Letzte Meldung:   Spiel mit dem Feuer – wie Eiszeitjäger das Landschaftsbild Europas prägten   Bereits vor 20.000 Jahren haben Jäger und Sammler möglicherweise gezielt Feuer eingesetzt und damit zur Entstehung des lichten Charakters der eiszeitlichen europäischen Landschaft beigetragen. Das legt eine kürzlich im Fachjournal "PLOS ONE" veröffentlichte Studie nahe, zu deren Autoren auch eine Senckenberg-Wissenschaftlerin gehört. Es wäre einer der frühesten Hinweise auf einen großflächigen Eingriff des Menschen in die natürliche Vegetation seiner Umgebung. Der Befund erklärt, warum Analysen von Sedimenten belegen, dass in der Eiszeit in Europa eine offene Steppenlandschaft vorherrschte, während Veg....

Homo erectus - Zhoukoudian - »Der Pekingmensch«

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
rekonstruiertes, adultes Cranium Höhle Zhoukoudian, China ca. 750.000 Jahre W. C. Pei 1928 - 1937
(für die Rekonstruktion benutzte Funde)
VERÖFFENTLICHUNG
Weidenreich, F., 1943. The skull of Sinanthropus pekinensis: a comparative study of a primitive skull Palaeontologia Sinila, New Series D, Ne. 10 Geological Survey of China, Pehpey, Chung King
 
Rekonstruktion des Peking-Menschen
Rekonstruktion des Peking-Menschen

Der sogenannte Pekingmensch ist 750.000 Jahre alt – und damit etwa 200.000 Jahre älter als bislang angenommen. Das haben chinesische Forscher 2009 herausgefunden, als sie erstmals die paläontologisch bedeutenden Höhlenfunde datieren konnten, zu denen auch die berühmten Homo erectus-Überreste gehören. Nach den Ergebnissen haben die frühen Menschen auch die damalige, als mild eingestufte Eiszeit hindurch in der Region um das heutige Peking gelebt.

Der Durchbruch in der Anerkennung des asiatischen Frühmenschen kam vor allem mit umfangreichen Funden aus China. Einer alten Tradition entsprechend werden in chinesischen Drogerien fossile Knochen in Pulverform als Medizin gegen Verdauungsstörungen gehandelt. Um die Jahrhundertwende kaufte dort der Naturforscher Karl Haberer eine Reihe fossiler Zähne unter denen sich auch ein ungewöhnlicher Backenzahn befand, der sehr schlecht erhalten war. Der Paläontologe Max Schlosser vermutete 1903 aufgrund dieses Stückes, dass es späteren Forschern vielleicht vergönnt sein werde, in China die Reste fossiler Menschen zu finden.

Die ersten Fundstücke aus China landeten in Uppsala. Ein schwedischer Geologe hatte sie in einem Höhlensystem bei Zhoukoudian, damals ca. 45 km südwestlich, heute am Stadtrand von Beijing (Peking) gelegen, entdeckt. Da sich unter dem Material auch menschliche Zähne befanden, begann der kanadische Anatom Davidson Black zusammen mit W. Ch. Pei weitere Geländearbeiten und fand in Zhoukoudian zwischen 1928 und 1937 Teile von 14 Schädeln, darunter auch vollständige, 14 Unterkiefer, mehr als 150 Zähne sowie Skelettreste, die er als Relikte des Sinanthropus pekinensis (Chinamensch) bezeichnete. Die Funde repräsentieren mehr als 45 Individuen jeden Alters und Geschlechts. Da fast alle Schädel künstlich geöffnet worden waren, wurde früher auf kannibalisches Verhalten geschlossen, während man heute eher Totenriten als Ursache der Beschädigungen ansieht.

Der Anatom und Anthropologe Franz Weidenreich, der die Arbeiten nach Blacks Tod weiterführte, nahm eine detaillierte wissenschaftliche Bearbeitung vor, wobei er auch von sämtlichen Fossilien Abgüsse erstellte. Seine Zeichnungen und diese ersten Abgüsse sind das einzige, was heute von den Homininen-Resten übrig ist, denn niemand weiß, wo sich die Originale befinden. Zwar wurde versucht, sie in den Kriegswirren gut verpackt aus China hinauszuschaffen, doch kamen die Kisten ohne ihren wertvollen Inhalt in Amerika an: eines der mysteriösesten Kapitel in der Geschichte der Paläoanthropologie. Es bleibt die Hoffnung, dass die Fundstücke "nur" entwendet wurden und durch einen Zufall irgend wann ein zweites Mal ans Tageslicht gelangen.

Seit 1949 wurden sowohl in Zhoukoudian als auch an weiter südlich gelegenen Orten in Mittel- und Südchina Reste der heute zu Homo erectus gezählten chinesischen Homininen entdeckt, zum Beispiel in den 1960ger Jahren in Lantian, Provinz Shaanxi. In der Langtandong-Höhle, Provinz Hexian, wurde 1980 ein vollständiger Schädel gefunden. Seit einigen Jahren werden von den Anthropologen und Paläontologen der Academia Sinica, Beijing, Großgrabungen in Zhoukoudian durchgeführt.

