Jack ma / CC BY-SA 3.0

Dolmen


Dolmen in der Nähe von Vinstrup, Nørhald, Dänemark
Dolmen de la Pierre Levée – Frankreich
Vier Dolmen und ein Ganggrab

Ein Dolmen (breton. Steintisch) ist ein in der Regel aus großen, unbehauenen oder behauenen Steinblöcken errichtetes Bauwerk, das zumeist als Grabstätte diente. Dolmen sind die zahlenmäßig häufigsten Bauwerke der Megalithkultur und waren ursprünglich regelmäßig von Hügeln aus Steinen oder Erde bzw. einer Kombination von beiden bedeckt.

Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie neolithischer Gesellschaften. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[1]

Polygonaldolmen (schematisch) und von oben gesehen

Verbreitung

Europa, Nordafrika und Orient

Dolmen sind in ganz West- und in Teilen Nord-, Mittel- und Südwest- und Südosteuropas verbreitet, wobei ein gehäuftes Vorkommen in Küstennähe zu beobachten ist (Vendée, Bretagne, Irland u. a.). Im südöst-, und östlichen Europa kommen sie in Georgien, Südrussland und Thrakien (Bulgarien, Griechenland, Türkei, siehe Dolmen in Thrakien) vor. In Westasien sind sie in der Levante anzutreffen. Eine kleine − weitgehend zerstörte − Gruppe findet sich in Algerien, Tunesien und Marokko.

Dolmenähnlicher Einsiedlertempel in der Umgebung von Badami, Indien

Indien

Vor allem im nördlichen Teil des indischen Bundesstaats Karnataka − in der Umgebung der bedeutenden Tempelstätten von Badami, Aihole und Pattadakal − existieren noch etliche dolmenähnliche Bauten, die oft aus drei oder vier senkrechten Steinplatten und einer oder zwei großen Deckplatten zusammengesetzt waren; die meisten sind jedoch ganz oder teilweise zerstört. Dass es sich bei ihnen um Grabbauten gehandelt hat, ist − angesichts der in Indien seit Jahrtausenden praktizierten Leichenverbrennung − eher unwahrscheinlich. Ein vorderer Verschlussstein mit 'Seelenloch' fehlt, ebenso ein bedeckender Stein- oder Erdhügel; so könnten es auch kleine Einsiedlertempel gewesen sein, denn in einigen wenigen Fällen ist noch eine Yoni-Platte am Boden zu sehen. Eine Datierung in die Zeit von etwa 800−1300 n. Chr. ist somit wahrscheinlich.

Japan und Korea

Dolmen gibt es auch aus der Yayoi-Periode Japans (300 v. Chr.–250 n. Chr.). Ein Yayoi Dolmen besteht aus einer ringförmigen Steinsetzung, auf der eine große, etwa runde Steinplatte ruht. Die Bestattung erfolgte in großen Tonkrügen (Krugbestattung). Ein derartiger Dolmen kann mit einer Steinkiste in Verbindung stehen. Diese Kombination ist in Korea öfter anzutreffen. Es wird angenommen, dass durch Einwanderung vom asiatischen Festland her neue Ideen auf die japanische Insel gelangten.

Die Dolmenstätten von Gochang, Hwasun und Ganghwa in Korea wurden im Jahre 2000 als Weltkulturerbe in die Liste des UNESCO-Welterbes (Asien und Ozeanien) aufgenommen.

Namensgebung, Typisierung

Datei:Dolmen de la Frebouchere.JPG
Dolmen de la Frébouchère Vendée
Dolmen bei Reinfeld, Schleswig-Holstein
Dolmen im Kaukasus mit 'Seelenloch'
Table des Marchand – Stirnstein mit Báculo-Dekor, Deckstein mit Axtpflug

Der Ausdruck „Dolmen“ wurde von dem in der Bretagne geborenen Théophile Malo Corret de la Tour d’Auvergne (1743–1800) in die Altertumsforschung eingeführt. In der nordischen Megalitharchitektur bezeichnet Dolmen üblicherweise ein Bauwerk mit mehreren Orthostaten (Tragsteinen) und einer oder mehreren Deckplatten. Teilweise beschränkt man den Begriff auf Bauwerke mit nur einem Deckstein (beispielsweise Encyclopedia Britannica).[2] Die Dolmen der Trichterbecherkultur (dän. dysse, schwed. dös) werden nach Ewald Schuldt in Urdolmen, Großdolmen, Polygonaldolmen und „eigentliche Dolmen“ eingeteilt. Für Letztere gibt es auch die Bezeichnungen Rechteckdolmen (nach E. Aner) und erweiterter Dolmen (nach E. Schuldt). Die von Schuldt geprägte Bezeichnung ist jünger und wurde gewählt, weil die Dolmen dieser Bauart auch flaschen- oder trapezförmig sein können. Die Dänen unterscheiden nach einer anderen Typisierung Langdolmen (dän. langdysse), Runddolmen (dän. runddysse) und Ganggrab. Langdolmen ist die in Skandinavien gebräuchliche Bezeichnung für Dolmen, die in einem länglich rechteckigen Hünenbett liegen; im Gegensatz dazu liegen Runddolmen (runddysse) in einem runden oder vieleckigen Hügel.

