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Australopithecus afarensis - DIK1-1 »Dikika Baby«

FUND FUNDORT ALTER ENTDECKER DATUM
juveniler Schädel, Schulter, Beinknochen Dikika, Äthiopien ca. 3,3 Millionen Jahre Zeresenay Alemseged 2001
VERÖFFENTLICHUNG
Zeresenay Alemseged, Fred Spoor, William H. Kimbel, René Bobe, Denis Geraads, Denné Reed & Jonathan G. Wynn. 2006. A juvenile early hominin skeleton from Dikika, Ethiopia. Nature 443, pp 296-301. DOI:10.1038/nature05047
 
Dikika Baby
Der Schädel von Selam, einem 3,3 Millionen Jahren alten, weiblichen A.afarensis-Baby.

Das drei Millionen Jahre alte Skelett eines dreijährigen Kindes (ein Mädchen) liefert ein hervorragendes Hilfsmittel, um die körperliche Entwicklung eines menschlichen Vorfahren zu verstehen, der, wie es scheint, zwar aufrecht ging aber noch die Fähigkeit besaß, auf Bäume zu klettern.

Die zerbrechlichen Knochen von Kindern bleiben selten lang genug erhalten, um einmal zum Fossil zu werden, aber wenn sie doch versteinern, liefern sie kostbare Hinweise über Wachstum und Entwicklung des Individuums und seiner Art. Dies hilft Forschern nicht nur zu verstehen, wie sich solche Prozesse während der Homininen-Evolution verändert haben, sondern auch die Funktion und die taxonomische Bedeutung der Fundstücke von erwachsenen Individuen zu deuten, die viel häufiger gefunden werden. In dieser Hinsicht ist das bemerkenswert komplette und 3,3 Millionen Jahre alte Skelett eines dreijährigen Australopithecus afarensis Mädchens, gefunden in Dikika in Äthiopien eine wirkliche Fundgrube von Informationen über ein entscheidendes Stadium in der menschlichen Evolution.

Dank der Bemühungen in Äthiopien und anderswo weiß man bereits ziemlich viel über Australopithecus afarensis. Er wird aus mindestens zwei Gründen als "archaischer" Hominide bezeichnet. Erstens ist Australopithecus afarensis sehr alt: seine Fossilien datieren auf 3 bis 4 Millionen Jahre. Zweitens ist seine Morphologie in der Weise archaisch, als dass Gehirnschädel, Kiefer und Gliederknochen viel mehr den Schimpansen ähneln, als den jüngeren Fossilen, die mit Recht unserer eigenen Gattung Homo zugeordnet werden. Wenn man das Gehirn eines Australopithecus afarensis auf seine Körpergröße bezieht, so ist es nicht viel größer als das eines Schimpansen. Obwohl Australopithecus afarensis die großen Eckzähne, die Menschenaffen von Homininen unterscheiden, verloren hat, sind andere Aspekte seines Gebisses, wie seine verhältnismäßig großen Mahlzähne, noch sehr primitiv.

Es bleibt die große Kontroverse betreffend der Körperhaltung und Fortbewegung von Australopithecus afarensis. Die meisten Forscher nehmen an, dass er aufrecht auf zwei Beinen stehen und gehen konnte, aber ob er klettern und sich oben durch die Bäume bewegen konnte, wird noch diskutiert. Einige schlagen vor, dass die Anpassung an das Gehen auf zwei Beinen jede gewohnheitsmäßige, arboreale Fortbewegung ausschließt. Sie deuten einige Eigenschaften der Gliedmaßen, die eine Fortbewegung auf Bäumen ermöglicht haben könnten, als evolutionäres Gepäck ohne irgendeine nützliche Funktion. Andere dagegen meinen, dass die ursprüngliche Gliedmorphologie der schimpansenähnlichen Vorfahren nicht fortbestanden hätte, wenn sie nicht einem bestimmten Zweck diente.

Das Dikika Kind ist nicht das erste frühe hominine Kind, das gefunden wurde. Diese Ehre gebührt dem Taung Kind, einem Australopithecus africanus, über dessen Entdeckung vor mehr als 80 Jahren berichtet wurde. Was das Dikika Kind so bemerkenswert macht, ist seine beispiellose Vollständigkeit für so ein altes Fundstück. Das Kind wurde in Sedimenten gefunden, die sich am Grund eines kleinen, in einen See mündenden Seitenarm eines Flusses bildeten. Es handelte sich hierbei nicht um einen turbulenten Strom, sondern um ein träge dahin fließendes Gewässer von der Art, die an ihrer Mündung ein dreieckiges Delta bilden. Der Körper des Kindes wurde mehr oder weniger intakt von den Flusssedimenten bedeckt. Dies muss sehr schnell vonstatten gegangen sein, etwa durch eine Flut.

Einige Teile des Fundstücks - das Becken, der untere Teil des Rückens und Teile der Glieder werden noch vermisst, aber was konserviert wurde, ist bemerkenswert komplett. Das Gesicht, der Gehirnschädel mit Schädelbasis, der Unterkiefer, alle außer zwei Milchzähne (einschließlich noch nicht hervorgebrochene Erwachsenzähne), beide Schlüsselbeine, die untere Wirbelsäule, viele Rippen, beide Kniescheiben und der empfindliche Knochen, der den Hals geöffnet hält, das Zungenbein, sind gefunden worden. Sogar das mediale Epikondylus des Humerus (Oberarmknochen) ist erhalten geblieben. Das ist der knöcherne Vorsprung auf der Innenseite deines Ellbogens, das dein linker Daumen spüren kann, wenn du deinen rechten Ellbogen mit deiner linken Hand hältst. Bei einem dreijährigen Kind ist dieses kleine Stück des Knochens noch getrennt vom Hauptschaft des Humerus. Man muss in der Zeit mehr als drei Million Jahre weiter gehen, zum Neandertaler-Kind von Dederiyeh in Syrien, um ein vergleichbar komplettes hominines Kinderskelett zu finden.

