Endogamie


Die Endogamie (griech. endo innen, gamos Hochzeit) ist eine Heiratsregel, bei der Eheschließungen nur innerhalb einer bestimmten (der eigenen) Gruppe, Kaste usw. gebilligt werden. Das Gegenteil zur Endogamie ist die Exogamie.

Soziale und strikte Endogamie

Kulturen, in denen Endogamie praktiziert wird, fordern von ihren Angehörigen die Heirat innerhalb bestimmter sozialer Gruppen, Klassen, Bevölkerungsteile. Von der verbreiteten Üblichkeit, dass viele Menschen dazu neigen, Mitglieder ihrer eigenen sozialen Gruppe zu heiraten (präferentielle bzw. soziale Endogamie, vgl. auch Isogamie), sind die expliziten Heiratsregeln verschiedener Gruppen zu unterscheiden, die Endogamie besonders streng ausüben (präskriptive bzw. strikte Endogamie), als Bestandteil ihrer etablierten Moral, ihrer Traditionen oder religiösen Überzeugungen. Das Kastensystem in Indien ist ein übergreifendes Ordnungssystem (weitgehend) endogamer Gruppen.

Im Unterschied zu Gruppen, in denen Endogamie für die Gruppenmitglieder explizit verbindlich ist, sind bei der sozialen Endogamie die Übergänge zwischen Verpflichtung seitens der Gruppe, Gewohnheit der Gruppenmitglieder und natürlichem Zusammentreffen innerhalb der Gruppe (Mitglieder einer und derselben sozialen Gruppe treffen häufiger aufeinander und teilen gemeinsame Überzeugungen, Gewohnheiten usw.) fließend.

Extreme Formen der Endogamie erlauben nur die Heirat zwischen nahen Verwandten. Wie auch in sehr kleinen endogamen Gruppen ergibt sich hier das Problem der Inzucht, andererseits kann Endogamie auch zur Sicherung bzw. Herausbildung genetischer/phänotypischer Besonderheiten beitragen. In der jüngeren Anthropologie setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass zahlreiche genetische/phänotypische Unterschiede zwischen (kleinen) Ethnien nicht primär auf Umweltwirkung zurückgehen, sondern ursprünglich auf besondere Präferenzen bei der Partnerwahl in kleinen, abgeschlossenen Gruppen.

Kategorische und strukturelle Endogamie

Auf einer anderen Ebene, die von Netzwerk-analytischer Forschung beeinflusst ist, werden kategorische und strukturelle Endogamie voneinander unterschieden.[1]

  • Von Kategorischer Endogamie wird dabei gesprochen, wenn die für die Fortpflanzung relevanten Paarfindungen unter Menschen erfolgen, die sich durch ihre Eigenschaften wie Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, soziale Klasse, regionale Zugehörigkeit oder Religion bestimmen lassen.[1]
  • Um Strukturelle Endogamie handelt es sich dagegen, wenn ein genealogisches Netzwerk (also das Geflecht der Abstammungsbezüge) eine maximale Untergruppe von Familien beinhaltet, deren Paare alle durch mehr als eine vollständig distinkte Linie von Verwandtschaft oder Abstammung verbunden sind.[2]

Ein Beispiel für die strukturelle Endogamie findet sich bei muslimischen Nomaden wie die Yörüken, bei denen die Heirat mit der Tochter des Vaterbruders die Endogamie fördert.[3][4]

Soziale Bedeutung

Endogamie verstärkt den Gruppenzusammenhalt und die Gruppenabschließung nach außen. Endogamie sichert nicht zuletzt die gemeinsame, verwandtschaftliche Verfügungsgewalt über soziale und materielle Ressourcen, daher tendieren Oberschichten zu ihr. Sie findet sich als soziale Endogamie, zumeist als Übergangsphänomen, besonders auch bei Einwanderergruppen. Endogamie schützt Minderheiten davor, in Mehrheitsgesellschaften oder einem Umfeld mit anderen sozialen Praktiken und Überzeugungen aufzugehen. Während in Gesellschaften mit Kastensystemen oder vergleichbaren Traditionen Endogamie die Einordnung einer Gruppe in die gesamtgesellschaftliche Struktur erleichtert, schützt Endogamie Minderheitengruppen in anderen Gesellschaften vor Anfeindungen, indem sie durch eine Aufteilung des Heiratsmarktes die Gruppenkonkurrenz verhindert.

