Letzte Meldung:   Spiel mit dem Feuer – wie Eiszeitjäger das Landschaftsbild Europas prägten   Bereits vor 20.000 Jahren haben Jäger und Sammler möglicherweise gezielt Feuer eingesetzt und damit zur Entstehung des lichten Charakters der eiszeitlichen europäischen Landschaft beigetragen. Das legt eine kürzlich im Fachjournal "PLOS ONE" veröffentlichte Studie nahe, zu deren Autoren auch eine Senckenberg-Wissenschaftlerin gehört. Es wäre einer der frühesten Hinweise auf einen großflächigen Eingriff des Menschen in die natürliche Vegetation seiner Umgebung. Der Befund erklärt, warum Analysen von Sedimenten belegen, dass in der Eiszeit in Europa eine offene Steppenlandschaft vorherrschte, während Veg....

Neandertaler - Homo neanderthalensis - La Ferrassie 1

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
adultes maskulines Skelett La Ferrassie, Frankreich ca. 50.000 Jahre Denis Peyrony und Louis Capitan 17. September 1909
VERÖFFENTLICHUNG
Captain, L. und D. Peyrony, 1909. Deux squelettes humains au milieu de foyers de l´époque moustérienne. Revue anthrop. 19: 402 - 409
 
La Ferrassie
Neandertalerschädel aus La Ferrassie

Das erwachsene männliche Skelett mit der Katalogbezeichnung La Ferrassie 1 zeigt am besten die "klassische" Anatomie der Neandertaler, die sich im eiszeitlichen Europa auf halbem Weg zwischen Auftauchen und Aussterben der Spezies entwickelte.

An dem Schädel von La Ferrassie 1 sind alle charakteristischen Merkmale der Neandertaler zu erkennen: die fliehende Stirn, das lange, niedrige Schädeldach, die runde Form beim Betrachten von hinten, der kräftige Überaugenwulst aus zwei Bögen, der vorspringende mittlere Gesichtsteil mit den nach hinten verlagerten Wangenknochen, das schwach entwickelte Kinn, die Lücke hinter den letzten Molaren (die entsteht, weil die Zähne mit dem ganzen Gesicht nach vorn verlagert sind), und das riesige Gehirnvolumen (in diesem Fall über 1600 Kubikzentimeter). Die Extremitäten zeigen die allgemein dicken, kräftigen Knochen der Neandertaler und ihre großen Gelenke.

In der gesamten Evolution des Menschen sind die klassischen Neandertaler das beste Beispiel für eine Population, die durch eine Reihe charakteristischer, einmaliger anatomischer Merkmale gekennzeichnet ist. Betrachtet man sie einzeln, erscheinen diese Merkmale selbstverständlich, aber in ihrer Gesamtheit bilden sie eine einheitliche Kombination, mit deren Hilfe man die Neandertaler als Evolutionseinheit definieren kann -als eigene, von Jetztmenschen und anderen Homininen verschiedene Spezies. An La Ferrassie 1 sind unter anderem folgende Merkmale zu erkennen: in Seitenansicht die Tuberositas mastoideus hinter der Ohröffnung über dem Warzenfortsatz (Processus mastoideus) an der Schädelunterseite sowie die Hinterhauptleiste unmittelbar hinter dem Warzenfortsatz; und von hinten gesehen ein Hinterhauptwulst, eine waagerechte Schädelknochenleiste, und unmittelbar darüber die elliptisch vertiefte Fossa suprainiaca.

Besonders interessante Aufschlüsse liefern die Zähne des Schädels. Im Kiefer beobachtet man nicht nur Abszesse und Knochenschwund, sondern auch sehr stark abgenutzte Zähne: Viele Zahnschmelzkronen sind überhaupt nicht mehr vorhanden, so dass vor allem links unten das Zahnbein oder sogar die Pulpahöhle freiliegen. Im Oberkiefer sind die Zähne auf der rechten Seite stärker abgeschliffen. Furchen an der Rückseite der Zähne weisen darauf hin, dass der Unterkiefer vorwiegend mit waagerechten Bewegungen kaute und weniger auf und ab ging; die Zähne zerkleinerten dabei grobe, körnige Nahrung.

Die Schäden an den vorderen Zähnen dürften vor allem dadurch entstanden sein, dass sie als "dritte Hand"dienten. Als man die mikroskopischen Schäden an den Zahnoberflächen von La Ferrassie 1 mit denen von Gorillas (strenge Herbivoren mit harter, faseriger Nahrung) und Inuit (die unter allen Menschen und sonstigen Primaten das wenigste Gemüse essen) verglich, stellte sich heraus, dass die Abnutzungsspuren bei dem Neandertaler ganz ähnlich aussahen wie bei den heutigen Polarbewohnern.

Die Schneidezähne von La Ferrassie 1 haben abgerundete Kanten mit oberflächlichen Absplitterungen und tieferen, bis zum Zahnbein reichenden Löchern; auch feine, gerade Kratzer kommen vor. Die Inuit benutzen ihre Zähne als Werkzeug und halten alles mögliche damit wie in einem Schraubstock fest, von Hundeleinen bis zu Stiefeln aus Robbenfell. Das gleiche taten offenbar auch die Neandertaler, und zwar in noch größerem Umfang als die heutigen Bewohner nördlicher Breiten.

Neben dem fast vollständigen Skelett eines Mannes im mittleren Alter fand man in dem Felsüberhang von La Ferrassie auch ein weitgehend unbeschädigtes weibliches Skelett und die Reste von fünf Kindern, vom Ungeborenen bis zum Zehnjährigen. Insgesamt handelt es sich hier um die größte Gruppe jugendlicher Fossilien in ganz Frankreich. Die Skelette befanden sich in sechs Gräbern. Die beiden Erwachsenen lagen bei der Entdeckung Kopf an Kopf, und den Schädel eines Kindes hatte man abgetrennt, allein unter einer Steinplatte mit seltsamen Vertiefungen bestattet. An den Berichten über die Neandertaler-Begräbnisstätte von La Chapelle-aux-Saints, die man einige Jahre zuvor gefunden hatte, waren immer wieder Zweifel laut geworden, aber die Befunde van La Ferrassie sprachen eindeutig dafür, dass die Neandertaler ihre Toten bestatteten.

Schon bald nachdem man La Ferrassie 1 und 2 entdeckt hatte, benutzte Marcellin Boule sie für seine berüchtigten Untersuchungen des Fundes von La Chapelle-aux-Saints, dessen fehlende Knochen er hier genauer studierte. Die gesamte Fossiliensammlung von La Ferrassie wurde zunächst nicht gründlich analysiert; die erste vollständige Beschreibung stammt van Jean-Louis Heim und wurde erst 1976 als Monographie veröffentlicht. Durch Heims Arbeiten und spätere Untersuchungen an den Funden kennen wir heute eine Reihe neuer Tatsachen aus dem Leben der Neandertaler.