Als Deszendenzsystem (von lat. descendere „herabsteigen“; auch: Abstammungsregel, Filiation) wird in der Ethnosoziologie und der Familiensoziologie ein soziales Konstrukt bezeichnet, das die Abstammungslinie(n) eines Menschen festlegt und entscheidend sein kann für Gruppenzugehörigkeit, Erbschaft, Rechtsnachfolge und andere soziale Zusammenhänge. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann sich ein Angehöriger einer Gesellschaft (Individuum) nicht selber aussuchen, auf welche(n) Vorfahren er sich zurückführt. Deszendenzsysteme stimmen nicht notwendigerweise mit tatsächlicher biologischer Verwandtschaft überein; sofern sie eine solche Übereinstimmung behaupten, muss diese trotzdem nicht den Tatsachen entsprechen, vor allem in Bezug auf biologische Vaterschaft (siehe Kuckuckskind) und mündlich überlieferte Vorfahrengenerationen.

Die insgesamt sechs verschiedenen Systeme der Deszendenz gliedern sich in unilinear (einlinig)nicht-unilinear, abhängig davon, ob sich die Abstammung aus nur einer geschlechtlichen Vorfahrenlinie oder aus beiden Linien ableitet. Aber auch in der unilinearen Gruppe sind beide Linien Teil der bilinearen (zweilinigen) und der parallelen Deszendenz. Bei den nicht-unilinearen Systemen entspricht das bilaterale (zweiseitige) Deszendenzsystem den in modernen Gesellschaften üblichen Verwandtschaftsbeziehungen: Kinder gehören gleichzeitig zur Abstammungslinie der Mutter und zur Linie des Vaters.

Die Familiensoziologie gliedert die verschiedenen Deszendenzsysteme bei der Untersuchung der Verwandtschaftsbeziehungen eines Individuums („Ego“) in die zwei Hauptgruppen unilinearbilinear (zweilinig, kognatisch), siehe: Verwandtschaftssysteme nach Abstammung.

Unilineare Systeme

Bei der unilinearen (einlinigen) Deszendenz bezieht sich ein Individuum in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang auf nur eine geschlechtliche Linie seiner Abstammung, entweder patrilinear auf die ausschließlich männliche Linie seiner Vorfahren über den Vater, dessen Vater und so fort – oder matrilinear auf die ausschließlich weibliche Linie über die Mutter, deren Mutter und so weiter. Beide Linien spielen eine Rolle bei der bilinearen (zweilinigen) und bei der parallelen Deszendenz.

Unilineare Deszendenzsysteme finden sich weltweit bei exakt zwei Drittel aller Ethnien, das ergab im Jahre 1998 eine Auswertung der bis dahin erfassten 1267 Datensätze im Ethnographic Atlas[1]: [2]

  • 46,1 % Patrilineal (Vaterschaftslinie) (584)
  • 12,6 % Matrilineal (Mütterlinie) (160)
  •   3,9 % Ambilineal (bilinear: beide Linien, je eine nach Zusammenhang) (49)
  •   4,1 % Duolateral (parallel: beide Linien getrennt nebeneinander) (52)

Patrilinearität

Hauptartikel: Patrilinearität

Beim patrilinearen Deszendenzsystem (etwa: Abstammung nach der Vaterschaftslinie) entscheidet die rein männliche Linie der Vorfahren eines Individuums über seine Gruppenzugehörigkeit und entsprechende Rechte und Pflichten, die Abstammungslinie läuft über den Vater, dessen Vater (Großvater), wiederum dessen Vater (Urgroßvater) und so weiter. Oft wird ein Nachweis bis zu vier Generationen zurück zum Ururgroßvater väterlicherseits erwartet (in der Ahnenforschung: „Altvater“). Dabei kann es eine wichtige Rolle spielen, ob die jeweilige Vaterschaft biologisch oder juristisch bestimmt ist oder war (Beispiel: Adoption) und ob der Nachkomme einer Ehe entstammt oder einer nicht institutionalisierten Verbindung (Beispiel: Unehelichkeit).

Patrilinearität als Deszendenzregel findet sich weltweit bei 46 % aller Ethnien.[2] Da eine patrilinear begründete Abstammung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen gelten kann, ist nicht jedes patrilineare System ein Patriarchat.

