Anishinabe


Kei-a-gis-gis, eine Frau der Ojibwa, Gemälde von George Catlin, 1832
Dorf der Ojibwa bei Sault Sainte Marie 1846, Gemälde von Paul Kane

Die Anishinabe (dt., das erste Volk; auch Ojibwa, Ojibwe oder Chippewa geschrieben) sind ein Indianervolk Nordamerikas. Sprachlich gehören sie zur Algonkinsprachgruppe (siehe auch Ojibwe). Ihre Sprache ist in mehrere Dialekte untergliedert und mit der Sprache der Ottawa-Indianer nahe verwandt. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet erstreckt sich über Kanada und die nördlichen USA.

Zwei der größten Stämme der Anishinabe sind die Saulteaux und Mississauga.

Heute leben etwa 200.000 Anishinabe in Nordamerika, von denen noch etwa 30.000 die Ojibwa-Sprache sprechen.

Stammesname (Ethnonym)

Die Herkunft des Wortes ‘Ojibwe’ ist noch nicht eindeutig geklärt. Edmund Danziger (1978) behauptet, der Name leite sich von Ozhibii’oweg (‘Those who keep Records of a Vision’ - ‘Jene, die ihre Geschichten in Bildzeichen festhalten’)[1], der Bezeichnung eines benachbarten Stammes her, während Frances Densmore (1929) die heute allgemein anerkannte Interpretation vertritt, bei ‘Ojibwe’ handele sich um eine sprachliche Variante zu ‘Anishinaabeg’ und komme von einem Verb, das so viel wie ‘rösten, bis es sich kräuselt’ bedeute (ein Hinweis auf die besondere Art dieses Stammes, die Nähte von Mokassins abzudichten). Das Weglassen des O von O'chippewa (einer Variante von ‘Ojibwe’) in fehlerhaften euroamerikanischen Dokumenten führte später zum Entstehen des Wortes Chippewa, das bis heute als offizielle Bezeichnung von der amerikanischen Regierung verwendet wird.[2]

Geschichte

Bandolier-Tasche in der ständigen Sammlung des Children’s Museum of Indianapolis, wahrscheinlich für ein Kind angefertigt, um 1900

Zusammen mit den Ottawa und den Potawatomi bildeten die Anishinabe einst die Stammeskonföderation des Rates der drei Feuer, die in der Gegend der Ostküste der USA und des Sankt-Lorenz-Stroms lebte und sich gegenüber der Irokesenliga behauptete. Die Völker dieses Stammesbundes wanderten später vom Atlantik in das Gebiet der Großen Seen. Der Legende nach folgten sie einem Sakralgegenstand, der sogenannten „Miigis“-Muschel, die aus dem Ozean aufgetaucht war und von der Geisterwelt den Auftrag erhalten hatte, das Volk der Anishinabe in sein neues Land zu führen. Nach der Ankunft der Indianer an ihrem Bestimmungsort zeigte sich die Muschel den Anishinabe zum letzten Mal und ist seitdem nicht wieder gesichtet worden. Der Ort dieser letzten Offenbarung wird meist mit Mooningwanekaning (Madeline Island) im Anishinaabe Gichigami (Oberer See) angegeben.

Die euroamerikanische Geschichtsschreibung nimmt im Allgemeinen an, dass die Anishinabe im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert aus ihrem ursprünglichen Lebensraum in die Gegend westlich des Huronsees migrierten. Von den Anishinabe im engeren Sinne trennten sich dort die Potawatomi, die sich auf der unteren Halbinsel des Bundesstaats Michigan ansiedelten, und die Ottawa, die sich am Lake Nipissing im nördlichen Teil der Provinz Ontario niederließen. Die beiden letzteren Stämme werden heute als eigenständige Völker angesehen.

Einige Anishinabe zogen weiter westwärts und vertrieben gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Dakota aus dem heutigen Bundesstaat Minnesota. Ab 1840 hatten sich die Anishinabe in der Gegend nördlich des Oberen Sees und des Huronsees sowie in Teilen von Minnesota, North Dakota, Wisconsin, Manitoba, und Saskatchewan niedergelassen.

1850 bis 1923 schlossen die Briten eine Reihe von Landnutzungs-Verträgen mit verschiedenen Anishinabe-Stämmen in Kanada. Der Großteil der Anishinabe in den USA lebt heute in sieben Reservaten in Minnesota, fünf Reservaten in Wisconsin und einem Reservat in North Dakota sowie in mehreren Großstädten, besonders den Twin Cities Minneapolis und St. Paul am Oberlauf des Mississippi River.

Durch verschiedene legale und illegale Vorkommnisse haben die Anishinabe bis heute einen Großteil ihres Reservatlands verloren. Besonders vom Landverlust betroffen sind die Leech-Lake-Anishinabe in Minnesota, die heute weniger als sieben Prozent ihres vertraglich festgeschriebenen Landes besitzen. Das ehemalige Anishinabe-Land wird von den Euroamerikanern vor allem zur Stromproduktion (Damm) und zur Holzwirtschaft genutzt.

Gesellschaftsorganisation

Der lockere Stammesverband aus ungezählten Lokalgruppen zeigte nie eine Tendenz, eine politische Einheit mit einer Zentralregierung zu bilden. Der wichtigste Bezugspunkt der Anishinabe-Indianer war die Kernfamilie aus Eltern, Kindern und Großeltern. Aufgrund der langen, schweren Winter in Kanada und den nördlichen USA und der Notwendigkeit, weite Landstriche auf der Suche nach Nahrung zu durchqueren, waren einzelne, abgeschiedene Haushalte, die nur mit den nächsten Nachbarn Kontakt hielten und in denen mehrere Generationen unter einem Dach lebten, die Norm. Im Sommer bildeten solche Haushalte kleine Dörfer, die aus 10 bis 12 Familien bestanden. Mehrere Dörfer schlossen sich manchmal zur besseren Ausnutzung der Naturressourcen zu Gruppen von 300-400 Personen zusammen. Was diese selbstständig wirtschaftenden Familiengruppen zusammen hielt, waren zum einen die verschiedenen Fähigkeiten, die die einzelnen Gruppenmitglieder in die Gemeinschaft einbrachten, zum anderen die gemeinsame Sprache.

