Die Besiedlung der Erde - Die ersten Amerikaner


Vergleich Clovis - Solutreen
Oben links: Clovis-Speerspitze aus Illinois, zwischen 13.500 und 13.000 Jahre alt. Als Jäger und Sammler der Eizeit vertrauten die Clovis-Menschen auf ihre technisch hoch entwickelten Speerspitzen. Diese wurden mit Tiersehnen in einem Schaft befestigt, so konnten diese Waffen auch die dicke Haut von Mammuts und anderen großen, heute ausgestorbenen Säugetieren durchdringen.
Rechte Bildseite: Eine von der Verarbeitung her fast identische Solutréen-Speerspitze aus Frankreich. Diese Werkzeugkultur blühte in Westeuropa vor ca. 21.000 bis 17.000 Jahren.
© John Weinstein, The Field Museum

Die ersten Menschen, die den amerikanischen Kontinent betraten, gehörten vermutlich zu einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die den eiszeitlichen Lebensraum westlich der Beringstraße, also in Nordasien, bereits im späten Pleistozän besiedelt hatten. Das war lange bevor sich der moderne nordasiatische Menschentyp ausgeprägt hatte, zu dem man heute auch alle modernen Menschen der heutigen Indianerstämme zählt. So wie es aussieht, bahnte sich zunächst eine archaische Form des Homo sapiens ihren Weg von Afrika nach Asien, um dann von dort aus Australien und Amerika zu besiedeln. Erst viel später folgte den ersten Amerikanern jener Menschentyp, den wir heute im allgemeinen Sprachgebrauch als Indianer bezeichnen.

Alles scheint für eine Theorie der unabhängigen Einwanderungswellen zu sprechen. Alle heute lebenden Indianer Amerikas kann man zum mongoloiden Menschentyp rechnen, ebenso alle Menschenfossilien Amerikas, die jünger als 8.000 Jahre sind. Ältere Fossilien hingegen sind ausnahmslos nicht-mongoloid. Es scheint, als ob es keine Übergänge oder allmähliche Entwicklungen in Amerika selbst gab. Es sieht vielmehr so aus, als ob vor 8.000 Jahren plötzlich andere Menschen aus dem nordost-asiatischen Raum einwanderten und die ersten Ur-Amerikaner verdrängten. Manche Wissenschaftler glauben, vier solcher Einwanderungswellen ausmachen zu können, aber der Kern der Sache bleibt der gleiche: Zunächst kamen Nicht-Mogoloide, dann, als die Mongoloiden den Kontinent betraten, wurde die alte Bevölkerung ersetzt.

Archäologen können dies unter anderem in Zentralbrasilien an einem Wechsel der Steinwerkzeugkultur vor 9.000 bis 7.000 Jahren festmachen. Wie und wann genau die erste Einwanderung - die der nicht-mongoloiden Population - stattfand, vermag die Wissenschaft heute noch nicht zu sagen.

Die Menschen von Clovis und ihre Kultur

In der Nähe der Kleinstadt Folsom, New Mexico, entdeckte 1908 der Vorarbeiter George McJunkin bei seinem Kontrollritt auf der Crowfoot Ranch einige Tierknochen, die nach einem Gewitter aus der Erde ragten. Als Arbeiter der Ranch erkannte er sofort, dass es keine Rinderknochen waren. Sie ähnelten eher denen eines Bisons, doch dafür waren sie eigentlich zu groß. Erst im Sommer 1926 - 18 Jahre später - wurden diese Knochen durch Paläontologen des Naturhistorischen Museums von Colorado als die eines ausgestorbenen Alt-Bisons identifiziert.

Die Wissenschaftler fanden aber noch etwas anderes: Pfeilspitzen und Klingen aus Stein, die als Schlachtwerkzeug gedient haben könnten. Die Paläontologen holten sich Rat bei den führenden Archäologen jener Zeit, und so dauerte es leider weitere drei Jahre, bis man erkannte, dass in Nordamerika bereits viel länger Menschen gelebt haben mussten, als man es bislang für möglich hielt. Die Pfeilspitzen sind heute unter dem Namen Folsom-Spitzen bekannt.

