Oben links: Speerspitze aus dem Atérien, Colomb-Bechar (Frankreich). Oben rechts: Speerspitze aus dem Moustérien; Houppeville (Frankreich). Unten links: Doppelseitiger Schaber mit Quinta-Retusche, Combe-Grenal Frankreich). Unten rechts: Kernstein und Spitze in Levallois-Technik, Le Tillet (Frankreich). Die Form der Steinbearbeitung, die für das Acheuléen typisch war, setzte sich auch im nachfolgenden Moustérien fort, die Werkzeuge waren nun jedoch kleiner, und das Formen- und Gebrauchsspektrum vergrößerte sich. Die Kultur ist nach der FundsteIle Le Moustier in Frankreich benannt, wo man die Überreste eines erwachsenen Neandertalers mit Säugling gefunden hatte. Sie taucht vor etwa 200.000 Jahren auf - überschneidet sich um mehrere tausend Jahre mit dem Acheuléen - und blieb bis vor 40.000 Jahren erhalten.
In verschiedenen regionalen Formen kommt sie in Europa, dem Nahen Osten und Afrika praktisch in dem gleichen Gebiet vor, in dem auch die Werkzeuge des Acheuléen gefunden wurden. In Europa findet man diese Artefakte meist in Verbindung mit Homo neanderthalensis, aber in anderen Gegenden, so an den nahöstlichen Fundstellen von Kebara, Tabun, Qafzeh und Skhul wurden Moustérien-Werkzeuge sowohl von Neandertalern als auch vom frühen Homo sapiens hergestellt.
Viele Werkzeughersteller des Moustérien bedienten sich einer von zwei Techniken, um einen Stein so vorzubereiten, dass sie dann einen Splitter mit vorherbestimmter Form und Größe abschlagen konnten; anschließend stellten sie daraus in einem als Retuschieren bezeichneten Vorgang unterschiedlich geformte Werkzeuge her: Sie schufen durch Entfernen winziger Splitter eine scharfe Kante und konnten auch eine stumpf gewordene Schneide wieder schärften. Zusammenfassend bezeichnet man diese Schlagtechniken als Levallois; nach einem Vorort von Paris, in dem man die Methode an ausgegrabenen Artefakten zum ersten Mal nachwies. Das Levallois gilt zwar manchmal als verschwenderisch, weil an jedem Stein nur ein großer Abschlag gewonnen werden kann, dagegen erlaubte es die Herstellung möglichst vieler scharfer Kanten aus nur einem Ausgangsstein.
Die erste Technik geht von einem abgeflachten Stein aus. An seinem Umfang wurden Stücke abgeschlagen, so dass eine aus Facetten bestehende Schlagfläche für das Abschlagen eines großen ovalen Stückes entstand. Auf diese Weise entstand ein "Schildkröten- Kernstein", der so genannt wird, weil der fertige Stein mit der gewölbten Ober- und flachen Unterseite einem Schildkrötenpanzer ähnelt. Der daraus gewonnene Abschlag wurde häufig an den Kanten noch weiter behauen, bis schließlich ein Schaber fertig war, der zur Fell- und Holzbearbeitung benutzt werden konnte. Auch bei der zweiten Levallois-Technik wurde der Kernstein für das Abschlagen eines einzigen großen Stückes vorbereitet, aber dieser Abschlag war dreieckig und spitz, so dass er wahrscheinlich meist als Pfeil- oder Speerspitze diente.
Weitere Werkzeuge aus der Moustérien-Kultur sind gekerbte Abschläge mit einer gezähnten Schneide sowie Steinklingen, die für das spätere obere Paläolithikum typisch sind. Stand den Homininen in der Nähe feinkörniger Flintstein zur Verfügung, wurde er häufig als Ausgangsmaterial für die Artefakte des Moustérien genutzt. Eher ungewöhnliche Moustérien-Werkzeuge brachte die nordafrikanische Atérien-Kultur hervor, die in die Zeit vor 100.000 bis 75.000 Jahren gehören dürfte. Ihre Speerspitzen wurden zwar nach der traditionellen Levallois-Technik hergestellt, auffällig ist jedoch ein viereckiger Zapfen am Hinterende, der wahrscheinlich der Befestigung an einem Pfeil oder Speer diente. Diese Neuerung wurde im oberen Paläolithikum beträchtlich weiterentwickelt.
Artikel: 2004, Letztes update: 04.02.2012 um 01:45