Homo sapiens idaltu


FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
Drei Schädel, zwei adulte, ein juveniler Bouri, Äthiopien ca. 160.000 Jahre Tim White 1997
VERÖFFENTLICHUNG
White, Tim D., Asfaw, B. et al. "Pleistocene Homo sapiens from Middle Awash, Ethiopia". Nature 423 (6491): 742-747. DOI:10.1038/nature01669
Homo sapiens idaltu aus Herto in Äthiopien
Homo sapiens idaltu aus Herto in Äthiopien

Als Homo sapiens idaltu wird eine Gruppe von Fossilien bezeichnet, die eine ausgestorbene Unterart des Homo sapiens repräsentieren. Homo sapiens idaltu lebte vor 160.000 Jahren im pleistozänen Afrika. »Idaltu« ist das Wort des Afar-Stammes für »Ältester oder Erstgeborener«.

Die fossilen Überreste von Homo sapiens idaltu wurden bereits 1997 von Tim White entdeckt, aber erst im Jahr 2003 der Öffentlichkeit vorgestellt. Mithilfe radiometrischer Methoden wurden die Fundschichten auf ein Alter zwischen 154.000 und 160.000 Jahre datiert. Ein sehr gut erhaltener Schädel eines männlichen Individuums mit der Bezeichnung BOU-VP-16/1 weist eine Gehirnkapazität von 1450 cm³ auf, was etwas mehr als der Durchschnitt heute lebender Männer.

Die Überreste von zwei Erwachsenen und einem Kind wurden in der Afar-Region im östlichen Äthiopien entdeckt. Ihr hohes Alter von etwa 160.000 Jahren machen sie neben den Funden vom Omo River zu den ältesten bekannten Fossilien des anatomisch modernen Menschen. Die Schädel, die man man in der Nähe des Dorfes Herto ausgrub, füllen eine große Lücke in der Fossilaufzeichnung früher Menschen. In dieser Epoche erscheinen erstmals die modernen Gesichts- und Schädelmerkmale des modernen Homo sapiens.

Die Fossilien sind etwa so alt, wie die hypothetische Urmutter, wie sie von Genetikern um Rebecca Cann in einer Studie prognostiziert wurde. Diese Urmutter soll irgendwo in Afrika gelebt haben und die direkte Vorfahrin aller modernen Menschen sein.

„Wir kannten bis jetzt keine Übergangsformen zwischen archaischen und modernen Menschen vor 100.000 und 300.000 Jahren, nun haben wir die Herto Fossilen, die genau in diese Zeit passen“, sagte der Paläoanthropologe Tim White, Professor für integrative Biologie an der University of California, Berkeley und Co-Leiter des Teams, das den Fundort und die Fossilien analysierte. „Jetzt decken sich die fossilen Funde mit dem molekularen Befund. Mit diesen neuen Schädeln“, fügt er hinzu, „können wir jetzt endlich rekonstruieren, wie unsere direkten Vorfahren ausgesehen haben.“

F. Clark Howell, Professor emeritus der University of California, Berkeley fügt hinzu, dass diese anatomisch modernen Menschen älter als die meisten Neandertaler sind. Dies widerlege die Vermutung einiger Wissenschaftler, dass der Neandertaler ein Vorfahr des modernen Menschen sei.

Neben den gut erhaltenen Schädeln grub das Forschungsteam Schädelfragmente und Zähne von sieben weiteren Individuen aus. Ebenfalls geborgene Knochen eines Flusspferdes zeigen Schnittspuren von Steinwerkzeugen, von denen mehr als 600 gefunden wurden, darunter auch Faustkeile. Alle Funde stammen aus den gleichen Sedimenten und somit aus der gleichen Zeit.

„Diese Menschen beherrschten eine ausgefeilte Technologie zur Herstellung von Steinwerkzeugen“, sagte White. „Mit den Abschlägen der Faustkeile und anderen Werkzeugen zerlegten Sie Kadaver von großen Säugetieren wie Flusspferd oder Büffel und zweifellos wussten sie, wie die Pflanzen ihrer Umwelt zu nutzen sind.“

Die Menschen von Herto lebten lange bevor die ersten Neandertaler die Bühne des Lebens betraten. Dies beweist zweifelsfrei, so die Forscher, dass Homo sapiens nicht von den kräftigen, untersetzten Neandertalern abstammt. Der Neandertaler ist eher ein Cousin des modernen Menschen, dessen Entwicklungslinie sich schon vor mehr als 300.000 Jahren von der des modernen Menschen getrennt haben muss. Die Neandertaler starben in Europa vor etwa 30.000 Jahren aus, und viele Wissenschaftler vermuten, dass der moderne Mensch hier kräftig nachgeholfen hat.

