Çukuriçi Höyük


37.92916666666727.359444444444Koordinaten: 37° 55′ 45″ N, 27° 21′ 34″ O
Reliefkarte: Türkei
marker
Çukuriçi Höyük
Magnify-clip.png
Türkei

Der Çukuriçi Höyük (türk.: "Hügel in der Senke") ist eine prähistorische Tellsiedlung in der Westtürkei, etwa einen Kilometer südöstlich der antiken Stadt Ephesos, im Süden der modernen Stadt Selçuk in der Provinz İzmir gelegen. Seit 2006 wird die Fundstelle systematisch ergraben[1].

Geschichte

Die Siedlung auf dem Çukuriçi Höyük nach der Grabung 2009 (Foto: N. Gail, ÖAI)

Der Çukuriçi Höyük liegt in einer heute sehr fruchtbaren Ebene inmitten blühender Obstplantagen. Ausgrabungen konnten zeigen, dass es sich bei dem in der Landschaft deutlich sichtbaren Hügel um einen prähistorischen Tell (Höyük) handelt: Durch die jahrtausendelange Nutzung als Siedlungsplatz an derselben Stelle entstanden massive, übereinanderliegende Kulturschichten, die zu einem künstlichen Hügel angewachsen sind. Diese Siedlungsform ist in den Perioden des Neolithikums und der Bronzezeit (8.–2. Jahrtausend v. Chr.) vom Orient bis Südosteuropa typisch, in Westanatolien sind bis heute jedoch nur wenige Tells ausgegraben und systematisch erforscht. Auf dem Çukuriçi Höyük konnten bisher insgesamt fünf übereinanderliegende Siedlungen aus verschiedenen Perioden in unterschiedlichem Ausmaß ausgegraben werden. Sie erlauben einen ersten Einblick in die Geschichte dieses Siedlungshügels.

Bereits am Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. (Spätneolithikum um ca. 6200–6000 v. Chr.) wurde der Platz als Wohnareal genutzt. Wie Reste eines Hauses aus dem Frühchalkolithikum zeigen, das aus Steinsockelmauern mit Lehmwänden errichtet wurde, siedelten die Menschen hier wahrscheinlich bis etwa 6000 v. Chr. Die Ernährung war selbst in diesem frühen Stadium vielseitig und basierte überwiegend auf Haustierhaltung von Schweinen, Schafen und Ziegen sowie Rindern. Ergänzt wurde die Nahrung durch die Jagd auf Hase, Fuchs, Rothirsch und Auerochs sowie das Aufsammeln von Meeresmuscheln. Erstmals gelang auch der Nachweis von Hochsee-Fischen, was eine Seefahrt über die Grenzen der Agais nahe legt. Obsidian wurde von der rund 300 km entfernten Insel Melos nachgewiesen. Außerdem bestand Kontakt mit Ostanatolien, Mesopotamien und dem vorderen Orient. Eine handwerkliche Spezialisierung der hier siedelnden Menschen zeigt sich unter anderem an den qualitätsvollen Keramikgefäßen und den geschlagenen Steingeräten, die überwiegend aus importiertem Obsidian hergestellt wurden[2]. Diese frühe Siedlung wurde nach ihrer Zerstörung, deren Ursache noch unklar ist, aufgegeben und offenbar verlassen.

