Die Erde ist ein Planet der Affen - Evolution der Primaten

Verbreitung der Primaten
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Die heutige Verbreitung der Primaten spiegelt ihre Geschichte wider
Rotgesicht-Makaken (Japan)
Japanische Rotgesicht-Makaken die sich im Winter in einer heißen Quelle wärmen
Brüllaffe
Der Brüllaffe ist ein Vertreter der Neuweltaffen, die wegen ihrer weit auseinanderstehenden Nasenlöcher auch Breitnasenaffen genannt werden

Als die Zoologen im Gefolge der Entdeckungsreisenden des 18. Jahrhunderts begannen, die Primaten (deutsch: Herrentiere) nach verwandtschaftlichen Ähnlichkeiten zu sortieren (zu »klassifizieren«), fiel ihnen der Zusammenhang zwischen einzelnen Primaten-Gruppen und deren Lebensraum auf: Feuchtnasenaffen (früher: Halbaffen) leben hauptsächlich auf irgendwelchen abgelegenen Inseln; die Trockennasenaffen (früher: Echte Affen) in Südamerika ähneln jenen in Afrika, von denen sie sich allerdings durch ganz bestimmte Merkmale wieder unterscheiden; die großen Menschenaffen Gorilla, Schimpanse und Orang-Utan kommen nur in begrenzten Gebieten der Alten Welt vor; in Australien gibt es, abgesehen von Homo sapiens, überhaupt keine Primaten.

Diese auffällige geographische Trennung spiegelt sich auch in dem Ordnungssystem wieder, das der schwedische Biologe Carl von Linné Mitte des 18. Jahrhunderts entworfen hatte und das eine Zuordnung der verschiedenen Erscheinungsformen bei Tier und Pflanze nach bestimmten Kriterien ermöglicht. Offensichtlich hatten sich die verschieden hoch entwickelten Primaten-Familien räumlich sauber getrennt. Die älteste Unterordnung der Herrentiere waren die dem heutigen Spitzhörnchen ähnlichen Plesiadapiformes, längst ausgestorbene Klettertiere der Gattung Plesiadapis, die man vorwiegend in Nordamerika fand. Sie wurden von einer Unterordnung abgelöst, von der etwa die Hälfte der Familien in Rückzugsgebieten überlebte: die Feuchtnasenaffen aus den Familien der Lemuren, Indris und Loris. Einst waren die Feuchtnasenaffen über weite Teile Nordamerikas, Europas, Asiens und Afrikas verbreitet. Doch der Aufstieg einer dritten Unterordnung, der Trockennasenaffen, trieb die Ahnen der Lemuren an die Ränder der jeweiligen Lebensräume (aus verschiedenen, noch umstrittenen anatomischen Gründen zählen einige Zoologen die telleräugigen Tarsier als eigene Zwischenordnung zu den Trockennasenaffen). Wegen ihrer sauber getrennten Verteilung in die Alte und die Neue Welt tauften die Forscher die in Südamerika lebenden Affen »Neuweltaffen« (Breitnasenaffen=Platyrrhini) und die in Afrika, Asien und Europa lebenden Arten »Altweltaffen« (Schmalnasenaffen = Catarrhini).

Trotz ihres Namens stehen die Neuweltaffen auf einem etwas niedrigeren Entwicklungsniveau als ihre Verwandten östlich des Atlantiks, obwohl die äußerlichen Unterschiede auf den ersten Blick oft nur von Experten auszumachen sind: Die Dschungelbewohner des Amazonas-Urwalds zeichnen sich durch weit auseinanderstehende Nasenlöcher aus, was ihnen die Sammelbezeichnung »Breitnasenaffen« eintrug; manche von ihnen, wie etwa der Klammeraffe, haben den Schwanz zu einer vollwertigen »fünften Hand« entwickelt. Gehirnstruktur und andere anatomische Details lassen vermuten, dass die Neuweltaffen in ihren stabilen tropischen Lebensräumen weniger gefordert wurden als ihre Vettern in Afrika und Asien. Einige von ihnen spielen durch eine nächtliche Lebensweise die Rolle der in Südamerika nicht vorhandenen Feuchtnasenaffen (früher: Halbaffen).

Die Affen der Alten Welt nutzen alle das Tageslicht - gleichgültig, ob sie baumbewohnende Blatt- und Früchtefresser sind wie der afrikanische Schlankaffe Colobus oder am Boden lebende Allesfresser wie der Pavian. Diese schmalnasigen, mit hundeähnlichen Schnauzen oder hakenförmigen Riechorganen ausgestatteten Primaten weisen durchweg ein höher entwickeltes Gehirn auf als die Neuweltaffen, wobei die geselligen, kräftigen Paviane wohl die höchste Entwicklungsstufe erreicht haben. Anders als die amerikanischen Verwandten und die Feuchtnasenaffen können die Altweltaffen überdies etwas, was außer ihnen nur noch Menschenaffen und Menschen beherrschen: den Daumen genau dem Zeigefinger gegenüberzustellen.

Korrekt, wie Wissenschaftler nun einmal sind, rechnen sie noch zwei »Überfamilien« zu den Altweltaffen. Die eine, die sogenannten Oreopithecoidea, ist längst ausgestorben. Die andere, die Hominoidea, teilt sich in einige Familien, deren lebende Mitglieder uns allen vertraut sind: die Familie Hylobatidae mit den schwinghangelnden Gibbons und Siamangs, die Familie der Pongidae mit Orang-Utan, die Familie Hominidae mit Schimpanse, Gorilla und Menschen. In dieser Großfamilie gibt es schon mehrere ausgestorbene Mitglieder, vom asiatischen Riesenaffen Gigantopithecus bis zum europäischen Ouranopithecus. Es könnten vielleicht bald einige weitere -etwa Orang-Utan oder Berggorilla -auf diese Liste kommen, wenn das erfolgreichste Familienmitglied, der Mensch, seinen Vernichtungswettbewerb gegen seine biologischen Vettern nicht einstellt.

Text: Hans-Peter Willig

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