Forscherpersönlichkeiten - Friedemann Schrenk


Friedemann Schrenk ist Sektionsleiter der paläoanthropologischen Abteilung des Senckenberg-Museums in Frankfurt am Main und lehrt dort als Professor für Paläoanthropologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Bei seinen Ausgrabungen im afrikanischen Malawi hatte er 1991 das große Glück, einen 2,5 bis 1,9 Millionen Jahre alten Homininenfund zu machen: in Form eines Unterkiefers mit der Bezeichnung „ UR 501”.

Friedemann Schrenk wurde 1956 in Stuttgart geboren. Auf der benachbarten Schwäbischen Alb gibt es Fossilien, die der junge Schrenk sammelte und die sein Interesse für Vorgeschichtliches weckten. Seine "antischwäbischen Instinkte", wie er sagt, führten ihn zunächst zum Studium der Geologie nach Darmstadt und bald nach Afrika. Hier studierte er Paläoanthropologie. Bei Untersuchungen über Knochenfunde in der Höhle von Makapansgat traf er seinen Freund Timothy G. Bromage. Die beiden jungen Männer hatten große Pläne.

Um im Ausland studieren zu dürfen, hatte Friedemann Schrenk als Wunschfach »Economy Geology« angegeben, eine Ausbildung für die Suche nach Gold und Diamanten. In Wahrheit war er schon damals auf die Homininenforschung scharf. Er wollte eine populäre These jener Zeit widerlegen, wonach die Vormenschen aggressive, blutrünstige Wesen waren, die mit Knochenkeulen und Zahnleisten auf alles Lebendige einschlugen, auch auf die eigenen Artgenossen. »Ich habe einfach nicht geglaubt, dass der Mensch ein Killer sein musste, um zu dem zu werden was er heute ist.«

Der forsche Student sah sich die südafrikanische Fundstelle, die das Brutalo-Image belegen sollte - die Makapansgat-Höhlen - noch einmal genau an. Sein Ergebnis: Bei den herumliegenden Knochenbergen handelte es sich vermutlich nicht um die Küchenabfälle einer Australopithecinen-Sippe, sondern um Reste von Hyänenmahlzeiten. Die Kollegen hatten sich von Vorurteilen leiten lassen. "Wer schon vor der Grabung eine bestimmte Idee hat", meint Schrenk, "kann alles hineininterpretieren". Schrenk lebt zwischen gepackten Koffern. Malawi, Tansania, Kenia - das sind die Ziele von Dr. Friedemann Schrenk. Dort schürft er mit seinem Team nach Resten unserer Vorfahren. Drei bis vier Monate im Jahr verbringt er in Afrika - der einzige deutsche Paläoanthropologe mit einer Grabungslizenz in der Urheimat der Menschheit, - in Afrika.

Nach dem Studium wollte Schrenk selbst nach Homininen graben, ein eigenes Projekt aufbauen. Er wusste auch genau wo: in dem langen Nord-Süd-Korridor zwischen den beiden Hauptgrabungsplätzen im Afrika der Siebziger - Südafrika und Kenia. Schrenk wer überzeugt, dass in diesem Korridor Homininen gelebt hatten, deren Reste wegen der geologischen Verhältnisse auch zu finden sein mussten.

Da die Deutsche Forschungsgemeinschaft dem Newcomer kein Geld geben wollte, wandte er sich an die amerikanische National Geographic Society - und erhielt seine Anschubfinanzierung. Schrenk bedauert die Zwänge des deutschen Wissenschaftsbetriebs: "In Deutschland braucht man erst einmal einen Titel, eine gute Idee allein reicht nicht."

Heute zählt die Grabung in besagtem Nord-Süd-Korridor, vor allem in Malawi und Tansania, zu den wenigen etablierten Homininenprojekten in Afrika. Schrenk hat sich in einem hart umkämpften Revier behauptet. Wo es mehr Forscher als Funde gibt, wo ein einziger Knochen Ruhm und Ansehen bedeutet, spielen Eitelkeiten und Konkurrenz ein große Rolle. Homininen-Forscher hüten ihre Fundstellen wie Goldsucher ihre Claims und schließen ihre Fossilien eifersüchtig in Panzerschränken weg.

Schrenk kooperiert inzwischen mit allen konkurrierenden Gruppen: »Ich bin der einzige, der mit niemandem überkreuz ist.« Es gelang ihm sogar erstmals, sämtliche Kollegen, die in Afrika nach Vor- und Frühmenschen graben, zum Erfahrungsaustausch an denselben Tisch zu bekommen. Seine Funde - ein fossiler frühmenschlicher Unterkiefer und ein Stück Oberkiefer (UR 501) - katapultierten ihn vollends in den illustren Zirkel der Top-Homininenschürfer.