Bekannte Persönlichkeiten des Stammes

Ojibwa-Mädchen beim Glöckchenkleidtanz auf dem Spokane Pow Wow, am 26. August 2007
  • Grey Owl (englischstämmiger Trapper und Schriftsteller)
  • David Wayne „Famous Dave“ Anderson (Besitzer einer landesweiten Restaurantkette)
  • Dennis Banks (Politischer Aktivist)
  • Adam Beach (Schauspieler)
  • Jason Behr (Schauspieler)
  • Clyde Bellecourt (Aktivist)
  • Vernon Bellecourt (Aktivist)
  • Steve Collins (Skispringer)
  • George Copway (Missionar und Schriftsteller)
  • Louise Erdrich (Schriftstellerin)
  • Gordon Henry Jr. (Schriftsteller)
  • Drew Hayden Taylor (Dramatiker)
  • Basil Johnston (Historiker)
  • Peter Jones (Missionar und Schriftsteller)
  • Sun Bear (Vincent LaDuke)
  • Winona LaDuke (Aktivistin und Schriftstellerin)
  • Jim Northrup (Zeitungskolumnist)
  • Keith Secola (Rock und Blues Sänger)
  • Drew Hayden Taylor (Dramatiker, Humorist, Kolumnist)
  • David Treuer (Schriftsteller)
  • Shania Twain (Sängerin, nicht durch Abstammung, sondern über ihren Stiefvater)
  • Buffy Sainte-Marie (Sängerin, Musikerin)
  • Gerald Vizenor (Schriftsteller)
  • William Whipple Warren (Historiker)
  • William Gardner ("unbestechlicher" Prohibitionsagent)
  • Virgil Hill (Profiboxer, ehemaliger Weltmeister im Halbschwergewicht)
  • Chief Bender (Baseballspieler)
  • Crystal Shawanda (Sängerin)

Siehe auch

Film

Der 1928/29 gedrehte Stummfilm The Silent Enemy („Der stille Feind“) erzählt vom Leben der Anishinabe, lange bevor die Weißen den nordamerikanischen Kontinent besiedelten.[3] Er wurde von Douglas Burden und William Chanler schon damals im Bewusstsein produziert, dass die indianischen Kulturen Nordamerikas und ihre traditionelle Lebensweise vom Aussterben bedroht sind. Die Geschichte basiert auf Aufzeichnungen von Jesuiten-Missionaren, die als erste Weiße mit den Anishinabe Kontakt aufnahmen. Gedreht wurde an Originalschauplätzen im Norden Ontarios. Mehr als 250 Mann, Darsteller und Team, arbeiteten über ein Jahr, oft bei Temperaturen unter Minus 30 Grad. Die Drehorte waren im Sommer nur mit Kanus und im Winter nur mit Hundeschlitten zu erreichen. Kleidung, Kanus, Tipis, Waffen und Werkzeuge wurden originalgetreu nachgebildet, so dass der Film ein authentisches Bild vom Leben der Anishinabe in der vorkolumbischen Zeit zeichnet.

Literatur

  • Gerald Vizenor: The everlasting sky: New voices from the people named the Chippewa. Crowell-Collier Press, New Yor 1972.
  • Basil Johnston: Ojibway heritage. McClelland and Stewart, Toronto 1976.
  • Edmund J. Danziger Jr.: The Chippewa of Lake Superior. University of Oklahoma Press, Norman 1978.
  • Frances Densmore: Chippewa customs. Minnesota Historical Society Press, St. Paul 1979. (Ursprünglich 1929 veröffentlicht).
  • Gerald Vizenor: Summer in the spring: Ojibwe lyric poems and tribal stories. The Nodin Press, Minneapolis 1981.
  • John A. Grim: The shaman: Patterns of religious healing among the Ojibway Indians. University of Oklahoma Press, Norman 1983.
  • Gerald Vizenor: The people named the Chippewa: Narrative histories. University of Minnesota Press, Minneapolis 1984.
  • Thomas Vennum Jr.: Wild Rice among the Ojibway People. Minnesota Historical Society Press, St.Paul 1988.
  • Basil Johnston: Und Manitu erschuf die Welt - Mythen und Visionen der Ojibwa. Diederichs, 1994.
  • Wub-e-ke-niew: We have the right to exist: A translation of aboriginal indigenous thought. The first book ever published from an Ahnishinahbæótjibway perspective. Black Thistle Press, New York 1995.
  • J.D. Nichols, E. Nyholm: A concise dictionary of Minnesota Ojibwe. University of Minnesota Press, Minneapolis 1995.
  • Lawrence W. Gross: The comic vision of Anishinaabe culture and religion. In: American Indian Quarterly, 26, S. 436-459, 2002.
  • Hartmut Krech (Hrsg.): Lebensbeschreibungen zweier Anishinabe-Frauen. In: IndianerLeben. Indianische Frauen und Männer erzählen ihr Leben. Books on Demand, Norderstedt 2009, S. 175–204.

Weblinks

 <Lang> Commons: Ojibwa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Eastern Woodland Hunters auf firstpeoplesofcanada.com
  2. Ojibwe History auf tolatsga.org
  3. H. P. Carver: The Silent Enemy bei arte.tv

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