Funktion

Man nimmt im Allgemeinen an, dass die meisten Dolmen ursprünglich Bestattungszwecken dienten, wobei derart aufwendige Bauten wohl ausschließlich hochrangigen Personen bzw. deren Familien- oder Clanangehörigen vorbehalten waren. Da aber nur in sehr wenigen Dolmen Skelettteile oder Grabbeigaben (Steinäxte, Keramik, Schmuck etc.) gefunden wurden, äußerten mehrere Forscher die Auffassung, dass einige Dolmen vielleicht von vornherein als Kult- oder Versammlungsstätten konzipiert waren oder aber in späterer Zeit entsprechend umgenutzt wurden.

Architektur

Die meisten Dolmen ruhen auf großen aufgerichteten Tragsteinen; die noch größeren und schwereren Deckensteine ragen oft seitlich über Orthostaten hinaus und verleihen dem Bauwerk manchmal das Aussehen eines Tisches. Ihrer tischähnlichen Form wegen wurden Dolmen früher auch als Opfertische, Altarsteine oder Druidenaltäre interpretiert. Die Tragsteine stehen zumeist nebeneinander und bilden entweder eine rechteckige, vieleckige, trapezoide oder rundlich-ovale Kammerwand, die einen axialen Zugang haben kann. Ob allerdings alle Dolmen nach der Belegung dauerhaft verschlossen wurden ist unklar, denn die Kopfhöhe im Eingangsbereich ist häufig niedriger als in der Grabkammer selbst; Besucher mussten und müssen daher beim Betreten des Grabmals den Kopf beugen, was durchaus als − zwangsweise eingeforderte − Ehrerbietungsgeste gegenüber den hier bestatteten Personen aufzufassen ist. In einigen Fällen hat ein Dolmen mehrere − auch seitlich angebrachte − Grabkammern (Mané-Groh). Kammern mit lateralem Zugang sind in der Regel keine Dolmen, sondern werden in Mitteleuropa als Ganggräber bezeichnet, wobei die Abgrenzung oft schwierig ist.

Die Größe dieser Bauten wechselt je nach Region und vorhandenem Material; die größten Dolmen sind in der Bretagne (La Roche-aux-Fées, Gavrinis, Table des Marchand, Les Pierres-Plates, Mané Lud), in Irland (Newgrange) und in Spanien (Antequera) zu finden. Dolmen sind heute oft freistehend, da die kleineren Steine des Grabhügels in früheren Zeiten von den Dorfbewohnern der Umgebung abgetragen und zum Bau von Wohnhäusern, Stallungen etc. genutzt wurden; selten ragen sie aus einem um sie angeschütteten Hügel hervor, oder sie sind ganz mit einem Stein- oder Erdhügel bedeckt, was ihrem ursprünglichen Zustand entspricht. Vielfach stehen die als Tragsteine des horizontalen Decksteine dienenden Steinblöcke so nahe beieinander, dass der tischähnliche Charakter verschwindet und, namentlich bei größeren Monumenten, ein kammerähnlicher Raum hergestellt ist. In der Bretagne erreicht die Länge eine solche Ausdehnung, dass die Anlage mehr einem Gang gleicht; man nennt diese Form allée couverte (bedeckte Steinreihe oder Galerie).

Auch Ganggräber mit Bruchsteinmauerwerk sind bekannt (Barnenez, Mané-er-Hroek, Dolmen El Romeral u. a.); ob sie gleichzeitig mit den Megalithbauten errichtet wurden oder einer späteren Zeitepoche angehören, ist bislang kaum erforscht. Bruchsteine als Füllungen zwischen und oberhalb der großen Tragsteine (Orthostaten) finden sich jedoch in vielen Dolmen.

Ornamentik

Während die meisten Menhire und Cromlechs undekoriert waren, findet sich an einigen Dolmen (vor allem im Gebiet des Golf von Morbihan) eine reichhaltige Ornamentik (Gavrinis, Les Pierres-Plates, Mané Lud). Typische Motive sind Spiralen und konzentrische Halbkreise, die als abstrahierte Sonnensymbole gedeutet wurden, aber auch Steinäxte, Axtpflüge etc. sind vereinzelt zu sehen. Besonders markant und außergewöhnlich ist das Dekor des Hauptsteins der Table des Marchand in Locmariaquer mit einer Vielzahl von hakenartigen Motiven (Báculos), die als Sonnenstrahlen oder Ähren gedeutet wurden.

Dolmen in Frankreich

Literatur

  • Dieter Werkmüller: Dolmen. In: Albrecht Cordes, Heiner Lück, Dieter Werkmüller, Ruth Schmidt-Wiegand (Hrsg.): Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. Band 1: Aachen – Geistliche Bank. 2. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-503-07912-4, Sp. 1097–1099
  • Wolfgang Korn: Megalithkulturen. Rätselhafte Monumente der Steinzeit. Konrad Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1553-7
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Beier & Beran, Langenweißbach 2003, ISBN 3-930036-70-3 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. 36)
  • Jacques Briard: Die Megalithen der Bretagne. Éditions Gisserot 2000, ISBN 2-87747-065-2

Weblinks

 <Lang> Commons: Dolmen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009, S. 15
  2. http://www.britannica.com/EBchecked/topic/168304/dolmen, abgerufen 3. Januar 2012

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