Geweih


Geweih des Hirsches
Schematischer Verlauf der Geweihentwicklung beim Rothirsch (Cervus elaphus)

Das Geweih ist der aus Knochensubstanz gebildete „Kopfschmuck“ männlicher Hirsche (Cerviden), beim Ren (Rangifer tarandus) tragen beide Geschlechter ein Geweih.

Abgrenzung

Kämpfende Rothirsche
Schaufelgeweih des Elches (Alces alces). Chugach State Park, Alaska

Nicht zu verwechseln ist es mit dem Kopfschmuck der Hornträger (Boviden) wie bei Dickhornschaf, Muffelwild, Bison, Steinbock, Gämsen oder Ziegen. Dieser besteht aus Horn, wächst ein Leben lang mit und wird nicht abgeworfen, kann aber bisweilen abbrechen. Geweihe dagegen werden jedes Jahr neu gebildet. Das Geweih des Rehwildes wird jedoch in der Jägersprache etwas missverständlich als „Gehörn“ bezeichnet. Geweihe dienen in erster Linie als Kampf- und Imponierwaffe in der Brunftzeit, aber auch als Abwehrmittel gegen Beutegreifer.

Funktionen

Das Geweih dient der innerartlichen Auseinandersetzung während der Brunft als Teil des Imponierverhaltens sowie im Kampf (Kommentkampf) rivalisierender Hirsche um das Paarungsvorrecht. Außerdem kann es (zumindest durch den Elch) zur wirkungsvollen Verteidigung eingesetzt werden.

Eine Fülle weiterer Funktionen wird vermutet: Hirsche nördlicher Breitengrade, aber auch solche der Eiszeit, bildeten und bilden in der Regel arttypisch mächtigere Geweihe aus, in teilweise schneebedeckten Regionen oft mit Schaufeln, während in schneelosen Regionen eher kleine und schaufelarme Geweihe vorherrschen. Große und schaufelreiche Geweihe werden zum Freilegen der schneebedeckten Vegetation genutzt, ein äußerst kräftezehrender (altruistischer) Einsatz zum Vorteil des gesamten Rudels. Dafür spricht die Korrelation von Geweihausbildung und regionaler Schneehöhe bei Karibus[1] sowie die jahreszeitliche Ausbildung und der Geweihabwurf zur Schneeschmelze. Geweihtragende weibliche Tiere lassen vermuten, dass das Geweih öfters vorteilhaft eingesetzt werden kann, so zum Graben, zur Behauptung innerhalb der Gruppe, zur Revierverteidigung, aber auch zur Verteidigung gegenüber Angreifern.[2] Allerdings werden oder wurden einige dieser Funktionserklärungen von manchen Biologen angezweifelt mit dem Hinweis auf die unverhältnismäßig energiereiche Geweihproduktion.[3] Eine weitere Funktion wurde in der Thermoregulation gesehen, im Sommer über das Geweih Wärme abgeben zu können.[4]

Wachstum

Gesteuert über das männliche Geschlechtshormon Testosteron wachsen aus der Stirn des Hirsches aus den beiden Rosenstöcken (zapfenförmige Knochengebilde) zwei Knochenstangen, die mit fortschreitendem Alter und je nach Art des Tiers Verzweigungen (Enden, Sprossen) oder Verbreiterungen (Schaufeln) bilden können. Je nach Anzahl dieser Enden wird der Hirsch in der Jägersprache als Achtender, Zehnender usw. bezeichnet. Dabei wird die Endenzahl der gegebenenfalls endenreicheren Stange doppelt gezählt. Sind die Endenzahlen gleich, spricht man beispielsweise von einem „geraden“ Zehnender, anderenfalls von einem „ungeraden“.

Die Knochensubstanz der Geweihe wird während der Wachstumsphase über eine kurzbehaarte Haut, den Bast, durch Blutgefäße versorgt.

Nach Abschluss des Wachstums wird die Blutversorgung eingestellt, die Knochensubstanz stirbt ab, der Bast trocknet aus und wird vom Tier an Büschen und Bäumen abgestreift (gefegt).

