Die Besiedlung der Erde - Die ersten Europäer

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Die ersten Europäer stammen - wie auch jene Menschen, die erstmals Asien besiedelten - von der ersten Auswanderungswelle des Homo erectus (ergaster) aus Afrika ab. Eindrucksvoll zeigt dies der Fundort Dmanisi in Georgien, wo 1991 Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz bei der Ausgrabung einer mittelalterlichen Ruinenstätte auf einen Unterkiefer stießen, der alle bisherigen Datierungen über den Zeitpunkt der Auswanderung aus Afrika über den Haufen warf.

Zunächst wollten viele Wissenschaftler nicht an das hohe Alter von 1,85 Millionen Jahren glauben, doch bei weiteren Grabungen gemeinsam mit der Georgischen Akademie der Wissenschaften wurde man 1999 erneut fündig. Ein fast vollständiger Schädel und ein Schädeldach sorgten endgültig für die Sensation, denn auch diese Fossilien wurden mit Hilfe moderner Methoden, wie etwa dem Paläomagnetismus auf 1,7 bis 1,8 Millionen Jahre datiert. Auch Werkzeuge aus einfachen Geröllabschlägen förderten die Wissenschaftler zu Tage, die man bereits aus 2,5 Millionen Jahren alten Schichten aus Afrika kannte (Oldowan-Industrie). Nun nahm man ihre Existenz mit Verblüffung im Kaukasus zur Kenntnis - bis dahin glaubte man, dass der Auszug aus Afrika erst mit der Entwicklung einer fortschrittlicheren Werkzeugtradition, den Faustkeilen des Acheuléen möglich war.

Die Existenz sehr früher Homininen vor den Toren Europas hat man also erstaunt zur Kenntnis genommen, doch wie kamen sie dort hin? Die Wissenschaft weiß es nicht genau, aber man kann Vermutungen anstellen. In der ganzen Menschheitsgeschichte spielen ständige Klimaveränderungen eine wichtige Rolle. Eiszeiten, die sich mit wärmeren Zwischenphasen abwechselten, bestimmten das Weltklima. Auch in Afrika, der Wiege der Menschheit waren diese Schwankungen deutlich zu spüren. Savannen und Regenwälder führten je nach Klimaeinfluss ein ständiges Wechselspiel. Wälder verschwanden, Savannen breiteten sich aus, die Wälder kamen wieder, aus Savannen wurden Steppen - es war ein ständiger Wechsel. An dieses ständige Auf und Ab, Hin und Her mussten sich die Tiere, so auch die frühen Homininen, anpassen - oder sie suchten das Weite.

Als die Wanderungen begannen waren sie nicht gezielt, das Klima wies den Weg und Europa war nicht weit weg. Wie und in welchen Zeitabschnitten die Wanderungen verlaufen sind, das wissen wir nicht. Noch sind viele Lücken in der Chronologie der bisherigen Funde zu schließen. Außerdem sind viele Datierungen und Einordnungen vorhandener Funde immer noch heftig umstritten. Verwirrend ist auch die Unterscheidung, der Homo erectus sei typisch für den asiatischen, der Homo heidelbergensis für den europäischen Raum. Die Wanderwege werden im Detail wohl nie ganz entschlüsselt werden, doch zum Glück gibt es Funde wie Dmanisi, die uns den Weg andeuten. Die Funde von Dmanisi belegen die Anwesenheit einer frühen Menschenform vor den Toren Europas, doch wer waren die ersten Europäer?

Der Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg

Im Oktober 1907 fand der Sandgrubenarbeiter Daniel Hartmann in Mauer bei Heidelberg rein zufällig einen kräftigen Unterkiefer, der bis Anfang der 1990er Jahre als das älteste Homininenfossil Europas galt. Ursprünglich auf eine halbe Million Jahre geschätzt ergaben neuere Untersuchungen des Kiefer und des einstigen Fundortes jetzt ein Alter von 630.000 Jahren. Heute ist man sich ziemlich sicher, dass diese Spezies am Anfang einer Entwicklung stand, die später zu den Neandertalern führen sollte. Sein Name: Homo heidelbergensis.

Viele Paläoanthropologen ordnen dem Homo heidelbergensis noch weitere Funde zu, sie tun dies auch, um so die Vorstellung zu untermauern, dass sich der Homo erectus nur im asiatischen Raum ausgebreitet hat, während in Europa eine andere Form des Homo erectus lebte, eben die des Homo heidelbergensis.

