Feldforschung


Dieser Artikel beschreibt die Feldforschung in den Sozialwissenschaften. Zur Feldforschung in den Biowissenschaften siehe Feldstudie.

Feldforschung ist eine empirische Forschungsmethode zur Erhebung empirischer Daten mittels Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext. Sie wird insbesondere in der Anthropologie, Archäologie, Erziehungswissenschaft, Ethnologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie sowie in der Volkskunde betrieben. Der Begründer sozialwissenschaftlicher Forschung als Methode des „Sich Einbohrens ins soziale Milieu“ ist Gottlieb Schnapper-Arndt. Zu den namhafteren Vertretern ethnologischer Forschung im Feld gehören in der westlich-akademischen Welt unter anderen Leopold von Wiese, Marie Jahoda, Bronisław Malinowski, Marcel Mauss, Franz Boas, Max Gluckman, Gregory Bateson, Georges Devereux sowie Lili Fischer (Kunst).

Methode

Unter Feldforschung wird die systematische Erforschung von Kulturen oder bestimmten Gruppen verstanden, indem man sich in deren Lebensraum begibt und das Alltagsleben der Menschen zeitweise teilt. Mithilfe eines oder mehrerer Informanten und durch gezieltes Fragestellen sowie teilnehmende Beobachtung werden wissenswerte Informationen über die betreffende Kultur oder Gruppe gesammelt.

Der Forscher oder die Forscherin versucht, dabei möglichst objektiv zu beobachten. Grundvoraussetzung hierfür ist ein Bewusstsein über die eigenen Wurzeln und kulturellen Vorurteile sowie eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und Vorgehensweise (siehe auch Grounded Theory). Ebenfalls hoch zu gewichten sind die ethischen Anforderungen an Forscher oder Forscherin: Würde, Privatsphäre und Anonymität der erforschten Menschen müssen unter allen Umständen gewahrt werden.

Eine Strategie und wesentliches Merkmal von Feldforschung ist das Notieren von Beobachtungen, Gedanken, Gefühlen, Problemen, Ängsten, das Festhalten von typischen Sprachausdrücken, das Schreiben von Gedächtnisprotokollen, sowie das Analysieren z. B. durch Kategorien- und Typenbildung und das abschließende Zusammenfassen des Beobachteten in einer dichten Beschreibung (Clifford Geertz).

Problematisch dabei ist, dass allein durch die Anwesenheit des Forschers das Untersuchungsfeld beeinträchtigt wird. Diese Beeinflussung kann nur durch einen längeren Forschungszeitraum und durch eine aktive Teilnahme am Alltag der zu Erforschenden gemildert werden. Die "mimische Methode" ("schauspielerische" Methode) von Ludwig Ferdinand Clauß zielt daher auf eine möglichst große Integration des Forschers in die von ihm erforschte Kultur: Er forderte die Aufgabe der eigenen Kultur für die Zeit der Feldforschung und lebte z.B. jahrelang als „Beduine“ unter arabischen Beduinen und konvertierte endgültig zum Islam.

Kritik

Die wichtigste Kritik bezieht sich auf ihren Eurozentrismus, der vielen Forschern immer wieder vorgeworfen wurde. Dies bedeutet, dass der beobachtende Forscher nicht neutral beobachtete, sondern bei seinen Arbeiten durch seine eigenen kulturellen, westlich geprägten Vorurteile eingeschränkt wurde.

Eine andere Kritik an der Feldforschung bezieht sich auf ihren Androzentrismus. D.h. männliche Forscher haben sich ins Feld begeben und sich primär mit Männern befasst, so dass teilweise über das Leben von Frauen in indigenen Kulturen nichts bekannt wurde oder aber nur aus männlicher Perspektive berichtet wurde. Nach dieser feministischen Kritik der ethnologischen Feldforschung hat sich einiges geändert; die Lücken, die in den Arbeiten von Malinowski, Boas und anderen Forschern auftauchen, können jedoch nicht mehr geschlossen werden, da sich die von ihnen erforschten Kulturen unter Einfluss der Kolonialmächte und christlicher Missionare weiterentwickelt haben.

Beispiele für Feldforschung in der Soziologie

Liste der Sozialreportagen, Milieustudien, Feldforschungsstudien und Milieuromane

Liste der Sozialreportagen, Milieustudien, Feldforschungsstudien und Milieuromane Die Chicagoer Schule um Robert Ezra Park ("The City") und seine "Nachfolger" bilden ab 1930 einen Kristallisationspunkt an richtungsweisenden Arbeiten, die sich zumeist mit Themen auf mikrosoziologischer Ebene über das Leben in den Industriestädten oder Subkulturen ("The Hobo", "The Polish Peasant in Europe and America", später auch "Outsiders") beschäftigten. Hier wird auch das Konzept der teilnehmenden Beobachtung entwickelt, das wegen der Betonung der qualitativen und empirischen Methoden oft als unwissenschaftlich abqualifiziert wurde.

Als im deutschsprachigen Raum grundlegend gilt die Studie von Marie Jahoda und Hans Zeisel über "Die Arbeitslosen von Marienthal". Die Autoren der von Karin Brandauer unter dem Titel "Einstweilen wird es Mittag" 1998 verfilmten Feldstudie untersuchten die Folgen massiver Arbeitslosigkeit in einem kleinen Dorf in Österreich, das von der Schließung einer Textilfabrik existenziell betroffen war.