In fast allen patrilinearen Deszendenzsystemen verlässt eine frisch verheiratete Frau ihr Elternhaus oder gibt ihren Haushalt auf und wechselt zum Wohnsitz/Wohnort ihres Ehemannes (Virilokalität: lat. vir „Mann“, locus „Ort“), bei Patrilokalität (lat. pater „Vater“, locus „Ort“) ist dies der Wohnsitz des Vaters des Ehemannes – nur in seltenen Ausnahmefällen wechselt der Ehemann zum Wohnsitz seiner Ehefrau oder ihrer Familie. In der Fachliteratur und international wird Patrilokalität oft mit dem Wohnsitz oder Wohnort des Ehemannes gleichgesetzt.

Patrilineare Deszendenzsysteme sind meistens nach dem Prinzip der Seniorität organisiert: Der Erstgeborene beziehungsweise der älteste (anerkannte) Sohn steht über seinen Geschwistern, Elterngenerationen stehen über ihren Nachkommen. In vielen patrilinearen Kulturen wird der älteste Sohn gewohnheitsmäßig in den Beruf des Vaters eingearbeitet. Die Bevorzugung des ältesten männlichen Kindes spielt vor allem in der Erbfolge eine entscheidende Rolle (Beispiel: Erstgeburtsrechte); teils komplizierte Regelungen betreffen die Nachfolge, wenn es keinen männlichen Nachkommen gibt oder wenn Rechte von Brüdern des Vaters (Onkel) gegen Rechte seiner Söhne stehen.

In patrilinearen Kulturen ist üblich, dass jeweils der Vater für die soziale Position seiner (anerkannten) Söhne und Töchter verantwortlich ist, er beansprucht ihre Repräsentation nach außen und die Verfügungsgewalt über sie. In Ehen kann dies nicht nur gemeinsame Kinder betreffen, sondern auch seine Kinder von anderen (früheren) Frauen sowie die nicht von ihm abstammenden (früheren) Kinder seiner Ehefrau(en).

Ein zentrales Problem der Patrilinearität war bis vor wenigen Jahrzehnten die fehlende Überprüfbarkeit der biologischen Abstammung: Ein Mann konnte niemals sicher sein, dass ein Kind auch tatsächlich von ihm selbst abstammte – oder im umgekehrten Fall eindeutig nicht von ihm gezeugt wurde. Mittlerweile ermöglicht die genetische Analyse eine unwiderlegbare Klarstellung, bis hin zu einem Abstammungsgutachten während der Schwangerschaft.

Die bisherige Unmöglichkeit, eine Vaterschaft letztendlich eindeutig zu beweisen oder zu widerlegen, hat in patrilinearen Systemen zu vielen und einschneidenden Regeln des geschlechtlichen Zusammenlebens geführt, angefangen von einseitigen Fremdgehverboten bis hin zu eingeschränkten Ausgangsmöglichkeiten für verheiratete Frauen. Betroffen von solchen Regeln sind aber direkt oder indirekt auch alle unverheiratete Frauen im empfängnisfähigen Alter. Mit steigendem sozialen Status spielt die Eindeutigkeit der Abstammung eine noch wichtigere Rolle in Gemeinschaften und Gesellschaften, entsprechend heftiger werden im Streitfall die Auseinandersetzungen bezüglich der Legitimität von Nachkommen und ihrer (Un-)Ehelichkeit.

Die Basis fast aller patrilinearen Deszendenzsysteme ist eine offizielle Vaterschaftsanerkennung in sozialer und letztendlich juristischer Hinsicht. Meist findet diese in den Tagen nach der Geburt statt, manche Kulturen erlauben dem Vater dabei grundsätzlich, das Kind nicht als Eigenes anzunehmen und die Vaterschaft abzulehnen.