Das frisch gefegte Geweih hat die weiße Farbe des freigelegten Knochens. Die spätere bräunliche Verfärbung entsteht durch Pflanzensäfte, die in die Knochensubstanz eindringen, während das Hirschmännchen wiederholt sein Geweih in Büsche und Bäume schlägt.

Im Herbst bis Spätherbst des Jahres bildet sich beim Rehbock zwischen Geweih und Rosenstock eine Demarkationslinie (Trennfuge), an der das Geweih abbricht. Beim Rothirsch geschieht dies im Spätwinter.

Störungen im Testosteron-Haushalt (Mangel, Totalausfall oder Verletzungen an den Hoden) führen regelmäßig zu Geweihmissbildungen. Die bekannteste ist der Perückenbock. Andere unregelmäßige Gehörnformen sind z.B. Tulpengehörn, Frostgehörn, Pechgehörn, Ledergehörn, Blasengehörn und Korkenziehergehörn.

Nutzung

Geweihe zeichnen sich, obwohl sie auch aus knöcherner Substanz bestehen, durch große Elastizität aus. Gewöhnlich werden zur Verarbeitung Abwurfstangen genommen. Geweih hat gegenüber den Knochen eine doppelt so hohe Dämpfung und eignet sich daher für Gegenstände, die Druck und Schlag aushalten müssen, wie Hacken oder Zwischenfutter von Beilen. Seit dem Aurignacien wurde auch Kleinkunst aus Geweih hergestellt. Aus dem Hohlen Fels[5] stammt ein graviertes Gerät aus Rentiergeweih. Möglicherweise ist darauf ein schematisiertes Wildrind dargestellt. Geweihe werden durch die Spantechnik (Ritzen zweier parallel verlaufender Linien und Ausschneiden oder Ausheben des Spanes), durch Steinbeile oder (im Neolithikum) mit einer sandbehafteten nassen Lederriemen oder einer Schnur zerlegt. Geweihgeräte sind: Angelhaken, Äxte, Beile (Lyngbybeil), Beilklingen, Druckstäbe, Hacken, Hämmer, Hakenenden für Speerschleudern, Harpunen, Lanzenspitzen, Lochstäbe, Meißel, Nähnadeln, Pickel, Pfrieme, Speere, Zwischenfutter für Beile sowie Zwischenstücke. Durch Zerschlagen von Rentiergeweihen gewann man Splitterstücke, aus denen man Werkzeuge oder Waffen herstellte. Bei Geweihbeilen bildet die abgeschrägte Seitensprosse die quer zum Geweihschaft verlaufende Schneide. Sie kommen seit dem Mittelpaläolithikum vor, verbreiteter aber erst seit dem Jungpaläolithikum. Geweihhämmer werden zum Klopfen von Fleisch und Haut, als Schlegel für Meißel bei der Knochenspaltung oder beim Feuersteinabbau (Gezähe) verwendet. Geweihpickel bei denen die Geweihstange den Schaft und die Sprosse die Zacke bildet eignen sich zum Wühlen und Hacken. Sie wurden im neolithischen Bergbau eingesetzt (Gezähe).

Geweihe werden vom heutigen Menschen (Jäger) primär als Trophäen verwendet, Trachtenkleider regional mit Knöpfen aus Geweihmaterial ausgestattet (Lederhose). Früher stellte man aus dem Geweih von Hirschen das Backtriebmittel Hirschhornsalz her.

Weblinks

 <Lang> Commons: Geweih – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. J.A. Schaefer, S.P. Mahoney: Antlers on female caribou: biogeography of the bones of contention. Eco Soc America, 2008.
  2. T.H. Clutton-Brock: The functions of antlers. Behaviour, 1982, jstor.org.
  3. F. F. Darling: A herd of red deer. In: Natural History Library edition, Doubleday, New York 1964.
  4. Bernard Stonehouse: Thermoregulatory function of growing antlers. In: Nature 218, S. 870–872 (1 Juni 1968); doi:10.1038/218870a0.
  5. Martina Barth: Die gravettienzeitlichen Knochen- und Geweihartefakte aus dem Hohle Fels und benachbarten Fundstellen im Achtal, Schwäbische Alb. Page 1. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 13, 2004, S. 79 urgeschichte.uni-tuebingen.de (PDF; 1,9 MB).

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