Durch Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung (Beobachtung, Strukturierte Beobachtungsprotokolle, Haushaltserhebungen, Fragebögen, Zeitverwendungsbögen, Interviews, Gespräche und gleichzeitige Hilfestellungen) ist diese 1933 veröffentlichte Arbeit methodisch richtungsweisend - auch wenn ihre Rezeption im deutschsprachigen Raum erst Jahr(zehnt)e später erfolgte. Die Gruppe österreichischer Soziologen am Beispiel der vom Niedergang der Textilindustrie geprägten Kleinstadt Marienthal wies in ihrer Feldforschungsuntersuchung erstmals in dieser Form, Präzision und Tiefe sozio-psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit nach und zeigte im Hauptergebnis, dass Arbeitslosigkeit nicht (wie bis dahin meist erwartet) zur aktiven Revolte, sondern vielmehr zur passiven Resignation führt.

"Die Arbeitslosen von Marienthal" ist aber nicht nur eine mit vielen Beispielen illustrierte dichte empirische Beschreibung, sondern auch eine sozialtheoretisch anregende Arbeit mit Blick auf die vier Haltungstypen der auch innerlich Ungebrochenen, der Resignierten, der Verzweifelten und der verwahrlost Apathischen – wobei lediglich der erste Typus noch „Pläne und Hoffnungen für die Zukunft“ kannte, während die Resignation, Verzweiflung und Apathie der drei anderen Typen „zum Verzicht auf eine Zukunft führte, die nicht einmal mehr in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt“.

Angesichts sich zunehmend durchsetzender demoskopischer Massenbefragungen („polls“) mit quantitativen Methoden, großflächiger Auswertung und politikrelevanter Präsentation wurden ethnographisch-qualitative Studien mit ihren besonderen Zugängen zu unterschiedlichen Sozialmilieus und sozialen Wirklichkeiten zunehmend weniger nachgefragt und auch in der akademischen Sonderwelt subdominant-minoritär. Gleichwohl gab es bedeutsame herkömmlich-ethnographische Forschungen im Sinne Schnapper-Arndts in der US-Soziologie und -Sozialpsychologie bis in die 1960er-Jahre und, im Anschluss an Einzelstudien wie Richard Hoggarts ´The Uses of Literacy: Aspects of Working Class Life´ (1957), seit den 1970er Jahren in England: etwa Howard S. Beckers 1951/55 publizierte delinquenz- und karriere-soziologische Milieustudien zu Marihuana-Rauchern („Marihuana user“) und Unterhaltungsmusikern oder Eric Hoffers zuerst 1951 veröffentlichte sozialliterarische Berichte („social writings“) über Unterschichtsfanatiker („true believer“) und andere gesellschaftliche Außenseiter („outsiders“) der US-amerikanischen Massengesellschaft und ihres nachhaltigen Konformitätsdrucks; oder britische Cultural Studies: etwa Paul Willis´ "Learning Labour"-Ansatz zur Beschreibung und Deutung von Widerständigkeit junger Arbeiterburschen gegenüber den Lernerfordernissen in einer von der ´middle class´ und ihrer ideologischen Praxis geprägten Schule als sozialer Institution.

Abgesehen von wissenschaftlichen Außenseitern (wie Norbert Elias) im sich nur selten auf Schnapper-Arndt beziehenden akademischen und Wissenschaftsbetrieb sind ethnographische Feldstudien wie beispielsweise zu zeitgenössisch-multiplen Bastelbiographien (Peter Gross, St. Gallen), zu Wiener Prostituierten, Berufskriminellen, Obdachlosen („Sandler“), Kellner(inne)n und dem niederen austrischen Landadel (Roland Girtler), oder, generell-theoriebezogener, verschiedene Beiträge zur Ethnologie kleiner Alltags- und Lebenswelten in (West-) Deutschland (Ronald Hitzler und Anne Honer) heute, im beginnenden 21. Jahrhundert, eher Ausnahme als Regel und insofern minoritär-exotische Projekte zugleich. So untersuchte der Wiener Ethnosoziologe Roland Girtler die Randgruppen Wiens des späten 20. Jahrhunderts. Für begrenzte Zeit baute er vertrauten Kontakt zu ausgegrenzten Personen (wie Prostituierten, Obdachlosen bzw. Prinzessinnen des Hochadels) auf, um durch die Nähe des persönlichen Kontaktes in Abwechslung mit Distanzierung und Reflexion, die Relevanzen des "Feldes" der Betroffenen auch durch deren Sprache ("emische Begriffe") zu begreifen, die Welt aus deren Augen zu verstehen (siehe u.a. Girtlers "10 Gebote der Feldforschung", Wien 2004, oder Girtlers Der Strich, Wien 2004).

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Feldforschung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...
03.09.2020
Künstliche Intelligenz hilft in der Archäologie
Künstliche Intelligenz ist besser als bisherige Softwareanwendungen in der Lage, den Ursprung archäologischer Funde aus naturwissenschaftlichen Unte...
26.08.2020
Bronzezeit: Fremde Ernährungstraditionen in Europa
Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit beeinflusste auch ein neues Lebensmittel die ökonomische...
26.08.2020
Wie sich Neandertaler an das Klima anpassten
Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelte...
17.08.2020
Radiokarbonuhr zur C-14 Datierung neu geeicht
Die Radiokarbondatierung wird genauer als je zuvor: Als Teil eines internationales Forschungsteam trug die Universität Hohenheim dazu bei die Technik...
06.08.2020
Langer Hals half Saurier bei Unterwasserjagd
Sein Hals bestand aus dreizehn extrem verlängerten Wirbeln und war dreimal so lang wie sein Rumpf: Der Giraffenhalssaurier Tanystropheus lebte vor 24...
06.08.2020
Ein Riesenkranich aus dem Allgäu
Forschungsteam beschreibt rund elf Millionen Jahre alten Vogelschädel von der Fundstelle Hammerschmiede als frühesten Nachweis eines großen Kranich...