Doch die Hersteller dieser Jagdwaffen waren nicht die ersten Amerikaner, wie sich bald herausstellte. 1932 legte in Colorado ein über die Ufer getretener Fluss nach einem Unwetter die Überreste von Mammuts frei. Bei den anschließenden Ausgrabungen entdeckte man neben den Mammutknochen auch zwei Pfeilspitzen, die etwas anders aussahen als die Folsom-Spitzen. Wie man heute weiß, gehören diese Spitzen zur Clovis-Kultur. Ihren Namen verdankt die Clovis-Kultur einer Reihe von Funden, die man in Blackwater Draw, einem kleinen Ort nahe der Kleinstadt Clovis im Osten New Mexicos machte. Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten wurden hier (Blackwater Locality no. 1) zwischen 1932 und 1936 von Dr. E. B. Howard und Dr. John Cotter durchgeführt.

Funde von Clovis-Spitzen blieben nicht auf New Mexico beschränkt - man fand sie in der Folgezeit auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent - doch keiner wusste so recht, wie alt die Clovis-Spitzen eigentlich sind. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fehlte es noch an einer zuverlässigen Methode zur Altersbestimmung. Erst in den 1950er Jahren entwickelte der Chemiker Willard Libby die Radiokarbon-Methode, die auf dem Zerfall eines radioaktiven Kohlenstoffisotops (C14) beruht und mit dem sich das Alter von kohlenstoffhaltigen Fundstücken bestimmen lässt. Da mit den Steinklingen oft Reste von Knochen und Holzkohle gefunden wurden, konnte man das Herstellungsdatum aller Werkzeuge von allen Fundorten auf 10.800 bis 11.200 Jahre v. Chr. eingrenzen. Da bis 1932 und in den Folgejahren auf beiden amerikanischen Kontinenten keine älteren Funde gemacht wurden, nahm man lange an, dass die Clovis-Menschen die ersten Amerikaner waren. Die »Clovis-first« Theorie war geboren.

Doch diese Hypothese wurde bald angezweifelt. Wenn die Clovis-Menschen die ersten Amerikaner waren, dann mussten sie beide Kontinente, Nord- und Südamerika in nur wenigen Jahrhunderten besiedelt haben. War das in dieser kurzen Zeit überhaupt möglich? Waren die Clovis-Menschen während der letzten Eiszeit durch einen eisfreien Korridor des amerikanischen Eisschildes eingewandert? Sehr viel später sollte sich herausstellen, dass es diesen Korridor zwar gab, jedoch nicht zur fraglichen Zeit. Trotzdem scheint sich die Clovis-Kultur vor etwa 11.200 Jahren schlagartig über den ganzen nordamerikanischen Kontinent ausgebreitet zu haben. Woher kamen die Clovis-Menschen? Ihre Speerspitzen wurden weder in Sibirien noch in Asien noch in Alaska gefunden. Ihre Werkzeuge lassen sich höchstens mit der Solutréen-Kultur vergleichen, doch die stammt aus Frankreich und Spanien. Gibt es also eine Verbindung zum eiszeitlichen Europa? Sind europäische Eiszeitmenschen entlang des atlantischen Packeises nach Amerika gelangt? Eine gewagte Hypothese, die nur wenig Anhänger findet.

Wenn die Clovis-Jäger tatsächlich auf dem Landweg über die trockene Beringstraße von Nordasien und Alaska eingewandert sind, so haben sie dabei keine Spuren hinterlassen. Und das macht die »Clovis-first« Theorie verdächtig.

Einige Wissenschaftler nehmen darum eine Besiedlung entlang der Pazifikküste an, andere sind der Meinung, dass der angenommene Zeitpunkt der Erstbesiedlung grundsätzlich falsch ist. Sie bezweifeln, dass die Clovis-Menschen tatsächlich die ersten Amerikaner waren. Denn es gibt Hinweise, dass es andere Kulturen auf dem amerikanischen Kontinent bereits lange vor ihnen gab. Es gibt mehrere Fundstellen, die eindeutig älter als 11.200 Jahre sind, so etwa Meadowcroft in Pennsylvania. Dieser Fundort ist mit einem Alter von mindestens 14.000 Jahren die berühmteste Prä-Clovis-Fundstelle in Nordamerika. In Südamerika ist dies Monte Verde im Süden Chiles mit einem Alter von 12.700 Jahren, vielleicht sogar 33.000 Jahren. Sollte sich dieses hohe Alter bestätigen, dann wäre dieser Fundort mehr als doppelt so alt als alle Clovis Funde.

