Orrorin tugenensis - BAR 1000'00

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM VERÖFFENTLICHUNG
verschiedene Fragmente von Oberschenkel-knochen u.m. Baringo-Region, Kenia ca. 6 Millionen Jahre Brigitte Senut, Martin Pickford 25. Oktober
2000
Senut, B., M. Pickford, D. Gommery, P. Mein, K. Cheboi, and Y. Coppens. 2001. "First hominid from the Miocene (Lukeino Formation, Kenya)." In Comptes Rendus de l'Académie de Sciences, vol. 332, pp. 137-144.
Orrorin tugenensis - Der Millenium Mensch
Sechs Millionen Jahre alt: Teile des Knochenfundes des "Millennium-Mannes", wie ihn seine Finder tauften

Die Lehrmeinung über die Evolution muss möglicherweise geändert werden: Erste »Vor-Menschen« existierten weitaus früher als bislang gedacht. Wissenschaftler haben in Kenia die sterblichen Überreste eines Primaten ausgegraben, der als der älteste bekannte Vorfahre des Menschen in die wissenschaftliche Literatur eingehen könnte. Die Knochen sind vermutlich sechs Millionen Jahre alt.

Die ersten Fossilien wurden, wie das kenianisch-französische Forscherteam bekannt gab, bereits am 25. Oktober 2000 im Herzen Kenias entdeckt - rund 235 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt. Seitdem haben die Wissenschaftler verschiedene Knochen von mindestens fünf "Vor-Menschen" gefunden - sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts.

Die Forscher hatten in der Baringo-Region im kenianischen Rift Valley gegraben. Dort sind schon zahlreiche Entdeckungen gemacht worden. Die Gegend ist reich an Kalzium-Karbonat, durch das Knochen gut erhalten bleiben.

Die Überreste lassen darauf schließen, dass das auf den Namen Millennium-Mann getaufte Lebewesen ungefähr die Größe eines Schimpansen hatte, aufrecht ging und starke Arme hatte, mit denen er gut klettern konnte. Die Möglichkeit aufrecht zu gehen verleihen dem Primaten hominide Züge - und bringen ihn damit, so die Paläontologen, in direkte Verbindung zum Menschen. Die Forscher hoffen jetzt auf weitere Funde.

Bislang galten 4.5 Millionen Jahre alte Knochenfunde in Äthiopien als älteste Hinweise auf einen direkten Vorgänger des Menschen.

Der Paläontologe Martin Pickford zeigte sich begeistert. »Dieser Fund ist nicht nur älter als alle bisher bekannten, er befindet sich auch in einem deutlich fortgeschrittenerem Stadium der Evolution«, sagte er. Insbesondere die Zähne und der Kiefer deuteten auf eine nahe Verwandtschaft zum Menschen. Der Millennium-Mann ernährte sich überwiegend vegetarisch, verschmähte aber auch Fleisch nicht.

Insgesamt sind es mehr als 20 Knochen- oder Knochenfragmente. Mittlerweile sind die Fundstücke so zahlreich und gut verstanden, dass einige Forscher davon ausgehen, dass es sich bei Orrorin tugenensis um einen Hominiden - einen Menschenartigen - handeln könnte. Denn nicht nur die Zähne deuten darauf hin, sondern vor allem die Art und Weise der Fortbewegung: Orrorin konnte aufrecht gehen.

Das sieht man laut Brigitte Senut deutlich an den Oberschenkelknochen. Die Stellung der Knochen ist genau wie beim modernen Menschen. Die Beine können das Gewicht des Oberkörpers tragen und balancieren. Affen benutzen die Beine auf eine andere Weise, da sie hauptsächlich klettern. Bei Orrorin haben wir Merkmale gefunden, die es nur bei den Australopithecinen und bei modernen Hominiden gibt.

Orrorin konnte aber auch noch gut klettern, das ergaben die Analysen der Fingerknochen. Damit ist er eine so genannte übergangsform, da er sowohl Merkmale der menschlichen Linie besitzt, aber auch noch einige, die nur bei Affen und nicht mehr beim Menschen vorkommen. Die Frage, ab wann eine Art kein Affe mehr ist, sondern die Barriere zum Menschen hin bereits überschritten hat, ist auch für Brigitte Senut eine große Herausforderung und längst nicht geklärt.

Die Anzahl und Qualität der gefundenen Knochen von Orrorin reichten Brigitte Senut und ihren Kollegen aber aus, seine Körperhöhe abzuschätzen. Als Basis dazu dienten die Langknochen von Oberarm und Oberschenkel. Mit den bekannten Maßen vom modernen Mensch und denen anderer ausgestorbenen Hominiden ergab die Rekonstruktion eine Körperhöhe von etwa 1,40 Metern. Damit ist er erstaunlich groß für einen sechs Millionen Jahre alten Hominiden. Dennoch warnt die Paläontologin davor, solche Rekonstruktionen überzuberwerten. Eine Rekonstruktion des ganzen Skeletts ist auf wissenschaftlicher Basis einfach nicht möglich.

Was die Forscher jedoch exakt rekonstruieren konnten, war die Umgebung, in der Orrorin gelebt hat. Anhand von einzelligen Fossilien konnten sie sehen, dass es in den Tugen Hills einen großen See gegeben haben muss. Dieses Jahr fanden die Forscher auch Fossilien von anderen Tieren, die zur gleichen Zeit gelebt haben, etwa Giraffen, Impalas oder andere Primaten. Damit steht fest, dass die Vegetation keine Savanne war, sondern eher ein Waldgebiet. Orrorin tugenensis war vor sechs Millionen Jahren also kein Steppenbewohner, als er aufrecht durch das heutige Kenia ging.

Möglicherweise fand einer der fünf »Vor-Menschen« einen gewaltsamen Tod: Biss-Spuren deuten laut Pickford darauf hin, dass eine Großkatze ihn tötete. Denkbar ist, dass sie ihn in ihren Stammplatz auf einen Baum zerrte, von wo seine Knochen in ein Gewässer fielen.

Artikel Hans-Peter Willig, 2004
Quelle:
M. Pickford, B. Senut: ‚Millennium ancestor‘, a 6-million-year-old bipedal hominid from Kenya. South African Journal of Science 97 (1-2), 2001

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