Die DVD zur Webseite „Die Evolution des Menschen”

Ardipithecus ramidus - ARA-VP-6/129

Ein Zahn geht um die Welt: Ardipithecus ramidus
vergrößern
Ein Zahn geht um die Welt: Ardipithecus ramidus
vergrößern
FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM  VERÖFFENTLICHUNG
Teil einer juvenilen Mandibula Aramis,
Äthiopien
4.4 Millionen
Jahre
Alamayehu Asfaw 20. Dezember
1992
White, T. D., G. Suwa und B. Asfaw, 1994. Australopithecus ramidus, a new species of early hominid from Aramis, Ethiopia. Nature 371: 306 - 312.

Vor einiger Zeit machte Tim White von der University of California in Berkeley Schlagzeilen. Der Anthropologe und sein Team hatten in Äthiopien 4,4 Millionen Jahre alte Hominiden-Fossilien entdeckt, die primitiver und älter waren als die des bisherigen Rekordhalters Australopithecus afarensis ("Lucy"). White ordnete seine Funde einer neuen Vormenschen-Art zu und benannte sie Australopithecus ramidus(1). Wenig später stieß Whites Team am selben Fundort sogar auf ein nahezu vollständiges Ramidus-Skelett.

Bei näherer Analyse zeigten die Funde derart große Unterschiede zur "Lucy"-Art, etwa in ihren viel kleineren Backenzähnen und relativ großen Eckzähnen sowie in dem erstaunlich winzigen Milchmahlzahn, dass White seine Klassifikation korrigierte: Nunmehr hielt er ramidus nicht mehr nur für eine neue Art, sondern vielmehr für eine neue Gattung, die er Ardipithecus benannte, was soviel wie "Bodenaffe" bedeutet.

 

Einige Monate später wurde dem Puzzle an der Wurzel der Hominiden ein weiteres Steinchen hinzugefügt: Meave Leakey und ihre Fossilienjäger vom National Museum in Nairobi waren an zwei Stellen in Nord-Kenia - in Kanapoi westlich und in Allia Bay östlich des Turkanasees - auf eine ganze Anzahl hominider Fossilien gestoßen, die zwischen 3,9 und 4,2 Millionen Jahre alt sind. Ein recht gut erhaltenes Schienbein belegt, dass diese Menschen-Vorfahren bereits aufrecht gegangen waren. Doch insbesondere der 4,1 Millionen Jahre alte Unterkiefer von Kanapoi ist primitiver als der von "Lucy" und ihresgleichen. Das Kinn weicht mehr zurück, und die Zahnreihen verlaufen noch annähernd parallel zueinander. Die Zähne bei den neuen Funden ähneln hingegen denen von späteren Hominiden; Sie verfügen über einen ähnlich dicken Schmelz wie die von Lucy. Die Wissenschaftler schlossen: Hier haben wir es mit einer weiteren Vormenschen-Art zu tun, und sie gaben ihr den Namen Australopithecus anamensis (anam heißt See).

Doch die vormenschliche Verwirrung nimmt offenbar kein Ende: Kürzlich wurde im Tschad am Bahr el-Ghasal bei Koro Toro, 2500 Kilometer westlich des Rift Valley, ein drei bis dreieinhalb Millionen Jahre alter Unterkiefer entdeckt, der zwar dem des gleichzeitig lebenden Australopithecus afarensis stark ähnelt, aber auch wesentliche Unterschiede aufweist, etwa mit seiner annähernd senkrecht verlaufenden Innenkontur des Vorderkiefers und seinem dünnen Schmelz der Backenzähne. Yves Coppens vom College de France in Paris mag sich noch nicht festlegen, ob damit eine weitere Australopithecus-Art (Australopithecus bahrelghazali) wiederum zur Welt gekommen ist. Waren bis vor kurzem fast keine Funde aus der Zeit vor mehr als vier Millionen Jahren zu registrieren, so liegen nun zwei neue Hominiden-Arten vor, die älter sind als Lucy.

Während sich aber die Forscher bereits weitgehend darüber einig sind, dass Australopithecus anamensis der direkte Vorfahr von afarensis ist, streiten sie sich noch über die Stellung des Whiteschen Ardipithecus. Einige, darunter auch Meave Leakey, vermuten in diesem Primitivling einen ausgestorbenen Seitenzweig an der Wurzel der Hominiden. Wahrscheinlich hätten sich zunächst mehrere Spielarten des aufrechten Ganges entwickelt, von denen sich schließlich nur eine durchsetzte. Tim White selbst hielt sich bisher aus den Spekulationen raus. Er will erst die weiteren Teile des Skeletts aufspüren und seine Analysen abschließen. Immerhin hat er jüngst unter Kollegen angedeutet, wozu er neigt: "Australopithecus anamensis steht aufgrund seiner anatomischen Merkmale klar zwischen ramidus und afarensis. Der frühe Ardipithecus ramidus ist daher die Ahnenform von Australopithecus anamensis und dieser wiederum der Ahne von Australopithecus afarensis."

(1) GEO Nr. 1/1995

Artikel Hans-Peter Willig, 2004

© Hans-Peter Willig, München User online 12   gestern 1252   heute 949 Glossar LinklisteSitemapMail