Kurden in Syrien

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Kurden in Syrien

Kurden in Syrien (Syrien)
Qamischli
Qamischli
Al-Hasaka
Al-Hasaka
Ain al-Arab
Ain al-Arab
Afrin
Afrin
Damaskus (Hauptstadt)
Damaskus (Hauptstadt)
Aleppo
Aleppo
Einige Städte im kurdisch besiedelten Teil Syriens.

Die Kurden in Syrien sind die größte ethnische Minderheit des Landes. Ihr genauer Anteil an der Bevölkerung ist unklar und wird je nach Quelle unterschiedlich (8 bis 15 %) angegeben. Fast alle syrischen Kurden bekennen sich zum sunnitischen Islam, daneben gehören einige auch zu den Jesiden und eine kleine Anzahl sind Christen oder Nusairier.

Demografie

Syriens Kurden leben hauptsächlich entlang der Grenze zur Türkei in Nordostsyrien, diese Region erstreckt sich über den größeren Teil des Gouvernements al-Hasaka. Die größten Städte der Region sind Qamischli und al-Hasaka. Eine andere Region mit einer signifikanten kurdischen Bevölkerung ist Ain al-Arab (Kobanî) in Nordsyrien in der Nähe der Stadt Dscharabulus und Kurd Dagh im Nordwesten, rund um die Stadt Afrin im Gouvernement Aleppo. Die Region Kurd Dagh erstreckt sich bis zu den türkischen Landkreisen İslahiye und Kırıkhan. Auch leben viele Kurden in den Großstädten wie Aleppo und Damaskus.[1] Die kurdisch bewohnten nördlichen und nordöstlichen Teile Syriens werden auf kurdisch "Kurdistana Binxetê" (Kurdistan unter der Grenze) genannt.

Das US State Departement geht von einem kurdischen Anteil von 9 %[2] an der Bevölkerung aus, die CIA von 10 %[1], die Gesellschaft für bedrohte Völker von 12 %[3] und der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Olivier de Schutter von 10 bis 15 %[4].

Geschichte

Die Geschichte der syrischen Kurden beginnt mit der Spaltung des Osmanischen Reiches nach 1918 und der Gründung Syriens, das erst ein französisches Mandat war und 1946 unabhängig wurde.

DPKS, Dschazira und Barzani

Osman Sabri und andere kurdische Politiker gründeten 1957 die Demokratische Partei Kurdistan-Syrien. Die Ziele der DPKS waren die Förderung der kurdischen kulturellen Rechte, wirtschaftlicher Fortschritt und demokratischer Wandel. Die DPKS wurde vom Staat nie legal anerkannt und blieb eine Untergrundorganisation, besonders nach einer Razzia 1960 bei der einige der Führer verhaftet, wegen Separatismus angeklagt und eingesperrt wurden.

Nach dem Scheitern der Union mit Ägypten 1961 erklärte sich Syrien laut Verfassung zu einer Arabischen Republik. Am 23. August 1962 führte die Regierung eine außergewöhnliche Volkszählung in der Dschazira durch. Als Ergebnis wurden 120.000 Kurden in der Dschazira zu Ausländern erklärt. Tatsächlich hatten die Bewohner syrische Ausweise und sie wurden aufgefordert, diese auszuhändigen, damit sie erneuert werden könnten. Diejenigen, die das taten, bekamen sie nicht zurück. Es wurde eine Medienkampagne gegen die Kurden mit Slogans wie Rettet das Arabertum in der Dschazira! und Bekämpft die kurdische Bedrohung! gestartet.

Diese Politik fiel mit dem Aufstand Mustafa Barzanis in Irakisch-Kurdistan und der Entdeckung von Ölreserven in den kurdischen Gebieten Syriens zusammen. Im Juni 1963 nahm Syrien an einer Militäraktion der Iraker gegen die Kurden teil und sorgte für Flugzeuge, gepanzerte Fahrzeuge und 6000 Mann. Syrische Truppen überquerten die irakische Grenze und bewegten sich auf Zaxo zu, um Barzanis Kämpfer zu verfolgen.[5]

