Die Gattung Homo

Die meisten Forscher sind davon überzeugt, dass sich nach einem Klimawandel in Afrika die Linie der Vormenschen in zwei Richtungen aufspaltete, wobei die eine Linie zur Entwicklung der robusten Australopithecinen führte, eine andere zum Australopithecus africanus oder möglicherweise zum 1999 entdeckten Australopithecus garhi, deren Populationen sich schließlich zur Gattung Homo weiterentwickelte. Zwar besteht unter Forschern diesbezüglich keine Einigkeit, doch falls dies zutreffen sollte, so hätte diese evolutionäre Übergangsphase vor etwa vor etwa 2,5 Millionen Jahren stattgefunden [1].

Die Fossilien aus dieser Zeit weisen einen seltsamen Merkmalsmix auf. Einige haben ein relativ großes Gehirn mit einem Volumen von fast 800 cm³, wobei die Zähne aber groß wie bei den Australopithecinen geblieben sind. Andere Fundstücke wiederum weisen kleine Zähne auf, so wie es für Homo typisch ist, haben jedoch ein Gehirnvolumen, das dem der Australopithecinen entspricht. Eine Reihe von fossilen Schädel - und Kieferknochen aus dieser Zeit, die man im ostafrikanischen Tansania und Kenia fand, werden als Homo habilis („geschickter Mensch”) klassifiziert, da neben den Fossilien auch Steinwerkzeuge entdeckt wurden. Homo habilis weist zahlreiche gemeinsame Züge mit den früheren Australopithecinen und den späteren Angehörigen der Gattung Homo auf. Homo habilis repräsentiert vermutlich eine Gruppe aufrecht gehender Homininen, die eine evolutionäre Zwischenstufe zwischen den Australopithecinen und den etwas späteren Mitgliedern der Gattung Homo darstellt.

Die früheste Verwendung von Steinwerkzeugen kann man in Afrika derzeit bis in eine Zeit vor über 2,5 Millionen Jahren zurückverfolgen (Oldowan-Kultur). Allerdings ist es kaum möglich, sie einer bestimmten Homininenart zuzuordnen. Die Herstellungstechnik der Steinwerkzeuge hat sich im Verlauf von einer Million Jahren kaum verändert. In verschiedenen Teilen Ostafrikas wurden nicht nur zahlreiche Steinwerkzeuge entdeckt, deren Alter etwa 1,5 bis zwei Millionen Jahre beträgt, sondern auch Tierknochen mit Kratzspuren, die – wie in Experimenten nachgewiesen wurde – nur von menschlichen Schneidewerkzeugen stammen können. Diese Funde sind ein starkes Argument dafür, dass die damals lebenden Homininen bereits Fleisch aßen; ob sie allerdings auf die Jagd gingen oder sich von Aas ernährten, ist nicht bekannt. Unklar ist bislang auch, wie groß der Anteil tierischer Nahrung im Vergleich zu dem gesammelter Früchte und Insekten war und ob es sich bei den Fundstellen um Lagerplätze von Homininen handelte, die sich später zur Gattung Homo weiterentwickelten. Denkbar wäre, dass auch die grazilen Australopithecinen bereits Werkzeuge herstellten und sich von Fleisch ernährten, wobei für Australopithecus robustus die Verwendung von Grabstöcken zum Aufbrechen von Termitenhügeln nachgewiesen ist.

Fossilienfunde von Homininen mit großem Gehirnvolumen und kleinen Zähnen fand man zuerst in Nordkenia; sie sind 1,5 bis 1,6 Millionen Jahre alt und werden der Spezies Homo erectus („aufrecht gehender Mensch”) zugeordnet (auch der 1994 beschriebene Homo ergaster gehört aus heutiger Sicht zu dieser Spezies). Noch ältere Fossilien dieser Art stammen überraschenderweise aus dem Kaukasus: Bei Dmanisi nahe Tiflis wurden zwei Schädel von Homo ergaster georgicus entdeckt, deren Alter auf rund 1,75 Millionen Jahre geschätzt wird. Damit ist belegt, dass Homo erectus offenbar erheblich früher nach Europa wanderte, als bisher angenommen. In Nordchina wurden 1,36 Millionen Jahre alte Werkzeuge gefunden, die belegen, dass Homo erectus bereits zu dieser Zeit die klimatisch raue Region des 40. Breitengrades besiedelt hatte (Nature, 2001). Archäologische Funde aus der Zeit vor etwa 700 000 bis einer Million Jahren zeigen, dass Homininen dieser Zeit im Gegensatz zu solchen früherer Epochen bereits geschickter bei der Anfertigung von Werkzeugen waren; zudem wurden Knochen von größeren, offensichtlich erlegten Tieren wie Elefanten gefunden. Fraglich ist heute, ob der Fundort des Pekingmenschen (Homo erectus pekinensis) in einer Höhle in Nordchina bereits auf die Verwendung von Feuer schließen lässt: Bei den dort gefundenen, rund 500 000 Jahre alten verkohlten Holz- und Knochenresten könnte es sich durchaus um die Überreste eines natürlichen Feuers gehandelt haben (Science, 1998). Homo erectus hätte demzufolge noch kein Feuer genutzt, sondern erst Homo sapiens vor frühestens 300.000 Jahren. Nördlich von Tokyo wurden Pfahllöcher einer 500.000 Jahre alten, von Homo erectus angelegten Hütte gefunden: Dies ist der älteste Hinweis auf eine von menschlichen Vorfahren errichtete Behausung (New Scientist, 2000).