Da die Herto Fossilien einen Übergang zwischen primitiveren Homininen aus Afrika und modernen Menschen darstellen, sind sie ein starkes Argument für die Hypothese, dass sich der moderne Mensch zuerst in Afrika entwickelt und später über ganz Eurasien ausgebreitet hat. Diese Hypothese steht in krassem Gegensatz zu der Annahme, moderne Menschen hätten sich in vielen Regionen Europas, Asiens und Afrikas aus anderen Menschentypen, z.B. Homo erectus, entwickelt, der aus Afrika bereits zu einem viel früheren Zeitpunkt ausgewandert ist.

„Die menschlichen Überreste aus Herto“, so der Wissenschaftler Berhane Asfaw, „bestätigen eindrucksvoll, was Molekularbiologen schon seit langem vermuten: dass der moderne Homo sapiens aus Afrika stammt. Die Schädel aus Herto zeigen, dass moderne Menschen mit allen modernen Merkmalen bereits vor rund 160.000 Jahren lebten. Die Out-Of-Africa-Hypothese ist nun überprüfbar,... (und) wir können abschließend schlüssig sagen, dass Neandertaler mit modernen Menschen nur sehr entfernt verwandt sind.“

Die fossilen Schädel

Die Abgüsse der drei Schädel (die Originale werden in Äthiopien aufbewahrt) wurden vom Forschungsteam um Tim White mit Schädeln von Neandertalern und anderen Frühmenschen verglichen. Viele der Vergleichsschädel stammen aus der Sammlung des Hearst Museum of Anthropology.

Der am besten erhaltene der drei Schädel, vermutlich der eines Mannes, ist etwas größer als bei heutigen männlichen Vertretern unserer Spezies, vor allem aber zeigt er weniger ausgeprägte Überaugenwülste und einen mehr gerundeten Schädel als andere Exemplare des frühen Homo sapiens. Wegen dieser Ähnlichkeiten haben die Forscher die Fossilien in die gleiche Gattung und Art des modernen Menschen gestellt, sehen aber in den Fossilien eine Unterart - Homo sapiens idaltu - die sich in einigen wenigen Merkmalen vom modernen Menschen unterscheidet.

Idaltu, das bedeutet »der Ältere« in der Sprache des Afar-Stammes, bezieht sich auf das erwachsene, männliche Individuum. Der Mann war Ende zwanzig bis Mitte dreißig, hatte stark abgenutzte Zähne und sein Gehirn war etwas größer als der Durchschnitt heute lebender Männer.

Die zu früheren Zeiten gefundenen Fossilien aus ganz Afrika waren oft unvollständig und schlecht datiert. Dazu gehören die Schädelfragmente aus Klasies River Mouth in Südafrika, ungefähr 100.000 Jahre alt, und die Funde aus Qafzeh und Skhul im Nahen Osten, ungefähr 90.000 bis 130.000 Jahre alt. In Äthiopien wurden ebenfalls einige modern-menschliche Fossilien ausgegraben, etwa Omo mit 195.000 Jahren und die Aduma Fossilien vom Middle Awash, etwa 80.000 Jahre alt.

Während diese früheren Entdeckungen ebenfalls Homo sapiens zugeschrieben werden, so sind sie doch nicht so komplett und gut datiert wie die Funde aus Herto. Das Material zeigt keine Merkmale der mehr primitiveren menschlichen Vorfahren wie Homo erectus oder Neandertaler.

Entdeckung

Der an Fossilien reiche Fundort in der Region des Middle Awash River wurde am 16. November 1997 in einem trocken und staubigen Tal in der Nähe des Dorfes Herto entdeckt. Während einer Ortsbegehung bemerkte Tim White zuerst Steinwerkzeuge und etwas später den fossilen Schädel eines Flusspferdes, die aus dem Boden ragten. Als das Team 11 Tage später zurückkehrte, um die Stelle genauer zu untersuchen, entdeckte man den fast kompletten Schädel eines Erwachsenen. Er war durch starke Regenfälle aus den alten Sedimenten ausgewaschen worden und unglücklicherweise von umherziehenden Viehherden teilweise beschädigt worden.

Ein Teil des linken vorderen Craniums (Hirnschale) des erwachsenen Individuums wurde zertreten und verstreut, das Team war jedoch in der Lage, den Rest des Schädels (ohne Unterkiefer) auszugraben und zu rekonstruieren.

Die Teile des Kinderschädels, die man gleich daneben fand, waren vermutlich schon mehrere Jahre den Unbilden des Wetters ausgesetzt. Glücklicherweise konnte man die meisten Teile bergen (ca. 200 Stücke, verstreut auf 400 ft²), die Dr. B. Asfaw schließlich während der drei Jahre dauernden Rekonstruktion in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammensetzen konnte.

