Jan Jessenius


Jan Jessenius

Jan Jessenius, auch Jessenius de Magna Jessen, Ioannes Jesenius, Johannes Jessen, Ján Jesenský, Jan Jesenský, Jan Jesensky a Jesen (* 27. Dezember 1566 in Breslau; † 21. Juni 1621 in Prag) war Mediziner, Politiker und Philosoph slowakischer Abstammung.

Leben

Jan war der Sohn von Balthasar Jesenský, einem slowakischen Adeligen aus der Turz (Ort „Welke Jaseno“, heute Teil von Turčianske Jaseno) im Königlichen Ungarn, der vor den Türken von Buda nach Breslau geflüchtet war.

Jan besuchte das Breslauer Elisabethgymnasium und studierte seit 1583, zunächst in Wittenberg, dann in Leipzig und schließlich 1588 in Padua.

Jan Jessenius, Silbermedaille 1618

1593 war Jessenius kurze Zeit als Arzt in seiner Geburtsstadt Breslau tätig, dann wurde er zum Leibarzt des sächsischen Kurfürsten Christian II. berufen, und im folgenden Jahr erhielt er die Professur für Anatomie an der Universität Wittenberg. 1600 ging Jessenius nach Prag, wo er die erste öffentliche Autopsie in den böhmischen Ländern durchführte und damit großes Aufsehen erregte. Er war Gelehrter und medizinischer Berater am Hof Kaiser Rudolfs II. und später auch Leibarzt des kränkelnden Monarchen. 1601 hielt er die Leichenrede für den unter nicht völlig geklärten Umständen vorzeitig verstorbenen Hofmathematiker des Kaisers, Tycho Brahe. Aus seiner hervorragenden Position heraus knüpfte Jessenius vielfältige Kontakte zu bedeutenden Vertretern des böhmischen Herrenstands, so zum Beispiel zu Karl d. Ä. von Žerotín. 1617 wurde er zum Rektor der Karls-Universität Prag gewählt. Er setzte sich dafür ein, dass die seit der Hussitischen Revolution nur ein Schattendasein fristende Akademie wieder zu einer vollständigen Universität ausgebaut würde. 1619 wandte sich Jessenius wegen der Erneuerung der Karls-Universität mit einer Denkschrift an den in Prag versammelten Generallandtag der böhmischen Länder. Im selben Jahr trat er auch in die Dienste des neu gewählten böhmischen Königs Friedrich von der Pfalz.

Jan Jessenius war nicht nur ein bedeutender Mediziner, sondern betätigte sich auf Seiten der protestantischen Stände des Königreichs Böhmen auch als Politiker. Nach dem zweiten Prager Fenstersturz wurde er 1618 vom ständischen Direktorium in diplomatischer Mission an den ungarischen Reichstag gesandt. Ferdinand II. ließ ihn danach in Preßburg als Rebellen verhaften und ins Gefängnis nach Wien bringen. Im Dezember wurde er aber im Austausch gegen zwei Habsburg-Anhänger, die in Prag einsaßen, freigelassen. Nach einer Legende hinterließ Jessenius in seiner Wiener Zelle die Inschrift IMMMM an der Wand. Ferdinand deutete dies als Imperator Matthias Mense Martio Morietur (deutsch: Kaiser Matthias wird im Monat März sterben), was im Folgejahr tatsächlich geschah. Der Habsburger fügte eine zweite Deutung hinzu: Iesseni Mentiris Mala Morte Morieris (deutsch: Jessenius, du lügst und wirst eines schrecklichen Todes sterben). Diese Prophezeiung erfüllte Ferdinand selbst, indem er Jessenius nach der Niederlage des böhmischen Ständeaufstands auf dem Prager Altmarkt enthaupten ließ.

