Justus Christian Loder


Justus Christian Loder. Stich von F. Müller nach einem Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein.

Justus Christian Loder (* 12. März 1753 in Riga; † 16. April 1832 in Moskau) war ein Anatom, Chirurg und Leibarzt des russischen Zaren Alexander I. Sein zwischen 1794 und 1803 entstandenes Hauptwerk Tabulae anatomicae war die zu seiner Zeit bedeutendste systematische und vollständige Sammlung von Abbildungen des menschlichen Körpers.

Leben und Werk

Jugend und Studium

Justus Christian Loder wuchs als Sohn des Gymnasialdirektors und Diakons Johann Loder († 1775) in Riga auf. Geprägt durch seinen Vater trat Loder bereits während seiner Schulzeit als Übersetzer des dritten Teils von Leonhard Eulers Lettres à une princesse d’Allemagne (1772) und Beschreibung von Kamtschatka von Stepan Petrowitsch Krascheninnikow (1773) auf. Ab 1773 ging er zum Medizinstudium an die Göttinger Universität, wo er 1777 die Doktorwürde erwarb. In dieser Zeit übersetzte er weitere naturwissenschaftliche Schriften, darunter das Werk von Louis Vitet (1736–1809) zur Vieharzneykunst (1776).

Jenaer Jahre

Im Jahr 1778 wurde Loder als Professor der Medizin, Anatomie und Chirurgie an die Universität von Jena berufen. Auf Kosten Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar begab er sich in den Jahren 1780 und 1781 auf eine Reise nach Frankreich, England und in die Niederlande, wo er mit zahlreichen Gelehrten zusammentraf und seine wissenschaftlichen Kenntnisse erweiterte. Nach seiner Rückkehr errichtete er in Jena unter anderem ein Kranken- und ein Accouchierhaus und wurde von Carl August für seine Verdienste zum weimarischen Hofrat und Leibarzt ernannt. Als Leiter des Jenaer Naturalienkabinetts legte er − auf Initiative seines naturwissenschaftlich interessierten Landesherrn und dessen Geheimen Rat Johann Wolfgang von Goethe − eine Sammlung von mehr als 4.000 anatomischen Objekten an, die er allerdings bei seinem Weggang aus Jena im Jahr 1803 mitnahm. Während seiner 25-jährigen Tätigkeit in Jena entstanden eine Reihe medizinischer Schriften, unter denen seine zwischen 1794 bis 1803 entstandenen Tabulae anatomicae quas ad illustrandam humani corporis fabricam (dt. Anatomische Tafeln zur Beförderung der Kenntniß des menschlichen Körpers, mit teutschem und lateinischen Text) als die zu seiner Zeit bedeutendste systematische und vollständige Sammlung von Abbildungen des menschlichen Körpers besonders herausragen. Zwischen 1797 und 1801 gab er das Journal für die Chirurgie, Geburtshülfe und gerichtliche Arzneykunde heraus, das in vier Bänden erschien.

In seiner Jenaer Zeit pflegte Loder enge Kontakte zu Christoph Wilhelm Hufeland und Goethe. Von Loder erlangte Goethe seine Kenntnisse in Anatomie und erlernte bei ihm das Präparieren. Aus dieser Zusammenarbeit ergab sich auch Goethes gemeinsam mit Loder gemachte Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens (1784) in der Jenaer Anatomie (Anatomieturm). Loder galt in dieser Zeit als bedeutendster Anatom Deutschlands und machte sich neben der Forschungs- und Lehrtätigkeit in seinem eigentlichen Fachgebiet, auch als Gerichtsmediziner, Augenarzt, Physiologe und Geburtshelfer verdient.[1]

Halle und Königsberg

Im Jahr 1799 zum Geheimen Hofrat ernannt, wechselte er 1803 an die Universität in Halle, wo er neben seiner Lehrtätigkeit als Professor der Medizin erneut durch die Gründung eines Krankenhauses und einer Klinik zur Geburtshilfe hervortrat. Nach dem Einzug der Franzosen in Halle infolge ihres Sieges in der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 schlug er das Angebot einer Aufnahme in den Staatsdienst aus und folgte stattdessen der preußischen Königsfamilie in ihr Exil nach Königsberg. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Leibarzt Friedrich Wilhelms III. von Preußen erhielt er am 27. November 1809 für seine Verdienste das preußische Adelsdiplom.

