Kai-Erik Ballak / CC BY-SA 3.0

Querschnitt durch ein Ganggrab - Schema
Dolmen und Ganggrab mit Quartieren
Sonderformen des Ganggrabtyps
Der Visihøj, die komplexeste Anlage des Typs in Dänemark
Konstruktionen bei (späten) Anlagen mit drei oder mehr Decksteinen
Skizze eines schwedischen Ganggrabes

Das Ganggrab ist eine Form jungsteinzeitlicher Megalithanlagen, das aus einer Kammer und einem baulich abgesetzten, lateralen Gang besteht. Diese Bauform ist primär in Deutschland und Skandinavien, sowie vereinzelt in Frankreich und den Niederlanden zu finden. Sie entstanden zwischen 3500 und 2800 v. Chr. und sind Megalithanlagen der Trichterbecherkultur (TBK). Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie jungsteinzeitlicher Gesellschaften. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[1]

Grundriss

Die Grundrisse der Kammern sind fast immer deutlich länger als breit (Anlagen die diese Vorgabe nicht erfüllen, gelten in Deutschland als Dolmen). Die Grundrisse sind entweder rechteckig, trapezförmig, polygonal oder oval, auch einseitig gerade und auf der anderen Seite gebaucht (schwach D-förmig), oder mit parallelen Lang- und stumpf eingewinkelten Schmalseiten versehen. Die Megalithanlage von Ebendorf in Barleben bei Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt hat als einzige ein verschobenes Parallelogramm als Grundriss.

In der Terminologie von Ewald Schuldt (vgl. Typen der mecklenburgischen Megalithgräber) unterscheidet es sich von den Dolmen dadurch, dass es einen (lateralen) Zugang von einer Längsseite hat. Die neue deutsche Forschung sieht in ihm eine Variante des Dolmens, die regional beherrschend in der Drenthe (Niederlande), im westlichen Niedersachsen (als Emsländische Kammer) und ansonsten als "Holsteiner Kammer" auftritt.[2].

Nomenklatur

Das Ganggrab heißt in Dänemark Jættestue („Riesenstube“), in Schweden Gånggrift(er), in Frankreich Dolmen à couloir. Die britischen Anlagen haben zwar übersetzt den formal gleichen Namen (Passage grave), baulich sehen sie jedoch völlig anders aus.

Typologie

In Schweden als Ganggrab eingestuft

Der Zugang des Ganggrabes liegt quer (lateral) zur Längsachse der Kammer. Nur beim in etwa runden Polygonaldolmen ist eine Lagebestimmung unmöglich. Eine generell abweichende Festlegung gilt für Schweden und in Polen gehören nur Anlagen aus erratischen Blöchen (nicht jedoch aus Platten) in die Megalithkategorie.

Quadratische oder runde Anlagen (im oberen Bild rechts) werden in der Regel zu den Dolmen gerechnet. Es gibt im Verbreitungsgebiet einige ungewöhnlich kleine Ganggräber mit nur zwei Decksteinen (z.B. Amelinghausen-Sottorf in der Lüneburger Heide, Klein Stavern im Emsland). Dagegen gibt es westlich der Weser meist ungewöhnlich große Kammern. Eine östlichere Ausnahme davon bilden die im Elbe-Weser-Dreieck gelegenen Anlagen Lehnstedt 82 + 83. Obwohl die Tragsteine der Ganggräber (anders als die der Urdolmen) bereits auf ihrer kleinsten Fläche aufrecht stehen, sind einige wenige Ganggräber in Gruben errichtet worden (Steinkammer von Deinste in Niedersachsen und Wangels-Dammdorf in Ostholstein), sie stellen vermutlich früheste Anlagen dar. Das so genannte Trapgraf (Treppengrab - D13 in Gieten Eext) - in der Drenthe Niederlande ist eine weitere Besonderheit.

Die "Holsteiner Kammer" oder "norddeutsche Langkammer" ist eine rechteckige Form des Ganggrabes, die vorwiegend in Holstein vertreten ist. Mit 58 Anlagen (68 %) ist die so genannte Südgruppe (südlich der Eider) in Schleswig-Holstein doppelt so stark vertreten wie die annähernd ovale geformte Kammer der Nordgruppe, mit der sie sich im Raum Eckernförde überschneidet. Die Länge der Kammern schwankt zwischen 3,0 und 8,5 m, wobei Anlagen zwischen 3,0-5,5 m etwa zwei Drittel ausmachen während solche über 6,0 m das restliche Drittel bilden. Die Breite schwankt zwischen 1,0 und 2,25 m. 60 % der Kammern erreichen eine Breite von 1,5 m. Gewöhnlich haben die Anlagen drei, häufig jedoch auch vier bis sechs Decksteine. Bei fast der Hälfte konnte ein kurzer Gang aus 1 bis 2 Steinpaaren nachgewiesen werden. Eine exzentrische Lage des Ganges bzw. der Kammeröffnung tritt bei 40 % der Anlagen auf, während die Mittellage (20 %) vornehmlich bei langen Kammern vorkommt. Der Rest ist so zerstört, dass eine Aussage über die Lage des Ganges nicht gemacht werden kann. Auch die ursprüngliche Form des Hügels ist nur bei 50 % der Anlagen bestimmbar. Danach überwiegen im Norden die Rundhügel, im östlichen und westlichen Verbreitungsgebiet dagegen die Langbetten, und zwar jeweils um das Doppelte.

