Menschenaffen aus dem Miozän - Evolution der Primaten

Proconsul
vergrößernIst der "Proconsul" der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Menschenaffen? Dieser schon schwanzlose Primat mit wissenschaftlichem Namen "Dryopithecus" (Waldaffe) lebte vor etwa 20 Millionen Jahren in Asien, Europa und in Afrika.

In der Epoche des »Miozän«, als sich das Great Rift Valley bildete und die tropischen Wälder sich langsam ausdünnten, als weite, trockenere Parklandschaften entstanden, sanken die Temperaturen auf der ganzen Erde weiter ab. Die neuen Lebensbedingungen stellten harte Anforderungen an die Wärme und üppigen Pflanzenwuchs gewohnten Tierarten. Auch die Primaten im tropischen Afrika bekamen das zu spüren, als die Konkurrenz in den schrumpfenden Wäldern wuchs. Doch wie so oft zuvor bot die sich ändernde Umwelt auch Chancen. Der Lebensraum der ersten Menschenaffen wurde im Miozän vielfältiger: Regenwälder an den Hängen der sich neu auftürmenden Gebirgsketten und Vulkane, sogenannte Galeriewälder entlang von Wasserläufen, offene Savanne mit Baumgruppen, trockenes Grasland in den tiefliegenden, heißen Zonen der Grabenbrüche.

Solche vielschichtigen »Mosaik-Lebensräume« wirken wie Hefe im Teig der Evolution. Wo zuvor eine Tierart eine uniforme Umwelt belebte, splittern sich in Mosaik-Lebensräumen viele spezialisierte Unterarten ab, weil sie in ihrer jeweilig verschiedenen Situation zu überleben versuchen.

Zunächst bleiben diese Unterarten genetisch identisch mit der großen Gruppe, aus der sie entstammten. Doch mit der Zeit und der räumlichen -oder auch verhaltensmäßigen - Trennung häufen sich die kleinen Unterschiede, die durch die Anpassung an den neuen Lebensraum gefördert werden. Eines Tages ist es dann soweit: Mitglieder der Haupt- und der Splittergruppe vermögen sich nicht mehr miteinander fortzupflanzen -und eine neue Spezies ist entstanden.

Primatenvergleiche
vergrößernDie Nachfahren der ersten Menschenaffen gehen auf einen Bauplan zurück, wie ein Vergleich von Körperteilen von Gibbon, Schimpanse, Gorilla und Mensch zeigt

Die vielen neuen Lebensräume boten den Nachfahren des Aegyptopithecus Chancen, die genutzt wurden: Das Miozän gilt als »Zeitalter der Menschenaffen«. Die inzwischen schwanzlosen, schwereren, intelligenteren Großaffen eroberten neue Nischen am Waldboden und am Waldrand. Dabei kam ihnen höchstwahrscheinlich eine schon von den baumbewohnenden Affen entwickelte Stärke zugute: Sie hielten in eng verknüpften Familienverbänden zusammen.

In einer offenen Landschaft hat ein einzelner Affe wenig Chancen gegen so hervorragend angepaßte Raubtiere wie Leoparden oder Wildhunde. Als Gruppe jedoch, das demonstrieren die Paviane, sind die intelligenten und flinken Affen kaum zu schlagen. Dieser hohe Auslesedruck im offenen Gelände, der Einzeltieren keine Chance läßt, verstärkte gewiß auch bei den Vorfahren der Menschen, den Australopithecinen, die als erste den Schutz des Waldes verließen, den Zusammenhalt in der Gruppe.

schwinghangelnder Gibbon
Die frühen Vorfahren der Menschenaffen entwickelten das »Schwinghangeln", das heute von den in Südostasien lebenden Gibbons in Vollendung beherrscht wird. Gibbons bilden eine Familie innerhalb der »Menschenartigen".

Die Erben des Aegyptopithecus blieben zunächst freilich im tropischen Regenwald, wo sie im Lauf der Jahrmillionen eine ihrem größeren Körpergewicht besser angepaßte Fortbewegungsart entwickelten: Sie liefen nicht mehr vierbeinig über die Äste, sondern schwangen sich hangelnd darunter weg, wie dies heute die Gibbons in Vollendung tun. Diese Schwinghangler, in der Fachsprache Brachiatoren genannt, spalteten sich als erste der noch lebenden Menschenaffen-Familien vom Hauptstamm der Aegyptopithecus-Nachfolger ab; sie gelten als die am wenigsten entwickelten existierenden Hominoiden (wie die Wissenschaftler die gemeinsame Oberfamilie der Menschenaffen und Menschen nennen).

Wann und wo aber fand die Trennung zwischen Menschenaffen und Menschen statt? Die Experten sind sich nicht ganz sicher, denn ausgerechnet aus der Zeit, als die evolutionäre Weiche vom Tier zum Menschen geschaltet wurde, sind Knochenfunde selten. Molekulargenetische Befunde sprechen für einen Zeitraum vor 10 bis 7 Millionen Jahren.

Dabei hatten 1948 nicht wenige Urmenschenforscher geglaubt, das von Charles Darwin so genannte »missing link«, das fehlende Glied in der Kette vom Tier zum Menschen, sei gefunden worden, als das berühmte Forscher-Ehepaar Louis und Mary Leakey auf der Rusinga-Insel im ostafrikanischen Victoria-See den Schädel und einige Gliedmaßen- Knochen eines schon »modern« wirkenden Hominoiden fand.

Artikel: 2004, Letztes update: 04.02.2012 um 01:35

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