Meadowcroft, Pennsylvania

Meadowcroft Felsüberhang
Der Meadowcroft Felsüberhang liegt im Südwesten Pennsylvanias. Oben links: Der Leiter der Ausgrabungen, James Adovasio vom Mercyhurst archaeological Institute, Erie, ist überzeugt davon, dass die ersten Menschen Amerikas nicht die Clovis-Menschen waren

Dieser Felsüberhang liegt im Südwesten Pennsylvanias und ist einer der bedeutendsten archäologischen Stätten Amerikas, denn es ist eine der ältesten Fundstellen in Nordamerika, die überdies durchgehend besiedelt war. So hatten die ersten weißen Siedler - in neuerer Zeit auch jugendliches Party-Volk, Obdachlose, Fallensteller und Farmer - hier ihre Feuer gemacht. In größerer Tiefe fand man dann anstatt von Bierdosen schließlich steinerne Pfeilspitzen der Clovis-Kultur.

In früheren Zeiten hätte man hier wohl aufgehört zu graben, denn nach der »Clovis-first« Theorie konnte es nichts älteres geben. James Adovasio, der Leiter der Ausgrabungen, ließ aber tiefer graben und so fand man Feuerstellen und Artefakte, die mindestens 14.000 Jahre alt waren - Spuren, die widerlegten, dass die Clovis-Menschen die ersten Amerikaner waren. Unter den Funden befanden sich auch Reste von Körben, Süßwassermuscheln aus dem Ohio-River und Teile von Fallen, mit denen sich kleineres Wild fangen ließ. Außerdem Knochenahlen und Knochennadeln, mit denen sich Tierhäute nähen ließen.

Meadowcroft ist nicht die einzige Fundstelle, die beweist, dass Menschen schon vor den Clovis-Menschen in Nordamerika heimisch waren. Ebenso bekannt ist Cactus Hill in Virginia. Erste vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass hier Menschen bereits vor mindestens 15.000 Jahren lebten. Auf der Insel Santa Rosa vor der kalifornischen Küste wurde ein 13.000 Jahre altes Skelett einer Frau gefunden. In South-Carolina (Topper Site) fand man Artefakte, die sich deutlich von der Clovis-Technologie unterscheiden. Es handelt sich dabei um kleine Steinmesser und Schaber - kein Vergleich mit den schönen Clovis-Speerspitzen. Man plant nun, in einem der Topper Site nahe gelegenen Sumpfgebiet zu graben, weil sich dort auch hölzerne Artefakte oder Textilfasern erhalten haben könnten.

Der »Kennewick-Mann«

Einer, der zur Beantwortung vieler Fragen beitragen könnte, ist der Kennewick-Mann, benannt nach seinem Fundort in der Nähe von Kennewick im US-Bundesstaat Washington. Das Skelett dieses Mannes, das zu 90% komplett war - es fehlten nur wenige Knochen von Händen und Füßen - sorgte weltweit für Aufsehen. Der Arme war Jahrtausende nach seinem Tod zu einem Zankapfel zwischen Wissenschaftlern und amerikanischen Ureinwohnern geworden. Die einen wollten ihn genauer untersuchen, die anderen wollten ihn aus religiösen Gründen umgehend feierlich beerdigen, da es sich »um einen mutmaßlichen Stammesangehörigen handele«. Eine Gruppe von Wissenschaftlern versuchte zunächst vergeblich, das Recht auf weitere Untersuchungen einzuklagen. Aufgrund eines US- Bundesgesetzes wurden die Überreste des Kennewick-Mannes zunächst zur Bestattung freigegeben. Ein US-Bundesrichter, dessen Urteil später durch ein Berufungsgericht bestätigt wurde, entschied dann aber zu Gunsten der Wissenschaftler, da die klagenden Ureinwohner eine direkte kulturelle Zugehörigkeit des Kennewick-Mannes zu ihren Stämmen nicht nachweisen konnten.