Auch wenn es sich hier nur um einen einzelnen Unterkiefer handelt, stellten die Wissenschaftler doch einige besondere Merkmale dieser Spezies fest, die ihn vom Homo erectus und auch vom späteren Neandertaler unterscheiden. Der Homo heidelbergensis besaß kein Kinn, und der Teil, der den Kiefer mit dem Schädel verbindet, ist erstaunlich breit, was auf starke Kaumuskeln schließen lasst. Eine Untersuchung der Zähne, die sich vom Homo erectus und auch vom Jetztmenschen durch ihre Größe unterscheiden, ergab, dass der Homo heidelbergensis sowohl fleischliche als auch pflanzliche Nahrung zu sich genommen hat. Im Zusammenhang mit dem Kiefer von Mauer wurden allerdings keine Steinwerkzeuge gefunden. Man entdeckte zwar Geröllabschläge, doch wurde ihre Fundlage nicht genau dokumentiert, so dass man nicht sicher ist, ob sie auch zum Kiefer gehören.

Homo antecessor

1997 wurde der Unterkiefer von Mauer dann vom Thron des ältesten Europäers gestoßen, als man in Nordspanien in der Karsthöhle von Gran Dolina fossile Überreste von sechs jugendlichen Individuen fand. Ihr Alter: 780.000 Jahre. Die Vorfahren dieser Spezies, die man als Homo antecessor klassifizierte, dürften vor etwa einer Million Jahren aus Afrika nach Spanien gekommen sein. Der Entdecker Antonio Rosas gehört zu jenen Wissenschaftlern, die der Meinung sind, Homo erectus habe sich nur nach Asien ausgebreitet und der von ihm identifizierte Homo antecessor sei der eigentliche Vorfahre von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen.

Erste Briten schon vor 800.000 Jahren

Unsere Vorfahren besiedelten den Norden Europas mindestens 80.000 Jahre früher als bisher angenommen. Das belegt ein im Juli 2010 in „Nature“ veröffentlichter Fund von mehr als 800.000 Jahre alten Steinwerkzeugen in Großbritannien. Es handelt sich um den ersten Nachweis menschlicher Präsenz aus dieser Zeit nördlich des 45. Breitengrads. Die Vorgänger des Homo sapiens müssen sich demnach schneller und besser an die damals herrschende Kälte angepasst haben als bisher gedacht. Die in freigelegten Flussablagerungen entdeckten Funde umfassen 78 grob bearbeitete Steinwerkzeuge und Bearbeitungsartefakte. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie einst von den frühen Jägern und Sammlern zum Zerschneiden von Fleisch oder Holz verwendet wurden. Aus geologischen Daten und der Datierung von Pflanzen- und Tierfossilien aus gleichen Schichten schließen die Forscher, dass die Funde 840.000 oder sogar 950.000 Jahre alt sind. Die frühen Menschen müssen die Region um den Fundort Happisburgh während des letzten Teils einer zwischen-eiszeitlichen Warmperiode besiedelt haben. Das Klima war trotzdem sehr kühl, vergleichbar mit dem heutigen Klima im nördlichen Teil Skandinaviens [2].

Tautavel, Südfrankreich

Auf etwa 400.000 Jahre datierte man einen Schädel aus der Höhle von Arago bei Tautavel, Südfrankreich, den man bei umfangreichen Ausgrabungen im Jahr 1964 entdeckte. Seitdem wurden an dieser Stelle über sechzig menschliche Fossilien gefunden, darunter ein Hüftknochen und dieser kräftig gebaute Schädel mit der Bezeichnung Arago XXI. Dieser weist einige Besonderheiten auf, die seine Entdecker veranlassten, ihn zum robusten Ende europäischer Frühmenschen zu zählen. Arago XXI besteht aus einem fast vollständigen Gesicht, fünf Molaren (hintere, mehrwurzelige Backenzähne) und einem Teil des Gehirnschädels. Das Gesicht springt leicht vor und zeigt einen kräftigen Überaugenwulst. Die Scheitelbeine sind eckig verdickt, wie man es vom Homo erectus kennt. Doch gibt es auch Merkmale, die eine Zuordnung zu dieser Spezies in Frage stellen. Der Stirnknochen ist beispielsweise breiter als beim Homo erectus, und auch sein Hirnvolumen von etwa 1.160 Kubikzentimeter liegt außerhalb des Spektrums von Homo erectus mit knapp über 1.000 Kubikzentimetern.