Die nächstfolgende derzeit gesicherte Nutzung des Platzes lässt sich erst rund 1500 Jahre später, im entwickelten 4. Jahrtausend v. Chr., nachweisen. Für die Zeit um 2900 v. Chr. lässt sich eine umfangreiche Metallbearbeitung nachweisen. Ohne weitere Unterbrechung war der Hügel nun durchgehend bis etwa 2500 v. Chr. besiedelt, bevor er in dieser Periode der frühen Bronzezeit erneut aufgegeben wurde. Die Frühbronzezeit ist eine Epoche großer und nachhaltiger Veränderungen in der Ägäis und in Südosteuropa. Vermutlich ausgelöst durch den Bedarf an Metallen und ihrem Handel sowie den daraus resultierenden Reichtum entstehen die ersten protourbanen Zentren und befestigten Großsiedlungen. Die Rolle Westanatoliens in dieser bedeutenden Entwicklungsphase der menschlichen Gesellschaften ist noch in vielen Bereichen unklar. Auf dem Çukuriçi Höyük wurden zu dieser Zeit große ein- und mehrräumige Gebäude aus massiven Steinsockeln mit Lehmziegelwänden errichtet. Die jüngste dieser Siedlungen ist durch Gewalteinwirkung, möglicherweise ein Erdbeben, zerstört und nicht wiederaufgebaut worden. Das Fundspektrum weist auf zahlreiche unterschiedliche und spezialisierte Tätigkeiten innerhalb der Siedlung hin. Von besonderer Bedeutung ist die Produktion von Kupferobjekten, deren Herstellung sich vom Guss in einer vorgefertigten Form bis zur Nachbearbeitung im Schmiedeverfahren nachweisen lässt. In den Ernährungsgewohnheiten der Bewohner ist ein deutlicher Wandel im Vergleich zu den vorangegangenen Perioden zu beobachten: Als Haustiere werden am Çukuriçi Höyük nun vor allem Schaf und Ziege gehalten, gejagt werden Hase, Fuchs, Wildschwein und Damwild, erweitert um die Jagd auf Wolf, Bär und verschiedene Vogelarten. Auch das Meer wird vermehrt als Nahrungsquelle genutzt: Neben dem bereits für frühere Zeiten nachgewiesenen Verwerten von Muscheln ist für die frühe Bronzezeit auch Fischfang im seichten wie im tieferen Gewässer zu belegen.[3]

Umfeld

Die Rekonstruktion der prähistorischen Landschaft, die ursprünglich verlaufende Küstenlinie, die vorhandenen ökologischen Ressourcen und schließlich die klimatischen Bedingungen und ihre Veränderungen im Lauf der Jahrtausende bilden zentrale Fragenkomplexe bei der Erforschung des Hügels in seinem mikroregionalen Umfeld. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Besiedlungsgeschichte nur unter Einbeziehung verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen zu begreifen ist. Das seit 2007 auf dem Çukuriçi Höyük arbeitende Forscherteam des Österreichischen Archäologischen Instituts setzt sich daher aus den Fachgebieten der Archäologie, Archäometallurgie, Archäozoologie, Archäobotanik, Anthropologie, Klimatologie und Physik sowie der Paläogeographie und Geologie/Mineralogie zusammen[4][5].

Bedeutung

Die Ausgrabungen auf dem Çukuriçi Höyük erbrachten die älteste Besiedlung von Ephesos, die vor mindestens 8200 Jahren beginnt. Geologische Bohrungen am Fuß des Hügels lassen weitere Siedlungsphasen erwarten, die noch früher in die Geschichte zurückreichen dürften. Bereits jetzt ist mit dem Çukuriçi Höyük aber einer der ältesten Plätze – nicht nur im Großraum von Ephesos – neu entdeckt worden. Zentrale Fragen nach der Ausbreitung der neolithischen Lebensweise vom Inneren Anatoliens bis nach Südosteuropa bilden nur einen Aspekt bei der Erforschung des Tells. Die Funktion des Hügels im 4. Jahrtausend, die in dieser Periode stattfindenden kulturellen Entwicklungen, die schließlich zu der neuen Epoche der Bronzezeit führten, bilden ein zusätzliches breites Forschungsfeld mit vielen unbeantworteten Fragen. Schließlich bietet der Çukuriçi Höyük mit seinen gut erhaltenen Siedlungsresten der frühen Bronzezeit auch Potenzial, die nachhaltigen kulturellen Veränderungen im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. besser zu erfassen. Seine Lage an einem Schnittpunkt zwischen den Kulturräumen Anatolien und Ägäis erlaubt darüber hinaus Forschungen zu großräumigen Kontakten und Beziehungen, ohne die manche Entwicklungen in der Vorgeschichte der Menschheit nicht denkbar sind.

