Neandertaler - Homo neanderthalensis - Kebara 2


FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
adultes maskulines Skelett Kebara-Höhle, Israel ca. 60.000 Jahre Lucynne Schepartz Oktober 1983
VERÖFFENTLICHUNG
Arensburg, B. et. al., 1985. Une sépulture néanderthalien dans la grotte de Kebara (Israel). Compte Rendus des Séanches de l´Académie des Sciences (Paris), Série II, 300: 227-230
Kebara Zungenbein
Das Zungenbein aus der Kebara Höhle dient vielen Forschern als Beweis der Sprechfähigkeit der Neandertaler.
Kebara Skelett
Skelett des Neandertalers aus Kebara.

Seit ihrer Entdeckung in den 1920er Jahren ist die Kebara Höhle intensiv erforscht worden. An den westlichen Ausläufern des Mount Carmel gelegen, repräsentiert die Kebara Höhle gleich zwei wichtige Perioden der Menschheitsgeschichte: Das Aurignacien und Moustérien aus dem mittleren Paläolithikum sowie das epi-paläolithische Natufien. Spuren der ersten Besiedlung von Kebara führen ungefähr 60.000 Jahre zurück. In den vier Meter starken Höhlenablagerungen wurden in den mittleren Schichten Levallois Steinartefakte, sowie viele Feuerstellen gefunden.

Die ältesten Niveaus brachten Tausende von Tierknochen zum Vorschein, hauptsächlich von Gazellen und Rotwild, auf den teilweise verbrannten Knochen fanden sich Schnittspuren von Steinwerkzeugen. Die Kebara Höhle diente Neandertalern offensichtlich über viele Generationen als Lager.

Der Fund Kebara 2 trägt den Spitznamen "Moshe" zu Ehren von Moshe Stekelis, der früher an dieser Stelle Ausgrabungen vorgenommen hatte. Es handelt sich um ein vom Unterkiefer an abwärts fast vollständiges Skelett. Es ist das vollständigste bekannte Exemplar von einem Neandertaler mit dem ersten kompletten Brustkorb, Wirbeln und Becken.

Ein weiterer Knochen, der erstmals bei Kebara 2 gefunden wurde, ist das Zungenbein (Os hyoideum), der einzige Knochen des menschlichen Körpers, der nicht mit anderen Knochen verbunden ist. Es ist im Knorpel des Kehlkopfes verankert und dient der Anheftung von Muskeln, die zum Sprechen notwendig sind. Das bei diesem Skelett gefundene Zungenbein gleicht dem der Jetztmenschen, was von großer Bedeutung für die Frage ist, ob die Neandertaler sprechen konnten.

Das Skelett "Moshe" wurde am Rand einer Testgrube gefunden, die man in den 1960er Jahren zu Beginn der Ausgrabungen ausgehoben hatte (und aus der das bruchstückhafte Kinderskelett Kebara 1 stammt). Es war offenbar bestattet worden: Das Skelett lag auf dem Rücken in einer flachen Grube, der rechte Arm lag quer über der Brust, während der linke Arm auf dem Bauch ruhte. Er starb vermutlich mit 25 bis 35 Jahren, und an den Knochen gibt es keine Anzeichen für einen gewaltsamen oder krankheitsbedingten Tod. Seltsamerweise ist Moshes Schädel verschwunden -möglicherweise hat ihn ein Raubtier weggetragen, oder er wurde an einer anderen Stelle in der Höhle begraben. Gefunden wurde nur der dritte obere Molar. Auch das rechte Bein und der untere Teil des linken fehlen.

Obwohl wir das Gesicht nicht kennen, hat Kebara 2 eindeutige Ähnlichkeiten mit Skeletten aus Amud, Tabun und Shanidar, es ist allerdings robuster als die anderen Funde. Mit 1,70 Metern war er größer als der durchschnittliche europäische Neandertaler. Der kräftige Unterkiefer mit dem vollständigen Gebiss hat die für Neandertaler typische Lücke hinter den Molaren, und das Kinn fehlt. Andere Teile des Skeletts, so das Zungenbein und die Wirbel, sind in Form und Größe nicht von denen heutiger Menschen zu unterscheiden. Der fünfte Lendenwirbel am unteren Ende der Wirbelsäule zum Beispiel zeigt die gleichen modernen Anpassungen an den aufrechten Gang wie bei unserer eigenen Spezies.