Arabischer Gürtel

1965 entschied die syrische Regierung, einen Arabischen Gürtel (al-hizām al-ʿarabi) in der Dschazira entlang der türkischen Grenze zu errichten. Der Gürtel war 300 km lang und 10–15 km breit und erstreckte sich von der irakischen Grenze im Osten bis nach Ra's al-'Ayn im Westen. Die Durchführung des Planes begann 1973 und es wurden beduinische Araber in den kurdischen Gebieten angesiedelt. Alle Ortsnamen des Gebietes wurden arabisiert. Gemäß dem ursprünglichen Plan sollten etwa 140.000 Kurden in die südlichen nahen Wüsten bei Al-Raad deportiert werden. Obwohl die kurdischen Bauern enteignet wurden, weigerten sie sich wegzuziehen und ihre Häuser aufzugeben. Unter diesen Bauern durften diejenigen, die man zu Ausländern erklärt hatte, kein Besitz haben, keine Häuser reparieren oder neue Häuser bauen.[6]

Die 1986-Demonstrationen

Kurdische Beerdigung in Afrin

Im März 1986 versammelten sich tausende Kurden in traditioneller Kleidung im kurdischen Viertel von Damaskus, um das Frühlingsfest Nouruz zu feiern. Die Polizei warnte sie, dass das Tragen kurdischer Trachten verboten sei, und feuerte in die Menge; dabei starb eine Person. An der Beerdigung in Qamischli nahmen rund 40.000 Kurden teil. Auch in Afrin wurden drei Kurden während der Newroz-Demonstrationen getötet.[7]

Die Unruhen im März 2004

Nach einem Zwischenfall in einem Fußballstadion in Qamischli starben bei Unruhen, die am 12. März begannen, 30 Menschen und 160 wurden verletzt. Kurdische Quellen deuteten an, dass syrische Sicherheitskräfte nach Zusammenstößen während eines Fußballspieles zwischen örtlichen kurdischen Fans der Heimmannschaft und arabischen Fans der Mannschaft aus der Stadt Dair az-Zur scharfe Munition gegen Zivilisten einsetzten. Die internationale Presse berichtete über neun Tote am 12. März. Laut Amnesty International wurden hunderte Menschen, überwiegend Kurden, nach den Unruhen verhaftet. Kurdische Häftlinge berichteten über Folter und Misshandlungen. Einige kurdische Studenten wurden von ihren Universitäten verwiesen, weil sie an friedlichen Protesten teilgenommen hatten.[8]

Syrischer Bürgerkrieg

Im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 kam es ab März 2011 auch in Syrien zu Demonstrationen und Unruhen, die in einen syrischen Bürgerkrieg mündeten, der von ausländischen Staaten mit Waffenlieferungen angeheizt wird. Die kurdischen Gebiete im Norden blieben anfangs ruhig und die Kurden beteiligten sich nicht im großen Stil an den Aktionen. Die Kurden sind politisch zersplittert, was noch durch die Anwesenheit der PKK, die gegen die Türkei kämpft, verschärft wird. Die PKK hat in Syrien mit der Partiya Yekitîya Demokrat eine Schwesterpartei. Ein Teil der Kurden steht der irakischen Demokratische Partei Kurdistans Masud Barzanis nahe. Die Demokratische Partei Kurdistan-Syrien und ihre Nachfolgeparteien sind nur um Qamischli herum dominant. Wichtig ist noch die Zukunftsbewegung von Maschaal Tammo, die als einzige kurdische Partei Mitglied im Syrischen Nationalrats (SNR) ist. Zwischen den restlichen Parteien und der SNR besteht keine Einigkeit, so dass die Kurden den Kurdischen Nationalrat (KNR) gründeten. Die Zukunftsbewegung und die Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) waren keine Gründungsmitglieder des KNR.

Am Anfang der Aufstände gab das syrische Ministerium für Arbeit und Soziales am 7. März 2011 bekannt, dass Kurden, die keine syrische Staatsbürgerschaft besitzen, ab sofort ein Recht auf Arbeit hätten. Am zweiten Aprilwochenende 2011 wurde bekannt gegeben, dass diejenigen Kurden innerhalb Syriens, welche über keinerlei Staatsbürgerschaft verfügen, die syrische erhalten sollten.[9]. Dies betrifft aber nur registrierte Staatenlose (adschanib). Unregistrierte Staatenlose (maktumin) werden nicht berücksichtigt, die syrische Staatsbürgerschaft wird ihnen weiterhin vorenthalten[10].

