Die Besiedlung der Erde - zwei Hypothesen


Zwei Homo sapiens Theorien
Die Grafik zeigt (vereinfacht) die fundamentalen Unterschiede zwischen »Out of Afrika« - Theorie (rechts) und der »Multiregionalen Theorie«

Vor etwa 2 Millionen Jahren verließ Homo ergaster (erectus) Afrika und eroberte die übrige Alte Welt - es war die erste große Wanderung der Menschheitsgeschichte. Bei seinem Auszug aus Afrika passierte Homo ergaster die Levante, einige Gruppen machten sich auf den Weg nach Europa, andere zogen weiter nach Asien. Die Funde von Dmanisi, Georgien beweisen, dass frühe Menschen bereits vor 1,8 Millionen Jahren vor den Toren Europas lagerten. Doch wie ihr Weg nach Asien verlaufen ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, denn es gibt bislang keine Funde, die einzelne Stationen der langen Reise belegen könnten. Daher weiß man zwar, dass Homo erectus in Asien lebte ohne jedoch eine klare Vorstellung zu haben, wie er dort hin gelangte.

Vor allem für chinesische, aber auch einige US-Forscher ist dieser Umstand Basis für eine Theorie, die heute die Wissenschaftler in zwei Lager spaltet. Dass Homo erectus Afrika verließ und sich über Asien und Europa ausbreitete, darüber sind sich die Anthropologen noch einig, doch bei Fragen nach seinem Verbleib scheiden sich die Geister.

Die meisten westlichen Forscher sind davon überzeugt, dass sich der moderne Mensch, der Homo sapiens, in Afrika entwickelt hat und sich von dort aus zunächst über Asien und Europa ausbreitete, später dann Australien und Amerika besiedelte. So, wie der Homo erectus vor zwei Millionen Jahren von Afrika aus die riesigen Regionen Asiens und Europas besiedelte, hätten früh-moderne afrikanische Sapiens-Auswanderer während der letzten 100.000 Jahre die Welt ein zweites Mal kolonisiert. »Sie trugen die Samen modernen Lebens nach Asien und später nach Europa und Australien«, schreibt der britische Paläoanthropologe Christopher Stringer. Und sie wurden die »Vorfahren von uns allen, die wir heute leben, nicht nur der Europäer, sondern aller Völker der Erde, von den Eskimos in Grönland bis zu den Pygmäen in Afrika und von den australischen Aborigines bis zu den Indianern Amerikas«. Dies ist die Kernaussage der «Out of Africa» - Theorie.

Allerdings gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen der Auswanderungswelle des Homo erectus und der des Homo sapiens: Der eine stieß in riesige, menschenleere Räume vor, während der andere in den meisten Gebieten auf andere Menschen traf - in Vorderasien und Europa lebten damals die Neandertaler, in Süd- und Ostasien andere Nachkommen des Homo erectus. Was ist mit diesen Ureinwohnern geschehen? Wurden sie ausgerottet, verdrängt, oder sind ihre Gene in das Erbgut des Homo sapiens eingeflossen? »Das endgültige Erlöschen von Organismen ist eines der faszinierendsten und zugleich am wenigsten verstandenen Probleme der menschlichen Entwicklungsbiologie«, schreibt der britische Anthropologe Robert Fortey.

Die Gegner der «Out-Of-Africa» -Theorie favorisieren eine »multiregionale Hypothese«: Sie gehen davon aus, dass sich der moderne Mensch aus den Nachkommen des Homo erectus an vielen Stellen der Welt in kontinuierlichem Gen-Austausch mit neuen Einwanderern zum modernen Homo sapiens entwickelt hat.

»Die Evolution schritt überall dort voran, wo der Mensch lebte, und jede Region mag das Zentrum sowohl seiner generellen Entwicklung als auch der Ausprägung besonderer rassischer Merkmale gewesen sein«, schrieb der deutsche Paläontologe Franz Weidenreich schon 1940. Dabei meinte er nicht, wie seine These oft verzerrend dargestellt wird, dass sich die isoliert lebenden Menschengruppen unabhängig voneinander in den verschiedensten Regionen auf wundersame Weise zum Homo sapiens entwickelt hätten. Sondern er nahm an, dass die frühmenschlichen Bewohner Afrikas, Asiens und Europas regelmäßigen Kontakt miteinander hatten - und dabei nicht nur neue Erfindungen und Ideen austauschten, sondern auch ihre Gene. Da es keine genetischen Barrieren gab, seien die Gene der früheren Menschen im Lauf der Zeit im Erbgut des modernen Homo sapiens aufgegangen.

Der mitunter heftige Streit der Anthropologen um die geografischen Wurzeln des modernen Menschen spitzte sich 1987 zu, als eine spektakuläre molekularbiologische Arbeit erschien, die das »Out of Africa« - Modell zu stützen scheint. Eine Gruppe um die Genetikerin Rebecca Cann hatte Erbsequenzen von heutigen Frauen aus verschiedenen Regionen der Welt verglichen. Man untersuchte dabei das Erbgut der Mitochondrien - der Energielieferanten der Zellen - die eine eigene DNA besitzen und welche nur von der Mutter an die Nachkommen weitergegeben wird. Da sich mit der Zeit in den betreffenden Erbabschnitten Mutationen anhäufen, unterscheiden sich die weiblichen Abstammungslinien umso mehr, je länger sie getrennt verliefen.

