![]() |
Spezies: | Pierolapithecus catalaunicus |
| lebte vor: | ca. 13 Millionen Jahren | |
| Lebensraum: | Europa | |
| Entdecker: | Salvador Moyà-Solà |
In Spanien haben Forscher das Fossil eines 13 Millionen Jahre alten Menschenaffen entdeckt, das möglicherweise die Lücke in der gemeinsamen Abstammungslinie von Menschen, Orang-Utans, Schimpansen und Gorillas schließen könnte. Etwa in diesem Zeitraum trennten sich die Linien der großen von den kleinen Menschenaffen (wie etwa dem Gibbon). Das im Dezember 2002 gefundene Skelett bestand aus 83 Einzelteilen und war ein männlicher Vertreter der Art.
Pierolapithecus catalaunicus stellt nach Ansicht des Paläontologen Salvador Moyà-Solà den ältesten bekannten Vertreter der Menschenaffen (Hominidae) dar. Als Hinweise darauf gelten die am Rücken liegenden Schulterblätter, sehr kurze und versteifte Lendenwirbel, das flache Gesicht ohne ausgezogene Nasenpartie sowie der sehr flache Brustkorb des Tieres. Als Primitivmerkmale werden beispielsweise die kurzen Finger und Zehen angesehen. Die anatomischen Merkmale lassen auf einen geschickten Kletterer schließen, der allerdings durchaus auch bereits sehr aufrecht ging.
Das rund 13 Millionen Jahre alte Skelett ist eines der am besten erhaltenen Fossilien aus dieser Zeit und weist viele für moderne Menschenaffen typische Körpermerkmale auf. Über den Fund berichteten Salvador Moyà-Solà von der Escola Industrial in Barcelona und seine Kollegen im Fachmagazin Science (Bd. 306, S. 1339 vom 19. November 2004).
Zu den modernen Menschenaffen zählen neben dem Menschen die Orang-Utans, Schimpansen und Gorillas. Vor ungefähr 16 bis 11 Millionen Jahren trennten sich die Entwicklungslinie der heutigen Affen und der Menschenaffen und Menschen. Der nach seinem Fundort in der Nähe von Barcelona benannte Pierolapithecus catalaunicus könnte der erste Vertreter der Menschenaffen nach dieser Trennung gewesen sein, erklären die Forscher. Dieser Vorfahr war zwar schon in anderen Fossilienfunden vermutet worden, diese waren jedoch im Vergleich primitiver als der jetzige Fund. Obwohl die fossilen Überreste des Pierolapithecus in Spanien gefunden wurden, hatte er wohl ursprünglich in Afrika gelebt, vermutet Moyà-Solà.
Die Paläontologin Meike Köhler, eine Mitarbeiterin Moyà-Solà's vermied es allerdings bewusst, vom lange gesuchten Verbindungsglied zwischen Affen und Menschen, dem viel zitierten "Missing Link", zu sprechen. Dieser Begriff sei schon viel zu oft überstrapaziert worden. Es handele sich bei dem Fund jedoch mit größter Wahrscheinlichkeit um einen sehr engen Verwandten des Urahns - was wiederum nicht bedeuten müsse, dass er der einzige gemeinsame Vorfahr gewesen sei.
Pierolapithecus catalaunicus war etwa so groß wie ein Schimpanse, wog etwa 35 Kilogramm und ernährte sich vermutlich von Früchten. Seine Körpermerkmale ermöglichten ihm das Klettern auf Bäumen und sind immer noch typisch für die heutigen Menschenaffen. Dazu gehören eine unbiegsame untere Wirbelsäule, ein flacher Brustkorb und Schulterblätter, die auf dem Rücken und nicht an der Seite anliegen.
Pierolapithecus hatte allerdings auch einige Merkmale, wie sie heute nur noch typisch für Affen wie Gibbons und andere dem Menschen weniger ähnliche Affen sind, beispielsweise kurze Finger und Zehen. Daher widerlege der Fund die bisherige Annahme, dass alle Merkmale der modernen Menschenaffen auch schon in deren letztem gemeinsamen Vorfahren vorhanden waren: Viele Eigenschaften hatten sich wohl getrennt und vielleicht sogar mehrfach während der Entwicklung der Menschenaffen herausgebildet, erläutert Moyà-Solà.
Pierolapithecus catalaunicus ist auch noch unter anderen Aspekten hochinteressant: Sollte es sich tatsächlich um einen Vorfahren des Menschen handeln, so würde dies die alte Theorie in Frage stellen, der zufolge die Menschheit ausschließlich in Afrika ihren Ursprung hat. Moyà-Solà versucht, dieser Kontroverse auszuweichen: Das Lebewesen sei vermutlich von Afrika nach Europa eingewandert, spekuliert er. Für eine endgültige These seien noch viel zu wenige Fossilien gefunden worden.
"Die Bedeutung des neuen Fossils liegt darin, dass es als erstes die wichtigen Merkmale moderner Primaten gut erhalten aufzeigt", sagte Moyà-Solà. Der Brustkorb von Pierolapithecus catalaunicus ist weiter und flacher als der aller anderen Affen vor ihm. Er hat relativ kurze und steife Lendenwirbel, gerade Schulterblätter und ein flexibleres Handgelenk. Zusammen genommen schenkten ihm diese Merkmale den aufrechten Gang und die Fähigkeit, auf Bäume zu klettern.
Der Schädel rückt das spanische Fossil näher an den Menschen und andere Primaten. Sein Gesicht war vergleichsweise kurz und hatte die Nasenwurzel auf gleicher Ebene mit den Augen. Andere Merkmale wie die abgeschrägte Gesichtsform sowie kurze Finger und Zehen dagegen waren eher primitiv und sind heute nur noch für Gibbons und andere, dem Menschen weniger ähnliche Affen typisch.
David Strait, Paläontologe an der University of Albany im US-Staat New York, äußerte sich skeptisch zu dem Fund. Es sei sehr schwer, von den Knochen eines Fossils Verwandtschaften abzuleiten, gab er zu bedenken. Clarke Howell von der renommierten Berkeley University in Kalifornien ist indessen begeistert von der Entdeckung. Sie zeige, dass es vor 13 Millionen Jahren offenbar eine große Vielfalt menschenähnlicher Lebewesen gegeben habe - auch im heutigen Europa.
Artikel: 2004, Letztes update: 04.02.2012 um 01:35