Herbert V. Guenther


Herbert V. Guenther (* 17. März 1917 in Bremen; † 11. März 2006) war ein deutscher Orientalist, Tibetologe und Buddhismusforscher.

Leben

Guenther besuchte als Jugendlicher das Alte Gymnasium in Bremen und war schon sehr früh von allem Asiatischen fasziniert. Er begann bereits mit neun Jahren bei einem chinesischen Ingenieur die chinesische Sprache zu erlernen und mit zehn gab er einem russischen Seemann Deutsch-Unterricht im Austausch gegen Russisch. Nach seinem Abschluss am Alten Gymnasium, wo er sich neben Latein, Griechisch und Hebräisch privat intensiv mit Sanskrit beschäftigt hatte, studierte er an der LMU München und der Universität Wien. In München lernte er seine spätere Frau Ilse Rossrucker kennen, die in Wien vergleichende Sprachwissenschaft und Indogermanistik studiert hatte. Die beiden fühlten sich durch ihr gemeinsames Interesse an Musik (sie spielte Klavier, er Flöte), an der Philosophie Heideggers und an den Upanishaden sowie ihre Ablehnung der nationalsozialistischen Politik verbunden. Guenther hatte bei Wilhelm Geiger und Walther Wüst (letzterer seit 1933 Mitglied der NSDAP, seit 1934 V-Mann des SD, seit 1936 Mitglied der SS) studiert (indoarische Philosophie und Altertumskunde, Nebenfächer Iranistik und Anglistik) und 1939 bei dem schon emeritierten Wilhelm Geiger mit einer Dissertation über die Grammatik des buddhistischen Mischprakrits, der Sprache des Mahavastu, promoviert.

1941 ging Guenther nach Wien, wo er seine Studien fortsetzte und sich 1943 mit einer Arbeit über das Sidat-Sagarava, die einheimische sinhalesische Grammatik, habilitierte. Angenommen wurde diese Arbeit von Erich Frauwallner (seit 1932 Mitglied in der NSDAP, seit 1933 im NS-Lehrerbund). Auf Frauwallners Anregung hin begann Guenther in dieser Zeit auch mit Tibetischen Studien, da in Tibet der tantrische Buddhismus bis in die Gegenwart überliefert wurde. Frauwallner wurde im Frühling 1943 zum Wehrdienst einberufen und Guenther hielt ab dem Wintersemester 1943/1944 Vorlesungen im Fach Indologie ab. Frauwallner wurde nach dem Krieg wegen seiner NS-Vergangenheit die Lehrbefugnis entzogen (er bekam sie 1952 zurück).

Als Frauwallner 1947 nach Wien zurückkehrte und anfing, sich um die Wiedererlangung seiner Lehrbefugnis zu bemühen, begann eine Folge von Ereignissen, die von der Familie Guenther im Nachhinein als „Renazifizierung“ charakterisiert wurde. Es gab wissenschaftliche, politische und persönliche Auseinandersetzungen zwischen Frauwallner und Guenther; Frauwallner warf Guenther vor, er habe Bücher aus Frauwallners in die Universität ausgelagerter Privatbibliothek gestohlen (die Universitätsbehörden folgten später Frauwallners Vorwürfen).[1] Seit 1947 plante die Familie Guenther einen Weggang nach Indien, wobei Herbert Guenther sich um ein dortiges Lehramt bemühte. Grund war in erster Linie, dass er fand, ein Indologe müsse auch in Indien arbeiten und forschen. Hinzu kam die ihm immer unerträglicher erscheinende Atmosphäre an der Wiener Universität.

Im Jahre 1950 zog die Familie Guenther nach Indien. An der Universität in Lakhnau unterrichtete Guenther von 1950 bis 1958 Russisch; parallel setzte er seine Studien fort und veröffentlichte in dieser Zeit u. a. ein Buch über den Theravada-Buddhismus, zwei Titel über den tantrischen Buddhismus: Yuganaddha – the Tantric View of Life (1952) und Concept of Mind in Buddhist Tantrism (1956)) und eine Arbeit über den buddhistischen Abhidharma (Philosophy and Psychology in the Abhidharma (1957)).

1958 wurde er an die Sanskrit University in Benares berufen, wo er Head of the Department of Comparative Philosophy and Buddhist Studies wurde und bis 1963 blieb. In dieser Zeit hatte er die Möglichkeit, mit zahlreichen tibetischen und mongolischen Lamas aller buddhistischen Schulen zu studieren und seine eigenen Forschungen über den tibetischen Buddhismus voranzutreiben. Während seiner Lehr- und Forschungstätigkeit in Benares veröffentlichte Guenther auch seine ersten größeren Übersetzungen aus dem Tibetischen: sGam-po-pa, The Jewel Ornament of Liberation (1959) und The Life and Teaching of Naropa (1963).

Nach seiner Zeit an der Sanskrit University wurde Guenther 1964 an die University of Saskatchewan in Saskatoon, Kanada, berufen, wo er Head of the Department of Far Eastern Studies wurde und bis zu seiner Pensionierung 1984 blieb. Auch danach setzte er seine buddhistischen Studien bis zu einem Tod fort und veröffentlichte zahlreiche weitere Bücher und Artikel.

Werke (in deutscher Sprache)

  • Das Seelenproblem im älteren Buddhismus. Weller, Konstanz 1949
  • Der Buddha und seine Lehre. Nach der Überlieferung der Theravadins. Rascher, Zürich 1956
  • Tantra als Lebensanschauung. Aus dem Englischen von Ursula von Mangoldt. Barth, München 1974, ISBN 3-502-61240-4
  • Tantra im Licht der Wirklichkeit (mit Chögyam Trungpa). Aurum, Freiburg im Breisgau 1976, ISBN 3-591-08026-8
  • Juwelenschmuck der geistigen Befreiung. Das Buch des tibetischen Buddhismus. Diederichs, München 1989, ISBN 3-424-00996-2
  • Wirbelndes Licht. Texte zur holistischen Prozessphilosophie des tibetischen Buddhismus der älteren Überlieferung. Buddhistischer Studienverlag, Berlin 2006, ISBN 3-937059-05-9
  • Abwärts und wieder Aufwärts. Allegorische Erzählungen über Werden und Transzendenz. Hrsg. v. Peter Gäng. Buddhistischer Studienverlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-937059-17-4
  • Göttliche und dämonische Dimensionen des Weiblichen. Ral-gcig-ma und Mukhale – zwei Göttinnen des tantrischen Buddhismus. Buddhistischer Studienverlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-937059-18-1
  • Die Lehren des Padmasambhava. Buddhistischer Studienverlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-937059-21-1

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Jakob Stuchlik: Der arische Ansatz: Erich Frauwallner und der Nationalsozialismus. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2009. (= ÖAW. Philos.-hist. Kl. Sitzungsberichte; 797.) S. 177, 181 f.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Million...
11.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge...
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde...
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...