Es bestehen zwei wesentliche Unterschiede zwischen den chinesischen Fundstellen und jenen auf Java. Die meisten Fundstellen in China sind mit einem Alter von ca. 600.000 bis 300.000 Jahren sehr viel jünger. Nur in der Höhle von Longgupo bei Wushan und aus Yuanmou (Provinz Yunnali) sind die Reste vielleicht älter als 1,5 Millionen Jahre. Allerdings sollen zwei kürzlich gefundene Homininen-Zähne ca. 1,9 Millionen Jahre alt sein.

Die chinesischen Fundstellen bieten weitaus größere Möglichkeiten zur Rekonstruktion der Lebensweise von Homo erectus. Während die Reste in Java erst durch Flüsse an ihren späteren Einbettungsort gespült wurden (allochthone Einbettung), sind die Fossilien in China am ursprünglichen Lebens- und/oder Todesort entstanden. Nur diese sogenannte autochthone Einbettung bietet die Chance, auch kulturelle Hinterlassenschaften in demselben Fundzusammenhang aufzuspüren. Die meisten chinesischen Fundstellen sind gleichzeitig ehemalige Rastplätze, an denen auch Pebble tools oder einfache Acheuléen-Werkzeuge, z.B. Proto-Faustkeile, gefunden wurden.

Seit den 1920er Jahren wurden die Fossilien von Zhoukoudian ausgegraben und erhielten von dem kanadischen Arzt Davidson Black den Namen Sinanthropus pekinensis; er stützte sich dabei nur auf ein paar einzelne Zähne, und später wurden alle Fossilien der Spezies Homo erectus zugeordnet. Die erste Schädeldecke fand man 1929. Nachdem in den folgenden zehn Jahren immer mehr Fossilien zum Vorschein kamen, stellte Weidenreich an ihnen umfangreiche Untersuchungen an; er wollte damit seine "multiregionale" Theorie der menschlichen Evolution anhand zwölf anatomischer Merkmale belegen, die der Peking-Mensch angeblich mit den heutigen Chinesen gemeinsam hat. Seine Monographien, die zwischen 1936 und 1943 erschienen, sind bis heute stichhaltig, und wir können nur dankbar für seine Voraussicht sein: Er nahm alle ursprünglichen Gussformen und Abgüsse - die hergestellt wurden, bevor die Fossilien verlorengingen - mit und brachte sie ins American Museum of Natural History, wo sie seither aufbewahrt werden.

Die fünf Schädeldecken zeigen ein mittleres Schädelvolumen von 1043 Kubikzentimetern. Der Überaugenwulst ist beim Pekingmenschen kleiner als bei OH 9 oder Sangiran 17 aus Java. Die Hinterhauptknochen sind stark gebogen (dies erkennt man in der Seitenansicht hinten am Schädel), so dass sich über die ganze Breite des Knochens eine Verdickung zieht. Weitere Kennzeichen dieser Funde sind flache, dicke, rechteckige Scheitelbeine, kräftige Gesichtsknochen und ein klobiger Kiefer.

Zhoukoudian enthielt außerdem eine Fülle von Tieren und archäologischen Funden. Sie belegen, dass die Höhle über 200.000 Jahre lang bewohnt war. Offenbar beherbergte sie abwechselnd Raubtiere und Homininen, die manchmal auch zur gleichen Zeit um Nahrung und Obdach konkurrierten. Man hat dort Knochen von 97 Säugetier- und 62 Vogelarten ausgegraben. Die Bewohner stellten mindestens 17.000 Steinwerkzeuge her, vorwiegend aus Quarz, in geringerem Umfang auch aus Bergkristall, Sand- und Flintstein. Außerdem blieb in Zhoukoudian der bis vor kurzem älteste Beleg für die Verwendung des Feuers durch Menschen erhalten.

Das Alter der Fossilien schätzten Wissenschaftler meist auf 400.000 bis 500.000 Jahre. Einem Team um Guanjun Shen gelang 2009 erstmals eine eindeutige Datierung [1]. Dabei nutzten die Forscher die sogenannte Aluminium-Beryllium-Methode, mit der zwar nicht das Alter der Knochen selbst bestimmt werden kann, wohl aber das des anhaftenden Sandes: In Quarz, der an der Erdoberfläche lagert und damit der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, stehen die Isotope der beiden Elemente Aluminium und Beryllium in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Wird der Quarz von der kosmischen Strahlung abgeschirmt, in diesem Fall durch die Höhle, nimmt der Anteil der Isotope bedingt durch den radioaktiven Zerfall unterschiedlich schnell ab. Aus der Differenz des normalen Verhältnisses zu dem des fossilen Gesteins lässt sich das ungefähre Alter des Quarzes berechnen.

Literatur