Schädel des Kennewick-Mannes aus dem US-Bundesstaat Washington. © Smithsonian/Chip Clark
Die Rekonstruktion des Gesichtes von Jim Chatters und Thomas McClelland. (Erinnert ein wenig an Captain Picard vom Raumschiff Enterprise :-)

Die wenigen Untersuchungen, die bis heute möglich waren, haben trotzdem einiges über den Mann aus Kennewick ergeben: Er war zwischen 40 und 45 Jahre alt, war ungefähr 1, 75 m groß und wog vermutlich 72 kg. Der Schädel war lang und schmal mit einem kleinen schmalen Gesicht und zurückgesetzten Backenknochen. Er hatte starke, gut entwickelte Knochen und gesunde Zähne. Das Skelett wurde mittels der Radiokohlenstoff-Datierung auf 8.400 Jahre datiert, der Schädel des Kennewick-Mannes sah gänzlich anders aus als die Schädel heutiger Indianer aus dieser Region (mit ihrem runden, kurzen Schädel und dem breiten, flachen Gesicht). Gehörte er zu einer jener Gruppen von frühen Amerikanern, die möglicherweise durch spätere Einwanderungswellen (z.B. von den Vorfahren der heutigen Indianer) verdrängt wurden?

Die zum Teil schweren Verletzungen am Skelett zeugen von einem harten Leben, so stammen die gebrochenen Rippen und sein verletzter linker Arm vermutlich von einem Jagdunfall; sein Schädel trug indes Anzeichen von einem Zweikampf: Der Kennewick-Mann wurde von einem von vorn kommenden, rechtshändigen Angreifer mit einem Schlag auf den Kopf getroffen. Doch am bemerkenswertesten ist eine verheilte Wunde, die von einer Speerspitze in seiner rechten Hüfte stammte. War es ein Jagdunfall oder ein Mordanschlag? Jedenfalls hat diese Wunde nicht den unmittelbaren Tod herbeigeführt.

Was können uns also die wenigen Skelettfunde über die ersten Amerikaner verraten? Alle Paläoindianer - zu ihnen zählt man auch den Kennewick-Mann - die älter als 8000 Jahre sind, haben sogenannte »kaukasoide Merkmale« und sehen deutlich anders aus als die heute lebenden Indianer und die Völker Nordasiens sowie Sibiriens, die alle »mongoloide Merkmale« aufweisen. Dies stellt die Annahme in Frage, wonach die Erstbesiedler Amerikas mongoloider Abstammung waren.

Luzia - Schädel und Rekonstruktion
Schädel und Rekonstruktion von Luzia. Einige Wissenschaftler nehmen eine Verwandtschaft mit archaischen, australischen Homo-sapiens-Gruppen an. Vermessungen an verschiedenen Schädeln ließen kaum Zweifel zu, so die Wissenschaftler

»Luzia«

Neben dem Kennewick-Mann ist Luzia das wohl bekannteste Skelett Amerikas. Es wird in Rio de Janeiro aufbewahrt und wurde unter einem Felsüberhang bei Lapa Vermelha im Osten Brasiliens gefunden. Eine neuerliche Altersbestimmung ergab, dass Luzia vor ca. 11.500 Jahren noch vor dem Auftauchen der Clovis-Kultur lebte. Seinen Namen hat das weibliche Skelett in Anlehnung an die berühmten Knochen eines Australopithecus afarensis, genannt Lucy, bekommen.

Luzias und andere, jüngere Schädel wurden mit statistischen Methoden vermessen und dann mit modernen Populationen aus aller Welt verglichen. Eigentlich wollte man Belege für die Standardtheorie liefern, wonach die ersten Amerikaner aus Nordasien, bzw. Sibirien über die Beringstraße einwanderten und nicht etwa aus anderen Regionen der Welt stammten. Doch der Vergleich lieferte keine Ähnlichkeiten mit modernen nordasiatischen Menschen und so dehnte man die Untersuchungen und Vergleiche auf andere Populationen des anatomisch modernen Menschen aus, so auf australische Fossilien und auf die Schädel aus der Upper Cave in Zhoukoudian, China, die alle zu einer archaischen Form des Homo sapiens gezählt werden. Diese Untersuchungen brachten sowohl eine gewisse Ähnlichkeit mit den Upper Cave Menschen als auch mit den australischen Fossilien zutage. Man versuchte, diese Ähnlichkeit damit zu erklären, dass die ersten Australier und die ersten Amerikaner ähnlich ausgesehen haben könnten, weil sie gemeinsame Vorfahren in Asien hatten. Während die einen nordwärts wanderten und schließlich Nord- und Südamerika besiedelten, zogen die anderen nach Süden, besiedelten Südostasien und schließlich Australien.

