Plattentektonik - und die Evolution der Primaten

Potto
afrikanischer Potto
Lemur
Lemur aus Madagaskar
Tarsier
Tarsier (Philippinen)
Katta
Katta (Madagaskar)

Den Geographen war schon früh die verblüffende Passform der afrikanischen West- und der südamerikanischen Ostküste aufgefallen, die den Verdacht nahelegte, beide Kontinente seien einmal eins gewesen. Im Jahr 1912 löste der deutsche Meteorologe Alfred Wegener (1880-1930) mit seiner Hypothese von der Wanderung der Kontinente eine weltweite Diskussion aus. Aber weder Wegener noch seine Mitstreiter konnten für eine plausible Erklärung sorgen, welche Kraft denn imstande sei, ganze Erdteile über den Globus zu schieben.

Um etwa die seltsame Verteilung der Primaten oder der Beuteltiere in die bekannte Geographie einzupassen, konstruierten Forscher deshalb aufwendige, durch keine Fakten gestützte »Landbrücken« zwischen weit auseinanderliegenden Erdteilen und Inseln. Heute gibt es jedoch keinen Zweifel mehr: Die Landmassen der Erde sind in der Tat gewandert, und sie verschieben sich immer noch. So entfernt sich Amerika Jahr für Jahr um etwa zwei Zentimeter weiter von der Alten Welt. Anders als bei Wegeners Kontinentalverschiebungsmodell erklärt die neue Theorie der »Plattentektonik«, dass die Erdteile nicht etwa aktiv durch den Meeresboden pflügen wie Eisbrecher durch Packeis, sondern passiv wie auf dem Fließband von der aus gigantischen »Platten« bestehenden ozeanischen Erdkruste mitgenommen werden (die Tektonik ist die Lehre vom Bau und von den Bewegungen der Erdkruste).

Angetrieben wird die Drift der Kontinente sehr wahrscheinlich von großräumigen Wärmetransportbewegungen im heißen, zähflüssigen Erdmantel: In bestimmten Zonen quillt glutflüssiges Magma aus dem Erdinneren auf, bis es sich an der Erdoberfläche zu Lava-Gestein (Basalt) abkühlt und nach bei den Seiten davonstrebt. Da die Erde eine Kugel ist, treffen diese Basaltkrusten-Platten irgendwo zwangsläufig aufeinander, wobei eine Platte abgebogen und wieder zurück ins Erdinnere gepflügt wird. Dort sinkt das kalte Gestein ab und schmilzt schließlich in der Tiefe, um dann gemächlich zurück zu den Aufquellzonen zu strömen, wo sich dieser gigantische Kreislauf der Gesteine wieder schließt.

Als Aufquellzonen machten die Meeresgeologen jenes erdumspannende System mittelozeanischer Höhenrücken aus, das nur an wenigen Punkten über die Wasseroberfläche ragt - wie etwa in Island, der nordatlantischen Vulkaninsel. Mit diesen neuen Erkenntnissen ließen sich plötzlich so rätselhafte Phänomene wie Erdbeben und Vulkanismus, Tiefseegräben und Hochgebirge mühelos in ein weltweites Schema einordnen. Diese bebengeschüttelten Zonen sind die Nahtstellen der acht großen Erdkrustenplatten und einiger kleinerer Bruchstücke. Und nun sahen auch Paläontologen und Zoologen die weltweite Verteilung von Tier- und Pflanzenarten in ganz neuem Licht: Einst, so erkannten sie, hingen heute weit auseinanderliegende Kontinente und Inseln zusammen und wurden von denselben Lebewesen bewohnt. Als jedoch die unruhige Erde die Festländer auseinandertreiben ließ, änderten sich auf diesen die Umweltbedingungen, entwickelten sich die nichtsahnenden Passagiere der driftenden Kontinente auseinander.

Dabei spielten nicht nur die klimatischen Bedingungen eine Rolle - auch die Größe der über den Globus treibenden Festland-Bruchstücke beeinflusste den Weg, den die biologische Evolution darauf nahm. Der amerikanische Zoologe P. J. Darlington erkannte als einer der ersten den Zusammenhang zwischen den Umweltbedingungen und der Größe eines Lebensraums: »Jeder Kontinent hat eine Tierwelt, die in einem vernünftigen Verhältnis zu seiner Größe undseinem Klima steht, und jede wichtige Tierwelt hat einen vernünftigen Anteil an Pflanzenfressern, Fleischfressern usw. Das kann kein Zufall sein.«

Darlingtons Vermutung weitete sich inzwischen zu einem Zweig der Ökologie aus. Unter dem Begriff »Biogeographie« untersuchen Biologen, wie sich Organismen in einem abgeschlossenen Lebensraum entwickeln. Immer dann, wenn eine Art einen neuen Lebensraum erobert, nützt sie die sich ihr bietende Gelegenheit und entwickelt rasch viele neue Anpassungsformen. Dieser »Ausbreitung durch Anpassung« setzen die jeweiligen Umweltbedingungen jedoch Grenzen, so dass ganz verschiedenartige Tierklassen unabhängig voneinander zu ganz ähnlichen Lösungen kommen: Ein im Meer lebendes Tier, das von der Jagd auf Fische lebt, wird immer einen schnittigen, torpedoförmigen Körper haben - egal, ob es zu den Fischen selbst zählt (wie der Hai) oder zu den Säugetieren (Delfin), zu den Vögeln (Pinguin) oder zu den Reptilien (Ichthyosaurier).

Solche Ähnlichkeiten zwischen Tieren verschiedener Herkunft gibt es auch auf dem Festland. Die Zoologen entdeckten überdies eine weitere bemerkenswerte Tendenz: Je größer der Lebensraum ist, desto höherentwickelt und auch zahlreicher sind die Tierarten. So birgt die großräumige Alte Welt eine größereFormenfülle als die Tierwelt auf »Insel-Kontinenten« wie Südamerika oder gar Australien. Auf Inseln läuft die Uhr der Evolution noch langsamer (siehe Homo floresiensis). Mit den Erkenntnissen der Plattentektonik und der Biogeographie konnten die Wissenschaftler in den letzten Jahren die Abstammungsgeschichte der Säugetiere -und vor allem der Primaten- neu schreiben. Dabei fanden sie, dass die Tropengebiete Afrikas und Asiens die erfolgreichsten neuen Säuger-Spezies produzierten: Beide Kontinente bilden zusammen die größe »Insel«. Zwar wanderten die Kontinente schon in der Erd-Urzeit über den Globus, kollidierten und brachen wieder auseinander. Doch erst mit dem Erdmittelalter konnte dieser Motor der Evolution auch den Werdegang der eben aufblühenden Landtiere direkt beeinflussen. Damals, vor etwa 230 Millionen Jahren, wollte der Zufall, dass das Plattentektonik-Puzzle alle Erdteile zu einem einzigen gewaltigen Kontinent zusammenschob, den die Forscher » Pangäa« nennen (»die ganze Erde«). Alle Organismen waren damit gezwungen, sich in einer -ozeanischen oder kontinentalen- Arena zu behaupten. Die Dinosaurier gingen damals als dominierende Tiergruppe hervor.

Artikel: Hans-Peter Willig

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