Darwinius masillae - Evolution der Primaten

Zeichnung von Darwinius masillae
Spezies: Darwinius masillae
Gehirngröße: ?
lebte vor: ca. 47 Millionen Jahren
Lebensraum: Europa, Deutschland
Entdecker: anonym
Typusexemplar: PMO 214.214

Das Fossil des Holotyps wurde nach der Tochter des Wissenschaftlers Jørn H. Hurum "Ida" genannt. Da bei dem Tier im Gegensatz zu nahe verwandten Funden kein Penisknochen (Baculum) gefunden wurde, schlossen die Forscher, es müsse sich um ein Weibchen gehandelt haben. "Ida" versank nach ihrem Tod im See, möglicherweise wurde sie von Kohlendioxid-Dämpfen betäubt. Es gibt keine Bissspuren, die auf einen Fressfeind oder einen Aasfresser hinweisen.

Darwinius ist eine Gattung der Adapiformes, einer Gruppe von Primaten aus dem Eozän. Die einzige bekannte Art aus dieser Gattung ist Darwinius masillae, deren Überreste in 47 Millionen Jahren alten Gesteinsschichten gefunden wurden. Der Gattungsname Darwinius wurde zu Ehren Charles Darwins gewählt, der im Jahr der Veröffentlichung des Fundes (2009) 200 Jahre alt geworden wäre, der Artname masillae geht auf den Fundort, die Grube Messel in der Nähe von Darmstadt, zurück. Darwinius masillae hatte entfernt Ähnlichkeit mit heute lebenden Lemuren.

Das bis heute einzige Fossil, genannt Ida, wurde 1983 in der Grube Messel entdeckt, ein stillgelegter Schiefer-Steinbruch, der für seine außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien aus dem Eozän Weltruhm erlangte. Bei Ida handelt es sich um ein weibliches jugendliches Tier, das ca. 80–85 % der Körpergröße eines erwachsenen Tieres erreicht hatte, als sie starb.

Das bis heute einzige Fossil von Darwinius masillae, genannt Ida, wurde 1983 in der Grube Messel entdeckt
vergrößernMit der Hand des Forschers bekommt man einen guten Eindruck von der Größe des Fossils Ida

Dem Skelett fehlt lediglich das linke hintere Bein, es ist somit zu 95% komplett. Darwinius masillae wurde nach der kleinen Tochter von Dr. Jørn Hurum von der Universität Oslo und Leiter der Untersuchungen auf den Namen Ida getauft. Neben den Knochen blieb einiges von Idas Weichteilen und dem Fell erhalten. Außerdem konnte man Reste von Idas letzter Mahlzeit identifizieren, die aus Früchten und Blättern bestand. Ida war von der Nase bis zum Schwanz etwa 58 cm lang und wog Berechnungen zufolge 0,7 bis 1,7 kg, das entspricht grob der Größe und dem Gewicht einer kleinen Langschwanzkatze.

Ursprünglich waren die Forscher der Ansicht, bei Ida handele es sich um eine primitive Lemurenart, doch vergleichende Untersuchungen ergaben, dass sie auch einige Merkmale von Trockennasenaffen (Altwelt- und Neuweltaffen) besaß. Dies deutet darauf hin, dass es sich um eine Übergangsform zwischen primitiven, lemurenartigen Primaten und höher entwickelteren Affen handeln könnte, einschließlich der Linie, die zum Menschen führt. Denn zwei der wichtigsten anatomischen Merkmale der Lemuren fehlen bei Ida: eine Reihe zusammengewachsener Zähne im Unterkiefer und die auffällige Putzkralle, das ist ein bestimmter Zeigefingertyp. Stattdessen hatte Ida im Gegensatz zu der langen Schnauze der Lemuren ein kurzes Gesicht mit vorwärts ausgerichteten Augen wie Menschen, Fingernägel anstelle von Klauen und Zähne ähnlich jenen der Affen. Die Hände haben fünf Finger, denen gegenüber der Daumen opponierbar wie bei höheren Primaten einschließlich des Menschen ist. Dieser "Präzisionsgriff" erleichterte Ida neben den flexiblen Armen und den relativ kurzen Gliedmaßen das Klettern in den Bäumen und das Sammeln von Früchten.