Allerdings sind solche Aussagen nur unter Vorbehalt zu machen. Problematisch ist es, wenn aus einigen wenigen Skelettfunden auf Wanderungswellen geschlossen werden soll, denn Knochen spiegeln nicht nur das genetische Erbe, sondern auch die Lebensbedingungen wider. Ernährung, Klima und Krankheiten schlagen sich ebenfalls in den Knochen nieder. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Statistik zwar ein mächtiges Werkzeug ist, aber nur dann, wenn ausreichend viele Einzelproben untersucht werden können. Und die gibt es bei den frühen Menschen Amerikas nicht.

Monte Verde

Eine außergewöhnliche Fundstätte ist Monte Verde in Süd-Chile. Sie liegt südlich der chilenischen Stadt Valdivia, etwa auf dem 40. südlichen Breitengrad. Das Klima wird vom Südpazifik bestimmt und es regnet 250 Tage im Jahr, nachts kann es auch im Sommer empfindlich kalt werden. In dieser Umgebung mit Sanddünen, Marschlandschaften, Galeriewäldern, offenen Wiesen und Mangrovenwäldern hat man zwei archäologische Fundschichten aus unterschiedlichen Zeiten freigelegt, die beide älter sind als die Clovis Kultur. Die eine stammt aus der Zeit vor 12.700 Jahren, die anderen Spuren sind mit 33.000 Jahren wesentlich älter, was dazu führte, dass diese Datierung von vielen Wissenschaftlern angezweifelt wird.

Die Menschen von Monte Verde, die vor 12.700 Jahren hier lebten, errichteten nicht nur einfache Zelte für ein vorübergehendes Lager. Sie ließen sich nieder und steckten sehr viel Arbeit in diese Siedlung. Die Hütten wurden mit Mastodon-Häuten abgedeckt, bzw. der Boden damit ausgelegt, was belegt, dass diese Menschen trotz (vermuteter) Sesshaftigkeit weiterhin auf die Jagd gingen. Sie lebten grundsätzlich anders als die nomadisch lebenden Clovis-Menschen in den Great Plains Nordamerikas. Zwar waren auch sie Sammler und Jäger, dennoch lebten sie in einer dauerhaften Siedlung, in Behausungen, die wiederum in separate Schlafkammern unterteilt waren. Die soziale Struktur dieser etwa 20 bis 30 Köpfe zählenden Gemeinschaft scheint sich stark von derjenigen der nomadisch lebenden Sammler- und Jägergemeinschaften der Prärien zu unterscheiden.

Die Landschaft um Monte Verde war auch vor 12.700 Jahren ökologisch ähnlich vielfältig wie heute. Die Fundstelle liegt unter einer Torfschicht, die den Sauerstoff ferngehalten und somit die vollständige Zersetzung von Pflanzen- und anderem organischen Material verhindert hat. So kamen bei den Ausgrabungen die unterschiedlichsten Arten von Pflanzen zu Tage. Die Reste zeigen, dass die Natur den Menschen als Nutzgarten diente und es ist bereits ein Übergang zum Ackerbau zu erkennen. Mit Steinwerkzeugen und Holz wurde bereits Getreide gemahlen und zum Speiseplan gehörten heimische ebenso wie von anderen Gebieten stammende, wilde Kartoffelarten. Es gibt auch Hinweise auf bewusstseinsverändernd wirkende Pflanzen, die in unmittelbarer Umgebung der Siedlung angebaut wurden. Die Natur versorgte diese Menschen also offenbar auch mit Medizin, nicht nur mit Nahrung.

Die Vorfahren der heutigen Ureinwohner

Die Vorfahren der heutigen Indianer kamen aus Sibirien, soviel scheint festzustehen. Genetische Analysen sowie Untersuchungen der Paläo-Umwelt deuten darauf hin, dass sie den letzen Schritt auf den amerikanischen Kontinent aber erst machten, nachdem sie rund 10.000 Jahre lang auf der Bering-Landbrücke eine Pause einlegten.