Größere Demonstrationen fanden erst ab Oktober 2011 nach der Ermordung der kurdischen Politikers Maschaal Tammo in Qamischli statt. Die PYD hat in den westsyrischen Städten Afrin und Ain al-Arab die Kontrolle übernommen, was von der syrischen Regierung geduldet wird. Wegen dieser Duldung wird der PYD durch die anderen Kurden vorgeworfen, mit der Regierung zusammen zu arbeiten, was die PYD vehement abstreitet. Die PYD spricht der syrischen Regierung jegliche Legitimität ab und beschuldigt sie, das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Am 12. März, dem Jahrestag der Unruhen von 2004, und der Feier zum Newroz am 21. März gingen hunderttausende Kurden in mehreren Städten auf die Straße und demonstrierten gegen das Regime.

Um die wachsenden Spannungen zwischen der KNR und PYD abzubauen und um eine gemeinsame Linie zu finden, trafen sich Vertreter syrisch-kurdischer Parteien im Juli 2012 unter der Schirmherrschaft Masud Barzanis im nordirakischen Arbil. Am Ende des Treffens einigten sich die Seiten darauf nicht gegen einander vorzugehen und das Hohe Kurdische Komitee zu gründen, um über die weitere Strategie der kurdischen Organisationen zu bestimmen. Aufgrund der Truppenverlagerungen der syrischen Armee ins Landesinnere, konnten die Kurden die Kontrolle über einige Städte übernehmen. So sollen die Kurden mittlerweile (Stand Dezember 2012) die Städte Ain al-Arab, Amude, Afrin, al-Qahtaniya, Ra's al-'Ayn, al-Darbasiya, al-Dschawadiya, Maʿbada, Rumailan, Tall Tamr und al-Malikiye (Dêrik) kontrollieren.

Volkszählung von 1962

1962 wurden 20 % der syrischen Kurden ihre Staatsbürgerschaft nach einer höchst kontroversen Volkszählung, die bei vielen Menschenrechtsgruppen Bedenken verursachte, entzogen. Die Volkszählung fand aufgrund des „Dekrets Nr. 93“ in der damaligen Provinz al-Hasaka statt. Die treibende Kraft hinter dem Beschluss war deren Gouverneur Saʿid as-Saiyid [11].

Begründung

Die syrischen Regierung begründete die außerordentliche Volkszählung damit, dass Kurden aus den Nachbarländern, besonders der Türkei, illegal die Grenze überschritten hätten. Weiterhin behauptete sie, dass diese Kurden sich dort ansiedelten und so nach und nach die Mehrheit in Städten wie Amude und Qamischli ausmachten. Auch sagte sie, dass viele es schafften, sich illegal in die syrischen Einwohnerregister einzuschreiben. Des Weiteren spekulierte die Regierung, dass Kurden vorhätten, sich anzusiedeln und Besitz zu erwerben, besonders nach den landwirtschaftlichen Gesetzesreformen, um von der Neuverteilung der Ländereien zu profitieren.[12]

Wegen dieser wachsenden illegalen Einwanderung führte die Regierung am 5. Oktober 1962 die Volkszählung durch, mit dem Ziel die Register zu reinigen und die illegalen Einwanderer zu identifizieren. Am Ende wurden 100.000 Kurden als Fremde identifiziert und in speziellen Registern geführt.[12] Die restlichen überprüften Bürger wurden in neue zivile Melderegister übertragen. Mittlerweile ist die Zahl der staatenlosen Kurden in Syrien auf mehr als 200.000 angestiegen.[13]

Die staatenlosen Kurden zerfallen in zwei Gruppen, die adschanib (arab.: „Ausländer“) und maktumin (arab.: „versteckt“). Adschanib erhalten standesamtliche Identitätsdokumente, maktumin nur in Ausnahmefällen Identitätsbescheinigungen von ihrem zuständigen Bürgermeister (muhtar). Maktumin sind staatlichen Restriktionen in höherem Ausmaß als adschanib unterworfen, so erhalten sie keine Schulabschlusszeugnisse und dürfen kein Hochschulstudium aufnehmen[11][14].

