Hilal Sezgin / CC BY-SA 4.0

Fuat Sezgin


Fuat Sezgin (* 24. Oktober 1924 in Bitlis) ist ein türkischer Orientalist. Der Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, Professor emeritus für Geschichte der Naturwissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie Gründer und erster Leiter des Instituts für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften, gilt als Pionier der Erforschung der islamischen Wissenschaftskultur in arabischer Sprache. Mit seiner Geschichte des arabischen Schrifttums hat er ein internationales Ansehen genießendes Standardwerk geschaffen.

Leben und Werk

Sezgin studierte von 1943 bis 1951 an der Universität Istanbul Islamwissenschaft und Arabistik unter anderem bei dem dort lehrenden deutschen Islamwissenschaftler Hellmut Ritter (1892 - 1971). Sezgins türkischsprachige Doktorarbeit Buhari'nin kaynakları über die Quellen des al-Buchari (810-870), des Bearbeiters einer angesehenen Hadith-Sammlung rechtsverbindlicher Traditionen des Propheten Mohammed, wies nach, dass al-Buchari auf eine Kette schriftlicher Quellen zurückgreift, die bis in den frühen Islam, also bis in das 7. Jahrhundert, zurückreichen.

1961 kam Sezgin nach Deutschland, wo er zunächst als Gastdozent an der Frankfurter Universität lehrte. Hier wurde die Geschichte der Naturwissenschaften im arabisch-islamischen Kulturkreis zum Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit und zu dem Fach, für das er sich 1965 habilitierte. Weiterhin beschäftigte er sich mit der Geschichte des arabisch-islamischen Schrifttums seit dem 14. Jahrhundert. 1967 erschien der erste Band seiner Geschichte des arabischen Schrifttums über die historische und religiöse Literatur. Weitere Bände des Standardwerks erschienen in schneller Folge, 1970 der Band über die medizinischen Wissenschaften, 1971 Chemie und Alchimie, 1974 Mathematik, in der Folge die weiteren mathematischen Wissenschaften (Astronomie, Astrologie) bis 1979. 1982-2000 schloss er sein Werk mit den drei letzten Bänden zu Poesie, Grammatik, Lexikographie, Geographie und Kartographie ab.

1978 wurde Sezgin der erste Träger des Preises für Islamwissenschaft der König-Faisal-Stiftung von Saudi-Arabien. Diese und weitere Auszeichnungen machte er zum Grundstock einer Stiftung, mittels der er 1982 das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften[1] an der Johann Wolfgang Goethe-Universität gründete und bis heute leitet. Ziel des Instituts ist es, die Stellung des arabisch-islamischen Kulturkreis in der Wissenschaftsgeschichte bekannt zu machen. Dazu existieren neben verschiedenen Publikationsprojekten eine Sammlung an antiken technischen und wissenschaftlichen Instrumenten und Geräten. Durch Bearbeitung und Vervielfältigung vergriffener Primärquellen und Nachbauten der Geräte soll die Forschung erleichtert werden. Die Instrumente sind in einem Institutsmuseum zu besichtigen.

2001 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. 2009 sollte er für seine Verdienste um den Dialog der Religionen gemeinsam mit Salomon Korn mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet werden. Sezgin lehnte die Annahme ab, da Korn „Israels Krieg in Gaza rechtfertige“[2] und er daher nicht wünsche, mit Korn gemeinsam ausgezeichnet zu werden.

Fuat Sezgin ist mit der Orientalistin Ursula Sezgin[3]verheiratet, mit der er in der Nähe von Frankfurt lebt. Die gemeinsame Tochter Hilal Sezgin ist Autorin und Journalistin und engagiert sich im 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bund.[4]

Auszeichnungen

  • König-Faisal-Preis für Islamwissenschaft (1979) [5]
  • Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (1980)
  • Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (1982)
  • Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2001)

Mitgliedschaften

  • Academy of the Arabic Language (Cairo)
  • Academy of the Arabic Language (Damascus)
  • Academy of the Kingdom of Morocco (Rabat)
  • Iraqi Academy of the Arabic Language (Baghdad)