Während der langen Eiszeit waren Sibirien und Alaska durch die Bering-Landbrücke miteinander verbunden, die - ganz anders als der Name vermuten läßt - ein wirklich riesiges Gebiet nördlich und südlich von Sibirien und Alaska war, und das heute unter der Tschuktschen-See, der Bering-Straße und dem Bering-Meer liegt. In seiner größten Ausdehnung war Beringia von Norden nach Süden bis zu 1.600 Kilomenter lang und erstreckte sich über etwa 4.800 Kilometer ostwärts vom sibirischen Werchojansker Gebirge bis zum Fluß Mackenzie in Kanada.

Während der letzten Eiszeit erstreckten sich dicke Gletscher bis in den Norden der heutigen Vereinigten Staaten, der Meeresspiegel sank um etwa 125 Meter. Die Eisschilde reichten bis nach Wyoming, Wisconsin und Ohio und bedeckten den nordwestlichen Pazifik. In den großen Weiten Sibiriens und Beringias war es zwar ebenfalls eiskalt, allerdings gab es dort keine Gletscher. Viele Wissenschaftler sind daher der Meinung, dass die Vorfahren der heutigen "Native Americans" nahezu 10.000 Jahre lang auf der Bering-Landbrücke ausharrten, bevor sie, nachdem das Gletschereis geschmolzen war und sich so Wege für eine Migration auftaten, ab etwa 25.000 Jahren bis 15.000 Jahren vor heute nach Nordamerika einwanderten.

Der Anthropologe Dennis O´Rourke von der University of Utah und zwei Kollegen berichten in der Februar-Ausgabe (2014) der Zeitschrift Science über ihre Forschungsarbeit. Die Wissenschaftler haben sich es in ihrer Arbeit zur Aufgabe gemacht, verschiedene Beweise aus der Genetik sowie der Paläoumwelt für eine menschliche Besiedlung auf der Bering-Landbrücke - auch Beringia genannt - in Einklang zu bringen, obwohl archäologischen Beiweise für solch eine Besiedlung fehlen.

"Niemand bestreitet, dass die Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner während des "letzten glazialen Maximums, dem Höhepunkt der letzten Eiszeit" von 28.000 bis vor mindestens 18.000 Jahren über den Landweg oder entlang der Küste der Bering-Landbrücke einwanderten", sagt O´Rourke und fügt hinzu: "Das Fehlen von archäologischen Stätten und die unwirtliche Natur der offenen, baumlosen Tundra sind der Grund, warum Archäologen kaum an die Idee glaubten, dass die heute im Meer versunkene Bering-Landbrücke über Tausende von Jahren von Menschen bevölkert war".

Paläo-Ökologen - das sind Wissenschaftler, die vergangene Umweltbedingungen rekonstruieren - haben in den letzten Jahren Bohrkerne aus dem Beringmeer und den Sumpfgebieten Alaskas geholt. Diese Sedimentproben enthielten Pollen sowie Fossilien von Pflanzen und Insekten, die darauf hindeuten, dass die Bering-Landbrücke nicht nur eine karge, grasbewachsene Tundra war, sondern dass es auch "Refugien" gab, Gebiete mit buschigen Sträuchern und sogar Bäumen wie Fichten, Birken, Weiden und Erlen.

Diese Umwelt mit Bäumen und Sträuchern war ganz anders als die offene Grassteppe. Es waren Rückzugsgebiete, wo die Menschen auf Ressourcen zugreifen konnten, die ihnen das Leben auf der Bering-Landbrücke während der letzten Eiszeit ermöglichten. Das war vielleicht auch entscheidend für das Überleben dieser Menschen, weil sie Holz für den Bau von Hütten und für Lagerfeuer hatten. Sonst hätten sie Knochen verwendet, die aber schwer zu verbrennen sind."

Die Theorie, dass Menschen die Bering-Landbrücke für einige 10.000 Jahre bewohnten, könnte erklären, warum sich das Genom der "Native Americans" von dem seines asiatischen Vorfahren unterscheidet. Für die genetischen Studien haben Wissenschaftler um Professor Laurent Excoffier und Nicolas Ray vom Zoologischen Institut der Universität Bern Genproben von 24 Völkern aus zehn Ländern Nord-, Mittel- und Südamerikas gesammelt und mit Genproben anderer Völker, darunter solchen aus Sibirien, verglichen. Daraus ließen sich Schlüsse ziehen über die genetische Vielfalt und Verwandtschaft sowie über Migrationswege der einzelnen Völker. Die Studie fand heraus, dass das einzigartige Genom (oder der genetische Bauplan) der Indianer bereits irgendwann vor 25.000 Jahren entstand, sich aber erst vor etwa 15.000 Jahren nach Nord- und Südamerika ausbreitete.

