Hagesandros, Athanadoros, und Polydoros / CC BY-SA 4.0

Laokoon-Gruppe


Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen
Datei:Laokoongruppe (alt).jpg
Die Laokoongruppe, wie sie vor dem Auffinden des Armes ergänzt worden war

Die sogenannte Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen ist die bedeutendste Darstellung des Todeskampfs Laokoons und seiner Söhne in der bildenden Kunst. Das Werk wurde bereits von Plinius dem Älteren besonders gelobt[1] und erlangte nach seiner Wiederentdeckung 1506 große Bedeutung in der europäischen Geisteswelt. Die Skulptur der Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos ist nur in einer Marmorkopie aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. oder dem Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. erhalten. Das Original[2] war vermutlich eine um 200 v. Chr. entstandene Bronzeplastik aus Pergamon, die nicht erhalten ist.

Die Marmorkopie aus römischer Zeit wurde am 14. Januar 1506 von Felice de Fredis in seinen Weinbergen nahe den Ruinen des Goldenen Hauses Neros auf dem Esquilin in Rom wiedergefunden. Für die Menschen der Renaissance, die eben begonnen hatten, sich für die Antike zu begeistern, war der Fund aufsehenerregend. Im Auftrag des Papstes Julius II. wurden der Architekt Giuliano da Sangallo und der Bildhauer und Maler Michelangelo Buonarotti zu de Fredis geschickt. Mit den Worten: „Das ist der Laokoon, den Plinius erwähnt“, soll Sangallo die Echtheit des Fundes bestätigt haben. Noch im März des Jahres 1506 wurde die Laokoon-Gruppe dem Papst übergeben, der sie in seine persönlichen Besitztümer übernahm. Dem Finder wurden als Lohn die Zolleinnahmen der Porta San Giovanni in Rom zugesprochen, eine weitere Belohnung von 1.500 Dukaten unter dem nächsten Papst und eine letzte Ruhestätte in der Kirche Santa Maria in Aracoeli auf dem Kapitol. Seitdem befindet sich die Gruppe in den Vatikanischen Museen in Rom, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1798 und 1815, als sie sich nach Abschluss des Vertrages von Tolentino als Kriegsbeute in Paris befand.

1905 wurde der rechte Arm des Laokoon von Ludwig Pollak, einem Archäologen und Kunsthändler,[3] gefunden und der vorher gestreckt ergänzte Arm wurde 1960 durch das im Ellenbogen angewinkelte Original ersetzt. Dabei wurden auch Ergänzungen bei den Söhnen (der rechte Arm des Sohns zu seiner rechten und die rechte Hand des Sohns zu seiner linken) entfernt.

Die Laokoon-Gruppe erlangte einen außerordentlichen Einfluss auf bildende Kunst und Kunsttheorie – sie regte unter anderem im Jahre 1766 den Dichter Lessing zu seiner Abhandlung Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie an, in der er die Unterschiede zwischen bildender Kunst und Literatur herausarbeitete. Auch Johann Joachim Winckelmann[4] und Goethe[5] beschäftigten sich in eigenen Arbeiten dezidiert mit der Laokoon-Gruppe.

„Laokoon war den Künstlern im alten Rom ebendas, was er uns ist: des Polyklets Regel; eine vollkommene Regel der Kunst ... Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoon, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdeckt und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt, dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singt. Die Öffnung des Mundes gestattet es nicht; es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibt. Der Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilt und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktetes: sein Elend geht uns bis an die Seele, aber wir wünschten, wie dieser große Mann das Elend ertragen zu können.“

Johann Joachim Winckelmann

„Ich getraue mir daher nochmals zu wiederholen: daß die Gruppe des Laokoon neben allen übrigen anerkannten Verdiensten zugleich ein Muster sei von Symmetrie und Mannigfaltigkeit, von Ruhe und Bewegung, von Gegensätzen und Stufengängen, die sich zusammen teils sinnlich, teils geistig dem Beschauer darbieten, bei dem hohen Pathos der Vorstellung eine angenehme Empfindung erregen und den Sturm der Leiden und Leidenschaft durch Anmut und Schönheit mildern.“

Johann Wolfgang von Goethe

Literatur

  • Georg Daltrop: Die Laokoongruppe im Vatikan. Ein Kapitel aus der römischen Museumsgeschichte und der Antiken-Erkundung. 2. Auflage, Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 1986, ISBN 3-87940-207-8.
  • Christoph Schmälzle (Hrsg.): Marmor in Bewegung. Ansichten der Laokoon-Gruppe. Stroemfeld, Frankfurt am Main [u. a.] 2006, ISBN 978-3-87877-796-0.
  • Chrystina Häuber: Il luogo del ritrovamento del gruppo del Laocoonte e la domus Titi imperatoris (Plin. Nat. Hist. 36,37-38). In: F. Buranelli, P. Liverani, A. Nesselrath (Hrsg.): Laocoonte. Alle origini dei Musei Vaticani, quinto centenario dei Musei Vaticani 1506–2006. S. 41–47, 201–217 (Bibliographie). L’Erma di Bretschneider, Roma 2006, ISBN 978-88-8265-409-2.

Weblinks

 <Lang> Commons: Laokoon-Gruppe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. "ein Werk, welches allen Stücken der Malerey und Bildhauerkunst vorzuziehen ist", Plinius der Ältere, Naturalis historia, übersetzt von Johann Daniel Denso, Band 2, Buch XXXVI, S.783, Röse 1765, digitalisiert von der Bayrischen Staatsbibliothek, abgerufen am 19. Januar 2011.
  2. „dürfte es sich […] um Originalschöpfungen […] und nicht etwa um Kopien nach älteren Vorbildern handeln“ (S. 223) Kunze, Christian in: Jahrbuch Dt Archaeologischen Instituts Bd 111. Berlin, 1996 (online)
  3. Oxford Journals: Journal of the History of Collections, abgerufen am 10. Dezember 2009 (englisch)
  4. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, Johann Joachim Winckelmann: Winckelmanns Werke in einem Band, Berlin und Weimar 1969, S. 1–38, abgerufen am 20. Januar 2011.
  5. Über Laokoon, Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen [Band 17–22], Band 19, Berlin 1960, S.129 ff.

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