Diese in Hülle und Fülle vorhandenen anatomischen Informationen waren anfangs nicht offensichtlich, als das Fundstück im Jahr 2000 entdeckt wurde: der überwiegende Teil des Dikika Kinderskeletts war unsichtbar, versteckt in einer Sandsteinplatte. Zeresenay Alemseged hat viele Tausend Stunden über einen Zeitraum von fünf Jahren dem sorgfältigen Entfernen der zementartigen Matrix gewidmet, die die empfindlichen Knochen umgab. Die Geduld, die Zeit, das nötige Geschick und die Mühe, die es erfordert um die Morphologie dieses und anderer ähnlicher Fossilien zu konservieren und herauszuarbeiten, sollten nicht unterschätzt werden.

Aber warum sind Alemseged et al. so sicher, dass das Kind zu Australopithecus afarensis gehört und können wir Vertrauen in seinen Alter haben - sowohl in das geologische Alter des Fossils und als auch in das Lebensalter des Kindes? Das geologische Alter ist sicher. Die Dikika Sedimente enthalten die gleichen Ascheschichten, die an anderen ostafrikanischen Fundorten ein zuverlässiges Argon-Argon Isotopen-Alter ergeben haben. Es gibt auch feine und weniger feine Unterschiede zwischen den Gesichtern von Australopithecus afarensis und denen anderer Homininenarten aus ähnlich alten Gesteinsschichten, denn das Dikika Kind zeigt bereits jene Form des Oberkiefers sowie der nasalen Morphologie, die man nur von Australopithecus afarensis kennt. Es handelt sich dabei um einen gerundeten Bereich über den oberen Zähnen sowie um eine Trennung zwischen dem Knochen, der die Wurzeln der oberen Eckzähne und den Rand der Nasenöffnung umfasst; und um nasale Knochen in der Form eines Stundenglases, die in eine Aussparung im frontalen Knochen passen, ganz ähnlich wie ein Zapfen in eine Nut passt.

Die andere Altersschätzung, das Lebensalter des Kindes, ist weniger sicher. Alles was man tun kann, ist eine Computertomographie des Schädels zu erstellen, und dann die noch nicht hervorgebrochenen Zähne des Zweitgebisses mit denen eines Menschenkindes und mit denen eines Schimpansenkindes zu vergleichen. Die beste Übereinstimmung erzielt man hier mit Computertomografien eines 3 Jahre alten Schimpansen. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Entwicklungsschritte eines Australopithecus afarensis Kindes genau die selben waren wie die der modernen Schimpansen. So muss für den Augenblick das Lebensalter des Dikika Kindes eine hergeleitete Vermutung bleiben.

Die Entdecker des Dikika Fossils haben gerade erst begonnen, alle Informationen, die es noch in sich birgt, zusammenzutragen, aber bereits diese vorläufigen Daten haben eine Kontroverse neu entfacht, wie sich Australopithecus afarensis fortbewegte. Wenn er sich ausschließlich auf zwei Beinen fortbewegte, würde man erwarten, dass die Gliedmaßen und die Organe für den Gleichgewichtssinn denen des einzigen lebenden zweibeinigen Primaten (also des Menschen) ähnlicher sein würden, als denen der Schimpansen und der Gorillas. Diese Primaten gehen nur sehr selten auf zwei Beinen, wenn überhaupt.

Alemseged et al. lenkten ihre Aufmerksamkeit besonders auf die Schulter, die Hand und die Bogengänge des Innenohrs, deren Morphologien Rückschlüsse auf die Bewegung des Körpers zulassen. Das Schulterblatt des Fossils sieht eher aus wie das eines Gorillas als das eines modernen Menschen, und die Knochen des einzigen komplett erhaltenen Fingers sind gebogen, wie die eines Schimpansen. Die Fingerknochen eines Schimpansen sind bei der Geburt nur leicht gekrümmt, aber wenn die Hände mit zunehmendem Alter mehr und mehr zum Klettern benutzt werden, um so mehr krümmen sich die Fingerknochen. Und dies scheint im Falle des Dikika Kindes geschehen zu sein. Schließlich zeigen Aufnahmen vom Innenohr des Fundstücks, dass die Bogengänge eher wie die der Schimpansen als die der modernen Menschen aussehen. Diese mit Flüssigkeit gefüllten Kanäle sind entscheidend, um das Gleichgewicht beim aufrechten Gang nicht zu verlieren und so lassen es alle drei beschriebenen Eigenschaften als unwahrscheinlich erscheinen, dass die Fortbewegung von Australopithecus afarensis auf das Gehen auf zwei Beinen beschränkt war.

Die Forscher sind besonders wegen der ausführlichen Morphologie des Zungenbeins in der Kehle des Fossils fasziniert. Bedeutet z.B. der offene Raum im Zungenbein, dass Australopithecus afarensis Luftsäcke in seinem Hals hatte? In Ermangelung der großen Eckzähne könnten solche Luftsäcke für das Imponiergehabe der Männchen von Bedeutung gewesen sein, in der sie ihre Stärke demonstrierten und so Herrschaftshierarchien etablierten - und Weibchen könnten dadurch die Qualität eines möglichen Gefährten beurteilt haben.

Was auch immer die Antworten auf solchen Fragen sein mögen, das Dikika Kind hat das Potential, eine Fülle von Informationen über Wachstum, Entwicklung, Funktion und Taxonomie von Australopithecus afarensis zu liefern.