Australopithecus boisei - Der Schädel KGA 10-525


FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
fast kompletter Schädel einschließlich Unterkiefer Konso, Äthiopien 1,4 Millionen Jahre A. Amzaye 1993
VERÖFFENTLICHUNG
Gen Suwa, Berhane Asfaw, Yonas Beyene, Tim D. White et al. 1997. The first skull of Australopithecus boisei. Nature Vol. 389, pp 489-492. DOI: 10.1038/39037

Im Gebiet der Konso im südlichen Äthiopien fand ein Team von Paläoanthropologen unter der Leitung von Gen Suwa von der Universität Tokio, einen nahezu kompletten, 1,4 Millionen Jahre alten Schädel eines Australopithecus boisei.

Australopithecus boisei, oder auch Paranthropus boisei gehört zu einer ausgestorbenen Gruppe auf dem Homininen-Stammbaum. Dieser Zweig trennte sich vor ca. 2,8 und 3,0 Millionen Jahren von der Linie ab, die letztendlich zum Menschen führte. Australopithecus boisei hatte einen massiven Schädel und ein breites, konkaves Gesicht mit weit ausladenden Wangenknochen, sowie einen riesigen Kiefer mit Molaren, die von einem dicken Zahnschmelz überzogen waren. Diese "Mahlsteine" waren dreimal so groß wie die des heutigen Menschen. Er hatte massive Kaumuskeln, wobei der Schädel relativ klein war. Bis zum heutigen Tag wurden mehr als 100 Stücke von Australopithecus boisei in Kenia, Tansania und Äthiopien gefunden. Sie alle werden auf ein Alter zwischen 2,3 und 1,6 Jahren datiert.

Dieser neuerliche Schädel wurde zwischen jüngeren Schichten vulkanischen Tuffgesteins gefunden, welches auf ein Alter von 1,43 und 1,41 Millionen Jahre datiert wurde. Tim D. White, von der University of California, Berkeley, und ein Mitglied des Teams meint dazu: "Neben der Tatsache, dass wir keinen Australopithecus boisei jüngeren Alters so komplett und so weit nördlich gefunden haben, so ist der der wichtigste Aspekt, dass dieser Schädel viele Eigenschaften in sich vereinigt, die man vorher anderen Australopithecinen zuschrieb. Der knochige Kamm oben auf dem Schädel z.B. ragt an der hinteren Schädelseite weit mehr in die Höhe als an der Schädelvorderseite. Dieses Merkmal findet man für gewöhnlich bei Australopithecus aethiopicus"

Laut Suwa besitzt KGA10-525 einige Merkmale die ihn von Australopithecus boisei unterscheiden, dazu gehören etwa einige Eigenschaften des Gebisses oder das Fehlen der sonst für boisei typischen hervorstehenden Wangenknochen. „In den vergangenen fünf bis zehn Jahren waren die Paläoanthropologen bei der Vergabe neuer Artnamen recht großzügig, insbesondere dann, wenn sie ein Fossil mit einer etwas anderen Morphologie fanden,“ sagt White. „Was die Konso Entdeckung bestätigt hat, ist, dass es beträchtliche morphologische Variationen innerhalb der Art in Ostafrika gab, mehr als man bislang annahm.“

Zusätzlich zu KGA10-525 fanden Suwa und sein Team Überreste von mindestens acht weiteren Exemplaren von Australopithecus boisei. In der gleichen Schicht wurden vor einigen Jahren Überreste von Homo erectus und eine der größten Ansammlungen von Faustkeilen und Handäxten überhaupt gefunden. Die neuen Entdeckungen deuten auf die Koexistenz von Australopithecus boisei und von Homo erectus. „Ob die zwei sich täglich über den Weg liefen oder sogar irgendeine Art der Interaktion hatten, bleibt völlig im Dunkeln,“ sagt White.