Petralona, Griechenland

Der Schädel von Petralona, der inzwischen auf ein Alter von 300.000 bis 400.000 Jahre datiert wurde, besitzt manche Merkmale eines Neandertaler, doch wiederum andere, die auf eine frühere Spezies verweisen. Es ist gerade so, als habe man das Gesicht eines Neandertalers auf den Gehirnschädel einer primitiveren Art gepflanzt. Das Schädelvolumen des Petralona-Menschen wurde auf 1 220 Kubikzentimeter geschätzt. Handelt es sich vielleicht um einen Vorgänger des Neandertalers?

Steinheim, Deutschland und Swanscombe, England

Bereits in den 1930er Jahren hatten eine Kiesgrube bei Steinheim an der Murr und eine Stelle bei Swanscombe am Unterlauf der Themse zwei Schädelfragmente freigegeben. Beide werden heute - wie die Funde von Arago und Petralona - dem Homo heidelbergensis zugeordnet, aus dem sich der Neandertaler entwickelte. Besonders der Schädel von Steinheim aber lässt bereits den Homo sapiens ahnen und ist auch deshalb für uns interessant.

Am 24. Juli 1933 entdeckte Karl Sigrist, der Sohn eines Sandgrubenbesitzers, einen fast vollständigen Schädel. Er lag unter einer fünf Meter dicken Schicht von eiszeitlichem Schotter. Sigrist meldete seinen Fund telefonisch an die damalige Württembergische Naturaliensammlung in Stuttgart, Vorläuferin des heutigen Naturkundemuseums. Das Schädelfragment wurde geborgen und als einer jungen Frau zugehörig klassifiziert, die vor etwa 300.000 Jahren gestorben sein musste. Seine Charakteristika waren genau dem späteren Fund von Petralona entgegengesetzt: Die Rückseite des Schädels zeigt Merkmale, die dem Neandertaler eigen waren, wie eine Vertiefung des Hinterhauptbeins. Der Fund wurde als Homo steinheimensis beschrieben, doch andere Wissenschaftler sind sich ziemlich sicher, hier eine Übergangsform zwischen Homo erectus und frühem Homo sapiens identifizieren zu können.

Auch das Schädelfragment von Swanscombe in England ist fast so alt wie das von Steinheim, etwa 300.000 Jahre. In der Umgebung des Fundorts tauchten verschiedene Werkzeuge auf, Faustkeile, die für die Acheuléen-Kultur sprechen. Diese Werkzeugkultur ist bereits vor 1,5 Millionen Jahren in Afrika bekannt gewesen. Sie hatte also lange überdauert.

Bilzingsleben, Deutschland

Der Homo erectus war vor mehr als 300.000 Jahren zwar noch nicht am Ende seiner Wanderschaft angekommen, doch er hinterließ in Europa deutliche Spuren. So gibt es kaum einen europäischen Fundplatz, der so umfassender über das Leben und die Umwelt des Homo erectus in Europa Auskunft geben könnte, wie der von Bilzingsleben in Thüringen. Es ist Dietrich Mania von der Universität Jena zu verdanken, dass wir heute einen unverfälschten Blick in die europäische Vergangenheit werfen können. Wie in einem Lehrbuch öffnet sich hier der ganze Horizont des Lebens vor 370.000 Jahren. Flora, Fauna, Fossilien des Homo erectus und Werkzeuge kamen zutage; selten lassen sich einem Platz so viele Erkenntnisse über unsere Vorfahren und ihre Umwelt abringen wie hier. Bilzingsleben bot den Frühmenschen einige Vorzüge, so lag der Lagerplatz an einem kleinen See, mit einer ebenen Uferterrasse, es gab einen Bach, der in den See mündete. Über dem Platz befand sich ein Plateau, das für eine gute Geländeübersicht sorgte. So waren die Menschen imstande, Tiere, die hier zur Tränke kamen, zu erlegen. Der Hang des Plateaus schützte vor dem Wind, der See mit dem lebensnotwendigen Wasser lag in unmittelbarer Nähe und wurde durch einen Gürtel aus Büschen und Schilf begrenzt.