Veröffentlichungen

  • Fuat Sezgin, Geschichte des Arabischen Schrifttums.
    • Bd. 1, Leiden 1967: Qur’ânwissenschaften, Hadît, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-02007-1)
    • Bd. 2, Leiden 1975: Poesie bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-04376-4)
    • Bd. 3, Leiden 1970: Medizin, Pharmazie, Zoologie, Tierheilkunde bis ca. 430 H.
    • Bd. 4, Leiden 1971: Alchimie, Chemie, Botanik, Agrikultur bis ca. 430 H. (ISBN 3-8298-0070-3)
    • Bd. 5, Leiden 1974: Mathematik bis ca. 430 H.
    • Bd. 6, Leiden 1978: Astronomie bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-05878-8)
    • Bd. 7, Leiden 1979: Astrologie, Meteorologie und Verwandtes bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-06159-2)
    • Bd. 8, Leiden 1982: Lexikographie bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-06867-8)
    • Bd. 9, Leiden 1984: Grammatik bis ca. 430 H. (ISBN 90-04-07261-6)
    • Bd. 10, Frankfurt 2000: Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, historische Darstellung, Teil 1. (ISBN 3-8298-0056-8)
    • Bd. 11, Frankfurt 2000: Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, historische Darstellung, Teil 2. (ISBN 3-8298-0057-6)
    • Bd. 12, Frankfurt 2000: Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, Kartenband. (ISBN 3-8298-0058-4)
    • Bd. 13, Frankfurt 2007: Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland. (ISBN 3-8298-0086-X)
    • Bd. 14, Frankfurt 2010: Anthropogeographie. Teil 1: Gesamt- und Ländergeographie. Stadt- und Regionalgeographie. (ISBN 978-3-8298-0087-7)
    • Bd. 15, Frankfurt 2010: Anthropogeographie. Teil 2: Topographie - Geographische Lexika. Kosmographie - Kosmologie. Reiseberichte. (ISBN 978-3-8298-0088-4)

Weiterhin (Auswahl):

  • 1954-1962: Abü ‘Ubaid: Maðâz al Qour’ân. (ed.) 2 Vols, Cairo. (Repr. Cairo 1980, Beirut 1981)
  • 1956: Buhari'nin kaynakları; hakkinda araştırmalar (Die Quellen des Buchari (türkisch)), İstanbul. (2nd edition 2000, Ankara)
  • 1987-88-89)”Kitâb Dalâ’il al-qibla” li-Ibn al-Qaþþ (The “Kitâb Dalâ’il al-qibla” by Ibn al Qaþþ). In Zeitschrift für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften 4, (1987-88) pp. 7-91, (1989) pp. 7-45.
  • 1990: Risâlat Ibn Ridwân fi Daf’ madârr al-abdân bi-ard Miþr (Ibn Ridwân’s treatise on preventing of harmful influences upon the human body in the climate of Egypt). In Zeitschrift für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften 6, pp. 7-44.
  • 2000: Muhâdarât fi ta’rih al-‘ulüm al-‘arabïya wa-l-kartüðrâfiya ‘inda l-‘Arab wa stimrâruhâ f l-ðarb (Selections from: Mathematical Geography and Cartography in Islam and their Continuation in the Occident), Frankfurt.
  • 2000: Der Kalif al-Ma’mün und sein Beitrag zur Weltkarte. Arabischer Ursprung europäischer Karten. In Forschung Frankfurt, pp. 22- 31.
  • 2001: al Uþül al-‘arabïya li l- harâ’it al-urübïya bain al-qarn al- tâli t ‘asara wa- t- tâmin ‘asara li l-mïlâd (The Arabic origins of European maps between the 13 th and the 18 th century). In Zeitschrift für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften 14, pp. 7-40.
  • 2003: Einführung in die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften (Vol. I). In Wissenschaft und Technik im Islam, (Vols. I- V) Frankfurt.
  • 2002- 2003: Arabic origin of European maps. In Zeitschrift für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften 15, pp. 1-23.

Weblinks

Einzelbelege

  1. siehe Publikationen des Instituts in der Deutschen Nationalbibliothek unter http://d-nb.info/gnd/2083102-X
  2. http://www.zeit.de/online/2009/22/deutschlands-neue-eliten
  3. Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften der Universität Frankfurt
  4. Hilal Sezgin: Die Islamdebatte in Deutschland verläuft seltsam taz.de, 24. August 2011. Abgerufen am 1. Oktober 2010
  5. King Faisal International Prize Winners 1979 Fuat Sezgin Germany (PDF; 1,3 MB)

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