Fußnoten

  1. http://www.oeai.at/index.php/praehistorische-forschungen.html
  2. StTroica 18, 2008, 251–273.
  3. A. Galik – B. Horejs, 2009
  4. http://www.oeai.at/index.php/praehistorische-forschungen.html
  5. http://www.barbarahorejs.at/?page_id=16&langswitch_lang=en

Weblinks

Literatur

  • B. Horejs, Çukuriçi Höyük. A New Excavation Project in the Eastern Aegean. www.aegeobalkanprehistory.net (6. Februar 2008) ISBN 978-80-223-2376-5.
  • M. Bergner – B. Horejs – E. Pernicka, Zur Herkunft der Obsidianartefakte vom Çukuriçi Höyük, StTroica 18, 2008, 251–273.
  • B. Horejs mit Beiträgen von F. Galik und U. Thanheiser, Erster Grabungsbericht zu den Kampagnen 2006–2007 am Çukuriçi Höyük, ÖJh 77, 2008, 91–106.
  • B. Horejs, Metalworkers at the Çukuriçi Höyük? An Early Bronze Age Mould and a “Near Eastern weight” from Western Anatolia, in: T. L. Kienlin – B. Roberts (Hrsg.), Metals and Societies. Studies in honour of Barbara S. Ottaway, Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 169 (Bonn 2009) 358–368.
  • B. Horejs, Çukuriçi Höyük, in: J. Koder – S. Ladstätter, Ephesos 2008, Kazı Sonuçları Toplantası 31, 2009, 321–22. 330–31.
  • B. Horejs, Neues zur Frühbronzezeit in Westanatolien, in: F. Blakolmer u. a. (Hrsg.), Österreichische Forschungen zur Ägäischen Bronzezeit 2009. Tagung Salzburg, 6.–7. März 2009 (im Druck).
  • B. Horejs, Çukuriçi Höyük. Neue Ausgrabungen auf einem Tell bei Ephesos, in: A. Kazim Oz – S. Aybek (Hrsg.), Festschrift (im Druck).
  • B. Horejs, Çukuriçi Höyük. A Neolithic and Bronze Age Settlement in the Region of Ephesos, in: M. Özdoğan u. a. (Hrsg.), The Neolithic in Turkey. Second Enlarged Edition (im Druck).
  • B. Horejs – M. Mehofer – E. Pernicka, Metallhandwerker im frühen 3. Jt. v. Chr. – Neue Ergebnisse vom Çukuriçi Höyük, IstMitt 60, 2010 (im Druck).
  • A. Galik – B. Horejs, Çukuriçi Höyük – Different Aspects of its Earliest Settlement Phase, in: R. Krauß (Hrsg.), Beginnings. New Approaches in Researching the Appearing of the Neolithic between Northwestern Anatolia and the Carpathian Basin. Workshop held at Istanbul Department of the German Archaeological Institute, April 8th–9th 2009 (im Druck).

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


Knochen des Tages

Elemente:

