Karl Eugen Neumann


Karl Eugen Neumann

Karl Eugen Neumann (* 18. Oktober 1865 in Wien; † 18. Oktober 1915 ebenda) ist der erste Übersetzer großer Teile des Pali-Kanons buddhistischer Schriften in eine europäische Sprache (Deutsch) und somit ein Wegbereiter des westlichen und europäischen Buddhismus.

Leben

Als Neumann geboren wurde, war sein Vater, Angelo Neumann, Tenor an der Wiener Hofoper. Seine Mutter Pauline Aurelie geb. von Mihalovits war die Tochter einer ungarischen Adelsfamilie.

Seine höhere Schulbildung erhält Neumann an der Thomasschule zu Leipzig, wo sein Vater 1876 Direktor der Leipziger Oper geworden war. Nach dem Abitur reiste er nach England und Italien. Bedeutend mehr als die 1882 in Berlin begonnene Banklehre begeistern den jungen Neumann die Schriften Arthur Schopenhauers. Er vertieft sich ab 1884 oft halbe Nächte lang in philosophische Schriften und zeigt großes Interesse für die indischen Quellen, die auch Schopenhauer inspiriert hatten. Er kehrt seiner Bankkarriere den Rücken und studiert am Obergymnasium in Prag. 1887 beginnt er seine Studien an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Das Studium der Indologie bei Hermann Oldenberg und Albrecht Weber, Religionswissenschaft bei Paul Deussen und Philosophie entspricht aber nicht seinen Vorstellungen.

Nach seiner Heirat mit Camilla geb. Nordmann aus Wien geht Neumann zu Richard Pischel nach Halle und promoviert 1891 mit einer Arbeit über einen Pali-Text zum Dr. phil. an der Universität Leipzig. Im gleichen Jahr veröffentlicht er in Leipzig das Werk: „Zwei buddhistische Suttas und ein Traktat Meister Eckharts“. 1892, wieder nach Wien zurückgekehrt, veröffentlicht Neumann eine deutschsprachige Anthologie aus dem Palikanon an Schopenhauers 104. Geburtstag. 1893 erscheint eine von Neumann übersetzte Version des Dhammapada. 1894 erfüllt sich Neumanns Wunsch, in das Ursprungsland des Buddhismus zu reisen. Er hält sich einige Monate in Indien und Ceylon auf. Dort trifft er auch auf Mitglieder des Sangha, wie den Mönch Sumangala Maha Thera und Lama Dondamdup. Obwohl er das Wissen und die Gelehrsamkeit mancher Mönche sehr schätzte, erschien ihm manches auch eine Verfälschung und Verwässerung der ursprünglichen Buddhalehre. Im Herbst 1894 wieder nach Wien zurückgekehrt, widmete er sich wieder dem Studium und der Übersetzung des Tipitaka und nahm einen Posten als Assistent am Orient-Institut beim Indologen Georg Bühler an.

Die nächsten Jahre waren geprägt von der Übersetzungstätigkeit der „Mittleren Sammlung“ und deren Herausgabe in drei Bänden in Leipzig und Berlin (1896-1902). In diese Zeit fällt auch die eifrige Korrespondenz und Freundschaft mit dem geistesverwandten Giuseppe De Lorenzo (1871-1957) aus Bari, der auch italienische Übersetzungen des Werkes von Neumann herausbringt und zum Pionier des italienischen Buddhismus wird. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Deutschland kehrt Neumann 1899 wieder nach Wien zurück und übersetzt „Die Lieder der Mönche und Nonnen“. 1906 verliert Neumann bei einem Bankkrach sein gesamtes Vermögen und muss (vorübergehend) sogar die hochgeschätzte siamesische Ausgabe des Tipitaka, die ihm vom siamesischen König vermacht worden war, veräußern. Die Erbschaft nach dem Tod des Vaters behebt fürs erste die finanzielle Notsituation. 1907 erscheint bei Piper in München der erste von drei Bänden der „Längeren Sammlung“ (1912 abgeschlossen).

Obwohl Neumann das Verdienst gebührt, als erster sehr umfangreiche Teile des Palikanons ins Deutsche übersetzt und dadurch eine breite Wirkung auf die sich formierende buddhistische Bewegung im deutschsprachigen Raum genommen zu haben, ist seine Übersetzung aufgrund mangelnder Präzision im Detail heute philologisch umstritten.

1915 stirbt Neumann an seinem 50. Geburtstag und wird auf dem Wiener Zentralfriedhof (82B-2-18) in einem ehrenhalber gewidmeten Grab beigesetzt.

Eine Gesamtausgabe seines Werkes erscheint 1957 im Paul Zsolnay Verlag in Wien. Das steigende Interesse am Buddhismus im deutschen Sprachraum bringt eine Neuauflage der Neumann-Übersetzungen des Palikanon bei Beyerlein und Steinschulte und 2003 erscheint die digitale Ausgabe des Gesamtwerks bei Directmedia Publishing (Digitale Bibliothek).

Literatur

  • Neumann Karl Eugen. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 7. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1978, ISBN 3-7001-0187-2, S. 93.
  • Hellmuth Hecker: Karl Eugen Neumann. Erstübersetzer der Reden des Buddha, Anreger zu abendländischer Spiritualität. Hamburg 1986 (jeder Aspekt seines Lebens auf der Basis umfangreichen Quellenmaterials ausgeleuchtet)
  • Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur. Theseus, Berlin 2000. ISBN 3-89620-151-4. (enthält eine übersichtliche Biografie Neumanns und eine ausführliche und wissenschaftlich fundierte Kritik seiner Übersetzungen)

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