Eric Wolf


Eric R. Wolf (* 1. Februar 1923 in Wien als Erich Robert Wolf; † 6. März 1999 in Irvington, New York) war ein US-amerikanischer Anthropologe österreichischer Herkunft. Er wurde durch seine Studien Lateinamerikas und marxistischen Ansichten bekannt.

Leben

Eric Wolf war jüdischer Abstammung und der Sohn von Arthur George und Maria Ossinovsky Wolf. Er verbrachte seine Kindheit in Böhmen. Die Familie musste nach dem „Anschluss“ Österreichs und der dadurch entstanden Bedrohung durch die Nationalsozialisten 1938 zunächst nach England und dann 1940 in die USA emigrieren. In New York besuchte Wolf das Queens College. Am 24. September 1943 heirateten Eric Wolf und Kathleen Bakeman. Die Ehe wurde 1972 geschieden, und Wolf war in zweiter Ehe mit der Anthropologin Sydel Silverman verheiratet.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges kämpfte er in der 10. US-Gebirgsdivision in den italienischen Alpen. Hier lernte Eric Wolf in der Region Trentino-Südtirol die deutsch-italienische Sprachgrenze kennen. Gemeinsam mit John Cole erstellte er 1960/61 eine Studie über das Nonstal, die 1974 erstmals erschien.

Als zurückkehrender Soldat nutzte Eric Wolf die G. I. Bill of Rights, um sein Studium fortsetzen zu können. 1946 erwarb er sein B. A. in Soziologie und Anthropologie. Anschließend studierte Wolf bei Ruth Benedict und Julian Haynes Steward an der Columbia University. Unter der Anleitung von Steward begann Wolf im Jahr 1947 in dem Projekt Die Völker von Puerto Rico mit der Feldforschung bei den Kaffeebauern. Mit seiner Dissertation zu diesem Forschungsprojekt wurde Wolf 1951 promoviert. Feldforschungen führte Wolf auch in Mexiko in den Jahren 1951–52, 1954 und 1956 durch. Eric Wolf lehrte an folgenden Universitäten:

  • 1952–1955: Assistant Professor an der University of Illinois.
  • 1955–1958: Assistant Professor an der University of Virginia.
  • 1958–1959: Yale University.
  • 1959–1960: Assistant Professor an der University of Chicago.
  • 1961–1971: Professor an der University of Michigan in Ann Arbor. Hier organisierte er mit seinem Kollegen Marshall Sahlins das erste Teach-in gegen den Vietnamkrieg.
  • 1971–1992: Distinguished Professor am Lehman College und am Graduiertenkolleg der New Yorker City University . Hier begann er 1974 mit der Arbeit an seinem Hauptwerk Europa und die Völker ohne Geschichte.

1990 war er MacArthur Fellow.

Position

Die Columbia Universität war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Stützpunkt der Kulturellen Anthropologie in den USA nach dem Verständnis von Franz Boas und seinen Schülern. Nach Boas' Tod im Jahr 1942 kamen sein anthropologischer Stil, sein dezidierter Anti-Evolutionismus und seine positivistische Vorliebe für detaillierte Studien aus der Mode. Neuer Vorsitzender der anthropologischen Abteilung war Julian Steward geworden, der bei Robert Lowie und Alfred Kroeber studiert hatte. Steward vertrat eine Kulturökologie und zugleich als unorthodoxer Marxist eine evolutionistische Auffassung der Anthropologie: Er wollte erklären, wie Gesellschaften entstehen und sich an ihre Umwelt anpassen können.

Wolf gehörte zu einer Gruppe älterer linker sowie marxistischer Studenten, die sich halbironisch Mundial Upheaval Society (wörtlich: Weltliche Umwälzungsgesellschaft) nannte. Diese fortschrittlichen Studenten hatten die Große Depression bewusst erlebt und am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Wolf selbst erwähnte folgende Kommilitonen als MUS Mitglieder:

  • Sidney Mintz, Morton Fried, Elman Service, Stanley Diamond, Daniel McCall, Robert Manners, Rufus Mathewson und John Murra als Zaungast [1]. Robert F. Murphy und der jüngere Marvin Harris waren ebenfalls Studenten Stewards, die später bekannt und einflussreich wurden.

