1960, 35, 26
  2. Wolfgang G. Schwanitz: Djihad „made in Germany“. Der Streit um den Heiligen Krieg 1914–1915. In: Sozial. Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, 18, 2003, H. 2, S. 7–34
  3. Gerhard Höpp: Der Koran als „Geheime Reichssache“. Bruchstücke deutscher Islam-Politik zwischen 1938 und 1945. (PDF; 1,91 MB) In: Zentrum Moderner Orient (ZMO)
  4. Sammelrezension, zus. mit dem Titel: Alexander Will, Kein Griff nach der Weltmacht. Geheime Dienste und Propaganda im deutsch-österreichisch-türkischen Bündnis 1914-1918. Böhlau, Köln 2012
  5. zuerst Junge Welt, 30. März 2004. Kurze Zusammenfassung seines eigenen Buches gleichen Titels, das vergriffen ist. Vgl. auch hier die Anmerkungen, Titel von 2003

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