Wegen der noch nicht hervorgebrochenen Backenzähne vermutet man, dass der Schädel einem sechs- bis siebenjährigen Kind gehörte. Interessanterweise zeigt dieser Kinderschädel neben einem zweiten, erwachsenen Schädel Schnittspuren, was auf eine rituelle Form von Kannibalismus hindeuten könnte, berichtet Tim White. Die Schnitte auf dem Kinderschädel zeigen, dass die Muskeln, die an der Schädelbasis ansetzen, abgeschnitten worden sind. Die Rückseite der Schädelbasis war abgebrochen und an den Rändern glatt poliert, was darauf hindeutet, dass der Schädel immer wieder in irgendeiner Form gehandhabt wurde. Der zweite, unvollständige Schädel des Erwachsenen zeigt parallel verlaufende Kratzer rund um den Schädelumfang, offenbar durch Steinwerkzeuge verursacht. Allerdings sehen die Kratzer anders aus, als Spuren wie sie entstehen, wenn man das Fleisch für den Nahrungserwerb von einem Schädel ablöst. Auch der fast vollständige Herto-Schädel zeigt einige wenige Schnittspuren.

Neben den Schädeln konnte man keinerlei Knochenreste des übrigen Skeletts finden, was laut Tim White sehr ungewöhnlich ist. Die Forscher folgern daraus, dass die Menschen die Schädel auf ihren Wanderungen von Ort zu Ort mit sich trugen. Wahrscheinlich entfernten sie die Schädelmuskeln und zerbrachen die Schädelbasis, um an das Gehirn zu gelangen. „Ob nun aus rituellen Gründen oder nicht, können wir nicht sagen“, so White.

Mit den Herto-Schädeln wurden mehr als 640 Steinartefakte ausgegraben. Die Forscher schätzen, dass das gesamte Gebiet rund um Herto tausende von solchen Artefakten birgt. Die Steinwerkzeuge wurden von J. Desmond Clark von der University of California, Berkeley noch kurz vor dessen Tod analysiert. Zusammen mit seinen Kollegen Dr. Yonas Beyene von der Ethiopia Authority for Research and Conservation of the Cultural Heritages und Dr. Alban Defleur aus Marseille, Frankreich, kam er zu dem Schluss, dass die Artefakte eine Übergangszeit vom Acheuléen, das durch imposante Faustkeile gekennzeichnet ist, zum mittleren Paläolithikum repräsentieren, das eher durch die Verwendung von Abschlägen von einem Steinkern gekennzeichnet ist.

„Die fossilen Beifunde zeigen deutlich, dass die Menschen von Herto eine Vorliebe für Flusspferdefleisch hatten. Wir können jedoch nicht sagen, ob die Großsäuger gejagt wurden, oder ob es sich um Aas handelte“, so Beyenne.

Alte Sedimente

Die frühen Menschen von Herto lebten am Ufer eines seichten Sees, der vor ungefähr 260.000 Jahren entstand, als sich der Awash River vorübergehend aufstaute. Der See bot Lebensräume für viele Tiere wie Flusspferde, Krokodile und Welse, in den Uferregionen war Großwild wie etwa der Wasserbüffel heimisch.

Das Alter des vulkanischen Gesteins sowie der Sedimente, in denen die Fossilien gefunden wurden, wurde durch eine Kombination zweier Methoden auf 160.000 bis 154.000 Jahre datiert. Die Argon/Argon-Methode wurde von Whites Kollegen des Berkeley Geochronology Center unter der Leitung von Paul R. Renne durchgeführt. Giday WoldeGabriel vom Los Alamos National Laboratory und Bill Hart von der Miami University in Ohio untersuchten die Chemie der vulkanischen Schichten um sie mit den Ergebnissen der Argon/Argon-Datierung zu vergleichen.

Das Forschungsteam vom Middle Awash besteht aus mehr als 45 WissenschaftlerInnen aus 14 verschiedenen Nationen, hauptsächlich Spezialisten aus den Bereichen Geologie, Archäologie und Paläontologie. In der Fundregion förderte das Team menschliche Überreste sowohl aus der jüngeren Vergangenheit als auch aus einer Zeit vor 6 Millionen Jahren zutage, die nun ein recht klares Bild der menschlichen Evolution von affenähnlichen Vorfahren bis hin zu uns modernen Menschen zeichnen.

Literatur

  • John Desmond Clark et al.: Stratigraphic, chronological and behavioural contexts of Pleistocene Homo sapiens from Middle Awash, Ethiopia. Nature 423, 2003, S. 747–752, DOI:10.1038/nature01670
  • Tim White, Berhane Asfaw et. al: Pleistocene Homo sapiens from Middle Awash, Ethiopia. Nature 423, 2003, S. 742–747, DOI:10.1038/nature01669