,

21.11.2020
Manche mögen‘s heiß: Globale Erwärmung als Motor für Evolution der Langhalssaurier
Ein internationales Paläontologen-Team, zu dem auch SNSB-Forscher Oliver Rauhut gehört, findet Belege für einen raschen Klimawandel vor 180 Million...
11.11.2020
Der Popa-Langur: ein neu entdeckter Affe aus Asien
Erbgutanalysen, unter anderem an hundert Jahre altem Museumsexemplar, erlauben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Haubenlanguren.
03.11.2020
Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab
Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge...
31.10.2020
Populationsgeschichte der Hunde deckt sich nur teilweise mit der des Menschen
Wissenschaftler haben die Genome von bis zu 10.900 Jahre alten Hunden untersucht und zeigen, dass die Populationsgeschichte der prähistorischen Hunde...
30.10.2020
Denisovaner-DNA im Erbgut früher Ostasiaten
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften haben das Genom des ältesten me...
24.10.2020
Bissspuren und ausgefallene Zähne bringen Licht ins Fressverhalten von Dinosauriern
Forscherteam der Universität Tübingen untersucht 160 Millionen Jahre alten Fressplatz im Nordwesten Chinas.
22.10.2020
Kognitive Bausteine der Sprache existierten schon vor 40 Millionen Jahren
Nicht nur Menschen, sondern auch Affen und Menschenaffen erkennen Regeln in komplexen sprachlichen Konstruktionen. Dies haben Sprachwissenschaftler du...
21.10.2020
Mehr noch als Fleisch und Milch
Stabile Isotopendaten von Menschen- und Tierknochen zeigen eine sehr effektive Nutzung des vielfältigen Nahrungsangebots im nördlichen Kaukasus und ...
18.10.2020
Madagaskar: Mensch und Klima verursachten Massenaussterben
Die gesamte endemische Megafauna Madagaskars und der östlich davon gelegenen Inselkette der Maskarenen, zu der Mauritius und Rodrigues zählen, wurde...
17.10.2020
Chemische Evolution - Am Anfang war der Zucker
Der Ursprung allen Lebens liegt in organischen Molekülen. Doch wie sind diese aus anorganischen Stoffen entstanden? Der LMU-Chemiker Oliver Trapp ber...
14.10.2020
Der moderne Mensch kam auf Umwegen nach Europa
Klimatische Bedingungen leiteten die geographische Ausbreitung von Homo sapiens in der Levante vor 43.000 Jahren.
12.10.2020
Reiter wetteiferten vor 3000 Jahren um die ältesten Lederbälle Eurasiens
Wissenschaftler haben in Gräbern von Reitern in Nordwest-China die ältesten Bälle Eurasiens untersucht. Gemäss dem internationalen Forscherteam so...
08.10.2020
Forscher rekonstruieren Käfer aus der Kreidezeit
Ein internationales Forscherteam hat vier neu gefundene Exemplare der fossilen Käfer Mysteriomorphidae mithilfe der Computertomographie untersucht un...
01.10.2020
Jagdverhalten säbelzahntragender Raubtiere erforscht
Ein internationales Team von Forschenden aus dem Vereinigten Königreich und Spanien sowie unter Beteiligung vom Museum für Naturkunde in Berlin, unt...
25.09.2020
Vor 120.000 Jahren: Älteste sicher datierte Nachweise von Menschen auf der arabischen Halbinsel
Unter Verwendung hochauflösender paläoökologischer Informationen, die aus versteinerten Fußabdrücken gewonnen wurden, präsentiert eine neue, in ...
25.09.2020
Neandertaler haben männliches Geschlechtschromosom vom modernen Menschen übernommen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipz...
21.09.2020
Versteinerte Bäume im Thüringer Wald: Forscherteam entschlüsselt fossile Mikrowelten
Paläontologen des Museums für Naturkunde Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg führen aktuell in Manebach bei Ilmenau wissenschaftliche Grabung...
21.09.2020
Auch Schimpansen leiden ein Leben lang, wenn sie im Kindesalter die Mutter verlieren
Der Tod eines Elternteils ist für ein Kind traumatisch und Waisenkinder leiden häufig für den Rest ihres Lebens unter diesem Verlust – ein verzö...
21.09.2020
Älteste Spermien der Welt
In einem Bernstein entdeckte ein internationales Team von Paläontologen im Inneren eines weiblichen Muschelkrebses 100 Millionen Jahre alte Riesenspe...
17.09.2020
Schimpansenverhalten und -kultur sind in variabler Umwelt am vielfältigsten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrat...
15.09.2020
Weinpresse aus der Eisenzeit gibt Aufschluss über Bautechnik der Phönizier
Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon.
09.09.2020
Die älteste Neandertaler-DNA Mittelosteuropas
Ein internationales Team berichtet in einer neuen Studie über das älteste mitochondriale Genom eines Neandertalers aus Mittelosteuropa. Das aus eine...
09.09.2020
Das letzte Zucken der Eiszeit
Ein internationales Team von Forschenden blickt präzise wie nie in das Ende der letzten Eiszeit. Wann und wo genau die Jüngere Dryaszeit begann und ...
03.09.2020
Milchverträglichkeit hat sich in wenigen Tausend Jahren in Mitteleuropa verbreitet
Paläogenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz finden nur in wenigen Knochen vom bronzezeitlichen Schlachfeld an der Tollense Hinweise auf ...
03.09.2020
Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert
Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universit...