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Anatomie der Sprache

Anatomie der Sprache
vergrößernIllustration: Links der Schädel eines Frühmenschen, rechts der eines modernen Zeitgenossen

Tonbandaufnahmen aus grauer Vorzeit gibt es leider nicht. Deshalb sind Wissenschaftler auf andere Indizien angewiesen, um herauszufinden, seit wann Menschen sprechen können. Homo sapiens hat sich von seinen nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, schon vor rund fünf bis sieben Millionen Jahren getrennt. Diese Zeitspanne entspricht etwa 300.000 Generationen seit dem letzten gemeinsamen Ahnen. Ob die Sprache kontinuierlich oder in einem großen Sprung entstand, ist umstritten. Mit einiger Sicherheit kann man annehmen, dass spätestens die Neandertaler über eine komplexe Sprache verfügten, denn ohne sie wäre eine hochentwickelte Kultur, wie sie bereits die Neandertaler pflegten, nicht möglich.

Kurzvideo der Max-Planck-Gesellschaft. Kernspin in Echtzeit:Sprechen! Quelle YouTube

Homo habilis stellte bereits vor 2,5 Millionen Jahren Werkzeuge her. Aus Abdrücken seines Schädelinneren wurde auf Asymmetrien der Großhirnhälften geschlossen - einschließlich der Windungen, die bei heutigen Menschen eine Voraussetzung zur Sprache sind. Allerdings haben auch Schimpansen solche Hirnasymmetrien, ohne jedoch zur Lautsprache befähigt zu sein.

Homo sapiens entstand vor etwa 200.000 Jahren in Afrika und verließ den Kontinent vor 100.000 Jahren. Er schuf komplexere Werkzeuge als andere Frühmenschen, benutzte größere Wohnstätten, entwickelte weiträumige Handelsbeziehungen, lebte in regional unterschiedlichen Kulturen und schuf beeindruckende Kunstwerke. Die großen Populationen ("Rassen") begannen vor etwa 50.000 Jahren sich auseinanderzuentwickeln. Da sie heute alle die gleichen sprachlichen Fähigkeiten besitzen, gilt diese Zeit meist als jüngstes Datum für eine vollentwickelte Sprache. Die ältesten bekannten Schriftzeichen sind kaum älter als 5000 Jahre. Fest steht, welche Voraussetzungen für das Sprechen nötig sind: eine willentliche Kontrolle der Atmung, eine Veränderung des Vokaltraktes sowie neuronale Entwicklungen zur Steuerung der Sprechmotorik, zur Fähigkeit lautlicher Imitationen und zur Bildung grammatischer Relationen. Wie Detektive versuchen Forscher nun, aus wenigen fossilen Überresten auf das Sprachvermögen unserer Ahnen zu schließen

Bislang liefern die anatomischen Untersuchungen also mehr Fragen als Antworten. Ob Neandertaler oder gar Homo erectus reden konnten, werden wir wohl erst mit Bestimmtheit wissen, wenn es eines Tages gelingen sollte, sie aus dem Erbgut in ihren Knochen zu klonen -dann würden wir nämlich merken, ob sie uns etwas zu sagen haben.

Artikel: 2004, Letztes update: 04.02.2012 um 01:41

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