Auch das vollständig erhaltene Becken spricht für eine solche Körperhaltung und Fortbewegung. Da der Abstand zwischen den seitlichen Hüftgelenken und der Verbindungsstelle der Schambeine vorn am Becken bei den Neandertalern größer war, lag ihr Schwerpunkt weit vorn, und ihr Becken wirkte wahrscheinlich nicht so gut als Stoßdämpfer wie bei den Jetztmenschen.

Eingang zur Kebara-Höhle im Norden Israels.

Neben diesem aufsehenerregenden Fossil entdeckte man in der Kebara-Höhle eine Folge archäologischer Stücke, die einen genauen Einblick in des Leben der Neandertaler des Nahen Ostens ermöglichen. Sie besiedelten die Höhle vor mehr als 60.000 Jahren und lebten dort mindestens bis vor 48.000 Jahren. Im oberen Paläolithikum war sie dann seltener bewohnt, und deshalb findet man aus dieser Periode vorwiegend Reste von Raubtieren. An der Stelle wurden mehr als 25.000 Steinwerkzeuge von mindestens 2,5 Zentimetern Größe sichergestellt. Sie repräsentieren die Levallois-Technik, die für diese Periode typisch ist und in der Regel zusammen mit Resten der Neandertaler auftaucht. Als Material für ihre Werkzeuge bevorzugten die Neandertaler feinkörnigen Flintstein, der meist in wenigen Kilometern Umkreis um die Höhle gesammelt und mit einer wirksamen Schlagtechnik bearbeitet wurde. Die Hälfte der dreieckigen Spitzen und Abschläge, die man auf Abnutzungserscheinungen untersuchte, trugen Einschlagspuren, das heißt, sie wurden wohl an einem hölzernen Schaft befestigt und als Wurfgeschosse benutzt. Andere Werkzeuge tragen Abnutzungsspuren durch Holzbearbeitung und Schneiden. Seltsamerweise sehen die Artefakte von Kebara ganz ähnlich aus wie Steinwerkzeuge aus der Qafzeh-Höhle in Israel, doch bei den dort bestatteten älteren Skeletten handelt es sich eindeutig um Jetztmenschen und nicht um Neandertaler. Warum zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen, die sogar zu verschiedenen Arten gehörten, die gleiche Kultur hatten, bleibt ein Rätsel.

In der Höhle wurden zahlreiche runde und ovale Feuerstellen ausgegraben, und zusätzlich fand man Schichten mit verbrannten Pflanzenresten. Stücke aus verbranntem Flintstein, die man in den Feuerstellen sichtete, erwiesen sich als entscheidend für die Thermolumineszenzdatierung der Fundstelle und des Skeletts. Als Brennmaterial diente das Eichenholz der Gegend, auf dem offenbar wilde Erbsen sowie Gazellen- oder Hirschfleisch geröstet wurden. An der Nordwand der Höhle, abseits vom eigentlichen Wohnbereich, entdeckte man Abfallhaufen aus Tierknochen und Resten von der Werkzeugherstellung. Nach dem Bild, das sich aus diesen vielfältigen archäologischen Befunden ergibt, waren die Bewohner von Kebara technisch viel weiter entwickelt und raffinierter, als man es bei Neandertalern üblicherweise annimmt.

Natufien in der Kebara Höhle

Die Schichten der Natufien-Kultur sind auf ein Alter zwischen 11.000 und 12.000 Jahre datiert worden. Darin befand sich ein großes Gemeinschaftsgrab, das Skelettreste von 17 Individuen (11 Kinder und sechs Erwachsene) enthielt, die der Reihe nach begraben wurden. Bei einer der Personen, einem erwachsenen Mann, fand man Steinsplitter in der Wirbelsäule, und es ist offensichtlich, dass der Mann diese Verletzung nicht lange überlebt hat. Bei den anderen fünf Erwachsenen, die in der Kebara Höhle begraben wurden, fand man ebenfalls Anzeichen von Gewalt.