Es existierte also irgendwo in Beringia eine beträchtliche Bevölkerung, isoliert vom restlichen Asien, während dessen sich das Genom aus dem asiatischen Eltern-Genom differenzierte. Die Forscher um O´Rourke haben Beringia als Lebensraum für diese isolierte Population vorgeschlagen und meinen, dass sie für mehrere tausend Jahre dort existierte, bevor die Mitglieder dieser Bevölkerung südwärts nach Nordamerika und schließlich Südamerika wanderten, als die sich zurückziehenden Gletscher eisfreie Korridore für eine Migration freigaben.

"Irgendwann unterschied sich die genetische Blaupause, die die heutigen amerikanischen Ureinwohner definiert, von dieser asiatischen Abstammung", erklärt er. "Der einzige Weg, wie das passieren konnte, war eine längere Isolation der Bevölkerung. Die meisten von uns glauben nicht, dass diese Isolation in Sibirien stattfand, weil wir keinen Ort kennen, wo eine Bevölkerung ausreichend isoliert hätte werden können. Sie wären an ihrer Peripherie immer mit anderen asiatischen Gruppen in Kontakt gekommen."

Genetische und paläoökologische Belege

Lange Zeit dachte man, dass die Landbrücke eine einheitliche Tundrasteppe war - windgepeitschtes Grasland ohne Sträucher und Bäume. Aber in den letzten Jahren haben Sedimentkerne aus dem Bering-Meer und entlang der Küste Alaskas - die heute unter Wasser liegenden Niederungen von Beringia - Pollen von Bäumen und Sträuchern zutage gefördert.

Das deutet darauf hin, dass Beringia keine einheitliche Steppe war, sondern ein Flickenteppich von unterschiedlichen Umgebungen, einschließlich großer Bereiche mit Strauch-Tundren, die wahrscheinlich Refugien für eine archäologisch kaum greifbare Bevölkerung waren, da das ehemalige Beringia-Tiefland heute untergetaucht ist. Wahrscheinlich gab es im Hochland dieser Steppe große Herdentiere wie Bisons und Mammuts. Viele kleinere Tiere wie Vögel, Elche und Wapitis (die Sträucher statt Gras abweiden) konnten in der Strauch-Tundra ebenfalls angetroffen werden.

Andere Untersuchungen zeigen, dass in großen Teilen von Beringia durchschnittliche Sommertemperaturen vorherrschten, die - vor allem im Tiefland - nahezu identisch mit heute dort herrschenden Temperaturen waren, in einigen Regionen vielleicht etwas kühler. Die lokalen Umweltbedingungen waren wahrscheinlich nicht so schlimm, wie man allgemein angenommen hat. Aber im Winter ging man wahrscheinlich in Deckung, denn es konnte bitterkalt werden.

Unter den Forschern, die sich mit den Wanderungen der frühen Indianer nach dem Rückzug der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels beschäftigen, gibt es schon lange die Vorstellung, dass viele Belege der menschlichen Migration nach Nordamerka (und weiter nach Süden entlang der Pazifikküste) heute vom Meer bedeckt sind. Dies könnte auch die Knappheit von archäologischen Stätten im heutigen Alaska und Sibirien erklären. Diese Regionen waren nämlich unwirtliches Hochland, als die Beringia-Landbrücke existierte.

Trotzdem sind O´Rourke und seine Kollegen der Meinung, dass archäologische Stätten dort gefunden werden können, wenn der lange Zwischenstopp der Menschen in Beringia bestätigt wird. Obwohl die meisten dieser Stellen heute unter Wasser sind, könnten einige Zeugnisse menschlicher Besiedlung auch über dem Meeresspiegel gefunden werden, und zwar in den tiefer gelegenen Teilen von Alaska und im Osten der Tschuktschen-Halbinsel in Russland.

Literatur

  • J. F. Hoffecker, S. A. Elias, D. H. O´Rourke. 2014. Out of Beringia?Science, 2014; 343 (6174): 979
    DOI: 10.1126/science.1250768