Seit 1969 wird in Bilzingsleben geforscht und seit dieser Zeit kamen neben Tausenden von Artefakten auch 23 Menschliche Schädelfragmente und Zähne zum Vorschein, die zu zwei oder drei Individuen gehörten. Vergleichende Analysen dieser Fossilien ergaben eine große Ähnlichkeit mit dem Homo erectus aus der Olduvai-Schlucht in Tansania (OH 9). Bei den Schädeln ergab sich ein Gehirnvolumen von 1.100 Kubikzentimetern. Der Mensch von Bilzingsleben war wohl ein später Homo erectus, der neben der Ähnlichkeit mit OH 9 auch Merkmale mit den Funden aus China und Java teilte.

Die Speere von Schöningen, Deutschland

Im Braunkohlentagebau Schöningen bei Helmstedt entdeckte man 1994 einen alt-paläolithischer Fundplatz, auf dem sich zusammen mit Steinwerkzeugen und zahlreichen Resten von Großsäugern, hauptsächlich dem Pferd, mehrere hölzerne Wurfspeere aus der Zeit des späten Homo erectus erhalten haben, die uns völlig neue Einblicke in die Entwicklung und Kultur des frühen Menschen vor etwa 400.000 Jahren ermöglichen. Wissenschaftler um Hartmut Thieme aus Hannover machten im Mai und Juni 1997 diesen sensationellen Fund. Man grub acht sehr gut erhaltene Holzspeere aus der Torfablagerung eines Seeufers aus. Sie sind neben einem etwas älteren Speerfragment aus England die frühesten Nachweise für Jagdwaffen. An Fundstelle Schöningen 13 II-4 („Speer-Fundstelle“) konnte auf einer bisher mehr als 3.000 m³ großen Fläche ein hochkomplexes Jagdgeschehen auf eine ganze Wildpferdeherde nachgewiesen werden. Die Speere sind - bis auf einen - aus jungen Fichtenbäumen gefertigt. Nur einer ist aus Kiefernholz. Die meisten Speere sind über zwei Meter lang und bis zu 6 cm im Durchmesser. Der Schwerpunkt liegt an der Stelle mit der größten Dicke und befindet sich nahe bei der Spitze. Im Experiment stellten die Wissenschaftler fest, dass die Spitzen beim Trocknen sehr fest wurden und gewiss in der Lage waren, so manchen Dickhäuter zu durchbohren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden diese Speere geworfen, doch konnten sie auch als Stoßlanzen benutzt werden.

Terra Amata, Nizza

Schon in Bilzingsleben wurden Behausungen nachgewiesen, die ein längeres Verweilen ermöglichten. Im Jahre 1965 stieß man bei Bauarbeiten zufällig auf die ältesten Behausungen in Europa, die auf ein Alter von 400.000 Jahren datiert wurden. Bei einer sorgfältigen Grabung stießen die Wissenschaftler in 15 Metern Tiefe auf eine Schicht, die zahlreiche Zeugnisse für die Anwesenheit einer Homo erectus-Gruppe barg. Vor 400.000 Jahren lag der Meeresspiegel an dieser Stelle 25 Meter höher als heute und muss an der Fundstelle eine Art Bucht gebildet haben. Es konnten mehrere Wohnstätten nachgewiesen werden, die wohl immer wieder - vielleicht nach jährlich wiederkehrenden Wanderungen - im Frühjahr neu errichtet wurden. Dies lässt sich durch die Analyse der gefunden Pollen stützen. Die Behausungen waren oval und zwischen acht und fünfzehn Meter lang, die Breite betrug zwischen vier und sechs Metern. Platz genug also für mehrere Menschen. Im Inneren der Behausungen fanden sich jeweils eine zentrale Feuerstelle sowie Schlaf- und Arbeitsplätze. Die Steinwerkzeuge waren zum Teil aus Strandkiesel gefertigt. Man fand allerdings keine Skelettreste, dafür aber einen 24 cm langen Fußabdruck.

Die Menschen von Terra Amata haben diesen Platz, so der Ausgrabungsleiter Henry de Lumley, saisonal benutzt. Sie lebten vom Fischfang und sammelten Miesmuscheln, Austern und Napfschnecken. Sie müssen sich an dem Ort so wohlgefühlt haben, dass sie immer wieder dorthin zurückkehrten [1].