Grafton Elliot Smith

(Life time: 15 August 1871 – 1 January 1937) / Public domain

Diffusionismus


Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Eine Skizze des Modells weltweiter, von Ägypten ausstrahlender, kultureller Diffusion (nach Grafton Elliot Smith) als Beispiel für den 'heliozentrischen' Diffusionismus im frühen 20. Jahrhundert

Der Diffusionismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorie zur Ähnlichkeit weit voneinander entfernter Kulturen. Sie geht primär davon aus, dass kulturelle Innovationen nur selten erfunden werden und sich dann zu anderen Kulturen ausbreiten und somit Gleichheit und Ähnlichkeit auf Kulturkontakt zurückgeführt werden kann.[1] Der Diffusionismus entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Evolutionismus und spielte bis in die 1920er Jahre hinein eine wichtige Rolle in der deutschsprachigen Völkerkunde. Im anglophonen Raum wurde dieser Theorieansatz als German School bezeichnet.[2]

Als Begründer dieser Sicht gilt Friedrich Ratzel[3][4][5]. Weitere Vertreter dieses klassischen Diffusionismus waren: Leo Frobenius als Begründer der Kulturkreislehre (erstmals 1898). Im weiteren ist vor allem die sich in den 1920er Jahren entwickelnde "Wiener Schule" der Völkerkunde mit Wilhelm Schmidt und seinem Schüler Wilhelm Koppers zu nennen, außerdem die Museumsethnologen Bernhard Ankermann, Fritz Graebner, William Halse Rivers und Clark Wissler. Die "Wiener Schule" verwendete die Begriffe „Urkultur“, „Primärkultur“ und „Sekundärkultur“, wobei die Urkultur die wertvollste sei. Die „Kulturvölker“ wurden im Vergleich dazu als degeneriert angesehen.

Grafton Elliot Smith und William James Perry (1887-1949) vertraten einen „heliozentrischen“ Diffusionismus, der das alte Ägypten als Wiege der menschlichen Kultur sah. Diese und ähnliche Theorien, die davon ausgehen, dass sich alle kulturellen und technischen Innovationen von einem einzigen Ausgangspunkt herleiten lassen, bezeichnet man auch als Hyperdiffusionismus.

Da kulturelle Innovationen als relativ selten angesehen wurden, ging man im Diffusionismus von der langfristigen Konstanz kultureller Phänomene aus. Die Erfindungskraft des Menschen und der Einfluss von Umweltfaktoren auf kulturelle Praktiken wurde als gering eingeschätzt. Die Übertragung kultureller Phänomene geschah nach dieser Theorie durch Völkerwanderungen, Handels- und Reisekontakte, Missionierung oder durch die Eroberung durch ein fremdes Volk.

Im Gegensatz zum Diffusionismus stehen der kulturelle Evolutionismus und die Memetik. Eine mittlere Position zwischen diffusionistischen und evolutionistischen Theorien vertritt das Konzept der Kontaktinnovation an der Grenzlinie zwischen zwei Kulturen, das z.B. in der Linguistik[6] und Archäologie[7] eine Rolle spielt. Dabei wirken interkulturelle Unterschiede einerseits als Hemmnisse der Diffusion, befördern aber andererseits das Inventions- bzw. Innovationstempo an den Grenzlinien zwischen Kulturen und bringen emergente Eigenschaften hervor.

Everett M. Rogers geht davon aus, dass die Entscheidung zur Übernahme von Innovationen nicht primär von ihrer Bekanntheit, sondern vor allem von interpersonaler Kommunikation abhängt. Allein durch Information kann die Innovation eine Kulturschwelle nicht überspringen.

Der US-amerikanische Anthropologe Roland Burrage Dixon hat in seinem Werk The Building of Culture (1928) die Schriften der Diffusionisten systematisch untersucht.

Literatur

  • Rogers, Everett M.: Diffusion of Innovations. New York: Free Press 1983 ISBN 978-0-02-926650-2 (zuerst 1962)
  • Bernbeck, R.: Theorien in der Archäologie. Francke Tübingen 1997 ISBN 382521964X

Einzelnachweise

  1. vgl. Fritz Stolz Grundzüge der Religionswissenschaft 2001³,ISBN 3-8252-1980-1, S.197f.
  2. Vgl. Frank Heidemann: Ethnologie. Eine Einführung, Göttingen, 2011, S. 56.
  3. ebd.
  4. Friedrich Ratzel (1882): Anthropogeographie. Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte. Stuttgart. (=Bibliothek Geographischer Handbücher).
  5. Friedrich Ratzel (1891): Anthropogeographie. Teil 2: Die geographische Verbreitung des Menschen. Stuttgart. (=Bibliothek Geographischer Handbücher).
  6. Jacek Fisiak, Linguistic change under contact conditions, Walter de Gruyter, Berlin 1995
  7. Assaf Yasur-Landau, Old Wine in New Vessels: Intercultural Contact, Innovation and Aegean, Canaanite and Philistine Foodways, Journal of the Institute of Archaeology of Tel Aviv University, Volume 32, Number 2, September 2005 , pp. 168-191(24)