In Kulturen mit einem patrilinearen Deszendenzsystem wird die Zeugungskraft des Mannes/Vaters oft bedeutungsmäßig überhöht, beispielsweise durch die Idealisierung des Spermas als „männlichen Samen“, obwohl es nur eine nicht-keimfähige Befruchtungsflüssigkeit ist. In religiösen Vorstellungen gipfelt die Überhöhung der patrilinearen Zeugungskraft im mythologischen Bild der Kopfgeburt durch männliche Gottheiten (Beispiel: Athene). Solche und ähnliche Konzepte spiegeln die (historische) Einvernahme einer fremden Gottheit und ihre Unterwerfung unter ein bestehendes patrilineares Abstammungssystem wider. Für alle monotheistischen und für viele andere Religionen ist die patrilineare Abstammung ihrer Gottheiten, ihrer Propheten und/oder ihrer Priester von entscheidender Bedeutung, im Christentum angefangen beim Stammvater Abraham bis hin zu der Vorstellung eines Gottvaters mit seinem Sohn Gottes.

Matrilinearität

Hauptartikel: Matrilinearität

Matrilinearität (etwa: „Mutterschaftsprinzip“) bedeutet, dass die jeweilige Mutter ihre Position oä. an ihre Kinder weitergibt. Gemäß dem Spruch mater semper certa est wurde früher von Evolutionisten geglaubt, dass Matrilinearität eine frühere Entwicklungsstufe von Gesellschaften ist. Auch das Vorurteil, Matrilinearität sei das Spiegelbild der Patrilineariät, erwies sich als nicht korrekt: totale Matriarchate sind nicht bekannt, in matrilinearen Systemen ist die Macht immer geteilt.

In Matrilinien übernimmt oft ein Bruder der leiblichen Mutter die soziale Vaterrolle für ihre Kinder. Daher sind sie flexibler, wodurch eine höhere Scheidungsrate erkennbar ist.

Beispiele: Irokesen, Trobriander

Bilinearität

Das bilineare (auch: doppelte) Deszendenzsystem setzt sich aus Patri- und Matrilinarität zusammen. In gewissen Belangen (etwa materielles Erbe oder Gruppenzugehörigkeit) wird zum Beispiel gemäß der Patrilinearität gehandelt, in anderen Belangen gemäß der Matrilinearität.

Beispiel: Yakö, Ngaing

Parallele Abstammung

Dieses System findet man vor allem im südamerikanischen Amazonasgebiet. In diesem System überträgt die Mutter ihre Position auf ihre Töchter, der Vater seine auf die Söhne.

Nicht-unilineare Deszendenz

In dieser Gruppe ist die Abstammung nicht an eine vorgegebene Linie gebunden, beide Geschlechter sind in der Regel für die Abstammung von gleicher Bedeutung.

Bilaterale Deszendenz

Eine Person versteht sich als Nachkomme all seiner Vorfahren; es wird keine Linie hervorgehoben. Dies bedeutet zum Beispiel, dass man all seine acht Urgroßeltern als seine Vorfahren und Teil seiner Abstammungsgruppe sieht, und nicht, wie zum Beispiel bei der Patrilinearität, sich nur als Nachkomme des Vaters des väterlichen Großvaters definiert. Dieses System findet man zum Beispiel im deutschsprachigen Bereich, aber auch bei den Maori. Man sagt diesem System nach, dass es aufgrund seiner großen Anzahl an Vorfahren einer Gruppe keine große Tiefe zugesteht. Das bedeutet, dass in solchen Abstammungssystemen zwar in der Eltern-, Großeltern- und eventuell Urgroßeltern-Generation alle Angehörigen bekannt sind; im Gegensatz zu unilinearen Gesellschaften ist es jedoch selten, mehr als etwa sechs Angehörige einer Linie namentlich Stammbäume im Kopf zu haben.

Optative Deszendenz

In diesem System kann sich ein Ego eine eigene Abstammungslinie "aussuchen", und dabei auch Geschlechter beliebig mischen (z.B.: Vater-Mutter-Mutter...). Er ist an keine kulturspezifischen Vorgaben gebunden. Eine einmal gewählte Deszendenzlinie kann allerdings meist nicht mehr verändert werden.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Der Ethnographic Atlas von George P. Murdock im InterSciWiki (enthielt 12/2012 exakt 1.300 Ethnien)
  2. 2,0 2,1 J. Patrick Gray: Ethnographic Atlas Codebook. In: 1998 World Cultures 10(1):86-136, ISSN 1045-0564, PDF (2,3 MB) - S. 18: Tabelle „43.. Descent: Major Type“

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