Beispiele strikt endogamer Gruppen

Beispiele für strikt endogame Gruppen sind die Jesiden aus dem Nord-Irak (unter islamischer Dominanz), manche jüdische Gemeinschaften, die Parsen in Indien/Mumbai (unter hinduistischer Dominanz), viele Jatis des indischen Kastensystems. Der europäische Adel der Vergangenheit kann mit einigem Recht ebenfalls als strikt endogame Gruppe angesprochen werden, war doch die standesgemäße Heirat für die Mitglieder des Adels, bzw. einzelner Adelsränge, weitgehend verbindlich.

Asymmetrische Endogamie

Zahlreiche Gruppen praktizieren eine Form der asymmetrischen Endogamie. D.h. für bestimmte Gruppenmitglieder gilt die Endogamie als verbindlich, andere haben hingegen das Recht, auch exogam zu heiraten. Zumeist werden in diesem Fall die Heiratsregeln nach Geschlechtern unterschieden (vgl. Geschlechtertrennung). So haben muslimische Männer das Recht, Nichtmusliminnen zu heiraten, während dies Musliminnen zumeist verwehrt wird. Laut jüdischen Religionsgesetzen (Halacha) darf ein Jude/ eine Jüdin nur jemanden heiraten, der/die entweder eine jüdische Mutter hat (Matrilinearität) oder zum Judentum übergetreten ist.

Literatur

  • M[ax] Cohn: Eherecht. In: Georg Herlitz: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, Band 2, Athenäum, Frankfurt am Main ²1987, ISBN 3-610-00400-2 (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1928-30).
  • Ulrike Davis-Sulikowski u. a. (Hgg.): Körper, Religion und Macht. Sozialanthropologie der Geschlechterbeziehungen. Campus, Frankfurt am Main / New York 2001, ISBN 3-593-36881-1.
  • Thomas Klein (Hrsg.): Partnerwahl und Heiratsmuster, sozialstrukturelle Voraussetzungen der Liebe, Leske und Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-2874-6.
  • R[enate] O[tto-]W[alter]: Endogamie – Exogamie, in: Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hgg.): Lexikon zur Soziologie, 4. Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 161, ISBN 978-3-531-16602-5.
  • Wolfgang Teckenberg: Wer heiratet wen? Sozialstruktur und Partnerwahl. Leske und Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2541-0 (zugleich Habilitationsschrift an der Universität Heidelberg 1999)

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Endogamie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen

  1. 1,0 1,1 http://eclectic.ss.uci.edu/~drwhite/turks/Networks_and_Ethnography.htm, Update-Stand: 2004, unsichere Paginierung: ca. XX+492 S. (Online-Arbeitsentwurf zu: Douglas R. White & Ulla C. Johansen: "Network Analysis and Ethnographic Problems: Process Models of a Turkish Nomad Clan", Lexington Books 2004, pp. 1-544), Glossar, ca. S. 456 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben
  2. Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 70, Glossar, ca. S. 456 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben
  3. Ulla C. Johansen & Douglas R. White: Collaborative Long-Term Ethnography And Longitudinal Social Analysis Of A Nomadic Clan In Southeastern Turkey, Kap. 4, pp. 81-99, in: R. V. Kemper & A. Royce (Ed.): Chronicling Cultures: Long-term Field Research in Anthropology, Walnut Creek, AltaMira 2002, S. 91, mit Verweis auf Douglas R. White 1997, Structural endogamy and the graphe de parenté, Informatique Mathématique et Sciences Humaines, 137, S. 107-125, auf L. A. Brudner & D. R. White 1997, Class, poverty, and structural endogamy: Visualizing networked histories, Theory and Society, 26, S. 161-208 und auf D. R. White & U. Johansen 2001, An Introduction to Network Analysis of Genealogy and Politics: Social Dynamics in a Nomadic Society, Walnut Creek, AltaMira
  4. Online-Draft zu White & Johansen 2004, a. a. O., Kap. 2, ca. S. 70 - keine wissenschaftlich valide Citation vom Wikipedia-Autoren angegeben

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