Diffusionismus


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Eine Skizze des Modells weltweiter, von Ägypten ausstrahlender, kultureller Diffusion (nach Grafton Elliot Smith) als Beispiel für den 'heliozentrischen' Diffusionismus im frühen 20. Jahrhundert

Der Diffusionismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorie zur Ähnlichkeit weit voneinander entfernter Kulturen. Sie geht primär davon aus, dass kulturelle Innovationen nur selten erfunden werden und sich dann zu anderen Kulturen ausbreiten und somit Gleichheit und Ähnlichkeit auf Kulturkontakt zurückgeführt werden kann.[1] Der Diffusionismus entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Evolutionismus und spielte bis in die 1920er Jahre hinein eine wichtige Rolle in der deutschsprachigen Völkerkunde. Im anglophonen Raum wurde dieser Theorieansatz als German School bezeichnet.[2]

Als Begründer dieser Sicht gilt Friedrich Ratzel[3][4][5]. Weitere Vertreter dieses klassischen Diffusionismus waren: Leo Frobenius als Begründer der Kulturkreislehre (erstmals 1898). Im weiteren ist vor allem die sich in den 1920er Jahren entwickelnde "Wiener Schule" der Völkerkunde mit Wilhelm Schmidt und seinem Schüler Wilhelm Koppers zu nennen, außerdem die Museumsethnologen Bernhard Ankermann, Fritz Graebner, William Halse Rivers und Clark Wissler. Die "Wiener Schule" verwendete die Begriffe „Urkultur“, „Primärkultur“ und „Sekundärkultur“, wobei die Urkultur die wertvollste sei. Die „Kulturvölker“ wurden im Vergleich dazu als degeneriert angesehen.

Grafton Elliot Smith und William James Perry (1887-1949) vertraten einen „heliozentrischen“ Diffusionismus, der das alte Ägypten als Wiege der menschlichen Kultur sah. Diese und ähnliche Theorien, die davon ausgehen, dass sich alle kulturellen und technischen Innovationen von einem einzigen Ausgangspunkt herleiten lassen, bezeichnet man auch als Hyperdiffusionismus.

Da kulturelle Innovationen als relativ selten angesehen wurden, ging man im Diffusionismus von der langfristigen Konstanz kultureller Phänomene aus. Die Erfindungskraft des Menschen und der Einfluss von Umweltfaktoren auf kulturelle Praktiken wurde als gering eingeschätzt. Die Übertragung kultureller Phänomene geschah nach dieser Theorie durch Völkerwanderungen, Handels- und Reisekontakte, Missionierung oder durch die Eroberung durch ein fremdes Volk.

Im Gegensatz zum Diffusionismus stehen der kulturelle Evolutionismus und die Memetik. Eine mittlere Position zwischen diffusionistischen und evolutionistischen Theorien vertritt das Konzept der Kontaktinnovation an der Grenzlinie zwischen zwei Kulturen, das z.B. in der Linguistik[6] und Archäologie[7] eine Rolle spielt. Dabei wirken interkulturelle Unterschiede einerseits als Hemmnisse der Diffusion, befördern aber andererseits das Inventions- bzw. Innovationstempo an den Grenzlinien zwischen Kulturen und bringen emergente Eigenschaften hervor.

Everett M. Rogers geht davon aus, dass die Entscheidung zur Übernahme von Innovationen nicht primär von ihrer Bekanntheit, sondern vor allem von interpersonaler Kommunikation abhängt. Allein durch Information kann die Innovation eine Kulturschwelle nicht überspringen.

Der US-amerikanische Anthropologe Roland Burrage Dixon hat in seinem Werk The Building of Culture (1928) die Schriften der Diffusionisten systematisch untersucht.

Literatur

  • Rogers, Everett M.: Diffusion of Innovations. New York: Free Press 1983 ISBN 978-0-02-926650-2 (zuerst 1962)
  • Bernbeck, R.: Theorien in der Archäologie. Francke Tübingen 1997 ISBN 382521964X

Einzelnachweise

  1. vgl. Fritz Stolz Grundzüge der Religionswissenschaft 2001³,ISBN 3-8252-1980-1, S.197f.
  2. Vgl. Frank Heidemann: Ethnologie. Eine Einführung, Göttingen, 2011, S. 56.
  3. ebd.
  4. Friedrich Ratzel (1882): Anthropogeographie. Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte. Stuttgart. (=Bibliothek Geographischer Handbücher).
  5. Friedrich Ratzel (1891): Anthropogeographie. Teil 2: Die geographische Verbreitung des Menschen. Stuttgart. (=Bibliothek Geographischer Handbücher).
  6. Jacek Fisiak, Linguistic change under contact conditions, Walter de Gruyter, Berlin 1995
  7. Assaf Yasur-Landau, Old Wine in New Vessels: Intercultural Contact, Innovation and Aegean, Canaanite and Philistine Foodways, Journal of the Institute of Archaeology of Tel Aviv University, Volume 32, Number 2, September 2005 , pp. 168-191(24)

Weblinks


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