Nebel in der Grube Messel kurz vor Sonnenaufgang
vergrößernNebel in der Grube Messel kurz vor Sonnenaufgang
Darwinius masillae, genannt Ida, wurde 1983 in der Grube Messel entdeckt
vergrößernDas bis heute einzige Fossil von Darwinius masillae, genannt Ida, wurde 1983 in der Grube Messel entdeckt

Digitale Rekonstruktionen von Idas Zähnen enthüllten, dass die Backenzähne in ihrem Kiefer noch nicht durchgebrochen waren, was darauf hindeutet, dass sie etwa 8 Monate alt war, als sie starb. Dies entspricht in etwa dem Lebensalter eines 6-jährigen Menschenkindes. Die Form der Zähne gibt einen Hinweise auf Idas Ernährung: mit den verzweigten Backenzähnen konnte sie die Nahrung auf- und zerschneiden, was darauf hindeutet, dass sie ein Blätter- und Samenfresser war. Dies wird durch die außergewöhnliche Konservierung ihres Mageninhalts untermauert. Darüber hinaus ist das Fehlen des Baculum (Penisknochen), den man bei allen Männchen der niedrigeren Primaten findet, ein Hinweis darauf, dass Ida ein Weibchen war. Röntgenuntersuchungen haben offenbart, dass sich ihr rechtes Handgelenk gerade von einem Bruch erholt hatte, was aber vielleicht noch schmerzte und so zu ihrem Tod beitrug. Die Wissenschaftler spekulieren, dass Ida möglicherweise von Kohlendioxid-Dämpfen während des Trinkens betäubt wurde und nach ihrem Tod im See versank, wo ihre Überreste dank der günstigen Bedingungen von Messel für für 47 Millionen Jahre erhalten blieben.

Die Forscher um den norwegischen Paläontologen Jørn H. Hurum, Universität Oslo, und den Deutschen Dr. Jens Lorenz Frantzen vom Forschungsinstitut Senckenberg stellen Darwinius innerhalb der Primaten in die Gruppe Adapiformes oder Adapoidea, einer vorwiegend im Eozän und Oligozän auf den Kontinenten der Nordhalbkugel lebenden, heute ausgestorbenen Gruppe. Innerhalb der Adapiformes wird er in die Familie der Notharctidae eingegliedert. Die Forscher sind der Auffassung, dass es sich bei Darwinius masillae um eine Übergangsform (oder ein “Missing Link”) zwischen den Feuchtnasenaffen (Lemuren und Loriartige) und den Trockennasenaffen (Neuweltaffen und Altweltaffen), zu denen auch der Mensch zählt, handelt. Darwinius könne jedoch noch nicht als urtümlicher Vertreter der Eigentlichen Affen (Anthropoidea) interpretiert werden.

Darwinius masillae ist neben Europolemur koenigswaldi und Europolemur kelleri die dritte Primatenart innerhalb der Gruppe der Adapiformes, die in der Grube Messel entdeckt wurde. Darwinius masillae hat auch große Ähnlichkeit mit Godinotia neglecta, einer anderen ausgestorbenen Primatenart aus dem Geiseltal nähe Merseburg, Sachsen-Anhalt, ist aber nicht direkt mit ihm verwandt.

Artikel: 2009, Letztes update: 04.02.2012 um 01:35
Quelle:
Franzen, Jens L.; et al. (2009). "Complete Primate Skeleton from the Middle Eocene of Messel in Germany: Morphology and Paleobiology". PLoS ONE 4 (5): e5723.

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