Cann und ihre Kollegen ermittelten eine der gesamten heutigen Menschheit gemeinsame Wurzel, die nicht älter als rund 200.000 Jahre zu sein scheint und in Afrika liegt. Diese Erkenntnis wurde unter dem Namen »Eva Theorie« bekannt. Denn wenn man die Mitochondrienlinien einer Population rechnerisch über die Generationen zurückverfolgt, nimmt die Zahl der direkten weiblichen Vorfahren kontinuierlich ab. Man gelangt dann - rein rechnerisch - irgendwann zu der legendären «Urmutter«. Da man in dieser Studie an keinem Ort der Welt stark abweichende Erbmuster ermitteln konnte, folgerten die Molekulargenetiker, dass frühere Menschenformen, wie etwa der Homo erectus, zum Genpool des anatomisch modernen Menschen nichts oder nur sehr wenig beigetragen hätten.



Gegen eine evolutionäre Kontinuität (in Europa) sprechen überdies ebenfalls molekulargenetische Befunde eines Teams um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Ihnen gelang es, DNA-Abschnitte von zwei Neandertalern aus dem Neandertal bei Düsseldorf und Vindija in Kroatien zu analysieren. Sie unterscheiden sich so deutlich von denen heutiger Menschen, dass die Forscher zu dem Schluss gelangten, dass sich die Entwicklungslinien zu den Neandertalern und zu den anatomisch modernen Menschen bereits irgendwann vor 800.000 bis 300.000 Jahren trennten.

Svante Pääbo
Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig fand anhand von DNA-Proben heraus, dass sich Neandertaler und moderner Mensch genetisch stark unterscheiden.

Die Verfechter der »Multiregionalen Hypothese« um den Anthropologen Milford Wolpoff von der University of Michigan halten genetische Analysen dagegen grundsätzlich für fragwürdig. Sie glauben, dass man zu ganz verschiedenen Ergebnissen kommen kann, je nachdem welche Abschnitte des Genoms man betrachtet. Zur Untermauerung ihrer Theorie der kontinuierlichen Evolution haben auch sie ein oder zwei Trümpfe in der Hand. Sie haben verschiedene Merkmale an 13.000 bis 30.000 Jahre alten Schädeln von modernen Menschen analysiert, die teils aus Mladeč in Tschechien, teils von den australischen Willandra-Seen stammen, und sie mit älteren Schädeln aus diesen Regionen sowie mit jüngeren aus dem Nahen Osten und Afrika verglichen. Ihre Idee: Wenn die »Out of Africa« Hypothese stimmt, müssten die Funde von Mladeč und den Willandra -Seen größere Ähnlichkeiten mit den modernen Schädeln aus dem Nahen Osten und Afrika aufweisen als mit ihren alteingesessenen Vorgängern vor Ort - falls nicht, spräche das für eine regionale Weiterentwicklung zu den modernen Kopfformen.

Wolpoff und seine Mitarbeiter registrierten das Vorhandensein oder Fehlen von bis zu dreißig Merkmalen - je nachdem wie vollständig die Schädel erhalten waren - und leiteten daraus statistische Verwandtschaftsbeziehungen ab. Das Ergebnis war bemerkenswert. Im Durchschnitt unterschied sich einer der Schädel aus Australien (WLH 50) von Exemplaren aus Ngandong, Java (die als sehr archaische Vertreter von Homo sapiens gelten) in nur 3,7 Merkmalen. Von jenen (moderneren) aus dem Nahen Osten unterschieden sie sich dagegen in 7,3 und von den afrikanischen sogar in 9,3 Charakteristika. Demnach ist WLH 50 aus Australien eindeutig näher mit den regionalen Vorfahren aus Asien verwandt als mit den späteren, modernen Menschen aus der Levante und aus Afrika.

Alles in allem haben aber die Erkenntnisse und neuen Funde der beiden letzten Jahrzehnte das »Out-Of-Africa-Modell« im Wesentlichen bestätigt, denn nur in Afrika lässt sich ein allmählicher Übergang vom Homo erectus zum archaischen und später modernen Homo sapiens auch an einer Vielzahl von Fossilien nachweisen. Und dieser Übergang fand offenbar noch viel früher statt, als zunächst angenommen. So ist das älteste dieser Fossilien, der früh-archaische Bode-Hominine aus Äthiopien, etwa 600.000 Jahre alt. Damit dürfte der Übergang vom späten Homo erectus zum archaischen Homo sapiens mindestens 700.000 Jahre zurückliegen. Die jüngsten früh-archaischen Vertreter lebten anscheinend bis vor etwa 300.000 Jahren, als unmittelbar darauf, zwischen 300.000 und 150.000 Jahren der anatomisch moderne Homo sapiens auf den Plan trat.

Verschiedene ihm eindeutig zugeordnete Fossilien aus Südafrika sind an die 120.000 Jahre alt, ein sudanesisches Fossil sogar 150.000. Das Skelett von Omo in Äthiopien scheint anstatt anfänglich geschätzter 130.000 Jahre gar 190.000 Jahre alt zu sein, wie ein australisch-amerikanisches Forscherteam in der Fachzeitschrift Nature berichtet. Dass die Evolution des Homo sapiens allmählich und ausschließlich in Afrika stattfand, lässt sich mit solchen vielen afrikanischen Mosaiksteinchen recht überzeugend belegen.


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