Weblinks


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

07.03.2021
Werkzeugkulturen von Neandertalern und modernen Menschen existierten über 100.000 Jahre nebeneinander
Untersuchungen der School of Anthropology and Conservation der University of Kent haben ergeben, dass eine der frühesten Steinwerkzeugkulturen, die als Acheuleen bekannt ist, wahrscheinlich Zehntausende von Jahren länger bestand als bisher angenommen.
06.03.2021
Ursprung des europäischen Haushundes im Südwesten Deutschlands vermutet
Ein Team der Universität Tübingen hat gemeinsam mit internationalen Forschenden die Anfänge der Domestizierung von Wölfen in Europa untersucht.
02.03.2021
Wie sind Hunde nach Amerika gekommen?
Forscher analysierten das mitochondriale Genom des Hundes und kamen zu dem Schluss, dass das Tier zu einer Linie von Hunden gehörte, deren Entwicklungsgeschichte bereits vor 16.700 Jahren von der der sibirischen Hunde abwich.
18.02.2021
Neandertaler-Gene und Covid-19 Verläufe
Letztes Jahr entdeckten Forscher, dass wir den wichtigsten genetischen Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Krankheit Covid-19 vom Neandertaler geerbt haben.
29.01.2021
Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen
Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün.
29.01.2021
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur
Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren verschaffte ihre bessere Feinmotorik den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil
23.01.2021
Befreundete Schimpansen kämpfen gemeinsam gegen Rivalen
Menschen kooperieren in großen Gruppen miteinander, um Territorien zu verteidigen oder Krieg zu führen.
21.01.2021
Über 18.000 Funde: Forschungsgrabung in Untermaßfeld abgeschlossen
Seit vier Jahrzehnten wird in der thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld regelmäßig ausgegraben.
21.01.2021
Was das Genom des Lungenfischs über die Landeroberung der Wirbeltiere verrät
Das vollständig sequenzierte Genom des Australischen Lungenfisches ist das größte sequenzierte Tiergenom und hilft, den Landgang der Wirbeltiere besser zu verstehen – Evolutionsbiologen der Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt
21.01.2021
Alte DNA gibt Aufschluss über die Besiedlung der Marianeninseln
Im Vergleich zur Erstbesiedlung Polynesiens hat die Besiedlung der Marianen im Westpazifik vor etwa 3.500 Jahren bisher nur wenig Beachtung gefunden.
21.01.2021
Asiatische Gewürze erreichten den Mittelmeerraum vor mehr als 3000 Jahren
Der LMU-Archäologe Philipp Stockhammer fand Hinweise über asiatische Gewürze wie Kurkuma und Früchte wie die Banane im Mittelmeerraum schon viel früher als bislang gedacht.
10.12.2020
Fossilien zeigen Folgen der Ozeanerwärmung auf
Forschende aus Berlin und Großbritannien haben die ökologischen Auswirkungen einer raschen und ungewöhnlich intensiven Phase der Klimaerwärmung während der Jurazeit vor etwa 182 Millionen Jahren auf die Meeresfauna erforscht.
03.12.2020
Das älteste “Ortsnamenschild” der Welt
Wissenschaftler der Universität Bonn haben zusammen mit dem Ägyptischen Antikenministerium das älteste Ortsnamenschild der Welt entschlüsselt.
30.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
25.11.2020
Treue Paare im Regenwald
Rote Springaffen verzichten auf Seitensprünge.
24.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Millionen Jahren als Ursache für die Ausbreitung der weithin bekannten Langhalssaurier (Sauropoden).
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten.
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde sich nur teilweise mit der des Menschen deckt.
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten menschlichen Fossils, das bis jetzt in der Mongolei gefunden wurde, analysiert: Die 34.000 Jahre alte Frau hatte rund 25 Prozent ihrer DNA von Westeurasiern geerbt.
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler durch Experimente mit einer künstlichen Grammatik herausgefunden. Daraus lässt sich schliessen, dass diese Fähigkeit auf gemeinsame Vorfahren zurückgeht.
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und den vorgelagerten Steppen durch bronzezeitliche Viehhalter im heutigen Süden Russlands.
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde im vergangenen Jahrtausend ausgerottet.
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp berichtet über einen Reaktionsweg, bei dem sich Zucker an Mineralien ohne Wasser bilden.
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.