Dorothy Garrod


Dorothy Garrod, 1913

Dorothy Garrod (* 5. Mai 1892 in London; † 18. Dezember 1968 in Cambridge) war eine der bedeutendsten Prähistorikerinnen Großbritanniens. Sie erforschte die Altsteinzeit (Paläolithikum), die Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) in Europa und der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) in Palästina. Sie gilt als zweite Frau, nach Johanna Mestorf, die das Leben der frühen Menschen erforschte. Sie war die erste Frau, die eine Professur an der Universität Cambridge erhielt.

Leben

Dorothy Annie Elizabeth Garrod wurde am 5. Mai 1892 als eines von vier Kindern einer Arztfamilie geboren. Ihr Vater Archibald Garrod, der am St Bartholomew’s Hospital arbeitete, gilt als einer der Entdecker der biochemischen Vererbungslehre. Ihre Brüder Alfred-Noel und Thomas fielen im Ersten Weltkrieg, ihr jüngerer Bruder Basil starb 1919 an Influenza.

Nach dem Besuch einer Privatschule, der Birklands School in St Albans, studierte Garrod von 1913 bis 1916 am Newnham College in Cambridge Geschichte. Im Ersten Weltkrieg lebte ihre Familie auf Malta. Hier besuchte sie die Tempelausgrabungen des Archäologen Themistocles Żammit (1864–1935), wodurch sie einen Eindruck von mediterraner Prähistorie bekam. 1921 lernte sie in Oxford den Wissenschaftler Robert Ranulph Marett (1866–1943) kennen, der seine Begeisterung für die Religionen der frühen Menschen auf Garrod übertrug. Er brachte sie mit den französischen Prähistorikern Henri Èdouard Breuil (1877–1961) und Henri Graf Bégouën (1863–1956) in Verbindung.

Ab 1922 arbeitete Dorothy Garrod unter Henri Breuil am „Institut de Paléontologie Humaine“ in Paris. Hier freundete sie sich mit Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) an, der damals asiatische Skelette untersuchte. Auf Anregung von Henri Breuil untersuchte Garrod 1925 bis 1927 das Felsdach Devil’s Tower (Gibraltar). Hier konnte sie 1926 50.000 Jahre alte Reste eines jugendlichen Neandertalers bergen.

Ab Januar 1928 arbeitete Dorothy Garrod in Palästina. Hier hat sie die Skubah-Höhle im Wadi An Natuf (Westjordanland) untersucht und Zeugnisse der, später (1957) von ihr als „Natufien“ bezeichneten, Kulturstufe entdeckt. Das Natufien, das zwischen dem 10. und 8. Jahrtausend v. Chr. in Palästina existierte, stellt den Übergang zwischen später Altsteinzeit und früher Jungsteinzeit (Neolithikum) dar. Nach einer Expedition in Kurdistan war Garrod Leiterin der Ausgrabungen im Karmelgebirge. Auch hier gelangen unter ihrer Leitung Aufsehen erregende Funde. An der Westseite des Karmel entdeckte man in der Tabun-Höhle („Backofenhöhle“) unter anderem das etwa 41.000 Jahre alte Skelett einer Neandertalerin, in der Höhle von Skhul („Kinderhöhle“) fand ihr damaliger wissenschaftlicher Assistent, Theodore D. McCown, zehn zwischen 100.000 und 80.000 Jahre alte Skelette von fünf Männern, zwei Frauen und drei Kindern.

Der 1938 von Garrod eingeführte Begriff Gravettien bezeichnet eine Kulturstufe der Altsteinzeit zwischen etwa 26.000 und 19.000 v. Chr. und führt auf die Halbhöhle „La Gravette“ bei Bayac im französischen Département Dordogne zurück. Das „Gravettien“ war in Spanien, Frankreich, Italien, Belgien, Deutschland, Österreich, in Tschechien und in Russland verbreitet.

Für ihre Veröffentlichung von „The Stone Age of Mount Carmel“ (1938) verlieh ihr die Universität Oxford den Titel „Doctor of Science“ („Doktor der Naturwissenschaften“). In der Zeit von 1939 bis 1952 war sie Professorin für Archäologie (Disney Professor of Archaeology) in Cambridge und somit die erste Professorin dort.

Im Zweiten Weltkrieg stagnierte die wissenschaftliche Arbeit in Cambridge. Von 1942 bis 1945 arbeitete Garrod für den „Photographic Intelligence Service“, wodurch sie wertvolle Erfahrungen für die Auswertung von Luftbildern gewann, die sie zum erkennen archäologischer Fundstellen nutzte. Aufbauend auf diesen Erfahrungen förderte sie später die Luftbildarchäologie.

Von 1949 bis zu ihren Ausscheiden 1952 leitete Garrod in Cambridge das „Department für Archaeology and Anthropology“. Anschließend baute sie ein kleines Haus in Chamtoine (Frankreich) und beschäftigte sich mit eigenen Forschungen, wobei sie den Winter jeweils in Paris verbrachte. Ab 1965 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Nach einem Schlaganfall am 30. Juni 1968 zog sie nach Cambridge, wo sie am 18. Dezember 1968 im Alter von 76 Jahren starb.

Im April 1968 erhielt sie die Goldmedaille der Society of Antiquaries of London.

Publikationen (Auswahl)

  • The Upper Palaeolithic in Britain (1926)
  • Excavation of a Mousterian rock-shelter at Devilàs Tower, Gibraltar (London 1928)
  • The Stone Age of Mount Carmel (1937)

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