In der Zeit des Homo erectus vollzogen sich weitere wichtige Schritte innerhalb der menschlichen Evolution. Während das Gehirnvolumen der frühen Vertreter dieser Art mit etwa 750 und 800 Kubikzentimetern nicht größer war als bei vorangegangenen Homininenarten, lag es bei späteren Vertretern mit zwischen 1 100 und 1 300 Kubikzentimetern bereits in der Variationsbreite des Homo sapiens. Der auf Java gefundene 1,8 Millionen Jahre alte Schädel eines etwa einjährigen Homo-erectus-Kindes ließ erkennen, dass dessen Gehirn bereits etwa 75 Prozent der Größe eines erwachsenen Homo erectus aufwies (Nature, 2004). Diese frühe Hirnreifung entspricht den Verhältnissen bei Schimpansen – das Gehirn eines einjährigen Jetztmenschen hat dagegen erst ungefähr die Hälfte des Erwachsenenvolumens. Ein relativ langsames Hirnwachstum ist wahrscheinlich die Voraussetzung für höhere Hirnfunktionen wie Sprache.

In Nordspanien wurden rund 780 000 Jahre alte Homininenknochen gefunden. Auf der Grundlage dieses Materials wurde Homo antecessor beschrieben, den die Forscher als unmittelbaren Vorfahren des Homo sapiens ansehen. Es bestehen jedoch Zweifel, ob der Fund wirklich einer bislang unbekannten Spezies zuzuordnen ist, die eine Schlüsselposition in der Evolution zum Homo sapiens einnimmt. Ebenfalls ungeklärt ist die systematische Einordnung der nur etwa einen Meter großen Menschen, welche die indonesische Insel Flores vor etwa 95.000 bis vor rund 12.000 Jahren besiedelten. Die dort gefundenen Skelette wurden von ihren Entdeckern als neue Spezies Homo floresiensis beschrieben (Nature, 2004); umgangssprachlich werden die zwergwüchsigen Menschen in Anlehnung an die von J. R. R. Tolkien erfundenen Fabelwesen als Hobbits bezeichnet.

Der Mensch, Homo sapiens, ist eine Art der Säugetiere aus der Ordnung der Primaten. Von C. von Linné bereits in der 1. Auflage seiner „ Systema naturae “ als Gattung Homo mit den Affen in der Gruppe Anthropomorpha vereint und in der 10. Auflage (1758) als Art Homo sapiens beschrieben und in die Ordnung Primates eingereiht, wo sie heute meist noch als einziger lebender Vertreter der Familie Hominidae klassifiziert wird.

Vor allem genetische Vergleiche zeigen jedoch, daß die Art biologisch in die Gruppe der afrikanischen Menschenaffen einzuordnen ist. Der Mensch stammt mit den Menschenaffen von gemeinsamen Ahnen ab und verfügt daher u.a. Über Eigenschaften, die ursprünglich Anpassungen an eine baumbewohnende Lebensweise darstellen. Dazu gehören u.a. die Greifhand und die nach vorne verlagerten, einander genäherten Augen, die eine fast völlige überschneidung der Sehfelder und dadurch ein gutes räumliches Sehen ermöglichen. Beides waren u.a. wichtige Voraussetzungen dafür, die Umwelt zu „manipulieren“ und dadurch auch Werkzeuge herzustellen – eine der biologischen Grundlagen für die kulturelle Evolution des Menschen.

Im Gegensatz zu den übrigen Primaten ist der Mensch durch seinen permanent aufrechten Gang gekennzeichnet, wodurch die Hände frei zum „Handeln“ werden. Weitere wesentliche Unterschiede, die den Menschen von den Menschenaffen unterscheiden, sind u.a.: Reduktion im Gebiß, vor allem wesentliche Verkleinerung des Eckzahns (vielleicht, weil er als Waffe durch Werkzeuge „ersetzt“ wurde) und dadurch lückenloser Zahnbogen; damit im Zusammenhang Verkürzung des Kiefers (Orthognathie statt starker Prognathie), deutliche Reduktion des Haarkleids („Nacktheit“), starke Vergrößerung des Gehirns. Dieses ermöglicht u.a. das hohe Lernvermögen des Menschen und die Entwicklung seiner geistigen und intellektuellen Fähigkeiten.

Dazu gehört als typisch menschliche Eigenschaft der Besitz einer Symbole benutzenden Lernsprache. Als spezifische Eigenschaft, die im Zusammenhang mit den geistigen Fähigkeiten steht, ist die große Wanderaktivität der Art Homo sapiens zu sehen, die zu ihrer Verbreitung über die gesamte Erde geführt hat. Die kulturelle Evolution (einschließlich der materiellen Kultur = Technik) hat den Menschen darüber hinaus zur individuenreichsten Art der Primaten werden lassen, die unter den verschiedensten ökologischen Bedingungen zu leben vermag.

Wegen seiner geistigen Fähigkeiten und des Vermögens zur Selbst- und Welterkenntnis und seine Umwelt zu verändern, wird der Mensch oft als das höchst entwickelte Lebewesen auf der Erde angesehen. Die Einseitigkeit dieser Betrachtung sollte bei biologischen Vergleichen bewußt sein. Den Menschen deshalb aus der übrigen Natur herauszuheben, ist wissenschaftlich und ethisch fragwürdig.

Unter biologischem Aspekt ist der Mensch Forschungsgegenstand der Anthropologie oder Anthropobiologie, unter dem Aspekt von Gesundheit und Krankheit Objekt der medizinischen Wissenschaften. Sein Verhalten ist Gegenstand der Psychologie und – soweit es sich um dessen biologische Grundlagen handelt – auch der Verhaltensforschung. Die sich aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben ergebenden Aspekte erforschen die Gesellschaftswissenschaften (Soziologie, Soziobiologie).

Artikel: 2006, Letztes update: 04.02.2012 um 01:27
[1] Schrenk, Friedemann: Die Frühzeit des Menschen, S.56, CH. Beck, 2001,

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