| FUND | FUNDORT | ALTER | ENTDECKER | DATUM | VERÖFFENTLICHUNG |
|---|---|---|---|---|---|
| adultes feminines Cranium | Koobi Fora, Kenia | 1.7 Millionen Jahre |
Richard Leakey und H. Mutua |
1970 | Leakey, R., 1971. Further evidence of lower pleistocene hominids from East Rudolf, North Kenya. 1972. Nature 231: 241 - 245. DOI: 10.1038/242170a0 |
Im Jahr 1970 wurde in Koobi Fora ein Teilschädel gefunden, katalogisiert mit der Nummer KNM-ER 732. Dieser als Australopithecus boisei identifizierte Schädel wird manchmal auch als Halbschädel bezeichnet, weil seine linke Hälfte zum grössten Teil fehlt. Er stammt aus ebenso alten geologischen Ablagerungen wie der 1.7 Millionen Jahre alte boisei-Schädel KNM-ER 406. Der Schädel KNM-ER 732 ist zwar eindeutig kleiner als 406 und besitzt auch nicht dessen Scheitel- und Nackenkamm, doch ansonsten zeigt er alle anatomischen Kennzeichen von Australopithecus boisei:
1. eine auffällige Glabella, 2. ein Stirndreieck, 3. ein eingedrücktes Gesicht, 4. einen nach vorn verschobenen Ansatz der Wangenknochen, 5. ein wegen der ausladenden Jochbeine sehr breites Gesicht, und 6. eine starke Einschnürung hinter den Brauenwülsten.
Die Stücke (406 und 732) haben die typische dünne Schädeldecke der Australopithecinen, und das Schädelvolumen liegt nach Rekonstruktionen bei 510 cm³ für KNM-ER 406 und bei 500 cm³ für KNM-ER 732.
Wenn man sich hinsichtlich des Geschlechtsdimorphismus an dem Menschenaffen orientiert – bei Schimpansen und insbesondere bei Gorilla ist der männliche Schädel grösser und kräftiger gebaut als der weibliche -, kann man den Unterschied zwischen KNM-ER 406 und 732 verstehen. Die beiden Schädel zeigen eine grosse Zahl anatomischer Gemeinsamkeiten, und genau diejenigen Merkmale, die bei KNM-ER 732 fehlen, wie der Scheitel- und Nackenkamm, fehlen auch am Schädel weiblicher Menschenaffen. Die naheliegendste Erklärung für die Unterschiede zwischen den beiden Funden lautet also: KNM-ER 406 ist ein männlicher Australopithecus boisei, KNM-ER 732 dagegen ein weibleicher.
Die Entdeckung dieser beiden Schädel in Koobi Fora trug wesentlich dazu bei, alle Zweifel am Geschlechtsdimorphismus der Australopithecinen auszuräumen. Mit dem Dimorphismus von Australopithecus boisei als Vorbild, konnte man darüber hinaus auch die südafrikanischen Funde von Australopithecinen unter neuen Gesichtspunkten untersuchen. Dabei gelangte man zu zwei wichtigen Schlussfolgerungen:
Erstens bestanden zwischen den Funden von Sterkfontein und Swartkrans grössere anatomische Unterschiede als innerhalb einer einzigen Art wie Australopithecus boisei, und zweitens konnte man in jeder südafrikanischen Fundstelle Männchen und Weibchen unterscheiden, wenn man sich an der unterschiedlichen Grösse und Kräftigkeit von KNM-ER 406 und 732 orientierte. Damit war die Ein-Spezies-Hypothese endgültig vom Tisch.
Artikel: 2002, Letztes update: 04.02.2012 um 01:27