Schätze sind nicht immer gleich als solche zu erkennen. Das gilt etwa für ein Stückchen Mammut-Elfenbein, das Mitte der 19-siebziger Jahre bei Grabungen im Geißenklösterle, einer Höhle im Achtal unweit von Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb zutage kam. Das "mit einer Kerbreihe verziertes Elfenbeinstabfragment" regte damals kaum jemanden auf.
Stoßzahnschnipsel waren die Archäologen hier gewohnt. Die eiszeitlichen Jäger, die das Geißenklösterle in der jüngeren Altsteinzeit, vor etwa 40.000 bis 30.000 Jahren, bewohnten, waren geschickte Elfenbeinschnitzer. Einige figürliche Darstellungen von Tieren und Mischwesen aus Mensch und Tier, die sie hier und in drei weiteren Höhlen in den Tälern von Lone und Ach hinterließen, gehören zu den frühesten Zeugnissen bildlicher Kunst. Es sind die ersten eindeutigen Zeugnisse für kulturelle Modernität, also für ein Interesse des Menschen über Ernährung und Fortpflanzung hinaus. dass sie in der Werkzeugkultur des sogenannten Aurignacien bereits vollendet und ohne Vorläufer aus dem Nebel der Frühzeit auftauchen, das ist eine der großen überraschungen, welche die Forschung gerade auf der Schwäbischen Alb in den letzten Jahren und Jahrzehnten an den Tag gebracht hat.
Doch die Überraschung wird immer größer. Wie ein Team um den Archäologen Nicholas Conard von der Universität Tübingen in einem Artikel für eine Ausgabe des "Archäologischen Korrespondenzblatts" berichtet, entpuppte sich das "verzierte Elfenbeinstabfragment" als etwas, das mit einer Art geistigem Interesse zu tun hat, das man gemeinhin für komplexer, auf jeden Fall aber für abstrakter hält als gegenständliches Abbilden - nämlich Musik. Aber es geht nicht um das rhythmische Getrommel, das man vielleicht mit den Begriffen "Steinzeit" und Musik zunächst assoziiert, sondern um melodisches Spiel. Denn besagtes Fragment ist Teil einer Flöte.
Diese Erkenntnis erbrachte eine genauere Untersuchung alten Kleinmaterials aus dem Geißenklösterle, sogenannte Sammel- und Schlämmfunde, die seinerzeit aus Kostengründen nicht analysiert werden konnten. Dass man sie sich nun noch einmal genauer vornehmen konnte, ist zu einem nicht geringen Teil Wolfgang Schürle, dem Landrat des Alb-Donau-Kreises, zu verdanken. Denn eine Grabung zu finanzieren ist das eine, Geld für die Auswertungen des alten, scheinbar kaum sensationsträchtigen Kleinmaterials bewilligt zu bekommen, noch einmal etwas ganz anderes. Schürle jedoch hat schon länger erkannt, welch ein Eldorado für die Erforschung der frühen kulturellen Modernität sein Kreis beherbergt, und so sorgte er zusammen mit dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg für Gelder, mit denen die Tübinger ihre alten Bestände aus Splittern und Stückchen noch einmal in Ruhe durchsehen können.
Dabei fielen Conards Archäotechnikerin Maria Malina weitere Elfenbeinsplitter auf, die mit ähnlichen eigentümlichen Kerben versehen waren wie das bereits veröffentlichte Fragment. Die insgesamt 31 Stücke schienen zusammenzugehören, und siehe da - sie fügten sich zu zwei zusammenpassenden Längshälften eines Rohres mit drei leicht als Grifflöcher identifizierbaren Öffnungen. Die Kerben - ohne welche die Archäologen das Puzzle als solches nie erkannt, geschweige denn gelöst hätten - dienten dem eiszeitlichen Flötenbauer wohl zur Vergrößerung der Fläche, als er die Hälften, vermutlich mit Birkenpech, luftdicht zusammenleimte.
Nun ist es nicht das erste Musikinstrument aus dem Aurignacien. Bereits im Jahre 1990 entdeckte das Team des inzwischen verstorbenen Tübinger Archäologen Joachim Hahn im Geißenklösterle in derselben, etwa 35.000 Jahre alten Fundschicht die Fragmente zweier ähnlicher Flöten, die aus den Speichenknochen (dem sogenannten Radius) von Schwänen gearbeitet waren. Anhand von Rekonstruktionen konnte der Archäomusik-Experte Friedrich Seeberger zeigen, dass man darauf tatsächlich musizieren kann.
dass man im Aurignacien melodisch musizierte, war also klar. Unklar war dagegen, welchen Stellenwert die Musik seinerzeit hatte. Die neu identifizierte Flöte spricht hier eine aufregend deutliche Sprache: Musik spielte keine untergordnete Rolle, sondern muß eine ähnliche - womöglich auch sakrale - Bedeutung gehabt haben wie die bildende Kunst.
Diese Vermutung legt das Material nahe. "Elfenbein war damals das schönste Material", sagt Nicholas Conard, "und das ist ein Hinweis darauf, dass Musik ausgesprochen wichtig war." Aber das Material war nicht nur schön, es hatte nicht nur als Substanz aus der Waffe des größten Beutetieres möglicherweise magische Bedeutung - es ist auch ausgesprochen schwierig zu bearbeiten. Löcher in einen sowieso schon hohlen Vogelknochen zu bohren, ist eines, einen gekrümmten Stoßzahn zu spalten, die beiden Hälften auszuhöhlen und luftdicht wieder zusammenzuleimen, ist etwas ganz anderes. So ist die dritte Flöte aus Geißenklösterle "eine technische Meisterleistung, die in dieser Form im Paläolithikum bislang unbekannt ist", schreibt Conard.
