Kraggewölbe


Schatzhaus des Atreus in Mykene mit „Kragsteinkuppel“

Als Kraggewölbe, Kragsteingewölbe oder Falsches Gewölbe wird eine Vorform des echten Gewölbes als oberer Abschluss eines Raumes bezeichnet. Parallel dazu gibt es schon seit frühester Zeit Kragkuppeln, Kragsteinkuppeln oder Falsche Kuppeln.

Bautechnik

„Kraggewölbe“ oder „-kuppeln“ basieren auf dem Kragbogen. Waagerechte Mauersteine bilden auskragend, also aufeinander zugeschoben, eine Bogenform, die sich nach oben bis zu einem meist größeren Abschlussstein ohne stabilisierende Funktion verjüngt. Diese Verjüngung kann länglich oder kreisförmig erfolgen, je nachdem, ob es sich um rechteckige oder runde Räume handelt. Anders als beim echten Gewölbe, das sich wie ein Bogen selbst stabilisiert, muss ein Kraggewölbe durch vertikalen Druck auf die Außenseiten der Gewölbesteine gesichert werden. Kraggewölbe sind daher immer steil und massiv.

Beispiele

Der deutsche Gelehrte Gerhard Rohlfs erforschte mehr als 30 Jahre rurale Kraggewölbebauten aus Trockenmauerwerk in Europa. 1957 veröffentlichte er das Ergebnis in dem Buch: Primitive Kuppelbauten in Europa.

Westeuropa

Die ältesten erhaltenen Beispiele für Bauten mit Kraggewölbe bieten die tholosartigen Kammern im Cairn von Barnenez in der Bretagne (4500–4000 v. Chr.). Wie alt diese Art Bauten in Westeuropa sein können, erkennt man am Cairn Er-Mané bei Carnac. Auch die Megalithanlagen des Newgrange-Typs in Irland, Wales und Schottland sind Beispiele dieser Technik (etwa 3150 v. Chr.). In irischen und schottischen Souterrains wurde zum Teil auch die Kragsteintechnik eingesetzt.

Mittelmeerraum

Kraggewölbe finden sich in iberischen Kuppelgräbern (Los Millares) und sardischen Gigantengräbern. Auch die maltesischen Tempel müssen Dachkonstruktionen aus Kraggewölben besessen haben. Die Technik des Bauens mit Kragsteinen findet man auch bei den älteren ägyptischen Pyramiden, z. B. in der Knickpyramide des Pharaos Snofru (ca. 2500 v. Chr.) und in der Großen Galerie der Cheops-Pyramide, bei Kuppelgräbern auf Kreta oder im Schatzhaus des Atreus, das im 14. Jahrhundert v. Chr. in Mykene errichtet wurde. Noch älter könnten die zyprischen Tholoi von Chirokitia sein, die nicht erhalten geblieben sind. Die Navetas der Balearen und die sardischen Nuraghen (ca. 1800–500 v. Chr.) sind die letzten kulturprägenden Anlagen, bei denen die Kraggewölbetechnik (zum Teil) mit Megalithen eingesetzt wurde.

Mittelamerika

Das Kraggewölbe ist auch ein typisches Stilelement der Maya-Architektur und ein Beispiel für ein gestrecktes (also rechteckiges) „falsches Gewölbe“. Die Innenwand des „Gewölbes“ wurde vielfach von nahezu unbehauenen langen Steinen oder Steinplatten gebildet, die auf der Innenseite verputzt wurden; nur in der klassischen Zeit (ca. 600–900 n. Chr.) wurden die Steine des falschen Gewölbes in einigen Fällen (Uxmal, Kabah, Labná) glatt behauen. Durch Auffüllen mit Geröll wirkt durch dessen Gewicht eine Kraft auf den rückwärtigen Teil der Kragsteine, wodurch diese in Position gehalten werden. Auf diese Weise konnten die Maya „Gewölbe“ bis maximal etwa 6 Meter Breite und beliebiger Länge bauen. Dies wurde dadurch erkauft, dass die Decken der Räume steil und die Dachkonstruktionen sehr schwer und sehr hoch wurden. Andere Kulturen Mesoamerikas kannten derartige Konstruktionen nicht und auf dem gesamten amerikanischen Kontinent blieb das Prinzip der „echten Gewölbe“ bis zum Eintreffen der Europäer unbekannt.

Asien

Auch die vorislamische Architektur Asiens kennt keine echten Gewölbe oder Kuppeln; die Tempelbauten der indischen oder hinterindischen Architektur sind vorzugsweise flach gedeckt. Erst die Pyramidendächer und Shikhara-Türme einiger indischer Tempel (Naresar) zeigen das allmähliche Aufkommen von steinernen Kragkonstruktionen, die jedoch zunächst im Innern der Tempel nicht sichtbar wurden. Erst vergleichsweise spät (etwa ab dem 7./8. Jahrhundert) wurden in Indien und anderen Regionen Südasiens (Angkor) „falsche Gewölbe“ oder „falsche Kuppeln“ in Kragtechnik auch im Innern der Bauwerke sichtbar. Wie lange die Hindu-Handwerker – selbst unter islamischer Herrschaft – an der traditionellen Kragsteintechnik festhielten, zeigen die Portalbögen und die Kragsteinkuppel über dem Eingang der Quwwat-ul-Islam-Moschee im Qutb-Komplex in Delhi. Einige Kragsteinkuppeln in späteren Hindu- (Khajuraho) oder Jain-Tempeln (Mount Abu, Ranakpur) gehören zu den unübertroffenen Meisterwerken ihrer Art.

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