Schriften von Jan Jessenius

  • Anatomiae, Pragae anno 1600 abs se solenniter administratae historia. Wite[n]bergae 1601.
    • Tschechische Übersetzung: Jan Jessenius z Jasené: Průběh pitvy jím slavnostně provedené v Praze L.P. MDC, k níž byl přičleněn Traktát o kostech. Praha 2004
  • De ossibus tractatus. Wite[n]bergae 1601. ISBN 80-246-0922-3
    • Slowakische Übersetzung: Traktát o kostiach. Martin 1981
Anatomia (1600)
  • De vita et morte Tychonis Brahei oratio funebris. Pragae 1601.
  • Institutiones Chirurgicae quibus universa manu medendi ratio ostenditur. Wite[n]bergae 1601. (mit Beiträgen von: Melchior Ioestelius, Adam Theodor Siberus, Daniel Sennert, Ambrosius Gertnerus u. Jacob Typotius).
    • Deutsche Fassung: Anweisung zur Wund-Artznei, in welcher alle u. jede Art u. Weise durch die chirurgischen Handgriffe zu heilen gewiesen werden. Nürnberg 1674.
  • De anima et corpore universi. Pragae 1605.
  • De sanguine vena secta demisso judicium. Pragae 1608, slowakische Uebersetzung mit dem lateinischen Text: Ján Jessenius O krvi. Univerzita P. J. Šafárika v Košiciach, 2007,neue Ausgabe mit ausführlichem Kommentar: D. Johannis a Jessen Equ. Hung. de Sanguine, Vena Secta, dimisso Judicium, Notis et Castigationibus ad hodierna et vera Artis medicae principia accomodatum a Jacobo Pancratio Brunone. Norimbergae 1668.
  • De generationis et vitae humanae periodis. 1610
  • Divorum imperatorum … Ferdinandi I. et Maximiliani II. progenies augusta. Francofurtum 1613.
  • Matthiae Austriaci coronatio in regem Hungariae. [Hannover 1613].
  • Ad Regni Boemiae, Simulque Coniunctarum, Faederatarum Provinciarum, Marchionatus Moraviae, Ducatus Silesiae, & Marchionatus Lusatiae, Inclitos Ordines: De Restauranda Antiquissima Pragensi Academia, Rectoris Jessenii … Exhortatio. Congregatis Pragae, Mense Augusto, Anni MDCXIX. exhibita. (= deutsch: An deß Königreichs Böheimb/ unnd derselben incorporirten Landen/ alß Marggraffthumbs Mährern/ Hertzogthumbs Schlesien/ Marggraffsthumbs Laußnitzs/ löbliche Stände, wegen erneuerung/ der Uhralten Pragrischen Universitet, vermanung/ Von deroselben Rectorn Doct. Jessenio, neben seinen Collegen, bey derer versammlung, zu Prag, im August Monat, deß 1619. Jahr/ ubergeben.) Pragae 1619.
  • Legationis in regiis Ungaror. comitiis proximis, nomine evangelicorum regni Boehmiae ordinum, a Jessenio … obitae, Renunciatio. Pragae 1619.
    • Deutsche Version: Ablegung der Legation, Auff den letztgehaltenen Königlichen Reichstag, in Ungarn, im Namen der Evangelischen Stände deß Königreichs Böheim / Von Doct. Jessen verrichtet … Erstlich in Lateinischer Sprach zu Prag getruckt, Nun aber in Hochteutsch … verdolmetschet. 1619
  • Oratio parresiastica, qua auxilia a rege et ordinibus Ungariae petuntur, habita Neo-Solii in comitiis. Saragossa 1621.

Literatur

  • Josef Polišenský: Jan Jesenský-Jessenius. Prag 1965
  • Maria Bokesová-Úherová: Ján Jessenius. Velký humanistický ucenec a bojovnik (1566–1621). Na 350. výrocie smrti. Bratislava 1971.
  • Josef Polišenský: Jan Jesenský-Jessenius. (Studie s ukázkami z díla. S dokumentárními obrazovými přílohami. Praha 1965
  • Friedel Pick: Joh. Jessenius de magna Jessen. Arzt und Rektor in Wittenberg und Prag, hingerichtet am 21. Juni 1621. Ein Lebensbild aus der Zeit des 30jährigen Krieges. (= Studien zur Geschichte der Medizin. 15). Leipzig 1926.
  • Friedel Pick: Denkschrift des Rektors Johannes Jessenius von Groß-Jessen an den Generallandtag von 1619 über Erneuerung der Prager Universität. Prag 1920. (Enthält den Originaltext von: „De restaurando antiquissima Pragensi academia…“)
  • László Ruttkay: Jeszensky (Jessenius) János és kora1566-1621. Semmelweis Orvostörténeti Múzeum és Könyvtár, Budapest 1971
  • L’udo Zúbek: Doktor Jesenius, Móra Ferenc Könyvkiadó. Budapest 1966
  • L’udo Zúbek: Doktor Jesenius, Szlovákiai Szépirodalmi Könyvkiadó-Móra Ferenc Könyvkiadó. Bratislava(Pozsony)-Budapest, 1958
  • August Hirsch: Jessen, Johannes. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 13, Duncker & Humblot, Leipzig 1881, S. 785 f.
  • Heinz Röhrich: Jessen, Johannes. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10. Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 425 f. (Digitalisat).
  • Jeßinski oder Iessenius, Ioann. In: Zedlers Universal-Lexicon. Band 14, Leipzig 1735, Spalte 463.

Würdigung

  • Die Jan Jessenius Goldmedaille wird von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (SAV) in Bratislava an verdiente Wissenschaftler verliehen.
  • Die medizininische Fakultät in Martin der Comenius-Universität in Bratislava trägt den Namen Jessenius-Fakultät.
  • Das zwischen Hamburg und Budapest verkehrende Eurocity-Zugpaar 174/175 trägt den Namen Jan Jessenius.

Fernsehen

  • 1983 drehte das tschechoslowakische Fernsehen eine fünfteilige Fernsehserie über Jan Jesenský. Der Titel war: Lekár umierajúceho času (deutsch: Arzt einer sterbenden Zeit – Das Leben des Jan Jessenius). Sie wurde 1987 auch im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Titelrolle spielte Petr Čepek.

Weblinks


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

18.02.2021
Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
29.01.2021
Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen
Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün.
29.01.2021
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur
Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren verschaffte ihre bessere Feinmotorik den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil
23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht.
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht und weitestgehend rekonstruieren können. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf die Evolution der Arten während der Kreidezeit zu.
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, untersuchten über 60 verschiedene säbelzahntragende Tierarten.