Aber konnte man diese Flöte denn auch benutzen? "Daran habe ich keinen Zweifel", sagt Friedrich Seeberger, der auch die Elfenbeinflöte aus Holunderholz rekonstruiert und dabei die fehlenden Teile ergänzt hat. "Ich hab das einfach mal analog zu der Knochenflöte aus Geißenklösterle ergänzt, allerdings proportional vergrößert", erklärt er. "Dann gibt das Ding anständige Töne. Die andere Seite, wo dieser schmale Steg übriggeblieben ist, das dürfte der Oberteil der Flöte gewesen sein, wo die Flöte angeblasen wurde."
Das Prinzip dieser Flöten ist also anders als bei unseren modernen Querflöten, aber auch bei den Blockflöten - dennoch ist es wohlbekannt. "Das sind Flöten, die ums ganze Mittelmeer herum verbreitet sind und sich dort bis ins vierte Jahrtausend vor Christus nachweisen lassen", sagt Seeberger. "Sie werden noch heute von Hirten gespielt, in Ägypten und Bulgarien auch als Konzertflöten."
Auch die 9.000 Jahre alten Knochenflöten, die vor einigen Jahren in jungsteinzeitlichen Gräbern bei Jiahu in China gefunden wurden, sind genau von diesem Typ. "Aber wir haben noch einen älteren Nachweis aus Isturitz in den französischen Pyrenäen, der etwa 28.000 Jahre alt ist", sagt Seeberger. "Das ist die einzige komplett erhaltene Flöte aus prähistorischer Zeit. Auch die haben wir nachgebildet." Auch die Isturitz-Flöte ist aus Vogelknochen: aus der Ulna (Elle) von Bartgeiern. Da eine Ulna länger ist als Radiusknochen, lassen sich daraus Flöten für eine tiefere Tonlage machen - allerdings klingen diese nicht so schön wie Radius-Flöten, da der Hohlraum einer Ulna nicht glatt, sondern voller Verästelungen ist.
Seeberger hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Verwendung von Elfenbein auch den Sinn gehabt haben könnte, diesem Dilemma abzuhelfen. "Wir wissen natürlich nicht, ob es eine Tradition gab, die wußte, dass sich Elfenbein hervorragend polieren läßt und dadurch andere Klangeigenschaften aufweist". Denn Elfenbein macht einen besseren Klang. "Das werden wir sehen, wenn die Rekonstruktion vorliegt", erklärt er: "Das muß noch gemacht werden, wir suchen momentan noch nach einem geeigneten Elfenbeinstück. Aber Elfenbein ergibt mit Sicherheit einen viel schöneren Ton. Das Rauschen fällt weg, das wir bei Flöten aus Holz oder der Ulna haben." Seeberger nimmt daher an, dass Elfenbein verwendet wurde, um nicht die stark verästelte Ulna nehmen zu müssen, aber trotzdem einen tieferen, sonoreren Ton zu produzieren, wie er mit einer Flöte aus Radiusknochen möglich ist. "So ein Radius hat Beschränkungen in der Abmessung und klingt in der Tonlage extrem hoch. Die Elfenbeinflöte klingt viel tiefer."
Und diese Töne sind nicht so schräg, wie man sie sich von einer uns derart fernen Kultur erwarten würde. "Schon die neolithischen Jiahu-Flöten haben zum Teil richtige diatonische Tonleitern moderner Prägung, die die Chinesen ja später wieder aufgegeben haben", sagt Seeberger. Bei den paläolithischen Flöten aus Isturitz und Geißenklösterle allerdings sind die Abstände zwischen den Grifflöchern extrem groß. "Das heißt, das sind keine Abstände der diatonischen Tonleiter, sondern allenfalls der pentatonischen. Da sind also zum Beispiel Terzen drauf", sagt Seeberger. " Nehmen Sie das aber ganz vorsichtig. Wenn Sie da mit einem Stimmgerät drangehen, dann haben Sie bis zu einem Halbtonschritt Abweichungen von unseren Noten. Entscheidend sind aber die Intervalle, und die sind so gut getroffen, dass sie uns wohlklingend erscheinen", sagt Seeberger.
Zwar stimmten auch die Intervalle nicht ganz, aber das Ohr toleriere sehr viel, und außerdem könne man bei diesem Flötentyp die Tonhöhe noch durch die Blastechnik etwas variieren. Anders als etwa auf einer Blockflöte ist der Spieler hier in der Lage, den Ton nach seinem Gehör dahin zu drücken, wo er hingehört. "Man spielt schwierig auf diesen Dingern", sagt er. "Man muß sich völlig einlassen auf diese großen Intervalle. Bei den kleineren Knochenflöten ist mir das relativ gut gelungen. Bei der großen Elfenbeinflöte tu' ich mich im Moment noch schwer."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2004, Nr. 294 / Seite 33
Bildmaterial: Universität Tübingen/Hilde Jensen, Universität
Tübingen/Juraj Lipták