Kaiserlich-russischer Leibarzt in Moskau

Anschließend ging er nach Sankt Petersburg und Moskau und wurde von Zar Alexander I. 1810 zu dessen Leibarzt und kaiserlich-russischem Staatsrat ernannt. Während der französischen Besetzung Moskaus im Zuge des Russlandfeldzuges Napoleons pflegte er russische Verwundete in eigens zu diesem Zweck errichteten Militärhospitälern. Zwischen 1814 und 1817 leitete er das Moskauer Militärkrankenhaus und erweiterte es in dieser Zeit um einen eigenen Trakt für Offiziere, der durch eine Spende von 25.000 Rubeln der Moskauer Kaufmannschaft finanziert wurde. 1818 kaufte Zar Alexander Loders anatomische Sammlung für 50.000 Silberrubel und stiftete sie der Moskauer Universität. In dem unter seiner Leitung gebauten und vom Zaren mit 100.000 Rubeln finanzierten neuen Anatomiegebäude, das 1819 eingeweiht wurde, lehrte Loder in den nächsten Jahren als Ehrenprofessor der Medizin. In dieser Zeit veröffentlichte er noch ein lateinisches Handbuch der Anatomie (Elementa anatomiae humani corporis, 1823) und gab ein Verzeichnis der Präparate der Moskauer anatomischen Sammlung (Index praeparatorum aliarumque rerum ad anatomen spectantium, 1823) heraus. Seine letzte Schrift veröffentlichte er nach der Moskauer Choleraepidemie des Jahres 1830. Nach seinem Tod am 16. April 1832 wurde in der anatomischen Sammlung der Moskauer Universität zu seinen Ehren eine Marmorbüste aufgestellt.

Schriften (Auswahl)

  • Anatomisches Handbuch, Band 1, 1788 (2. Auflage 1800)
  • Anfangsgründe der chirurgischen Anthropologie und der Staatsarzneikunde, 1791 (3. Auflage 1800, 1799 auch ins Schwedische übersetzt)
  • Chirurgisch-medicinische Beobachtungen, mehrentheils in der herzogl. sachsen-weimarischen Krankenanstalt zu Jena gesammelt, Band 1, 1794
  • Tabulae anatomicae quas ad illustrandam humani corporis fabricam, 1794–1803
  • Grundriß der Anatomie des menschlichen Körpers. Zum Gebrauche bei Vorlesungen und Secir-Uebungen, Band 1, 1806
  • Elementa anatomiae humani corporis, 1823
  • Index praeparatorum aliarumque rerum ad anatomen spectantium, quae in museo Caes. Universitatis Mosquensis servantur, 1823 (2. Auflage 1826)

Literatur

  • Steffen Kublik, Gerlinde Gräfin von Westphalen: Justus Christian Loder (1753–1832): Anatom, Chirurg und kaiserlich-russischer Leibarzt, Grossbodungen 2003, ISBN 3-00-013061-6.
  • Ernst Gurlt: Loder, Justus Christian von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 19, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 76–79.
  • Markwart Michler, Heinz Müller-Dietz: Loder, Justus Christian von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15. Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 7–10 (Digitalisat).
  • Katja Regenspurger / Patrick Heinstein: Justus Christian Loders Tabulae anatomicae (1794–1803): anatomische Illustrationen zwischen wissenschaftlichem, künstlerischem und merkantilem Anspruch, in: Medizinhistorisches Journal 38, 3/4 (2003), ISSN 0025-8431, S. 245–284.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Jutta Herde: Vortragskurzfassung - „Der Anatom und Chirurg Justus Christian Loder – ein Goethefreund“ 2002

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