Die Relevanz Eric Wolfs für die Anthropologie ist darin begründet, dass er sich während der 1970er und 1980er Jahre mit Themen wie Macht, Politik und Kolonialismus beschäftigte, als diese Phänomene im Mittelpunkt disziplinärer Aufmerksamkeit standen. Europe and the People Without History demonstriert, dass die Nicht-Europäer lange Zeit vor der europäischen Expansion komplexe Handelsnetze aufgebaut hatten und seit Christoph Kolumbus in globale Prozesse wie dem Pelz- und Sklavenhandel gefangen waren: Die außereuropäischen Völker waren nicht „in der Zeit gefroren“ oder „isoliert“, sondern immer tief in die Weltgeschichte eingebunden.

In den letzten Jahren seines Lebens warnte Wolf vor einer „intellektuellen Entwaldung“, die auftrete, wenn sich die Anthropologie auf theoretische Höhenflüge begebe, statt sich auf die Realitäten des Lebens und der Feldforschung zu konzentrieren.

Veröffentlichungen

Autor
  • The Mexican Bajío in the 18th Century. Tulane University, Middle American Research Institute 1955.
  • Sons of the Shaking Earth. The People of Mexico and Guatemala. The University of Chicago Press, Chicago 1959.
  • Anthropology. Englewood Cliffs, Prentice-Hall, New Jersey 1964.
  • Peasants. Englewood Cliffs, Prentice-Hall, New Jersey 1966.
  • Peasant Wars of the Twentieth Century. Harpercollins College, New York 1969.
  • Europe and the People Without History. University of California Press, Berkeley 1982, ISBN 0520048989, Neuauflage 1997.
    • Deutsche Ausgabe: Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400. Aus dem Amerikanischen von Niels Kadritzke. Campus, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3593336685
  • The Human Condition in Latin America. Gemeinsam mit Edward C. Hansen. Oxford Uni Press, New York 1979, ISBN 019501569X
  • The Hidden Frontier. Ecology and Ethnicity in an Alpine Valley. Gemeinsam mit John W. Cole. Academic Press, New York u. London 1974.
    • Neuauflage: Berkeley University of California Press, 1999, ISBN 0520216814
    • Deutsche Ausgabe: Die unsichtbare Grenze. Ethnizität und Ökologie in einem Alpental. Aus dem Amerikanischen von Günther Cologna, Folio, Wien 1995, ISBN 978-3852560021
  • Envisioning Power. Ideologies of Dominance and Crisis, Berkeley 1999.
  • mit Sydel Silverman: Pathways of Power. Building an Anthropology of the Modern World, University of California Press, Berkeley 2001.
Herausgeber
  • Religious Regimes and State-Formation. Perspective from European Ethnology. State University of New York Press 1991.

Sekundärliteratur

  • Jan Abbink u. Hans Vermeulen (Hrsg.): History and Culture. Essays on the Work of Eric R. Wolf. Spinhuis, Amsterdam 1992, ISBN 907305219X.
  • T. Assad: Are There Histories of Peoples Without Europe?. In: Comparative Studies in Society and History. Bd. 29, 1987, S. 594–607.
  • Carola Lentz: Eric Wolf. In: Karl-Heinz Kohl u. Christian F. Feest (Hrsg.): Hauptwerke der Ethnologie. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 978-3520380012, S. 514–519.
  • Jane Schneider u. Rayna Rapp (Hrsg.): Articulating Hidden Histories. Exploring the Influence of Eric R. Wolf. University of California Press, Berkeley 1995, ISBN 0520085825.
Lexikaeinträge
  • Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Hrsg.: Österreichische Nationalbibliothek, Wien. K. G. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8 (Band 3) S. 1497.
  • International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Hrsg.: Herbert A. Straus, Werner Röder. Saur, München 1983, ISBN 3-598-10089-2 (Band 2/I L–Z), S. 1257.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Eric R. Wolf u. Sydel Silverman: Pathways of Power, University of California Press, Berkeley 2001, S. 4 (Introduction: An Intellectual Autobiography).

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Million...
11.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge...
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde...
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...