Während das Steinmaterial meist aus den erratischen Blöcken der Eiszeit (Findlingen) besteht, sind einige wenige Anlagen aus anderem Steinmaterial (Lübbensteine) erstellt. Eine weitere Sonderform bietet das "multikulturelle" Gräberfeld von Wartin. Hier ist ein Ganggrab in einem Hünenbett aus Steinplatten erstellt worden (E. Kirsch 1993). Auf der Terrasse des Urstromtales der Randow stehen keine Großgeschiebe zur Verfügung.

Kammer und Gang

Das Breiten/Längenverhältnis der Ganggräber liegt im Allgemeinen zwischen 1:1,2 bis 1:6. Dieses Verhältnis überschreiten nur die langen Emsländischen Kammern mit bis zu 1:14 recht deutlich ("de hoogen Stener" in Werlte, annähernd 30 Meter lang). Der in der Regel kurze, aber auch bis zu 10 m lange Gang kann mittig oder nach rechts bzw. links versetzt in die Kammer münden. Versetzte Gänge sind in Holstein besonders häufig und führten zu der Bezeichnung "Holsteiner Kammer" Bei den kurzen Ganggräbern ist dafür die gerade oder ungerade Tragsteinanzahl der Gangseite verantwortlich. Die "Lüneburger Gruppe" zeigt den schnellen Übergang zum Ganggrab in dieser Region. Laut Friedrich Laux gibt es dort:

Deckenausbau

Während es beim Ganggrab zunächst nur Deckenkonstruktionen gibt, die ihre Statik aus der Tragfähigkeit einer Dreipunktauflage (im Bild oben) gewinnen, ist der finale architektonische Schritt im Findlingsbau die echte Jochkonstruktion. Bei ihr sind drei Steine (ein Joch) trilithenartig als statische Einheit verbaut. Weil diese Zweipunkt-Auflage bei unbearbeiteten Natursteinen höchst instabil ist, stützen sich die Decksteine der einzelnen Joche seitlich aneinander ab. Die beiden Enden in einer jeden Decksteinreihe bestehen allerdings immer aus Dreipunktauflagen, da sie der ganzen Konstruktion den nötigen Halt verleihen. Ein Zwischenschritt ist die gelegentliche Auflage der Decksteine auf das Zwischenmauerwerk.

Einfassungen

Ganggräber kommen in der Regel schon aufgrund ihrer mitunter großen Länge in verhältnismäßig kurzen, rechteckigen oder ovalen Hünenbetten vor. Aus dem Emsland sind sogar Anlagen mit doppelter ovaler Einfassung (Lähden, Thuine) bekannt. Insbesondere in Dänemark gibt es jedoch eine erhebliche Anzahl die in Rundhügeln liegen. Einige Ganggräber auf Lolland und Falster, die lange, schmale Kammern und einen kurzen Gang haben, sind von einem Hünen- oder Riesenbett umschlossen, das ansonsten eher für die Dolmen typisch ist. Ein Ganggrab liegt in Holstein in einem über 70 m langen Hünenbett. In Niedersachsen liegt das Grab IV der Oldendorfer Totenstatt sogar in einem 80 m langen Bett.

Skandinavien

Das Ganggrab ist eine für die Trichterbecherkultur charakteristische Megalithanlage, ihr wurde zunächst ein eigener Zeithorizont zugeordnet. Die Ganggrabzeit lag danach zwischen der Dolmen- und der Steinkistenzeit. In Dänemark sind nur etwa 500 von den 2.087 erhaltenen Anlagen Ganggräber.

Seitenkammern

Einige besonders in Jütland verbreitete Ganggräber haben Nebenkammern. 13 dieser Anlagen findet man rund um den Limfjord, ein paar in Djursland, und auf Seeland und Lolland. Die Seitenkammern wurden gleichzeitig mit der Hauptkammer aufgeführt. Das sie eine besondere Funktion hatten kann daraus abgeleitet werden, das anderenorts gleichzeitig Quartier-Anlagen entstanden. Ein Unikat ist der Visihøj oder Hvisselhøj (sh. Bild) bei dem der Gang drei parallele Kammern erschließt, die in Art von drei jeweils kürzeren Brotlaiben hintereinander liegen.