Kritik

Nach Human Rights Watch soll nach einigen Aussagen die außergewöhnliche Volkszählung willkürlich durchgeführt worden sein. So seien die Mitglieder ein und derselben Familie unterschiedlich eingestuft worden. Manche Mitglieder derselben Familie wurden zu Staatsbürgern erklärt, während andere als Ausländer deklariert wurden, was die Ungenauigkeit des Vorgangs nahelegt; die HWR behauptet auch, dass manche Kurden, die den Wehrdienst geleistet hatten, ihre Staatsbürgerschaft verloren, während andere, die die Beamten bestochen hatten, sie behalten durften.[12] So soll die syrische Regierung gemäß Human Rights Watch viele ursprünglich kurdische Einwohner zu Fremden erklärt und folglich ihre Menschenrechte verletzt haben, als sie ihnen die syrische Staatsbürgerschaft entzog.[12] Staatenlose Kurden haben nicht die Möglichkeit, legal in ein anderes Land auszuwandern, weil sie keine Papiere haben. In Syrien dürfen sie nicht in staatlichen Behörden und Unternehmen beschäftigt werden und sie dürfen legal keinen syrischen Staatsangehörigen heiraten. Kurden mit dem Status eines Ausländers haben nicht das Recht zu wählen oder sich zur Wahl zu stellen.

Das Dekret Nr. 49 vom 7. April 2011 ermöglichte die Wiedereinbürgerung der registrierten staatenlosen Kurden (adschanib), berücksichtigte aber die unregistrierten maktumin nicht. Bis Ende September 2011 wurden nach Angaben des syrischen Innenministeriums 51.000 Wiedereinbürgerungen vorgenommen[15].

Menschenrechtssituation

Amnesty International behauptet, dass kurdische Menschenrechtsaktivisten misshandelt und verurteilt wurden.[16] Nach Human Rights Watch dürfen die Kurden in Syrien die kurdische Sprache nicht benutzen, ihren Kindern keine kurdischen Namen geben, keine Geschäfte unter nichtarabischen Namen eröffnen, keine privaten kurdischen Schulen gründen und keine kurdischen Bücher oder andere Schriften veröffentlichen.[12][17]

Bekannte Kurden

Bekannte syrische Kurden, die teilweise zur Zeit des Osmanischen Reiches geboren wurden, sind:

  • Cigerxwîn
  • Ciwan Haco
  • Kamal Sido
  • Mano Khalil
  • Jan Dost
  • Osman Sebrî
  • Maschaal Tammo

Literatur

  • Îsmet Şerîf Wanlî: The Kurds in Syria and Lebanon, In The Kurds: A Contemporary Overview, Editiert von P.G. Kreyenbroek und S. Sperl, Kapitel 8, Verlag Routledge, 1992, ISBN 0-415-07265-4

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 CIA World Factbook: Syria. Abgerufen am 31. März 2011 (english).
  2. U.S. Departement of State: Bureau of Near Eastern Affairs: Background Note: Syria. 18. März 2011, abgerufen am 31. März 2011 (english).
  3. Jens Halve, Dr. Kamal Sido: Die Kurden - Ein Überblick. Abgerufen am 31. März 2011 (deutsch).
  4. Olivier De Schutter: Report of the Special Rapporteur on the Right to Food, Olivier de Schutter - Mission to the Syrian Arab Republic. 27. Januar 2011, abgerufen am 31. März 2011 (PDF; 153 kB, english).
  5. Îsmet Şerîf Wanlî: S.151-152
  6. Îsmet Şerîf Wanlî: S. 157, 158 und 161
  7. Îsmet Şerîf Wanlî S.163-164
  8. Syria: Address Grievances Underlying Kurdish Unrest, Bericht der HRW vom 19. März 2004.
  9. Leukefeld, Karin: „Wieder Tote in Daraa“ Neues Deutschland online, Abruf: 11. April 2011, 8:03 Uhr
  10. Kurdwatch, 8. April 2011
  11. 11,0 11,1 Staatenlose Kurden in Syrien, Bericht von Kurdwatch, März 2010, S. 6-7 und 15 ff. (PDF; 559 kB)
  12. 12,0 12,1 12,2 12,3 12,4 Syria: The silenced kurds Bericht der HRW vom Oktober 2006
  13. Syria's Kurds Struggle for Rights Artikel der voanews.com vom 2. September 2005
  14. Refugees International, Buried Alive, Stateless Kurds in Syria, Januar 2006, S. 3,4
  15. Kurdwatch, 16. September 2011
  16. Syria: End persecution of human rights defenders and human rights activists Artikel vom 7. Dezember 2004 von der Seite amnestyusa.org
  17. Worldreport 2005 Syria Bericht der HRW von 2005

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