Doppelganggrab

Einige Ganggräber wurden als Doppelanlagen (dän. dobbeltjættestue, schwed. dubbelgånggrift) errichtet, indem man zwei Kammern an den Schmalseiten zusammenbaute. Bei Röddinge auf Mön wurde der Klekkende Høj mit einer langen Kammer errichtet, die man unterteilte, so dass die Achsen eine Linie bilden und nicht einen Winkel wie bei den meisten anderen Anlagen in Rundhügeln. Diese Ganggrabart hat oft parallele Zugänge. Seltener, wie in Græse auf Seeland, öfter jedoch in Jütland (Ganggräber von Snæbum), liegen die beiden Kammern frei voneinander im Hügel. Doppelganggräber findet man in 57 Beispielen auf Seeland (Børnehøj in Roskilde, Ølshøj bei Smidstrup, Ormshøj bei Årby, Hyldedysse bei Rørby, Korshøj bei Ubby, Aldersro bei Værslev, Djævelhøj von Tikøb, und Måneshøj (auch Månehøj) auf der Svinø-Halbinsel, vereinzelt auf Møn, Langeland (im Tvedeskov), Fünen und Samsø (Rævebakken). Ein Dutzend dieser Anlagen sind aus Nordjütland besonders aus dem südlichen Himmerland, bekannt, drei liegen in Schonen (Snarringe, Stora Kungsdösen). Die Großsteingräber von Aldersro bei Værslev auf Seeland sind drei Ganggräber im selben Hünenbett. Mehrere Ganggräber in einer gemeinsamen Einfassung sind im Gegensatz zu Dolmen selten, kommen aber z.B. auch bei Grab Nr. 2 der Kleinenknetener Steine in Deutschland vor.

Ganggrabkiste

Ganggrabkisten sind nach Hans-Jürgen Beier Ganggrab-Derivate. Sie sind wesentlich kleiner als Ganggräber, ggf. eingesenkt, aus Steinplatten errichtet und mit lateralen Zugängen versehen. Sie kommen besonders häufig am Unterlauf der Oder vor (Beeskow, Klein-Rietz, beide Landkreis Oder-Spree, Wartin 1 und 2 Landkreis Uckermark und Löwenbruch Landkreis Teltow-Fläming, alle in Brandenburg). In Mierzyn (dt. Möhringen) am Stadtrand von Stettin, liegt eine weitere Anlage.

Literatur

  • Deutsches Archäologisches Institut – Abteilung Madrid: Probleme der Megalithgräberforschung. Vorträge zum 100. Geburtstag von Vera Leisner. New York : de Gruyter Berlin u. a. 1990, ISBN 3-11-011966-8 (Madrider Forschungen 16).
  • Mamoun Fansa: Großsteingräber zwischen Weser und Ems. 3. veränderte Auflage. Isensee, Oldenburg 2000, ISBN 3-89598-741-7 (Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 33).
  • P. V. Glob: Vorzeitdenkmäler Dänemarks. Wachholtz, Neumünster 1968.
  • Jean L'Helgouach: Les sépultures mégalithiques en armorique. Dolmens à couloir et allées couvertes. Imprimerie Alençonnaise, Alençon (Orne) 1965 (Travaux du Laboratoire d'Anthropologie Préhistorique de la Faculté des Sciences), (Zugleich: Rennes, Dissertation 1966).
  • Eberhard Kirsch: Funde des Mittelneolithikums im Land Brandenburg. Brandenburgisches Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte, Potsdam 1993, ISBN 3-910011-04-7 (Forschungen zur Archäologie im Land Brandenburg 1).
  • Michael Schmidt: Die alten Steine. Reisen zur Megalithkultur in Mitteleuropa. Hinstorff, Rostock 1998, ISBN 3-356-00796-3.
  • Ewald Schuldt: Die mecklenburgischen Megalithgräber. Untersuchungen zu ihrer Architektur und Funktion. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. 6, ISSN 0138-4279).
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Beier & Beran, Langenweißbach 2003, ISBN 3-930036-70-3 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. 36).

Einzelnachweise

  1. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009 S. 15
  2. Glyn Daniel, The megalith builders of Western Europe (Harmondsworth, Penguin 1963)

Siehe auch

Weblinks

 <Lang> Commons: Ganggräber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

[1] unter anderem Plan des Ganggrabes von Gaarzerhof mit drei Jochen (Jochbauweise) in der Mitte.


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